Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt im Requiem für die Toten der Ausstellung „Körperwelten“

Dr. Ernst Pulsfort

14.02.2001 in der Katholischen Akademie in Berlin

Andächtige Christen, liebe Gäste, die Sie zu dieser Totenmesse heute gekommen sind!

Es ist eine ungewöhnliche Messe, die wir hier feiern. Es ist ein Requiem, eine Seelenmesse, für die Verstorbenen, die in der Ausstellung „Körperwelten“ hier in Berlin ausgestellt sind.

Ca. 200 Tote sind zu sehen. Viele von ihnen waren zu Lebzeiten nicht gläubig, viele waren keine Christen. Viele glaubten nicht an ein Weiterleben nach dem Tod bei Gott, wie wir es tun. Und trotzdem stellte der Tod für diese Menschen – gleich, ob sie gläubig waren oder nicht – wohl die entscheidendste und massivste Verunsicherung oder Anfrage an ihr Leben dar. Wohl keiner der Toten, die diese Ausstellung präsentiert, wollte mit dem Tode einfach im Nichts versinken. Jeder von ihnen wollte etwas von sich über den Tod hinaus bewahren und erhalten. Die Begründungen dafür, sich zur Plastination zur Verfügung zu stellen, haben unterschiedliche Akzente: „Ich möchte, dass mein Körper nicht entsorgt, sondern später sinnvoll genutzt wird.“ - Ein anderer sieht in der Konservierung seines Körpers eine Form des Weiterlebens nach dem Tode: „Vielleicht habe ich ja als Plastination die Möglichkeit, … ganze Schulklassen begrüßen zu dürfen.“ - Wieder ein anderer sagt: „Ich wäre gern ein Ganzkörperplastinat … mich fasziniert es, auch nach meinem Tod zu existieren.“ - Und wieder ein anderer meint: „Mein Hauptbeweggrund zur Körperspende ist mein ausgeprägter Drang, im Licht der Öffentlichkeit und im Mittelpunkt zu stehen.“

Welches Grundgefühl oder welche Grundangst liegt all diesen Äußerungen zu Grunde? Ich glaube, es ist eine Grundangst, die in jedem Menschen von Anfang seiner Existenz an rumort: Es ist die Angst um sich selbst; die Angst, vielleicht einmal nicht mehr wertvoll für andere zu sein; die Angst, für die Gesellschaft nicht mehr anziehend oder zweckdienlich zu sein oder völlig ausradiert und vergessen zu sein. Es ist - um es auf den letzten Punkt zu bringen - die Angst davor, dass das eigene Leben in keinem Sinnzusammenhang steht, also die schrecklichste aller Schreckensvorstellungen, dass ich sinnlos sein könnte.

Liebe Christen, diese Angst ist auch meine Angst, möglicherweise auch die Ihre. Martin Luther formuliert das in seinem Choral so: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen…“. Max Scheler drückt diese Erkenntnis philosophischer aus, er sagt: „Der Tod ist ein notwendiger und evidenter Bestandteil in jeder möglichen inneren Erfahrung des Lebensprozesses.“

Das heißt doch, es geht nicht nur darum, dass wir plötzlich oder auch langsam und qualvoll sterben können, sondern dass der Tod – der Einbruch der Sinnlosigkeit – sich mitten in unser Leben zur Geltung bringt. Vor dem Einbrecher „Tod“ versuchen wir uns so gut wie es geht zu versichern, oder wir versuchen, dem Tod ein kleines Quäntchen Sinn vorzuenthalten, indem wir argumentieren: In der Erinnerung meiner Kinder lebe ich weiter. Oder: Ich möchte, dass mein Körper nach meinem Tod sinnvoll genutzt wird.

Es ist schon ein eigenartiger Widerspruch, in dem wir leben: Wir steigern ständig unsere Lebensqualität, um dem Leben mehr Sinn abzugewinnen; und je mehr Lebensqualität wir erreichen, umso stärker werden wir uns der Leere in uns bewusst, des Gefühls, um das Eigentliche im Leben betrogen zu sein. So dicht liegt das beieinander: Fülle und Leere, Sattsein und Unzufriedenheit, Erfolg und Resignation, Leben und Tod. „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen…“. Die Sinnlosigkeit liegt wie ein böser Schatten über allem, was wir an Lebenssinn zu schaffen versuchen.

Die Bibel denkt über dieses Thema im Buch Genesis in ganz einfachen Bildern nach. Gott formt den Menschen aus „Erde vom Ackerboden“. Das ist der Stoff, aus dem wir kommen, nicht himmlisch, sondern ganz und gar irdisch; von der Erde aufgehoben, wie aus dem Nichts. Da kommen wir her. Keiner von uns hat sich selbst gemacht. Wir sind alle Empfangene; wir sind uns und bleiben uns selbst vorgegeben. Wir alle hier – ob wir gläubig sind oder nicht – wir alle sind auf dem Weg vom Leben zum Tod; das verbindet uns alle, das gehört zum menschlichen Geschick. Biblisch ausgedrückt sind wir alle Kinder Adams, des Menschen, dessen Schicksal es ist, vom Ackerboden genommen zu sein und wieder zu Staub zu werden.

Andächtige Christen, für das Christentum gibt es aber noch eine andere Genealogie. In unserem Leben ist mehr, als wir von Adam und Eva her mitbekommen haben, mehr als nur die Bestimmung, unser Leben an den Tod abgeben zu müssen. Wir glauben an die Auferweckung Jesu Christi von den Toten. Das heißt, wir glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort über unser Leben hat, sondern Gott.

Der Tod ist nicht göttlich und endgültig; der Tod ist endlich, er selbst ist sterblich. Der Tod stirbt, wie wir sterben. „Der letzte Feind, der entmachtet wird“, sagt Paulus, „ist der Tod“. Und das ist keine Glaubensaussage, die jeder allein nur auf seine Person beziehen dürfte; wenn der Tod entmachtet wird, geht es nicht nur etwa um unser privates Schicksal, sondern um alle Menschen. Die Frage lautet zunächst nicht: Was ist mit mir nach meinem Tod?, sondern: Was ist mit den anderen nach dem Tod, mit den Menschen, die vor uns gelebt und gelitten haben? Was ist mit der ganzen Menschheit, die von Adam her aus dem Ackerboden kommt?

Verstehen Sie, liebe Christen, was diese Fragestellung bedeutet? Die universale Auferweckung der Toten ist Ausdruck des Glaubens an die Gerechtigkeit Gottes. Diese Gerechtigkeit ist stärker als der Tod, sie wird allen Menschen zuteil. Die universale Auferstehung, wie das Christentum sie lehrt und bekennt, ist keine billige, individualistische und unpolitische Jenseitsvertröstung, sondern das Bekenntnis zu Solidarität sowohl mit den Lebenden und den zukünftigen Generationen, als auch zu einer Solidarität mit den vergangenen Geschlechtern. Universaler Auferstehungsglaube ist das Bekenntnis zu einem geschichtlichen Bund nicht nur mit unseren Kindern und Enkeln, sondern auch mit unseren Vätern und Müttern, mit den Opfern der Geschichte. Das Bekenntnis zur universalen Auferweckung der Toten wahrt die Einheit und Solidarität der gesamten Menschheitsgeschichte. Sie spricht von einer Zukunft für alle, für die Lebenden und die Toten.

Wenn wir hier in diesem Requiem für die Toten der Ausstellung „Körperwelten“ beten, dann nicht, um sie christlich vergewaltigen zu wollen. Diese Menschen haben zu ihren Lebzeiten eine Entscheidung getroffen, die wir respektieren. Gott wird denen, die nicht an ein ewiges Leben glauben, dieses Leben sicher nicht aufzwingen. Jeder von uns kann sich in Freiheit dagegen entscheiden; jeder hat das Recht, die Sinnfrage ohne Gott zu klären; jeder kann das ganz frei und autonom tun. Wer glaubt, ihm werde nichts geschenkt, und wer meint, er verdanke sich den Sinn im Leben selbst – und damit sind auch gemeint die persönlichen Verankerungen im gesellschaftlichen Leben oder den diesbezüglichen eigenen Wünschen -, der muss auch zusehen, wie er mit sich und diesen Abhängigkeiten zurechtkommt. Denn beim Versuch, sich selbst zu schaffen, gerät ein solcher Mensch in immer neue Abhängigkeiten von sich und anderen. Er verwickelt sich in heillose Zwänge und kommt schließlich unter die Tyrannei der eigenen Leistung. Er muss an sich selber glauben und er darf nur an sich selber glauben.

Vordergründig erscheint der Glaube an sich selbst als Gipfel der Autonomie des Individuums. Aber so verstandene Individualität führt zwangsläufig zur Auffassung, jede individuelle Anschauung oder persönliche Entscheidung sei unhinterfragbar und stehe über jeder Kritik, müsse sich vor nichts und niemand rechtfertigen. Das, liebe Christen, ist die Methode, mit der man jeden gesellschaftlichen Konsens sprengen kann. Denn diese Form des Individualismus bedeutet in letzter Konsequenz die Aufkündigung der Einheit der Menschen und die Aufkündigung der Solidarität zwischen Menschen. Diese Form des Individualismus muss sich fragen lassen, ob sie nicht die Erfahrungen der Vergangenheit, der Geschichte, missachtet und sich schlichtweg aus der Verantwortung für die Zukunft stiehlt. Sie lernt nicht aus dem Leben der Verstorbenen, und sie gibt auch nichts Verbindliches an die Zukünftigen weiter. Diese Form des Individualismus ist sich selbst genug und kennt nur die Bewältigung des Augenblicks; und darum hat sie etwas Totalitäres, Überhebliches und Kurzsichtiges an sich.

Vielleicht, liebe Christen, besteht gerade darin das Schockierende und Abstoßende der Ausstellung „Körperwelten“: Dass sie keine Kritik ernsthaft annimmt und auch nicht ertragen kann, dass sie sich zurückzieht auf das Argument der Freiheit der Kunst und der Aufklärung. Die Ausstellung „Körperwelten“ ist aber in Wirklichkeit nicht so aufgeklärt und frei, wie die Initiatoren gern weismachen möchten. Sie eröffnet nicht einen freien Blick auf den Menschen; sie verengt unseren Blick auf das reine Fleisch, den bloßen Ackerboden, auf die reine materielle Körperlichkeit, die in Szene gesetzt, ästhetisiert und so verherrlicht wird.

Der alte Adam aus der biblischen Schöpfungsgeschichte wollte sich von seiner Geschöpflichkeit emanzipieren; er wollte sich selber tragen; er wollte sein wie Gott. Alle religiösen Schriften und Traditionen der Weltgeschichte bezeugen, dass dieser Weg zum Scheitern verurteilt ist.

Wir Christen glauben, dass Gott Mensch wurde, um uns Menschen zu zeigen, wer wir wirklich sind; dass wir nämlich nicht nur aus Blut und Fleisch geboren sind, sondern aus Gott geboren sind (vgl. Joh 1, 13). Diese Wahrheit ist das Innerste unseres Inneren; die Erkenntnis und Erfahrung, dass wir Menschen viel mehr sind als anatomische Wunderwerke, das ist doch das, was unsere Faszination am Menschen auslöst. Wir sind mehr und größer als wir je voneinander denken können. Wir stehen fest in Gottes Hand; in seiner Hand liegt unser Leben und Sterben. Und nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus erschienen ist. Dieser Glaube bewirkt wirkliche Freiheit, ermöglicht Individualität. Er schafft zugleich aber auch Einheit und Solidarität zwischen Lebenden und Verstorbenen.

Wir können uns in Gottes Hand geben, in seine offene Hand, die uns trägt und halten will auch über den Abgründen der Sinnleere und des Zweifels am Leben. Darauf ist Verlass. Aber sind wir auch bereit und können wir uns loslassen?

Die Faszination des Echten besteht nicht darin, echten Toten ins Gesicht zu schauern, sondern das Leben in Würde zu bewältigen und die Herausforderungen, die es an uns stellt, ernst zu nehmen.