Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt anlässlich des 25jährigen Jubiläums des Gymnasiums Oberhaching

Jochen Bernhardt

24.07.2002 in Oberhaching

Liebe Festgemeinde,

diese Predigt beginnt so, wie nach strengen rhetorischen Kriterien eine Rede und ihre Untergattung, die Predigt, niemals anfangen dürfte: Mit gleich mehreren Fehlanzeigen.
Welche Einstiegsmöglichkeiten habe ich in der Vorbereitung der Predigt zu diesem großen Fest des Gymnasiums nicht alle erwogen!

PISA - nein, sagte eine Kollegin, in der Kirche muss ja nicht alles zu hören sein, was man in der Zeitung ohnehin lesen kann. Bildungspakt, EFQM, MODUS 21 - o Schuster bleib bei deinen Leisten!
Die Eule, das LOGO des Gymnasiums OHA, auf das auch Frau Oechslein in der Schülerzeitung OHA so kräftig hingewiesen hat, das wäre es eigentlich.
Doch: Die Eule als aus der Antike stammendes Symbol für Weisheit gemeinsam mit König Salomo - Athen und Jerusalem ob dies funktioniert? Dazu später.

Freilich nach diesem Brainstorming gelangt man zu dem Thema, das diese Stichworte - Pisa, Modus 21, Eule, Salomo, Gymnasium OHA - verbindet: Es ist die Bildung.
Nun ist es nicht Aufgabe einer Predigt, ein Bildungsprogramm zu entwerfen, wobei, nebenbei bemerkt, Martin Luther in seiner Schrift "An die Ratsherren Deutschen Landes, dass sie Christliche Schulen errichten sollen" genau dies getan hat und damit den späteren Bildungsstandort Deutschland mit geprägt hat. Sie sehen, nach Mozart nun Luther - der GD bleibt ökumenisch ausgeglichen.

Aufgabe einer Predigt an einem Schuljubiläum ist es meines Ermessens freilich, den Zusammenhang von Bildung und christlichem Menschenbild, von Glaube und Intellekt, von Theologie und Kultur aufzuzeigen.
Glauben heißt nicht Wissen, diese schiedlich-friedliche Trennung der Bereiche macht es sich doch zu einfach, ich gehe von der wünschenswerten Prägekraft des christlichen Glaubens auch im Bildungsbereich aus.

Wie anfangen? En arche än ho logos - diesmal ein griechisches Zitat, da ich weiß, dass früher am Gymnasium OHA zumindest in der vom ersten Schulleiter, Herrn Höhne, begründeten Tradition offizielle Reden mit einem lateinischen Zitat begonnen oder beschlossen wurden.
Am Anfang war der Logos - und im Griechischen schwingen hier sehr viele Bedeutungen mit, so dass Goethes Faust seine liebe Not mit der Übersetzung hat.
Doch mit der Gleichsetzung des im Griechischen traditionsschweren Begriffes Logos, der die Welt gestaltenden Vernunft oder Weisheit, mit dem fleischgewordenen Gott, Jesus Christus, hat die Kirche Jesu Christi sozusagen programmatisch ihr Ja zur Bildung von Anfang an formuliert.

Doch noch einmal: Wie anfangen? Ich greife noch weiter zurück - Theologen schaffen es irgendwie immer, bei Adam und Eva anzufangen. Genau genommen noch vor Adam und Eva, nämlich im ersten Kapitel des Buches Genesis. Die Kollegiaten im GK Religion wissen, dass diese ersten Kapitel ergiebig sind, will man Vorstellungen von Biblischer Anthropologie gewinnen.

Der wohl gewichtigste Satz über den Menschen steht in Genesis 1,27:
Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Er schuf ihn als Mann und als Frau.
Zu seinem Bilde - interessanterweise lässt sich die Etymologie des Begriffes Bildung aus diesem Vers herleiten.
Bildung - jedenfalls so wie dieses Wort erstmals beim mittelalterlichen Mystiker Meister Eckart gebraucht wird - meint das Ähnlichwerden des Menschen mit Jesus Christus, dem wahren Ebenbild Gottes.
Der Begriff Bildung wurde also in der deutschen Mystik ausgebildet - sein Sitz im Leben ist in der christlichen Frömmigkeit.

Man könnte hier weiter ausholen, festhalten will ich allerdings erstens: Bildung hat zumindest etymologisch etwas mit der Beziehung zu Gott zu tun. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Religion und Theologie - ob im Glauben, in Skepsis oder in der begründeten Ablehnung - bleibt eine Hauptaufgabe rechtverstandener Bildung, zumal unsere heutige Gesellschaft und auch unser heutiges Schulsystem ohne den Beitrag der Religion und der Kirchen gar nicht zu verstehen ist.
Natürlich breche ich hier eine Lanze für den Religionsunterricht. Ich verstehe den RU nicht als missionarische Gelegenheit, keine Angst, wohl aber soll er den Schülern Gelegenheit bieten, sich mit dem christlich bestimmten Werden unserer heutigen Gesellschaft auseinander zu setzen. Ganz konkret: Dass die Kenntnis der 10 Gebote, anderer zentraler Biblischer Texte, der Hauptfeste im Kirchenjahr von daher zur Allgemeinbildung gehören, versteht sich. Soweit das Wunschdenken eines Pfarrers.

Gott schafft den Menschen in Beziehung zu sich - das war die erste These - und er schafft ihn - zweite These - als Gemeinschaftswesen:
"Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist", heißt es im zweiten Schöpfungsbericht, der eigentlich der ältere ist.
In der Bibel - so hat es gestern ein Schüler festgestellt -ist die Anthropologie eine Ableitung der Theologie, um auch mal einen mathematischen Begriff zu gebrauchen.
Die Beziehung zu Gott qualifiziert die Beziehungen des Menschen zu anderen Menschen. Wie Gott mir, so ich dir, wie Gott in Liebe und Barmherzigkeit uns, seinen Menschen, begegnet, so sollen wir auch einander begegnen.
Jedenfalls für den Bildungsbegriff gilt es als Summe aus den beiden Thesen festzuhalten: Der Mensch ist nur denkbar als Beziehungswesen:
"Bildung hat deshalb primär die Aufgabe, die Fähigkeit zur Beziehung zu fördern und zu stärken", diese Konsequenz zieht eine Theologin aus der PISA-Studie.

Bildung fördert die Kommunikationsfähigkeit - hier ist natürlich sofort an den Stellenwert des Deutschunterrichtes und der Fremdsprachen zu denken und hier hat unser Gymnasium ja ein breites Angebot, von Spanisch bis Russisch, von Italienisch bis Englisch.
Kommunikationsfähigkeit lässt sich freilich nicht nur in den einzelnen Fächern sozusagen fachspezifisch erlernen -Kommunikationsfähigkeit hat mit der Schule als Lebensraum zu tun.
"Jede Schule vergibt sich ihrer Chance, wenn sie nicht alles daran setzt, mehr als purer Unterricht zu sein", schreibt der zweite Schulleiter Dr. Richard Kopp seiner Schule ins Stammbuch.

Hier hat das Gymnasium OHA einiges zu bieten: Ich denke an die wunderbaren Musikaufführungen, die Musicals Anatefka und Oliver Twist als absolute Highlights, an die unermüdliche Arbeit der SMV, an den Schulgarten, Skiwochen, Besinnungstage in Fürstenried und an die Soziale Woche.
Ich denke an das großartige soziale Projekt des Gymnasiums, den Afghanistantag, an das Publiszistische Engagement. Schließlich will ich die Schulgottesdienste erwähnen, die Frau Regine Pötke, die dritte Schulleiterin unserer Schule, ebenfalls in der Schülerzeitung OHA so positiv erwähnt. Und dass vielleicht manche jetzt bedrückt oder gar beleidigt sind, dass ich manche Aktivitäten nicht genannt habe -ich bitte um Verzeihung - zeigt doch, dass das Schulleben so vielfältig ist, dass es den Rahmen einer Predigt sowieso sprengt.
Wichtig scheint mir aber darüber hinaus noch etwas anderes, scheinbar Banales, tatsächlich aber Dreh- und Angelpunkt im Schulleben: Schüler haben mir in der letzten Woche gesagt: Uns ist es wichtig, dass wir alle miteinander reden können, Schüler untereinander und Schüler mit Lehrern.

Schulkultur fängt im schulalltäglichen kleinen Kontakt zwischen Klassentür und Angel an. Dass diese Aktivitäten ein hohes Maß an Engagement von Schulleitung, Lehrerkollegium, Elternbeirat, Förderkreis, Hausmeisterpaar und Mitarbeiterinnen im Sekretariat erfordern, liegt auf der Hand.

Als einer, der zwar wenige Stunden im Gymnasium unterrichtet, aber nicht selber im Schuldienst ist, darf ich mir einen Hinweis an dieser Stelle erlauben: Ich habe -da ich ein wenig Einblick habe - Respekt vor den Leistungen der Lehrerinnen und Lehrer. Und ich wünsche mir von Politikern aller Ebenen, dass sie ins Gespräch mit Pädagogen und Pädagoginnen treten, sich von ihnen erzählen lassen, was sie de facto zu leisten haben und dann in der Öffentlichkeit landläufigen falschen Klischees vom Lehrerberuf entgegen treten. Der Bildungsstandort Deutschland lebt von der Motivation der Unterrichtenden! Und die geht mit der gesellschaftlichen und politischen Anerkennung einher! Ende des Exkurses.

Bildung als Kommunikationsfaktor ist natürlich nicht immer messbar, auch die scharfsinnigste PISA-Studie wird die Kommunikationsfähigkeit der Schüler/innen nicht messen können. Auch warne ich davor, Bildung dem allgemeinen Primat des ökonomischen Nutzens unterzuordnen.
Von hier aus zurück zum Versuch eines biblisch-theologischen Bildungsbegriffes: Ich erinnere an die Lesung. König Salomo erbittet sich Weisheit, einfach nur Weisheit ohne Nebengedanken.
Weisheit, Bildung sind in der Bibel Selbstzweck; man sollte nicht sofort fragen, ob und wie das, was in der Schule gelernt wird, dem Wirtschaftsstandort Deutschland dient. Die Bibel ist aber lebensklug genug, dass sie darauf hinweist, dass der ökonomische Nutzen der Bildung folgt, der Reichtum Salomos ist sozusagen die Zugabe zu seiner Weisheit. Nur darf man dieses Verhältnis nicht umdrehen. Eine gesunde Volkswirtschaft ist Konsequenz einer guten Bildungspolitik.

Daher mache ich mich für die Fächer stark - der Nutzen der nun nicht genannten Fächer braucht nicht eigens begründet zu werden - deren ökonomische Verwertbarkeit nicht sofort einsichtig ist, Fächer wie Religion und Ethik natürlich, aber auch Kunst, Musik, Geschichte und vor allem Latein. Gymnasiale Bildung meint eine umfassende Persönlichkeitsschulung, sie ist nicht oder nicht nur ein Fitnesstraining für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Für diesen Bildungsbegriff, der natürlich dem humanistischen Ideal entlehnt ist und um die drei für die Europäisierung Europas zentralen Städte kreist, um Jerusalem, Athen und Rom, steht für mich die Eule des Gymnasiums Oberhaching. Das Schulleben und die Breite des Fächerkanons an unserer Schule zeigt: Auch und gerade ein naturwissenschaftlich-mathematisches und neusprachliches Gymnasium kann humanistisch geprägt sein, insofern das Humanum im Mittelpunkt steht.

Aus all dem bisher Gesagten wird deutlich: Bildung und Bibel, Kultur und Christlicher Glaube - fürwahr keine Gegensatz. Und doch: Natürlich findet sich auch Bildungskritisches in der Bibel: "Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht", so fragt der Apostel Paulus im Blick auf den gekreuzigten Jesus Christus, der Mitte unseres Glaubens. Die Ereignisse im nun fast vergangenen Schuljahr, die Anschläge vom 11.September und ihre Folgen, Djerba und das latente Bedrohungsgefühl durch den weltweiten Terrorismus, der Krieg im Heiligen Land (so muss man wohl inzwischen sagen) und Erfurt haben uns ins Bewusstsein eingehämmert: "Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren". So kommt alle Weisheit, alle Rationalität an ihre Grenzen. Der etwas altertümlich wirkende Begriff Demut meint eine Haltung, die die Grenzen menschlichen Verstehens und Geistes akzeptiert.

Die Schulgemeinschaft am Gymnasium OHA hat in ihrer 25jährigen Geschichte auch sehr bittere Erfahrungen machen müssen und sich schweren Erlebnissen stellen müssen. Rational erklärbar war manches nicht; und wo Menschen zusammen sind, da bleiben Fehlverhalten und Schuld nicht aus. So kann an diesem Tag die Nachdenklichkeit nicht fehlen - das Nachdenken über Versäumnisse genauso wie die Trauer über verpasste Chancen. Auch Tränen über Schüler und Schülerinnen, Kolleginnen und Kollegen, die wir viel zu früh aus diesem Leben verabschieden mussten, gehören dazu.

So regt uns die Bibel dazu an, uns den eigenen Grenzen zu stellen. Erst in der bescheidenen Selbstbegrenzung zeigt sich der Meister.

Und so führt uns der Biblische Bildungsbegriff, auch in seiner Kritik an menschlicher Weisheit, hin zu dem einen Gott, der uns zu seinem Ebenbild geschaffen hat, darin die Kommunikations- und Bildungsfähigkeit des Menschen begründet, hin zu dem einem Gott, der auch dieses Gymnasium auf seinem Weg durch die Zeit begleitet.

Ich wünsche der Schulgemeinschaft des Gymnasiums zunächst weitere 25 erfüllte Jahre, in der gebotenen Bescheidenheit lässt sich heute nicht weiter denken.

Ihnen allen Gottes Segen.

Amen.