Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 1,1-4

Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt (ev.)

27.12.2009 in der Frauenkirche Dresden

1. Sonntag nach dem Christfest

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. In der Stille bitten wir Gott um seinen Segen für sein Wort und unser Hören und Verstehen.

Liebe Gemeinde,
Weihnachten ist Lebensqualität pur. Zeit für sich und Zeit für andere zu haben; ein gutes Buch lesen zu können, ein langer Spaziergang. Gespräche mit Freunden, in der Familie...

Vielleicht trägt auch das eine oder andere Geschenk dazu bei, dass viele Weihnachten mit Lebensqualität verbinden. Wir geben uns Gaben, die zum Gelingen unseres Lebens dienen sollen. Und dieses gelingende Leben bedeutet für viele, eine hohe Lebensqualität zu haben. Und sie sagen das. Von Lebensqualität zu sprechen ist heute beliebt. Lebensqualität ist ein Modewort.

Herauszufinden, was mein Leben wirklich qualifiziert, d.h. was mein Leben auszeichnet, was mein Leben ausmacht und zum leben bringt, ist hingegen gar nicht so in Mode. Im Gegenteil. Wir setzen das Leben meist voraus. Wir nehmen es hin. Wir nehmen es für gegeben, sagen wir. Halten wir das Leben wirklich für gegeben? Halten wir es für eine Gabe?
 
Die Bibel vermittelt uns das: Das Leben ist immer Gabe. Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst. Das Leben ist ihm von Gott gegeben. Mein Leben ist nicht das Resultat meines Tuns, sondern ein Geschenk Gottes. Diese Tatsache, dass ich mein Leben geschenkt bekommen habe, bringt mich ohne mein Zutun in eine Beziehung zu dem, der mir das Leben gegeben hat. Wo ist diese Beziehung zum Geber des Lebens zu finden? Wo finde ich diese Beziehung zu meinem Gott.

Die Versuchung ist groß, sie außerhalb der menschlichen und weltlichen Verhältnisse zu suchen. Transzendieren heißt das. Wir sind heute groß darin und wähnen uns dabei in einer spirituellen Dimension des Lebens. Das ist wieder modern.

Die alte biblische Erfahrung sagt das Gegenteil. Gott ist nicht in der Ferne, nicht außerhalb der Welt. Gott ist in der Welt konkret. Gott kommt nieder. Gott kommt zur Welt. Gott ist Mensch geworden.

Mit Weihnachten vermittelt sich uns diese Botschaft. Aber nicht allein mit den Versen der bekannten Weihnachtsgeschichte im Stall von Bethlehem. Auch nicht allein mit den Worten des Evangelisten Johannes: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Dass Gott mitten in der Welt konkret und begreifbar wird, vermitteln die Worte am Anfang des 1. Johannesbriefes, die wir als Epistel bereits gehört haben. Der Verfasser dieses Briefes will den ersten Christen am Anfang des 2. Jahrhunderts nach Christus deutlich machen: Trennt nicht zwischen der Welt hier – und Gott dort. Haltet beides zusammen. Findet die Beziehung zu Gott in Jesus Christus. In seiner Geburt als Mensch. Jesus war ganz Mensch und gleichzeitig von Gott, bleibt Gott. Um das begreiflich zu machen, bemüht der Briefschreiber alle Sinne und wird fast handgreiflich. Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und mit unseren Händen betastet haben, vom Wort des Lebens – das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist ...

Nicht der geringste Zweifel soll aufkommen, dass in der Menschlichkeit von Jesus Christus das wahre Leben – der Brief nennt es: das ewige Leben – uns erschienen ist. In der christlichen Gemeinschaft gab es damals Tendenzen, das anders zu sehen. Man trennte bewusst zwischen dem irdischen Jesus und dem himmlischen Christus; mit dem Ziel, sich selbst ganz dieser himmlischen Vorstellung hinzugeben und von allem menschlich, abgründigen absehen zu können.

Ganz fremd ist uns diese Denkweise heute auch nicht. Die Art, wie wir Jesus Christus denken und glauben, ist auch heute sehr unterschiedlich. Die einen setzen auf die Menschlichkeit Jesu. Jesus, der Mann aus Nazareth ist für sie das große ethische Vorbild. So manche politische Vereinnahmung von Jesus findet in dieser Sicht ihren Ausgangspunkt.
 
Andere setzen allein auf die Herrlichkeit und Göttlichkeit Christi. Sie rücken Jesus Christus als den Sohn Gottes in die Ferne. Und lassen Gott damit selbst ganz anders erscheinen, als es die biblische Erfahrung verheißt. Gott ins Jenseits zu denken ist heute weit verbreitet. Die Folge davon ist, dass wir Gott damit von unserem menschlichen Denkvermögen abhängig machen. Wir geben Gott und Christus eine Gestalt, die auf Gedanken und Vorstellungen basiert, nicht auf begreifbaren Tatsachen.

Dagegen steht die Bibel. Dagegen steht der 1. Johannesbrief. Es ist nicht unser menschliches Denken, dass uns Gott begreifen lässt. Es ist die sinnliche Wahrnehmung, die das Wirken des ewigen Gottes im Leben bezeugt. Es ist das Begreifen, dass uns Gott verstehen lässt.

Das Göttliche weltlich konkret zu begreifen, Gott zu begreifen, verlangt deshalb in der Tat „handgreiflich zu werden“ und alle Sinne zusammen zu nehmen und zu glauben, was gesehen und gehört worden ist. Gott im Diesseits zu begreifen. Das ist die Herausforderung. Und das hat etwas mit Lebensqualität zu tun. Gerade jetzt, zu Weihnachten. Da sind wir ja nicht nur dabei, all das Schöne und Beglückende dieser Tage zu Lebensqualität zu erklären.

In diesen Festtagen begegnen uns doch ebenso die existentiellen Herausforderungen des Lebens. Sie stecken uns in den Knochen. Nicht das viel zu gute Essen der Feiertage liegt uns schwer im Magen, sondern vielleicht der noch ausstehende Besuch eines pflegebedürftigen Angehörigen im Krankenhaus oder im Hospiz. Er wiegt so schwer, weil wir wissen, was uns erwartet: die Auseinandersetzung mit der Hinfälligkeit und Hilfsbedürftigkeit menschlichen Lebens. Und natürlich steht da dann die Frage: Was ist Lebensqualität? Wo beginnt sie? Wann endet sie?

„Kinder, lasst mich sterben… Wenn es mit mir einmal so schlimm bestellt ist, wenn man überhaupt nicht mehr von Lebensqualität sprechen kann, dann ..., dann muss das Leben doch nicht künstlich verlängert werden“, sagt eine alte Frau zu ihren Angehörigen. Sie spricht das Wort „Sterbehilfe“ nicht aus, aber sie spricht das Anliegen an. Wo das menschliche Leben zum Existieren im Grenzbereich zwischen Leben und Sterben wird, wird auch die Frage nach der Lebensqualität gestellt. Es ist unsere Sehnsucht, über die bislang unlösbaren Probleme des Lebens hinaus zu kommen, die uns dazu bringt, das Leben zu bewerten – und dabei von Lebensqualität zu sprechen. So, als ob wir in der Lage wären, Lebensqualität zu schaffen. Lebensqualität kann ich als Mensch aber nicht schaffen und nicht erlangen.

Lebensqualität habe ich. Sie ist mir mit dem Leben gegeben. Sie wohnt der Beziehung Gottes zum Menschen inne. Insofern ist Lebensqualität immer leistungsunabhängig. Wir haben sie, gut lutherisch gesprochen: ohn‘ all Verdienst und Würdigkeit.

Lebensqualität zu haben heißt: So, wie ich mich als Mensch nicht selbst schaffen muss, so muss ich mich am Ende des irdischen Lebens nicht selbst entsorgen. Für mich ist gesorgt. Darin zeigt sich die Qualität unseres Lebens. Das ist Lebensqualität.

Was bedeutet dies aber angesichts des rasant fortschreitenden medizinischen Fortschritts und der aktuellen Debatte um den Umgang mit dem Leben am Ende des Lebens? Wo Gott als jenseitiges Gegenüber geglaubt wird, bleibt es beim distanzierten Verhältnis zwischen Gott als dem Geber des Lebens dort und Empfänger des Lebens hier. Leben ist und bleibt so eine unverfügbare Gabe. Wird Gott hingegen als im Diesseits konkret geworden begriffen, hat Gott Anteil an unserem Ringen um das Leben.

Das Leben bleibt sein Geschenk. Aber Gott steckt so in unserer Haut. Gott steckt in unseren ungelösten Fragen und Problemen. Gott ringt mit uns um den richtigen Umgang mit dem Leben, so wie es Jesus beispielhaft unter Beweis gestellt hat. Wie ein roter Faden durchzieht dieses Ringen um das Leben das Leben dieses Mannes. Immer ist er in Kontakt mit denen, deren Leben für weniger wert oder gar für unwert erachtet wurde. Kranke, Sterbende, Abgeschriebene.

Sein Augenmerk galt z.B. den Frauen seiner Zeit, deren Zusammenbruch der Ehe ihr Leben existentiell gefährdete. Wären es heute die Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vor – oder hinter sich haben? Oder wären es die Frauen, die ungewollt ihr Kind verlieren. Viel zu lang hat es gedauert, bis in unserem hoch entwickelten Land sich langsam auch die Einsicht entwickelt, dass werdendes Leben ein Leben mit Würde und Recht ist – und so es stirbt, es – wie klein es auch sei – nicht in den Abfall gehört, sondern würdevoll bestattet. In Gottes Hand gegeben... Das ist Lebensqualität.

In den Grundfragen des Lebens Gott an der Seite zu wissen. Nicht mit feststehenden Vorgaben und Dogmen, sondern dem Leben zugewandt, dem Leben verpflichtet, dem Menschen zur Hilfe. Es kommt darauf an, die moderne Rede von der Lebensqualität einem Perspektivwechsel zu unterziehen. Lebensqualität ist viel mehr als gelingendes Leben. Gerade zu erfahren, dass Gott sich mit dem nicht Gelungenen im Leben gemein macht, identifiziert, eröffnet neues Leben, kündet vom ewigen Leben.

Weihnachten, die Botschaft von dem neuen Leben, das in Jesus zur Welt gekommen ist, verkündigt vor allem das ewige Leben, das mit Gott in der Welt von Ewigkeit zu Ewigkeit ist. Ewiges Leben ist Leben in der Beziehung mit Gott. Es beginnt lange vor der Geburt – und es endet nicht mit dem Tod. Ewiges Leben ist Leben, das nicht vom Werden und Vergehen begrenzt wird, sondern den Menschen in seinem irdischen Dasein überlebt.

Lebensqualität zu haben bedeutet, ewiges Leben zu haben. Weihnachten ist Lebensqualität pur.

Amen