Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 1,5-2,1

Professor Dr. Okko Herlyn

20.07.2006

Abschluss der 37. Karl-Barth-Tagung auf dem Leuenberg / Schweiz zum Thema „Kirche im gesellschaftlichen Wandel“

Zum Abschluss der 37. Karl-Barth-Tagung in der Ev. Heimstätte Leuenberg / Schweiz zum Thema „Kirche im gesellschaftlichen Wandel“

Bei allem Respekt

Lieber Johannes!

Da hast Du uns etwas Schönes eingebrockt. Wir sitzen hier gerade friedlich beisammen, um über uns als Kirche nachzudenken. Und Du hast nichts Besseres zu tun, als uns irgendetwas Steiles von „Sünde“ und „Versöhnung“ vor die Füße zu werfen. Unter uns: Das klingt nicht eben sehr motivierend.

Um ehrlich zu sein: Wir hätten da doch eher ein Wort der Ermutigung erwartet. Weißt Du, wir empfinden uns als durchaus engagierte Leute. Aber wir sind momentan doch auch ziemlich unsicher. Niemand weiß momentan so recht, wie es eigentlich weitergehen soll mit der „Gemeinschaft der Heiligen“.

Da sind die Finanzen – das alte und ewig neue Problem. In allen Gemeinden haben wir damit zu kämpfen, nicht selten bis an die Grenzen des Erträglichen und manchmal auch bis an die Grenzen des menschlich Verantwortbaren. Da hat es schon manch böses Blut unter uns gegeben, manche Enttäuschung, manch bleibende Verletzung. Und Du, lieber Johannes, redest von „Sünde“. Nicht alles ein bisschen an der Sache vorbei?

Da sind unsere diakonischen Bemühungen. Unsere vielen Einrichtungen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der häuslichen Pflege, in den Beratungsstellen, in den Kindertagesstätten, in den Wohn- und Pflegeheimen, in den Kontaktstellen für Hilfesuchende und Fremde, nicht zuletzt in der Leitung und Verwaltung. Da gibt es manchen Konflikt, manch eine Konkurrenz, hier und da Sieger und Verlierer. Und Du redest von „Versöhnung“. Nicht alles ein bisschen naiv?

Da ist unsere Sorge, was aus uns als Kirche überhaupt einmal werden mag. Die Gemeindegliederzahlen gehen zurück, die Einnahmen sinken drastisch. Gebäude werden geschlossen, zu Kneipen umfunktioniert oder gar abgerissen. Kindergartengruppen müssen reduziert werden, die Verantwortlichen ziehen sich den Zorn der Bevölkerung zu. Und Du redest irgendetwas von „der ganzen Welt“. Nicht alles ein bisschen vollmundig daneben?

Nein, lieber Johannes, das hatten wir uns doch ein wenig anders vorgestellt. Irgend so ein schönes, wohltuendes Wort nach vorne. Irgend so einen aufbauenden konstruktiven Gedanken. Vielleicht auch nur einen kleinen hübschen irischen Reisesegen. Merkst Du denn nicht, dass wir im Augenblick alles andere als steile theologische Belehrungen brauchen, sondern sehr, sehr viel Ermutigung, sehr, sehr viel Optimismus, sehr, sehr viel Kraft?

Nichts für ungut,
Deine kleine verzagte Kirchenschar


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Liebe kleine verzagte Kirchenschar!

Herzlichen Dank für Eure ehrlichen Worte. Um es gleich zu sagen: Ihr habt mich durchaus missverstanden wenn Ihr meint, mir sei eine Situation, wie Ihr sie mir soeben eindringlich geschildert habt, gänzlich unbekannt. Auch in den Gemeinden, denen einst mein Brief galt, gab es manche Konflikte. Die einen meinten, es besser zu wissen, die anderen meinten, es besser zu können. Die einen hielten ihr eigenes Christsein für überzeugender, die anderen für effektiver. Völlig ungeklärt war bei manchen das Verhältnis von Glauben und Leben überhaupt, wenn man so will: von geglaubter und empirischer Kirche. Auch darüber, wie sich die Gemeinde nach außen, „in der Welt“, gar in einer sich wandelnden Gesellschaft dazustellen habe, herrschte mancherorten Uneinigkeit. Glaubt mir, so unbekannt ist mir das alles nicht.

Habe ich Euch nun richtig verstanden? Ihr wollt von mir vor allem ein Wort der Ermutigung, ein Wort der Wegweisung, ein Wort der Kraft und der Zuversicht. Vielleicht auch nur ein wenig „positives Denken“, wie man das heute wohl nennt. Ein bisschen Aufbruchstimmung also.

Ehrlich gesagt: Warum geht Ihr nicht gleich zu Jürgen Fliege? Zu Maybrit, Sandra, Reinhold oder Johannes B.? Da wird doch Abend für Abend nichts anderes abgeliefert als das Gejammer über das Gejammer, als die Beschwörung des berühmten „Rucks“, der durch die Gesellschaft gehen müsse. Nichts anderes als die ewige Predigt vom In-die-Hände-Spucken, vom endlichen Anpacken der Probleme. Nehmt es mir nicht übel, aber die Wirkungen solcher Mutmachappelle sind sattsam bekannt: Wir hören sie, gehen zum Kühlschrank und holen uns eine neue Flasche Bier.

Ich will mit meinem Wort einen anderen Weg gehen, gerade weil mir Eure Situation nicht egal ist. Gerade weil ich Eure Unsicherheit aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen kann. Gerade weil ich Euch nicht ent-, sondern eben ermutigen will. Gerade weil auch ich um die Not der Kirche zu wissen glaube, deshalb möchte ich in dieser Stunde von etwas anderem oder besser: von einem anderen reden. Von Jesus Christus. „Er ist die Versöhnung für unsre Sünden.“

Ihr stutzt. Ja, Ihr habt recht gehört. Ich rede bewusst von Sünde. Ich tue das deshalb, weil es, wenn wir über die Not der Kirche reden, meines Erachtens noch um etwas Anderes, Ernsteres, Gewichtigeres geht als um Konflikte und Unstimmigkeiten, um Interessenskollisionen und Konkurrenzen oder auch nur um ein paar Prozente weniger Kirchensteuereinnahmen. Es geht um den brutalen Riss zwischen Gottes guter Schöpfung und seinen ungetreuen Geschöpfen. Es geht um den dunklen Schatten, der immer wieder auf unserem Leben und unserer Welt lastet, seit Adam sich von Gott losgesagt hat. Es geht um die tiefe, grause Spur der Gewalt, der Schuld und des Todes, die seither die Welt im Großen wie Kleinen durchfurcht.

Das brauche ich doch Euch als wachen Christenmenschen nicht eigens vor Augen führen. Ihr seid doch selbst Tag für Tag Zeugen dieser Spuren. Bei den vernachlässigten Kindern. Bei den geschlagenen Frauen. Bei den gedemütigten oder auch gewalttätigen Männern. Bei den vereinsamten Alten. Bei den Entwurzelten und Verunsicherten, bei den Heimatlosen und Verarmten an Leib und Seele. Ihr erlebt es doch Tag für Tag, wie hilflos und nutzlos und manchmal sogar zynisch jene billigen Mutmachersprüche und „Ruck“-Parolen sind. Ihr wisst doch besser als ich, dass es in der Kirche mit ein bisschen In-die-Hände-Spucken überhaupt nicht getan ist.

Ich kann aber – das will ich gleich dazu sagen – von Sünde, also von jenem großen Schatten, der auf uns allen lastet, nicht reden, ohne gleichzeitig von dem zu reden, der sich dieses Schattens wirksam angenommen hat, eben von Jesus Christus. „Er ist die Versöhnung für unsre Sünden.“ Versöhnung, wohlgemerkt. Nicht: ein bisschen „Schwamm-drüber“. Nicht: ein bisschen „Alles-halb-so-schlimm“. Nicht: ein bisschen Kaschieren und Verdrängen der Probleme. Versöhnung – das heißt schlicht: Jener Riss zwischen Gottes guter Schöpfung und seinen ungetreuen Geschöpfen ist nicht das letzte Wort. Nicht das endgültige Schicksal unserer Welt. Auch wenn die Welt, in der wir leben, oft den Eindruck macht, als habe sie das nicht begriffen.

Warum ich so grundsätzlich werde? Weil ich glaube, dass es beim Nachdenken über die Kirche und ihre Zukunft nicht mit ein bisschen „good will“ oder zur Not auch mit ein bisschen Zusammenraufen getan ist. Weil ich glaube, dass die Schritte, die wir als Kirche zu gehen versuchen, nur gelingen, wenn sie sich gründen auf jenen einen, unverwechselbaren Schritt, den Gott in Jesus Christus schon auf uns zu gemacht hat. Ich nenne das „Versöhnung“, nennt Ihr es, wie ihr wollt. „Jesus Christus ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“

Der ganzen Welt? Ja, ihr habt richtig gehört: der ganzen Welt. Es wäre entschieden zu wenig, wenn jene Versöhnung nur eine innerkirchliche Angelegenheit wäre. Nur etwas für religiöse Insider. Ach, wir kennen diese Art von Kirche. Leider. Hauptsache: unter sich sein. Hauptsache: ein bisschen Spiritualität. Hauptsache: ein bisschen Seelenmassage. Wohlfühlgottesdienste hier, salbungsvolle Andachten da, ein bisschen theologischer Small Talk dort. Hauptsache: sich nicht zu sehr mit den Dingen dieser Welt abgeben müssen. Gesellschaftliche Konflikte? Nein danke. Arbeitskämpfe, Sterbehilfegesetz, Kinderarmut? Was geht’s uns an? Politik? Igittigitt. Wir kennen diese Art von Kirche, die sich gern kommod einrichtet, irgendwie unbehelligt und unangefochten überwintern möchte. Aber: Jesus Christus ist die Versöhnung nicht für ein paar Fromme. Für die gewiss auch, keine Bange. Er ist die Versöhnung für die Welt. Mit Verlaub, das ist doch noch einmal etwas anderes.

Bei allem Respekt vor Eurer Verzagtheit – wenn ich Euch etwas wünsche, dann dies, dass Ihr einfach nur einmal für einen Augenblick innehaltet und Euch auf das besinnt, was Euch in Wahrheit trägt: Christi Versöhnung. Und dass Ihr dann Gott inständig darum bittet, dass Euer Engagement ein von solcher Versöhnung getragenes sei. Und dass es dann – auch menschlich, auch organisatorisch, auch finanziell – um der Euch anvertrauten Menschen willen ein in der Tat gesegnetes sei.

Liebe kleine verzagte Kirchenschar, ich garantiere nicht, dass mit solch einer Bitte nun von heute auf morgen bei Euch aus klein groß wird. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es mit Eurer Verzagtheit doch bald ein Ende haben kann.

In geschwisterlicher Verbundenheit
Euer Johannes

Amen.