Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 1-4

Beate Barwich (ev)

27.12.2009 in St. Thomas, Berlin

Erster Sonntag nach Weihnachten

Kanzelgruß

 

Liebe Gemeinde,          

 

Ein drittes Mal Weihnachten, ein drittes Mal ein Festtag und überhaupt nicht müde. Wie sollte man auch müde werden bei einer solchen Botschaft. Die so reich an Gaben, an Klängen, an Bildern und an Menschen ist, die dazu gehören.

Von jeder einzelnen Person wäre schon so viel zu sagen, dass es ausreichen würde, die Zeit zu füllen.

 

Wir sehen sie im Geist noch einmal vor uns:

Im Mittelpunkt standen Maria und das Kind, der erste Sohn, Jesus. Als eine wunderbare und wundersame Geburt.

Und nicht nur das: auch Maria selbst muss eine wunderbare Frau gewesen sein. Aus Galiläa stammte sie, der Gegend in der die Frommen zu Hause waren. Dass sie nach Bethlehem aufbrechen und ihr Elternhaus verlassen musste, wird in den zeitgeschichtlichen Rahmen gestellt. Denn was an ihr geschieht, das gehört in die Weltgeschichte. Kaiser Augustus tritt aus dem Hintergrund heraus, auch König Herodes erscheint als einer, der um seine Macht bangen muss, glaubt bangen zu müssen. Und sie verstand ihre Zeit. Sie nahm sie an. Sie wusste um ihre Berufung.

 

Denn sie war erzogen im Geiste der Bibel und im Geiste der Propheten.  Von Galiläa gingen Impulse aus. Und das nicht zum ersten Mal. Der Prophet Elia hatte einst am Karmel, nicht weit von dort entfernt gewirkt. Das Land bewahrt die Tradition in seinem Gedächtnis. Jesaja hatte es vor Zeiten geweissagt:  Eine junge Frau wird einst einen Sohn haben, dem sollt ihr den Namen Immanuel geben. Er wird das Volk mit Weisheit und Gerechtigkeit weiden. Er wird die Schrift in einer Weise auslegen, wie man es bis dahin noch nicht kannte. Und er wird dem Land Frieden bringen. Einen anderen Frieden als ihn Mächtige und Herrscher dieser Welt geben können. Denn er kommt aus der Kraft des Geistes und er wird in der Kraft des Geistes alles das tun.

 

Doch heute lesen wir nicht aus der Weihnachtsgeschichte.

Heute lesen wir aus einem der Schriften des Jüngers Jesu, der ihm besonders nahe stand.

 

Wir hören aus dem 1.Joh.brief aus dem 1. Kap. Verse 1-4.

 

1Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir beschaut haben, vom Wort des Lebens – 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, welches war bei dem Vater und ist uns erschienen -,

3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, auf dass auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.

4 Und solches schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei. 

 

Gewiss kennt man in seiner Gemeinde diese Geschichte. Sie ist lange Zeit  mündlich weiter - gegeben worden.

 

Und Johannes geht nun einen Schritt weiter. 

Er legt sie einerseits aus, andererseits fügt er aber auch noch etwas hinzu. Das Zeugnis eines Jüngers hebt die eigentliche Geschichte in das Licht der Verkündigung und lässt sie so über sich hinauswachsen. Er spricht davon, dass es ein Anfang war.

Ob der Anfang bei dem Wort des Propheten schon gelegen hat oder dann bei der Geburt, das bleibt offen.

Was für Anfänge kennen wir eigentlich in unserem Leben. Wenn wir zurückblicken, da ist ein Anfang im Leben des Kindes, als es laufen lernte, unsichere Schritte wagte, bis es langsam lernte auf eigenen Füßen zu stehen, im eigentlichen und im übertragenen Sinne.

Dieser Anfang ist offensichtlich und erkennbar.

 

Aber da gibt es Dinge, von denen wir nur ganz schwer ausmachen können, wie hat denn der Streit eigentlich angefangen. Wer ist denn für alles, was daraus geworden ist, wirklich verantwortlich. Es gibt Dinge, die sich  ganz im Verborgenen anfangen zu entwickeln und dann nach einer gewissen Zeit erst an das Licht der Oberfläche treten. Gott handelt in vielem zuerst in der Stille, im Hintergrund, ohne dass es jemand bemerkt. Die Anfänge im Leben, die Anfänge einer Entscheidung, die Anfänge einer Idee.

 

Die Frage nach dem Anfang hat die Geister der Menschen schon immer sehr bewegt und beschäftigt. Menschliches Suchen und Fragen, Sinnen aber auch Sehnen kreist oftmals um das Rätsel des Anfangs. Es kann doch nicht alles Zufall sein. Manch einer verfällt ins Grübeln...

 

Der Mystiker meint: „Ich komme und weiß nit woher, ich gehe und weiß nit wohin. Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“.

Fröhlich – ist die Weihnachtsbotschaft ganz gewiss.

Doch Johannes weiß um den Anfang und um das Ziel.

 

Und dennoch sprechen wir vom Wunder, vom Wunder des Lichtes zur Weih- nacht. Ist es Glaube oder Liebe, wenn Johannes sagt, wer da glaubt wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Die Ströme des Wassers, sind Ströme des lebendigen und des lebendig machenden Wortes.

 

Johannes meint, Weihnachten muss auch über die Zeit hinaus ein Gesicht bekommen. Maria darf als Mutter unseres Herrn nicht anonym bleiben. Ihr Glaube, ihre Liebe muss immer auch mit ihrer Person verbunden bleiben.

 

„ was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und  was wir betastet haben,“ davon will er weitersagen und das will er weiter geben, damit auch eure und unsere Freude vollkommen werde.“

Denn der Anfang lag bei Gott, der Ursprung liegt bei ihm.

Gewiss  wüssten wir gern mehr von dem, was damals wirklich geschah, auch von Joseph, der sich ganz im Hintergrund hielt, Maria aber jetzt nicht verlassen hat.

 Aber wie viel Erinnerung braucht der Mensch wirklich? Wir müssen schließlich nicht alles wissen. Die Spur der Erinnerung muss sich doch in ganz bestimmten Bahnen bewegen. Die Zusammenhänge sind wichtig,  um sich dann auch immer wieder auf den Anfang besinnen zu können.

 

Bildlich gesprochen, sehe ich im Zeichen des Ankers ein Sinnbild für den Anfang. Wo Menschen einen Anker auswerfen, da haben sie einen Punkt gefunden,an dem sie sich festhalten können. Einen Punkt an den sie auch immer wieder zurückkehren können. In den Fluten der Zeit und der Zeiten gibt er ihnen Halt.   

 

Lesen wir die Texte des Johannes, so merken wir sehr schnell, wie wenig er im einzelnen sagt, aber wie ausführlich er ist, um diese eine Linie, die Linie des Handelns Gottes im und durch das Licht aufzuzeigen.

Ein Licht, das nicht sticht und nicht brennt. Ein Licht das freundlich ist und wärmt.

In diesen Tagen spricht man wieder viel von Albert Schweitzer, ein neuer Film geht durch die Kinos. Ein Name, der sich uns schon beinahe eingebrannt hat. Es ist gut, dass es ihn gibt und die junge Generation von ihm auf so anschauliche und authentische Weise erfährt. Denn es geht ihm der Ruf nach, selbst ein Weihnachtkind zu sein. Ein Mensch von dem unsagbar viel Licht und Liebe und Kraft ausging.

 

Und der selbst doch ganz bescheiden von sich sagte, ich will Jesus groß machen und ihm nachfolgen.Ich habe sein Bild vor Augen, mit ihm bin ich im Gespräch.  Ist damit nicht auch dieses Geheimnis des Anfangs bei Gott gemeint? Denn wenn Menschen die Orientierung in unserer Zeit verlieren, dann suchen sie nach diesem Bild, nach diesem  „Anfang“ bei Gott, nach diesem Licht, das da scheint in der Finsternis, das da einen neuen Weg aufzeigt an der Seite eines Menschen, der Verständnis, Geduld und Liebe hat.

 

Was im Verborgenen geschieht und sich erst nach und nach zeigen will, dürfen wir nicht zu schnell nach außen zerren wollen. Manches braucht seine Zeit.

Wie kurzatmig und schnelllebig ist doch unser Alltag. Kaum ist etwas bekannt geworden, schon hat man es auch wieder vergessen. Das heißt Beschleunigung, wir leben in einer beschleunigten Gegenwart. Und manches, was so verworren ist, muss dann erst entschleunigt werden, damit man es überhaupt erst erkennt. Wie viele Briefe werden geschrieben, die noch ehe sie gelesen werden, schon in den Papierkorb wandern. Ein Sprichwort sagt: Es ist besser, sich einmal zu sehen als zehn Briefe zu schreiben. 

 

Doch wenn Johannes einen Brief schreibt, dann ist dieses Schreiben von Bestand. Es ist kein Schreiben wie ein anderes. Er schreibt mit glühender Feder, mit leuchtenden Augen und mit brennendem Herzen in der Kraft des Geistes – damit seine Freude vollkommen werde.

Und Maria, ist das Bild der Maria nicht auch im Hintergrund zu erkennen.

Maria begegnet uns im Geist und tritt in unser Leben ein. Als eine fromme und starke Frau aus Galiläa, als die liebende Mutter Jesu,die ihren Sohn begleitet hat, und sie begegnet uns als die Zeugin für ihre Zeit und des Evangeliums.

 

Wir dürfen das Bild nicht zu klein machen. Hier geht es um die Dinge unserer Welt und ich möchte sagen um Weltgeschichte. Ihr Bild prägte auch die ganze Geschichte der Kirche.

Theopil Spoerri hat eine Geschichte Europas unter diesem Aspekt geschrieben, wenn er von den  „Grundkräften“ spricht, die in ihr wirksam waren.

 

Lebendig bleibt Geschichte, wenn sie aus dieser Erinnerung lebt und auf diese Erinnerung immer wieder zurückgreift, und aus ihr auch neue Impulse empfängt. Hier wird der Wille zur Zukunft gestärkt und der Blick kann über den Augenblick hinaus auf das gehen, was Gott schaffen wird. Das Leibliche ist nicht teilbar. Das bleibt ihr Geheimnis. Auch ist die Sprache nicht teilbar. Allein die Botschaft wirkt weiter .

 

 Tot ist die Geschichte dagegen und erstarrt und zu einem leeren System geworden, wenn sie diesen Ursprung verliert. Blass wird das Leben und ohne Farbe. Großen Erschütterungen hält es nicht mehr stand. Der Mensch zerbricht. Der Anker hat sich gelöst, er pendelt im Raum. Die Spuren gehen verloren. Sie sind wie in den Sand geschrieben.

 

Nicht so die Spur, die Maria hinterlassen hat. Ihre Spur ist bis heute erkennbar. Wer Jesus vor Augen hat, der wird auch an Maria denken. Und wer an Maria denkt, wird auch das Bild Jesu vor Augen haben.

Beide gehören zusammen. Sie sind untrennbar miteinander verbunden.

Sie sind aufeinander bezogen. Im Licht – aber auch dort, wo die Schatten auf ihrer beider Leben gefallen sind.

 

Die Weihnachtszeit ist unendlich reich. Reich und kostbar.

Wer wird dies Geheimnis je ergründen. Johannes hat uns auf das Geheimnis des Anfangs hingewiesen. Das Ende, als das Ziel, die Erfüllung haben wir vor uns. -  

  Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahren unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.