Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt "Dem Himmel ist das Singen zu eigen": Jesaja 6 und Matthäus 21

Pastor Gunnar Jahn-Bettex (ev.-luth.)

21.06.2015 in Sankt Michaelis in Lüneburg

Predigtreihe zum Thema "Abendmahl"

Ein junger Mann ist auf dem Weg nach oben.
Weg, nur weg von all dem.
Wehe!
"Wehe dem sündigen Volk,
dem Volk mit Schuld beladen,
dem boshaften Geschlecht. (...)
Das ganze Haupt ist krank,
das ganze Herz ist matt.
Von der Fußsohle bis zum Haupt
ist nichts Gesundes an Euch, sondern
Beulen
und Striemen und
frische Wunden, die nicht gereinigt
noch verbunden
noch mit Öl gelindert sind." (1,4-6)

Das Land verwüstet,
Städte mit Feuer verbrannt.
Die Menschen falsch
und voll Lüge
und anmaßend stolz.

Wehe!
"Helden und Kriegsleute, Richter und Propheten, Wahrsager und Älteste, Hauptleute und Vornehme, Ratsherren und Weise" (3,2-3) -
Niemand wird mehr dasein, um die Sache zu richten!
"Im Volk wird einer den anderen bedrängen, ein jeder seinen Nächsten. Der Junge geht los auf den Alten und der Verachtete auf den Geehrten." (3,5)

Brot wird zur Mangelware,
Wasser versiegt.
Weinberge kurz vorm Vertrocknen.

Hoch.
Nach Oben der einzige Ausweg.
Weg vom Geschrei der Erde.
Und er gelangt in den Tempel.

Ein hoher und erhabener Thron.
Darauf sitzt ER:
der Herr.

Alles ist von so gigantischem Ausmaß. Allein der Saum der Gewandung des Herrn füllt den Tempel schon aus.

Sein Blick schweift nach oben.
Hoch über ihm stehen zwei Serafim.
Geheimnisvolle Engel mit sechs Flügeln.
Und die säuseln wieder und wieder einander zu: "Kadosch, kadosch, kadosch". "Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll."

Das Säuseln mündet in ein kräftiges Forte fortissimo, so dass die Schwellen des Tempels beben.

Glühende Kohlen, alles voller Rauch.

Aber er kann ihn sehen.
Jesaja kann ihn sehen.
Den Herrn der himmlischen Heerscharen.
Das ist überwältigend. Überwältigend anders. Nicht von dieser Welt. Fantastisch. Himmlisch.

Und: eigentlich nicht für seine Augen bestimmt.
Da kriegt er es mit der Angst zu tun.

Aber einer der Serafim brennt ihm mit glühender Kohle alle Zweifel aus.
Die schmerzenden Lippen überzeugen ihn, dass Schuld und Sünde nun gesühnt sind.

Da steht er nun.
"Heilig, heilig, heilig ist Gott" rufen die Serafim.
'Ja, heilig ist Gott', denkt Jesaja.
'Er will etwas von mir.'

Ein Auftrag. So viel ist klar.

Und der Herr spricht: "Wen soll ich senden?"
Die Frage wundert ihn schon fast.

Bei Mose war das anders. Der fühlte sich viel zu unbedeutend. "Wer bin ich, dass ich losgehen soll, um das Volk aus Ägypten zu befreien?! Niemand wird mir glauben! Ich kann ja nicht einmal gut reden!"

Oder Jeremia: "Ich tauge nicht zum Predigen, außerdem bin ich zu jung!"

Oder Jona, der einfach wortlos vor seinem Auftrag flieht. Erst im Schweigen der Tiefe des Meeres, im Bauch des Fisches, kommt er zu sich und erkennt.

Jesaja ist da anders. Als der Herr fragt: "Wen soll ich senden?", klingt die Antwort schon fast ein bisschen eingeschnappt:
"Hallo!? Ich bin doch hier!"

Jesaja ist noch ganz beseelt vom himmlischen Moment.
"Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!" (Ps. 118,26) Dieser Vers aus dem Psalm - der gilt jetzt ihm!

Das macht ihn stark.
Und die Stärke braucht er auch.
Denn der himmlische Moment ist flüchtig.
Und der Auftrag ist klar:

"Geh hin und sprich zu diesem Volk:
Höret und verstehet's nicht,
sehet und merket's nicht!" (6,9)

Er muss zurück in das Geschrei der Erde.
Und er weiß, sie werden es nicht verstehen.

In seiner Haut möchte ich nicht stecken.
Aber das Schreien der Erde kenne ich auch.

Kenternde Flüchtlinge
in überfüllten Booten.
Mittelmeergeschrei.

Amoklauf in Charleston.
Ein junger weißer Mann erschießt hasserfüllt neun farbige Menschen.
Panikschreie.

Das Qualmen der Wohlstands-Schornsteine,
die der Welt die Luft zum Atmen nehmen.
Erstickende Schreie.

Kinder auf den Müllbergen Delhis, die verzweifelt nach Dingen suchen, die verwertbar sind.
So lange,
bis auch sie die Tuberkulose ereilt.
Die Krankheit der Armen.
Stumme Schreie.

Klang der Erde.
Propheten, die nicht gehört werden.
Wird die Erde die Worte von Franziskus hören?
"Hört auf mit der Umweltzerstörung, tut endlich etwas gegen den Klimawandel, lasst euch nicht vom Konsumrausch verführen!"
Ein Papst überrascht mit alten Einsichten in neuer Enzyklika.

"Geh hin und sprich zu diesem Volk:
Höret und verstehet's nicht,
sehet und merket's nicht!" (6,9)

Himmlischer Auftrag trifft auf irdische Verhältnisse.

Wie diese Aufträge hier: "Liebet eure Feinde! Bittet für die, die euch verfolgen."
"Betet und sammelt keine Schätze für morgen."
"Trachtet nach dem Reich Gottes."

Manche lassen sich anstecken von Jesu Botschaft.
Jubel. Hosianna-Rufe. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Er wird gefeiert, als er nach Jerusalem kommt.
Himmlischer Moment.
Hosianna!

Ganz irdisch endet sein Weg.
Am Kreuz.
Auch er schreit. Und stirbt.

"Dem Meer ist das Schweigen, der Erde das Schreien, dem Himmel ist das Singen zu eigen." Sagte einmal Gandhi.

"Dem Meer ist das Schweigen, der Erde das Schreien, dem Himmel ist das Singen zu eigen."

Klangorte. Meer. Erde. Himmel.

Du kannst zu Gast an allen drei Orten sein:

Schweigen führt dich in die Tiefe.
Wie Jona auf dem Meeresgrund.
Beim Klang der Stille dringst du ganz zu dir selbst vor. Du entdeckst Schichten, die du nicht erahnt hast.
Du lernst dich kennen. Wie es in dir aussieht.
Im Schweigen justierst du dich neu.

Im Schreien widersprichst du der Welt,
wie sie nicht sein soll.
Wie sie auch nicht gemeint war.
Jeder Schrei lehnt sich auf:
gegen Ungerechtigkeit,
gegen Gewalt,
gegen Ausbeutung.

Das Singen öffnet dir die Weiten des Himmels.
Atem fließt frei.
Es schwingt in dir.
Du singst aus Freude,
aus Trauer oder
um Gott zu preisen.

Dem Himmel ist das Singen zu eigen.
Im Singen
wird deine Welt durchlässig
für den Himmel.
Was fest scheint, gerät in Schwingung.
Wie die Schwellen des Tempels durch das "Kadosch, kadosch, kadosch" der Serafim.
Schwingungen regen dich an.
Deine Phantasie.
Auch mal groß denken.
Und kreativ.
Grenzen durchbrechen.
Weite erahnen.
Im Singen übersteigst du dich selbst.

Das Kadosch der Serafim erhält Einzug in die jüdische Liturgie.

Wenn die Gläubigen Juden
das Achtzehnbittengebet beteten,
wurde es üblich, sich beim
Kadosch, kadosch, kadosch
dreimal auf die Zehenspitzen zu stellen.
Dreimal hoch. Näher am Himmel.

Wenn wir als Gemeinde das Dreimalheilig vor dem Abendmahl singen, nähern wir uns ebenfalls mit diesen gesungen Worten den Engeln im Himmel.

Denn:
Durch die Ankunft Jesu
auf dieser Erde,
hinein in das Schreien der Welt,
hinein in das Seufzen der Kreatur
ist da ein Tor zum Himmel endgültig aufgemacht.

Keine Angst also
vor glühenden Kohlen
wie auf den Lippen Jesajas.

Du kannst da durchgehen.
Kannst mit einstimmen ins Heilig, heilig, heilig,
das die Engel dort unablässig singen.
Erleben, wie Himmel und Erde sich verbinden.

Und dann musst du auch wieder auf der Erde landen.
Denn bleiben kannst du da nicht.
Du musst zurück.
Wie Jesaja.
Aber du bist verändert.
Wie Jesaja.
Über dich hinausgewachsen.
Der Geschmack des Himmels
verändert dein Leben auf der Erde.
Und die Sicht auf die Dinge.

Und jedem Schreien auf dieser Welt
hast du ein Singen entgegen zu setzen.

In jedem Sanctus,
in jedem Abendmahl,
kannst du dann neu auftanken.
Für dein Leben
auf dieser Erde.
Amen