Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt in einem Abiturgottesdienst

Eberhard Forst

28.06.2002 im Hardtberg-Gymnasium, Bonn

"Wenn einer spricht, müssen die anderen zuhören. Das ist deine Gelegenheit, Missbrauche sie!". So rät Tucholsky dem Redner, der sich überlegt, ob er mehr dem eigenen Mitteilungsbedürfnis folgen oder auf die Belastbarkeit seiner Zuhörer Rücksicht nehmen soll.

Aber nur keine Bange! Ich ziehe es vor, mich an die Mahnung des Paulus zu halten:
Es steht euch alles frei: aber nicht alles ist gut. Niemand soll nur an sich denken, sondern auch an die anderen.
Und damit sind wir schon beim Thema, der Freiheit und ihrem richtigen Gebrauch. Die Freiheit ist das Menschheitsthema schlechthin. Vom Menschen zu sprechen heißt: von seiner Freiheit zu sprechen. So ist Paulas weder der Erste noch der Einzige, der sich damit intensiv auseinandersetzt. Alles, was in der Geistesgeschichte Rang und Namen hat, hat sich Gedanken darüber gemacht: von Buddha bis Brecht, von Konfuzius bis Kant und von Sokrates bis Sartre.
Unzählige Helden und Nicht-Helden, haben ihr Leben für sie riskiert.
Und in jeder modernen Staatsverfassung sind die Freiheitsrechte an zentraler Stelle verankert. Selbst in unserer sogenannten Spass- und Freizeitgesellschaft ist man sich ihrer überragenden Bedeutung bewusst. Laut Umfragen gilt sie 81% der Bevölkerung als höchstes Gut, mit weitem Abstand vor Gesundheit, Geld, Erfolg und Freizeit.

Im Leben des einzelnen wird die Freiheit zum erstenmal am Ende der Schulzeit, d.h. für Euch, 1. A., beim Abitur zum großen Thema. Da stellt sich dem nachdenklich zurückblickenden Abiturienten die Schulzeit als eine durchgehende Zeit der Unfreiheit dar. Denn wie sollte man sie anders bezeichnen,

  • wenn man immer pünktlich zum Unterricht erscheinen musste, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat- und das 13 Jahre lang?
  • wenn man mit Mitschülern und Lehrern, die man sich nicht aussuchen konnte, Sachen lernen musste, die einen nicht interessierten- und das alles unter dem ständigen Druck von Zensuren und Versetzungen und dem Damoklesschwert des Numerus clausus?
  • und wenn selbst die unterrichtsfreien Tageszeiten (und bei Nachprüflingen sogar die Sommerferien) durch Arbeiten für die Schule belastet wurden? Wer indessen weiter nachdenkt, wird sich auch erinnern, dass es mit zunehmendem Alter immer mehr kleine Freiheiten gab:
  • Mit 13 Jahren begann bereits jeder 3. Schüler, durch kleine Jobs sich einen finanziellen Freiraum zu schaffen,
  • Mit 14 Jahren machten manche von der Möglichkeit Gebrauch, sich vom Religionsunterricht befreien zu lassen.
  • Ab Klasse 9 bestimmte jeder seine Differenzierungsfächer und ab Klasse 11 den gesamten Stundenplan in eigener freier Entscheidung.
  • Mit 18 Jahren erhieltet Ihr schließlich alle die Rechte der Erwachsenen, d.h. für Euch, die Entschuldigungen selbst schreiben, den Führerschein machen und ein ordentliches Arbeitsverhältnis eingehen zu können.

Das alles ist freilich nicht viel im Vergleich zum Abitur!
Dem Zwangssystem Schule endlich entronnen, bestimmt Ihr ab heute nur noch selbst: wie und wo ihr wohnen, mit wem ihr zusammenleben, wie ihr euren Tag einteilen und welchen Beruf ihr schließlich ergreifen wollt.
Ist das nun die große Freiheit, auf die ihr schon solange gewartet habt? Ihr werdet sehr bald merken, dass das eine Utopie ist.
Man kann leicht sagen, worin die bisherige Unfreiheit bestand, von der ihr jetzt befreit seid: Bevormundung, Fremdbestimmung und Zwang. Um so schwerer ist der Zustand zu beschreiben, in den ihr jetzt eintretet.
Fest steht, dass es nicht einfach das Gegenteil alles Bisherigen ist. Die Freiheit ist nicht das Fehlen jeglicher Unfreiheit. Sie ist an Voraussetzungen und Bedingungen geknüpft. Ohne Bindung wird Freiheit zur Haltlosigkeit, ohne Standpunkt zur Gleichgültigkeit, ohne Ordnung zum Chaos und ohne Rücksicht auf andere zum Terror.

Freiheit erweist sich somit im wesentlichen als Wahlfreiheit: als Möglichkeit in allen Lebensbereichen zwischen mehr oder weniger zahlreichen Alternativen wählen zu können z.B. zwischen Wehrdienst und Zivildienst, zwischen Studium und Lehre oder zwischen verschiedenen Wohnorten.

Abgesehen von gewissen Einschränkungen wie dem Numerus clausus habt ihr ab heute alle diese Freiheit des Wählens. Doch wählen zu können heißt gleichzeitig: wählen zu müssen. Aber wer hilft euch bei dieser ständigen Qual der Wahl? Wer sagt euch, was gut und richtig falsch und böse ist?

Der frohgemute Schülerspruch "Das muss doch jeder selber wissen" erweist sich als wenig hilfreich. Wegweisende Vorbilder wie Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi oder Martin L. King leben nicht mehr. Und der Dalai Lama allein reicht nicht aus, um sich gegen die zahllosen Idole aus dem Mode- und Medienbereich mit ihrer Botschaft des "Anything goes" zu behaupten.
Aber gibt es denn nicht noch mehr seriöse Entscheidungshelfer? Nehmen wir doch z.B. die Politiker.
Aber mit denen kann man doch zur Zeit wirklich nicht kommen. Die denken ja offenbar nur an ihre Macht und das große Bestechungs-Geld oder die Naturwissenschaftler!
Aber die pochen doch auf ihre Freiheit der Forschung. Und wenn es knifflig wird, lassen sie sich von Ethik-Kommissionen beraten. Sogar das die technische Spitzenuniversität MIT leistete sich eine deutsche Theologin! oder die Industrie- und Wirtschaftsbosse!
Aber denen geht es doch nur ums Geld-verdienen. Und was haben ihre Lieblingsbegriffe "Wirtschaftswachstum" und "Wirtschaftsstandort Deutschland" mit Freiheit zu tun?

Da bleiben uns am Ende nur die Philosophen die uneigennützigen "Freunde der Weisheit". Aber die hatten es schon immer schwer, ihre hochtrabenden Gedanken mit der alltäglichen Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen - woran auch Talkschows und kindgeäße Philosophiegeschichten bisher kaum etwas geändert haben.

Deshalb ist es erfreulich, dass sie oder zumindest einige von ihnen zu wissen glauben, wer eigentlich helfen könnte. So äußerte sich vor kurzem der führende deutsche Sozialphilosoph und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Jürgen Habermas in einem Interview "dass, die religiösen Sprachen inspirierende, ja unaufgebbare semantische Gehalte mit sich führen, die der Übersetzung in begründende Diskurse noch harren." Auf gut Deutsch: Die Religionen werden zur Lösung der heutigen Probleme gebraucht. Sie müssen nur ihre Glaubens- und Moralvorstellungen in eine zeitgemäße Sprache übersetzen. Damit wird der Religion, d.h. bei uns in erster Linie der christlichen, fußballtechnisch gesprochen, eine Steilvorlage gegeben, um ihre Botschaft zum Zuge zu bringen. Machen wir also die Probe aufs Exempel an unserem Paulus-Text!
Was hat Paulus, der früheste Deuter und Verbreiter des christlichen Glaubens, zum Thema "Freiheit" zu bieten. "Alles steht euch frei, aber nicht alles ist gut."

Mit dieser prägnanten Äußerung bezieht er Stellung im Streit um das sog. Götzenopferfleisch. Das war Fleisch, das den Göttern geweint worden war, indem man die Innereien auf ihren Altären verbrannt hatte. Solches Fleisch konnte auch neben anderem Fleisch auf dem Markt gekauft werden, ohne dass der Käufer es ihm ansehen konnte. Die sog. Starken unter den Christen sagten: Wer wirklich an den einen, von Jesu verkündigten und in ihm Mensch gewordenen Gott glaubt, der kann alles Fleisch essen, ohne zu fragen, ob es normales oder Opferfleisch ist. Denn es gibt ja keine Götter oder Götzen, die einem irgendwie schaden könnten. Andere Christen hatten jedoch große Bedenken. Sie fürchteten immer noch insgeheim die Macht der heidnischen Götter und Dämonen. Paulus sagt nun nicht zu diesen Schwachen: Stellt euch nicht so an ihr braucht kein schlechtes Gewissen zu haben! Vielmehr sagt er zu den Starken: Wenn ihr allein seid, könnt ihr bedenkenlos kaufen und essen, aber in Gegenwart der Schwachen verzichtet darauf, denn sie bekommen dann ein schlechtes Gewissen.
Solche Probleme möchten wir auch haben -mögen Sie spontan denken. Religiös begründete Nahrungstabus spielen für uns schon lange keine Rolle mehr - wenn man einmal davon absieht dass das Schächten der Juden und Moslems mit unseren Vorstellungen von Tierschutz kollidieren.
Unsere Probleme sind von ganz anderem Kaliber: Gentecnik, Stammzellenforschung, Massentierhaltung, Sterbehilfe, Politikverdrossenheit, Asylrecht, Globalismus, um nur einige besonders aktuelle und brisante Themen zu nennen. Von denen, hätte sich unser guter Paulus nichts träumen lassen.

Selbstverständlich können wir diese Probleme nicht einfach mit aus dem Zusammenhang gerissenen Paulus - oder sonstigen Bibelworten lösen, wie es die Fundamentalisten tun. Aber wir können sie, wie von Habermas angemahnt, interpretieren. Wir können sie in unsere Sprache und Lebenswelt übersetzen.,
Denn ungeachtet aller geschichtlichen Wandlungen und technischen Fortschritte haben sich die Grundgegebenheiten des menschlichen Lebens , wie sie in der Bibel in ihrer ganzen Fülle dargestellt werden, nicht grundsätzlich geändert. Der Mensch ist und bleibt ein Wesen, das zwischen Geburt und Tod existiert, bedroht und gequält von Alter, Krankheit und Not, ein Wesen, das das Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit, Leistung und Anerkennung hat, ein Wesen, das den Idealen des Friedens, der Freiheit und des Glücks nachsagt, aber auch ein Wesen, dessen Handeln durch Egoismus, Bestechlichkeit, Feigheit und Rücksichtslosigkeit bestimmt wird.
Deshalb können die Lösungsangebote der Bibel durchaus hilfreich sein. Das trifft trotz aller geschichtlichen und kulturellen Unterschiede auch auf die großen Religionen zu, deren Symbole z.T. auf dem Gottesdienstprogramm abgebildet sind.

Diese Einsicht kommt u.a. in der Erklärung zum Ausdruck, die das Weltparlament der Religionen 1993 verabschiedete. Als Ausgangspunkt diente die sog. Goldene Regel, eine jahrtausende alte interkulturelle Handlungsanweisung, die wir im Deutschen als Sprichwort kennen: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!

Aus dieser Regel werden "4 unverrückbare Weisungen" abgeleitet, die offensichtlich auch dem Kernbereich der jüdisch-christichen 10 Gebote entsprechen. Die 4 Weisungen lauten:

  1. Du sollst nicht töten! oder positiv: Hab Ehrfurcht vor dem Leben!
  2. Du sollst nicht stehlen! oder positiv: Handle gerecht und fair!
  3. Du sollst nicht lügen! oder positiv; Rede und handle wahrhaftig!
  4. Du sollst nicht Inzucht treiben! oder positiv: Achtet und liebet einander!

Diese Weisungen zielen auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit, der Solidarität, der Toleranz und der Gleichberechtigung (Küng, Ja zum Weltetrhos S. 163). An diesen Weisungen könnte sich euer Umgang mit der Freiheit heute orientieren. Und ihr müsst euch orientieren, um eure Freiheit verantwortungsvoll nutzen zu können. Denn die Freiheit ist ein Gut, das durch richtigen Gebrauch zunimmt, durch Missbrauch und Nichtgebrauch abnimmt.
"Ihr könnt alles Möglich machen" würde Paulus heute sagen, "aber es nicht gut, wenn ihr nicht an die Konsequenzen für andere berücksichtigt."

  • Ihr könnt z.B. aus dieser Gesellschaft aussteigen wie jene nicht unsympathischen Späthippies Öff Öff und seine Freundin Tü Tü und ohne Geld, Krankenversicherung und festen Wohnsitz das Leben genießen. Aber es ist nicht gut, wenn andere dafür aufkommen müssen.
  • Ihr könnt ein möglichst langes und krankheitsfreies Leben anstreben. Aber es ist nicht gut, wenn dadurch anderswo zahllose Menschen an Hunger und Krankheit vorzeitig sterben.
  • Ihr könnt euch aller verfügbaren Technik bedienen. Aber es ist nicht gut, wenn ihr selbst von der Technik beherrscht werdet.
  • Ihr könnt die Politik total ätzend finden. Aber es ist nicht gut, wenn ihr sie allein denen überlasst, die ihr mit Recht kritisierst.
  • Ihr könnt alle Möglichkeiten und Güter dieser wunderschöne Erde genießen. Aber es ist nicht gut, wenn die sog. Umwelt (die ja nichts anderes als die Erde selbst ist) dabei zugrundegeht und für die nachfolgenden Generationen immer weniger übrig bleibt. So könnte man beliebig fortfahren, ohne immer auf allgemeine Zustimmung zu stoßen. Wo bliebe auch sonst die Meinungs- und Glaubensfreiheit?

Vielleicht wäre die Idealvorstellung des amerikanischen Recycling-Experten Amory B. Lovins für die heutige Generation, wie man neudeutsch sagt, konsensfähig:
Die Welt retten, Spass haben und dabei Geld verdienen - und zwar in dieser Reihenfolge!

Amen