Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt anlässlich einer Abiturfeier

Pfarrer Werner Beuschel

29.06.2001 in der Bischöflichen Marienschule Mönchengladbach

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
liebes Lehrerkollegium und liebe Eltern,
liebe Gemeinde!

Schüler, so hat einer mal gewitzelt, Schüler verhalten sich zur Schule wie Flugzeuge zum Himmel: runter kommen sie immer. Nichts anderes, so meinte jener Spaßvogel weiter, besage ja das Wort "Abitur". Abitur sei ja dem Wortsinn nach nicht das Zeugnis der Reife. Ein Abiturient sei, wortwörtlich aus dem Lateinischen übersetzt, ein Abgehender, ein von der Schule Abgehender.

Schüler verhalten sich wie Flugzuge zum Himmel? Runter kommen sie immer? Und insofern sei das Abitur so besonders nicht? Ich weiß nicht. Denn wenn ich im Bild bleiben will, also in der Bildsprache der Luftfahrt, dann ist das Abitur schon außergewöhnlich. Weil ihr von der Schule geht, abgeht. In der Bildsprache der Luftfahrt wäre fliegen normal gewesen. Aber von euch Abiturienten ist ja keiner von der Schule geflogen. Oder hat eine Bruchlandung hingelegt. Und das ist ja auch schon eine Leistung, wie ich finde.

Darum zunächst mein Glückwunsch. Ihr habt das Abitur in der Tasche. Ich freue mich mit euch, den erfolgreichen Absolventen von dreizehn und hier und da noch mehr Jahren Schulkarriere. Und ich freue mich mit den Lehrerinnen und Lehrern, ich freue mich mit den Eltern, die -falls es doch ein Flug war- mit zur Crew gehört haben - und dabei auch manchen Turbulenzen ausgesetzt waren. Aber oft befand man sich doch über den Wolken. Jetzt sind alle punktgenau gelandet. Wenn's ein Charterflug gewesen wäre, so könnte man glatt applaudieren.

Doch spätestens jetzt geht ihr, ihr geht von der Schule ab und geht jetzt andere, neue Wege. Mit einem sehr bis halbwegs ordentlichen Abitur verlasst ihr das Lehretablissement, und jetzt geht man nach anderen Plänen: eine vernünftige Ausbildung und ein erträglich-ertragreicher Beruf ist angestrebt. Und das private Glück soll natürlich auch stimmen: einmal den Partner finden, in dessen Gegenwart ein mittleres Feuerwerk in einem abbrennt und mit dem man sogar Kinder haben könnte.

Aber angesichts der nächsten Schritte, angesichts der geplanten weiteren Wegstrecke kann es einem auch mulmig werden. Vielleicht setzt ja einer ganz unbekümmert zum nächsten Schritt an. Aber was einen genau erwartet, kann wohl keiner ganz genau sagen. Pläne gibt es, Visionen unter Umständen auch, vielleicht hat die eine schon den Ausbildungsvertrag in der Tasche und der andere den Bausparvertrag. Aber was auf euch zukommt während der nächsten Laufbahnen oder auch nur Spazierstrecken - wer kann das mit Bestimmtheit sagen.

Der nächste Schritt, zu dem Petrus ansetzte, führte ihn direkt aufs Wasser. Auch ein Abgehender. Er "trat aus dem Schiff und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu", heißt es ja im eben gelesenen Evangelium. Und, o Wunder, aus dem Abgehenden wurde nicht flugs ein Untergehender. Er kam auf Jesus zu. Und das bei tobender See: die Wellen gingen hoch, drohten über dem Kopf zusammenzuschlagen. Ein großes Drunter und Drüber. Auch das ist Bildsprache, jetzt nicht das Bild der Luft-, sondern der Seefahrt. Man braucht keinen Kunstexperten, geschweige denn den Theologen, um zu verstehen, was dieses Bild vermittelt. Denn so kann das Leben ja auch sein, nämlich ein großes Drunter und Drüber, und der Mensch mitten drin ein Spielball der Wellen.

Doch gerade dann kommt es darauf an, wohin der Blick geht. Der Bootsabgänger Petrus geht in dem Augenblick unter, als er den Blick von Jesus wendet hin zu der Gewalt, der Naturgewalt, die ihn bedroht. Und schon ist es vorbei.

Neben dem Abitur haben ja die meisten auch den Führerschein in der Tasche. In der Theorie werdet ihr bestimmt den einen oder anderen Tipp zur Fahrsicherheit gehört haben. Einer dieser Tipps lautet so: sollte das Fahrzeug einmal außer Kontrolle geraten, bitte nie den Baum fixieren, auf den man vielleicht zurutscht. Stattdessen den Blick wandern lassen und möglichst den glimpflichen Ausweg suchen. Hände und Füße werden diesem Blick automatisch folgen.

Also: für die nächsten Schritte wünsche ich euch jemanden, auf den der Blick fest gerichtet ist. Jemanden, zu dem man Vertrauen haben kann. Jemanden, der auch für einen Ausweg gut ist. Der für einen da ist, egal ob die See spiegelglatt oder stürmisch ist. Die Bibel sagt, dass Gott so einer ist, den man fest im Blick haben kann und der für einen da ist.

Und so stellt sich vielleicht ganz von selber ein, was in diesem Gottesdienst eigens bedacht und von Herzen gewünscht wird, nämlich Mut. Mut braucht Ermutigung, braucht das Zutrauen, das andere zu mir haben und das ich so vielleicht auch zu mir selber bekomme.

Und so kann ich euch nur ermutigen, den nächsten Schritt einfach zu gehen. Ganz selbstverständlich. Denn der Himmel hat euch fest im Blick. Und überdies seid ihr ja schon eine lange Wegstrecke gegangen, um jetzt erfolgreich abzugehen. Schüler verhalten sich zur Schule wie Flugzeuge zum Himmel? Vielleicht. Vielleicht so, dass beide dazu da sind, nach der Landung alsbald wieder sich einen neuen Horizont zu erschließen.

Amen