Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt im Erntedankgottesdienst

Schulleiter der Heimvolkshochschule Neckarelz Rolf Brauch

20.09.2000 in Breitenbronn

Erntedank - ein globales Fest!

Die Erfahrung, die hinter dem Erntedankfest steht und weltweit als Grund zum Feiern dient, ist eine Ur-Erfahrung der Menschheit quer durch alle Kulturen, Religionen und Nationen und durchgängig zu allen Zeiten. Es ist die Erfahrung, dass wir unser "tägliches Brot" oder eben auch den Reis oder den Maniok nicht unserer Leistung allein, oder schärfer formuliert, überhaupt nicht uns selbst zu verdanken haben, sondern Gott.

Diese Erfahrung und die damit verbundenen Folgen von dem Umgang mit Brot angefangen bis hin zur Gestaltung der Agrarpolitik geht uns Menschen in der westlichen Überflussgesellschaft zunehmend verloren. Erkennbar am Verhalten der Discounter, die sich mit Dumpingpreisen bei Lebensmitteln übertrumpfen und diese nur noch als Lockmittel für die Verbraucher einsetzen. Aber nicht nur im Großen geht uns diese Wertschätzung verloren. Auch im alltäglichen Handeln in der Familie, wenn das Kind beim Mittagessen erstaunt fragt "warum danken?" - wir haben selbst eingekauft, bezahlt und gekocht.
Diese existentielle persönliche Erfahrung kann aber durch nichts ersetzt werden - weder durch den Fernseher noch durch Nachdenken. Wir müssen als Menschen existentiell (neu) erfahren, wovon wir leben - eben gerade auch von dem Brot, - um neu dankbar dieses Fest feiern zu können.

Ich möchte drei Stationen des Wandels dieses Festes bedenken.

1. Die Agrargesellschaft
2. Die Industriegesellschaft
3. Die Dienstleistungsgesellschaft,

um dann zu fragen, was das für unsere Zukunft als Gesellschaft gerade auch in Beziehung zur Landwirtschaft heißen könnte.

Erntedank in den Agrargesellschaften
In den Naturreligionen ist das regelmäßig wiederkehrende Ernteeinbringungsfest eine der wichtigsten öffentlichen Feierlichkeiten. Unser Erntedankfest ist ursprünglich auch ein Erntefest gewesen.
Die Erntefeste sehen das agrarisches Handeln aufs engste mit dem geistig/geistlichen Aspekt verknüpft.
Diese Feste hatten immer einen sozialen Charakter. Bei der Ernte oder auch dem Einbringen der Beute aus Jagd und Fischerei versammelt sich die Kultgemeinde zur Erntefeier. Diese Feste bestehen meist in reichlichem Genuss von Früchten oder Beutetieren bis hin zum Rausch. Äußerer Anlass gerade in den Mittelmeerländern war die Weinlese.

An vielen Stellen der Erde haben die Erntefeste auch den Charakter von Opferfesten. Es geht darum der göttlichen Ordnung etwas zurückzugeben von dem Tier oder der Pflanze, derer der Mensch sich bedient.
Der Mensch darf der Natur, in der er sich findet, nur etwas nehmen, wenn er bereit ist, ihr auch etwas zu geben. Deshalb gehören zum Erntefest die Akte des Vergießens, Verbrennens und des Schlachtens.
Für den Bereich der Naturreligionen können wir feststellen: In der kultischen Geste zeigt sich eine doppelte Hinwendung: Einmal der Dank für den Reichtum der Ernte und die Bitte um künftige, reiche Ernte und die Verschonung vor Hunger.

Das sesshaft werdende Volk Israel z.B. findet solche Kultfeste, z.B. von den Kanaanäern vor. Es übernimmt die von der Natur vorgegebenen Termine und Ordnungen, begründet und interpretiert sie aber theologisch neu als Satzung Gottes, der sein Volk aus der Knechtschaft der Ägypter befreit hat. Ursprünglich "nur" bäuerliche Feste, wurden sie damals Feste des ganzen Volkes Israel, das bei seinen Feiern nicht mehr nur für die Gaben der Natur seinen Schöpfer allein pries, sondern vornehmlich seine wunderbare Geschichte mit diesem Gott gedachte.

Das Verhältnis des Menschen zur Ernte durchzieht die ganze Kirchengeschichte. Im Mittelalter waren Erntedankmessen mit Segnung der Früchte und Lobgesang üblich. Ihr Termin war örtlich verschieden. Häufig lag er am letzten Sonntag im September. In der evangelischen Kirche erfolgten schon in der Reformationszeit fast überall Danksagungen für die eingebrachte Ernte mit Lobgesang. Im 16. Jahrhundert sind Erntedankpredigten in ländlichen Gemeinden üblich.
1773 wurde in Preußen das Erntedankfest offiziell eingeführt. Es wurde festgesetzt auf den ersten Sonntag nach Michaelis (29. September). Heute ist Erntedankfesttag der erste Sonntag im Oktober.

Was ist das gemeinsame, entscheidende bei den Ernte(dank)festen in den Naturreligionen, bei den Juden oder auch in unserer christlichen Tradition bis hinein ins mindestens 18. Jahrhundert?

Die Gesellschaften damals waren Agrargesellschaften. Agrargesellschaften waren nicht nur durch eine gemeinsame materielle sondern auch eine geistige Grundlage geprägt. Landwirtschaft war Hauswirtschaft oder Subsistenzwirtschaft. Die Erzeugung war im wesentlichen auf den Verbrauch in der Großfamilie hin angelegt.
In einer solchen Gesellschaft war jedem klar, welchen Sinn das Erntedankfest hatte - es hatte einen festen Platz im Leben und Arbeiten der Menschen. Jede Familie lebte von dem, was wuchs in Feld und Stall. Die Menschen damals waren eben nicht "Fremdversorgte" wie wir, sondern Selbstversorger.
Erntedankfest war Dank für das Gewährte in der Vergangenheit und Bitte um gnädiges Gewähren des Lebensnotwendigen in Zukunft und das waren eben die Lebensmittel!
Die Abhängigkeit des Menschen auch im materiellen Sinn war für alle klar. Ernte und Sattsein war nichts Selbstverständliches und Machbares - es entzog sich der Verfügbarkeit der Menschen.

Biblisch gesprochen heißt das: Erntedankfest ist die Anerkennung, dass die gesamte Schöpfung unter einem Eigentumsvorbehalt Gottes steht.

Erntedank in der Industriegesellschaft
Die industrielle Revolution, beginnend im 19. Jahrhundert brachte einen grundlegenden Umbruch in unserer Gesellschaft.

Ich möchte diese entstehende Industriegesellschaft nur mit Stichworten kennzeichnen:
- rascher technischer Fortschritt
- dynamisches Wirtschaftswachstum
- zunehmende Geldwirtschaft
- Verstädterung
- Arbeitsteilung und Handel
- aber auch Kinderarbeit, Elend und Hungersnöte wie z.B. 1846/47.

Gerade hier in Baden-Württemberg entstand unter den gegebenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und agrarstrukturellen Voraussetzungen der Nebenerwerbsbauer - der Industriearbeiter mit eigener Milch und eigenen Kartoffeln. Viele Menschen - gerade auch der Lehrer und der Pfarrer - hatten eine klein-landwirtschaftliche Basis und Praxis bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Trotz allem "Glauben" an Fortschritt, Wirtschaftswachstum und Technik war allen Menschen auch außerhalb der Landwirtschaft oder im Übergangsbereich - und das waren in Baden-Württemberg viele Menschen - die Bedeutung der Landwirtschaft bewusst. Trotz aller Industriekultur war die Agrarkultur noch tief in der Seele der Menschen verwurzelt und verankert.
Bis hinein in die Wirtschaftswundergeneration unseres Jahrhunderts war allen klar, was Justus von Liebig, der Erfinder der Mineralstofftheorie und damit der Mineraldüngung, so ausdrückte: Das Wohl und Wehe einer Volkswirtschaft hängt von ein paar Zentimetern fruchtbarer Ackerkrume ab.

Allen Menschen war der grundlegende Unterschied zwischen agrarischer und industrieller Produktionsweise trotz der zunehmenden Technisierung bewusst. Der Unterschied besteht im wesentlichen darin, dass nicht Landwirte produzieren, sondern Pflanzen und Tiere.
Eier, Milch und Getreidekörner werden nicht in geschlossenen Produktionsprozessen wie Autos oder Fernseher produziert, sondern von lebendigen Tieren und Pflanzen. Und Lebewesen sind keine Produktionsmittel im Sinne der ökonomischen Theorie. Sie haben ihren Lebenszweck außerhalb des Daseins für den Menschen.

Tiere und Pflanzen konnte man - muss man heute sagen - nicht machen. Die Erfahrung auch der Industriegesellschaft bis in die 80iger Jahre dieses Jahrhunderts war, dass Tiere und Pflanzen wachsen oder auch nicht, wenn die Menschen Samen in den Acker legen oder Muttertiere der Befruchtung zuführen.
Dieses Kulturwissen des Unterschieds zwischen Landwirtschaft und Industrie prägte auch die grundlegende Wertschätzung für die Landwirtschaft bei aller manchmal berechtigter und oft auch überzogener Kritik an modernen Landbau- und Tierhaltungsmethoden.
Diese Wertschätzung betraf auch das "tägliche Brot". Diese Wirtschaftswundergeneration der heute 50 bis 70jährigen wusste auch noch, was Hunger war. Die Menschen wussten aus eigener Erfahrung und Betroffenheit:: Wenn Autos oder Fernsehen fehlen, ist das schlicht und ergreifend ärgerlich, wenn aber Brot fehlt, ist das tödlich.
Diese grundlegenden Einsichten in den Wert des Brotes und auch der Landwirtschaft sind bei uns (noch!?) Bestandteil der Kultur.

Erntedank in einer Dienstleistungsgesellschaft
Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft, wo viele Kinder meinen, Kühe seien lila und die Milch komme aus der Fabrik. Landwirtschaft ist zwar kein unbedeutender, aber doch scheinbar nur irgendein Teil unserer Volkswirtschaft.

Dieses Verständnis zeigt einen tiefen Riss zur Agrar- und Industriegesellschaft, was den grundsätzlichen Stellenwert der Landwirtschaft und damit auch die Wertschätzung des bäuerlichen Berufsstandes anbelangt. Die Menschen heute leben weitgehend in dem Bewusstsein der grenzenlosen Machbarkeit aufgrund unserer technischen Möglichkeiten und der grenzenlosen Verfügbarkeit z.B. auch von Lebensmitteln.

Wozu brauchen wir dann überhaupt noch Landwirtschaft? Warum dankbar sein, wenn wir als Menschen alles machen können? Natürlich können wir zumindest im Augenblick noch nicht alles machen, aber es gibt einen starken Trend in diese Richtung aus vielen verschiedenen Gründen - ganz sicher auch aus wirtschaftlichen!
Wir stehen daher als Gesellschaft vor einer grundlegenden Frage: Ziehen wir mit unseren Wertvorstellungen die Grenzen oder begrenzen nur technische Möglichkeiten und ökonomische Vernunft unser Handeln?

Das Erntedankfest ist ein guter Anlass diese Fragen in Richtung auf Landwirtschaft und Ernährung sorgfältig zu bedenken.

Christliches Kulturverständnis und Landwirtschaft
Christliches Kulturverständnis, wobei der Begriff "Kultur" von dem lateinischen Wort colere = Landbau treiben kommt, geht grundsätzlich von dem Eigentumsvorbehalt Gottes über die Schöpfung aus - wir sind die Verwalter!

Leben ist und bleibt eine heilige Gabe Gottes, etwas Unverfügbares, was wir nicht gemacht haben. Diese Nichtverfügbarkeit ist kein Defizit oder Kunstfehler, den wir zu beseitigen haben, sondern eben Schöpfungsordnung Gottes, die wir als Geschöpfe zu respektieren haben.

Das Erntedankfest ist daher ein Fest jenseits der Agrarpolitik und der bäuerlichen Einkommenssituation. Und doch hat es wieder damit grundlegend etwas zu tun.

Folgen für Politik und Verbrauchverhalten
Aus diesem Respekt vor der Schöpfung Gottes nämlich rnuss auch Respekt vor dem Brot und der Landwirtschaft und dem bäuerlichen Berufsstand neu erwachsen, zumindest wenn diese Einsicht und dieses Schöpfungsverständnis geteilt wird. Und dieser Respekt rnuss Folgen haben! In einer satten Marktwirtschaft bestimmen die Nachfrager die Produktion und Möglichkeiten der Vermarktung. Landwirte rnüssen sich an der Wirklichkeit bei ihren Entscheidungen orientieren nicht an Ideologie und Illusionen. Das fängt daher im Herz und Hirn an bei uns allen und rnuss dann bis in den Geldbeutel, Kochtopf und Einkaufskorb gehen. Wir alle als Verbraucher sollten uns unserer Macht bewusst werden. In unserer Weltwirtschaft ist die Frage, wo wir tanken und was wir essen und trinken zu einem machtvollen Instrument geworden. Wir sollten es zum Wohle der Bäuerinnen und Bauern, der Schöpfung und auch der Volksgesundheit nutzen!

Das hat dann auch politische Folgen! Wir brauchen eine flächendeckende, schöpfungsbewahrende Landwirtschaft und damit auch Rahmenbedingungen, die den berechtigten berufsständischen Anliegen Rechnung tragen und da gibt es nicht wenige.

Ich meine aber Anliegen nicht im Sinne von Besitzstandsgarantie, Berufsstandspauschale oder wirtschaftlich/politischer Käseglocke. Auch hier muss gelten: So viel Markt wie möglich, soviel Programme wie nötig. Der Markt ist effizient und wir entkommen ihm langfristig auch nicht, aber er ist kein Götze, sondern unser Diener. Wir müssen seine "Allmacht" begrenzen. Wir brauchen kein Surfen auf der globalen Kostendegressionskurve!
Wir brauchen politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, wo diese Wertschätzung der Landwirtschaft und unseren bäuerlichen Familien gegenüber nicht nur zu den Familien durchsickert, sondern heftig durchdringt - und ein entsprechendes Verbraucherverhalten!
Die Selbstversorgungsfähigkeit unseres Landes ist eben keine Frage für biergetränkte Nebenzimmer, sondern eine nationale Frage höchster Bedeutung und Wichtigkeit.
Ernährung ist eben mehr als die Frage der kostenminimalen Kalorienerzeugung unter globalen unter Wettbewerbsaspekten.

Erntedank ist ein Fest der Freude, das uns motivieren kann mit Gelassenheit aber auch Beharrlichkeit gerade auch als bäuerlicher Berufsstand diese Erde immer wieder zu bebauen und zu bewahren zum Wohle aller Menschen.
Auch wenn manche gerade heute statt Danklieder lieber Klagelieder sängen - unser Dank gilt Gott und dieser Dank gibt uns Zuversicht.

Seien wir daher an diesem Tag, wo wir dankbar sind für die Verlässlichkeit Gottes, auch verlässliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Bäuerinnen und Bauern, als Verbraucherinnen und Verbraucher, hier und weltweit, indem wir helfen, dass alle Menschen ihr tägliches Brot dankbar essen können.