Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 1,1-4

Dr. Christoph Glimpel (ev,)

27.12.2009 in der Evangelischen Stadtkirche Schiltach

Liebe Gemeinde!

Dreieinhalb Feiertage am Stück!
So viel freie Zeit beschert uns das diesjährige Weihnachtsfest.
Um das zu überstehen, braucht man einen langen Atem.
Dreieinhalb Tage sind die Geschäfte geschlossen.
Dreieinhalb Tage kommen weder Paket- noch Briefsendungen ins Haus.
Dreieinhalb Tage entfällt das morgendliche Ritual des Zeitungslesens.
Dreieinhalb Tage lang müssen wir unsere Zeit völlig selbständig einteilen.
Da braucht man einen langen Atem.

Und wie bekommt man einen langen Atem?
Kann man das irgendwie trainieren?
Ein Blick ins Internet hilft weiter:
Bei den Diskussionsforen zum Thema „Tauchen“ finden sich viele Hinweise, wie man sich einen langen Atem antrainieren kann.
Zu den wichtigsten Methoden gehört – wen wundert’s? – der Sport, und verbunden damit regelmäßiges tiefes Luftholen.

Ich habe auch tief Luft geholt, als ich den heutigen Predigttext zum ersten Mal laut gelesen habe.
Bei diesem Text braucht man einen langen Atem, denn er beginnt mit einem riesenlangen Satz, der sich über drei Verse erstreckt.
Beim Testlesen habe ich feststellen müssen, dass mein Atem noch nicht lang genug ist,
um diesen Text mit nur einmal Luftholen vorzulesen.
Also erlauben sie mir bitte, zwischendurch Luft zu holen, der Text ist auch so atemberaubend genug.
Hören wir also auf die ersten 4 Verse des 1. Johannesbriefes:

1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens - 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -,
3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4 Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.


Diese Worte erfordern nicht nur einen langen Atem beim Vorlesen, sie sind auch schon mit langem Atem geschrieben worden.
Da hat jemand so tief Luft geholt, dass er mit dem Ausatmen gar nicht mehr aufhören kann,
ja dass es geradezu aus ihm herausstürmt.
Punkte und andere Satzzeichen sind machtlos angesichts des gewaltigen Gedankenstromes, mit dem der 1. Johannesbrief anhebt.

Johannes bricht dabei mit allen Regeln der modernen Predigtkunst (die er natürlich noch nicht gekannt hat).
Wir heutigen Prediger sollen möglichst kurze Sätze formulieren.
Es gilt das so genannte KISS-Prinzip. (Kiss ist englisch und heißt Kuss.)
Und die vier Buchstaben von KISS, also k, i und zweimal das s, stehen für den Satz: keep it simple and stupid.
Man soll also Sätze machen, die kurz sind und die den Hörer inhaltlich nicht überfordern.

Johannes denkt gar nicht daran, sich an diese Regeln zu halten, und er kann es auch gar nicht.
Denn ihm hat sich eine Sauerstoffquelle erschlossen, die jede Kurzatmigkeit beseitigt, die sich in knappen Hauptsätzen nicht fassen lässt, ja die überhaupt das Fassungsvermögen unserer Sprache übersteigt.
Aus dieser Quelle sprudelt nicht nur der Sauerstoff, aus ihr sprudelt auch alles andere, was wir zum Leben brauchen, denn sie ist das Leben selbst: Jesus Christus, der Mensch gewordene Gott, unser Herr.

Diesen Herrn zu feiern, dafür sind dreieinhalb Tage viel zu wenig.
Und trotzdem wird sich die eine oder der andere gefragt haben: So viele Gottesdienste hintereinander, ist das nicht ein wenig zu viel des Guten?
Schließlich kennen wir die Weihnachtsbotschaft schon aus Kindertagen, da braucht man sich das doch nicht drei bis vier Mal in Folge anzuhören, oder?

In der Tat scheint der Neuigkeitswert der Botschaft vom Mensch gewordenen Gott gering zu sein.
Sie hat es nicht auf die Titelseiten der Medien geschafft.
Sie ist in den Schatten gestellt worden durch den spektakulären Anschlag auf den Papst und sogar durch verschiedene kirchliche Stellungnahmen zu politischen und zu sozialen Themen.
Da wurde mehr Solidarität gefordert, ja wer wünscht sich das nicht?

Wie gut, dass unsere schönen alten Weihnachtslieder die Botschaft vom Mensch gewordenen Gott weiterhin unverdrossen in den Mittelpunkt stellen.
Da wird das fleischgewordene Wort des ewigen Vaters gepriesen, und selbst die herzloseste Aufklärung vermag es nicht, diese Worte aus unserem Liedschatz zu verdrängen.
So sehr das Kreuz im Klassenzimmer den einen oder anderen atheistischen Fundamentalismus provoziert, es kommt doch niemand auf die Idee, sich bei der Kaufhausleitung zu beschweren,
wenn das Klingen der Kassen sich mit dem Lobgesang der himmlischen Heere mischt.

Früher, da habe ich mich ja immer aufgeregt über diese weihnachtliche Gefühligkeit.
Aber wenn ich mir anschaue, was der Johannes schreibt, dann ist das ja geradezu die Quintessenz von Weihnachten: der ewige Gott lässt sich mit allen Sinnen wahrnehmen.
Da geht es in einem Satz 3mal ums Sehen, 2mal ums Hören, 1mal ums Schauen und 1mal ums Betasten.
Johannes kann es schier nicht fassen, dass der ewige Gott sich sehen, hören und betasten lässt.
Und weil Johannes das nicht fassen kann, stürmen die Worte so aus ihm heraus, dass er sich im ersten Satz seines Briefes fast verheddert.

Unsere Sinnlichkeit, dieses viel gescholtene Relikt einer animalischen Vergangenheit, sie wird zum Mittel, durch das der ewige Gott uns begegnen will.
Und weil Gott es ist, der sich unserer Sinnlichkeit bedient, darum kommt eben keine atheistische Aktion gegen den sinnlichen Zauber an, der von unseren Weihnachtsliedern ausgeht und der die Weihnachtsbotschaft in unverkürzter Reinheit uns sinnlichen Wesen nahe bringt: Welt ging verloren, Christ ward geboren, freue dich, o Christenheit!

Dass wir das jedes Jahr aufs Neue singen, das verdrießt uns nicht, im Gegenteil: Es würde etwas Wesentliches fehlen, wenn wir es nicht täten.
Und was für die Lieder gilt, das gilt erst recht für die Botschaft, die von den Liedern transportiert wird: Dass wir diese Botschaft jedes Jahr aufs Neue hören, das kann uns gar nicht verdrießen.
Denn an der Botschaft vom Mensch gewordenen Gott ist nicht ihr Neuigkeitswert das Entscheidende, sondern ihre Tiefe.

Die Weihnachtsbotschaft ist nichts für die Kurzatmigkeit medialer Berichterstattung, sie ist etwas für Menschen, die täglich vom unerschöpflichen Sauerstoffvorrat des Evangeliums inhalieren, und die durch dieses tägliche tiefe Einatmen einen langen Atem gewinnen:
Einen Atem, der sie auch dann nicht verlässt, wenn sie wieder untertauchen müssen in den trüben Wassern des Alltags.
Wenn morgen das geschäftige Treiben auf den Straßen und in den Läden wieder beginnt,
dann können wir uns tragen lassen vom langen Atem des Christuszeugen Johannes.

Den flachwurzeligen Blätterwald montäglicher deutscher Nachrichtenmagazine bringt Johannes freilich nicht zum Rauschen.
So sehr Johannes die sinnliche Erfahrbarkeit Gottes betont, wir erfahren doch so gut wie nichts über den so genannten historischen Jesus, der regelmäßig zur Auflagensteigerung der
Magazine herhalten muss.
Johannes ist frei von der ängstlichen Kurzatmigkeit historischer Faktensammler, er redet mit dem langen Atem des Glaubens.
Und dieser Glaube rätselt nicht herum, ob und wie Gott etwas getan hat, sondern er staunt unablässig darüber, was Gott getan hat: Der ewige, heilige, unzugängliche, unsichtbare Gott lässt sich hören, lässt sich sehen, lässt sich betasten.

Aber diese sinnliche Zugänglichkeit Gottes, seine hörbare, sichtbare und greifbare Menschlichkeit, liefert ihn doch nicht der menschlichen Verfügungsgewalt aus.
Gott wird nicht zu einem goldenen Kalb, das wir für unsere Sehnsüchte und Interessen beliebig instrumentalisieren könnten.
Der fleischgewordene Gott bleibt seiner all unserem Verstehen entzogenen Herkunft treu, darum beginnt Johannes seinen Brief mit dem ganz undeutlichen Ausdruck: „das, was von Anfang an war“.
An dieser Undeutlichkeit wird deutlich, dass das Wort des Lebens  alle menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten übersteigt, an dieser Undeutlichkeit wird deutlich, dass das Wort Gottes unerschöpflich ist.
Der lange Atem des Johannes strömt aus dem unerschöpflichen Geheimnis, das wir Gott nennen, und das sich uns in Jesus Christus offenbart.

Mit unerschöpflichen Dingen haben wir freilich wenig Erfahrung.
Es gehört zwar zu den alten Menschheitsträumen, dass ein Tischlein sich immer wieder deckt
oder ein Goldesel immer wieder Dukaten spuckt.
Aber reale Begegnungen mit solch materiellen Unerschöpflichkeiten sind eher im Bereich häuslicher Missgeschicke anzutreffen, etwa dann, wenn die Wasserleitung platzt und wir einfach nicht wissen, wohin mit dem schier unerschöpflichem Nass.
Aber selbst dieses Nass käme irgendwann an sein natürliches Ende, und so müssen wir eben immer wieder erkennen: Unter den materiellen Dingen gibt es nichts Unerschöpfliches.

Unerschöpflich ist aber die Freude, die wir empfinden, die Liebe, die wir weitergeben oder auch die Schönheit, die wir mit anderen teilen.
Diese Güter sind unerschöpflich, und darum drängt es uns, sie mit anderen zu teilen.
Die Freude über einen Erfolg gibt einen aus und lässt auch andere daran teilhaben; die Liebe, die ich empfange, macht mich auch anderen gegenüber liebesfähig; die Schönheit, die ich sehe, muss ich unbedingt auch anderen zeigen.
So drängt auch der Glaube an den unerschöpflichen Gottessohn ganz natürlich über sich selbst hinaus.
Der lange Atem des Johannes mündet  in der Verkündigung, und diese Verkündigung schließt die Gemeinschaft der Christuszeugen mit denen zusammen, die neu aus der unerschöpflichen Sauerstoffquelle des Glaubens schöpfen dürfen.

Bestimmt erinnern Sie sich: Am vergangenen Reformationstag haben wir bekannte Personen aus unserer Stadt hier in der Kirche einen Bibeltext auslegen lassen.
Da war auch eine Rednerin dabei, die aus Tschechien stammt.
Sie ist in einer atheistisch geprägten Umgebung aufgewachsen, hat aber später das Geschenk des Glaubens empfangen.
Und die hat ein bewegendes Zeugnis abgelegt, sie hat gesagt: Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, welch eine Armut es ist, wenn man die Botschaft von Jesus Christus vorenthalten bekommt.

Jeder Mensch, der mit seiner Biographie von Christus ergriffen wird, ist ein neues Zeugnis für die Unerschöpflichkeit unseres Glaubens, jeder Mensch, der Jesus als seinen Herrn erkennt, wird zum Windkanal für den langen Atem der Verkündigung des Johannes.
Der Atem des Johannes kommt aus der Unerschöpflichkeit Gottes und strömt in die Unerschöpflichkeit seiner Jüngerschaft.
Und diese Erkenntnis lässt zumindest mich daran zweifeln, ob wir es hier noch mit einem menschlichen Atem zu tun haben, der uns aus dem Johannesbrief heraus anweht, ob wir es hier nicht viel eher mit dem Heiligen Geist höchstpersönlich zu tun haben, der einem Menschen aus der Unerschöpflichkeit Gottes heraus die Feder geführt hat.
Und da beginne ich von neuem zu staunen über den Text, den ich heute auszulegen habe und ich muss eingestehen, dass mein Atem noch viel zu kurz ist, um die ganze Tragweite der Ouvertüre des 1. Johannesbriefes zu ermessen.
Und wenn es ihnen ähnlich geht, dann werden wir alle eingestehen müssen, dass dreieinhalb Feiertage eben doch viel zu kurz sind, um die Tiefe der Weihnachtsbotschaft zu begreifen.

Trösten wir uns damit, dass wir nicht die ersten sind, die fassungslos vor dem stehen, was Gott uns schenkt.
„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen“, mit diesen Worten tritt Paul Gerhardt an die Krippe des Jesuskindes heran.
Aber alles Sehen, Hören, Schauen und Betasten dieses Kindes vermag nicht den Geist zu erschöpfen, aus dem es empfangen wurde.
Und so wünscht sich Paul Gerhardt nur eines, und wir werden uns gleich singend diesem Wunsch anschließen: O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!

Amen