Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 3,20

Pater Elmar Busse

19.04.2009 Filialgemeinde Udenheim Pfarrei Saulheim/Bistum Mainz

„Auch wenn das Herz uns anklagt, Gott ist größer als unser Herz und er versteht alles.“ (1 Joh 3,20)

Wer von Ihnen gerne Kaffee mit Kondesmilch trinkt, wird sie kennen: die kleinen Plastikkännchen, bei denen man erst einmal kräftig auf die Lasche am oberen Rand drücken muss. Dann bricht genau am Rand die Kante, so dass man die Lasche nach oben ziehen kann. Dann lässt sich die Milch durch diese entstandene Öffnung problemlos in die Tasse gießen. Wenn man danach die Lasche nach unten drückt, ist durch die leicht konische Kante das Milchkännchen fest verschlossen.  Mike Krüger kann das noch humorvoller beschreiben („Man muss erst mal den Nippel durch die Lasche ziehn….“).  Techniker nennen diese Konstruktion eine „Sollbruchstelle“.  Nicht nur bei Plastikmilchkännchen, auch bei Brillengestellen gab es früher solche Sollbruchstellen. 1972 gründete der Hamburger Augenoptikermeister Günther Fielmann in Cuxhaven ein Geschäft. Fielmann erkannte eine Marktlücke im Geschäft mit Kassenbrillen, die durch ihre Unattraktivität wenig beliebt waren. Die Auswahl an Modellen war sehr gering, es gab sechs Kunststoff-Fassungen für Erwachsene und zwei für Kinder.  Und diese Kassengestelle waren so konstruiert, dass sie bei durchaus alltäglichen Belastungen brechen mussten. Die Rechnung der damaligen Hersteller von Kassengestellen ging auf: Viele verärgerte Brillenbenutzer kauften dann doch die teuren Brillengestelle mit dem Geld aus eigener Tasche. 1981 schloss der Optiker mit der AOK einen Sondervertrag und schuf 90 Modelle aus Metall und Kunststoff in 640 Varianten. Dadurch beendete er die Ära der Einheitskassenbrille. In seinem ersten Fernsehinterview demonstrierte Günther Fielmann diese von den Herstellern bewusst gewollte, aber geheim gehaltene Fehlkonstruktion der Kassengestelle.  

Auch die Landwirte  wissen um Sollbruchstellen. Wenn sie irgendwelche Anschlussgeräte an ihrem Traktor montieren z.B. einen Grasmäher oder einen Miststreuer, dann wird die Kraft über eine vergleichsweise dünne Welle übertragen, die bei extremer Belastung bricht. Natürlich könnte man den Konstrukteuren den Vorwurf machen, warum sie die Welle nicht stärker dimensionieren, aber der Sinn dieser Sollbruchstelle ist der, dass bei irgendwelchen Blockaden nicht die komplizierten und damit teuren Getriebe Schaden erleiden, sondern nur die leicht auswechselbare Welle zu Bruch geht. Früher gab es sogar für die Balkenmäher am Traktor ein Rundholz in der Kraftübertragungskette. Wenn ein Stein oder ein Holz zwischen die Messer kam, dann brach dieses Rundholz und nicht das Scherblatt. 

Sollbruchstellen machen also durchaus Sinn – sowohl in der Landmaschinentechnik wie bei den Milchkännchen.

Aber wie ist das bei uns Menschen? Es gibt viele Ratgeber, wie wir uns zu tüchtigen und gut funktionierenden Menschen erziehen können. Pater Kentenich lässt sich ja in die Reihe der großen Reformpädagogen am Anfang des 20.Jh’s einordnen, der – für damalige Verhältnisse ganz ungewohnt – am Freiheitswillen und der Sehnsucht nach Selbständigkeit der Jugendlichen ansetzte. Mit seiner Lehre und seiner Praxis des Persönlichen Ideals sowie der schriftlich kontrollierten geistlichen Tagesordnung und dem Partikularexamen (= besonderer Vorsatz) hatte er neue Wege der Selbsterziehung beschritten. Und das Ergebnis? – Natürlich war es für ihn eine Freude, wenn er miterleben durfte, wie bei vielen Jungen der Knoten platzte und sie das Beste aus sich machten. Oder auch später, als so manches schüchterne Mauerblümchen zu ihm ins Noviziat der neu gegründeten Schwesterngemeinschaft kam – da konnte er diesen jungen Frauen helfen, so richtig aufzublühen. Doch irgendwann kam auch der ehrgeizigste und begabteste Junge an einen Punkt, wo es trotz aller Anstrengung nicht mehr weiter ging. An dieser Grenze waren auf einmal andere Fähigkeiten gefragt: Kann ich Ja dazu sagen, dass ich nicht der liebe Gott bin? Kann ich mich von den jugendlichen Allmachtsphantasien, wie sie in den James-Bond-Filmen, in Spiderman oder Superman als durchgängiges Motiv immer wieder auftauchen, verabschieden? Kann ich akzeptieren, dass ich nur ein kleines Geschöpf bin – angewiesen auf jemanden, der mich barmherzig liebt? Die meisten von Kentenichs Schützlingen kamen schon viel früher an diesen Punkt. Und manche brachten das Leiden an ihrer Bruchstelle einfach seit ihren Kindheitstagen mit.

Wenn wir in das Alte Testament schauen, dann war der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen. Doch dann kam das Versagen von Adam und Eva, und der Bruch war da.

Die Erbsündenlehre der Kirche macht deutlich, dass Gott den Menschen als heilen Menschen gedacht hatte, dass Wille, Verstand und Gemüt eine Einheit bildeten. Der paradiesische Mensch konnte das, was er als gut erkannt hatte, auch problemlos wollen und mit dem Herzen  auf das Gute durch gute Gefühle reagieren. Mit der Erbsünde gab es den Bruch. Der Mensch verlor das donum integritatis, also die Gabe der Unversehrtheit. Wille, Verstand und Gemüt können in die verschiedensten Richtungen ziehen. Sehr drastisch beschreibt Paulus das Leiden des Menschen an seinem unerlösten Zustand im Römerbrief im 7. Kapitel:  „Denn ich begreife mein Handeln nicht: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, erkenne ich an, dass das Gesetz gut ist. Dann aber bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde. Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde.“ (Röm 7,17,-20)

Wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir um unsere Bruchstellen, und wenn wir demütig sind, dann können wir sie auch bejahen. Das verschlossene Milchkännchen bekommt durch den Druck auf die Sollbruchstelle eine Öffnung. Wir Menschen erleben in Belastungsmomenten unsere Sollbruchstelle. Doch der göttliche Sinn dieses Erlebnisses liegt nicht in der anschließenden Selbstverachtung oder im Weglaufen vor dem eigenen Schatten. Der göttliche Sinn liegt in der Möglichkeit, dass wir uns der barmherzigen Liebe Gottes öffnen, diese Liebe annehmen und hereinlassen in unser Herz. Im ersten Johannesbrief heißt es: „Auch wenn das Herz uns anklagt, Gott ist größer als unser Herz und er versteht alles.“ (1 Joh 3,20) Gott setzt also nicht die Moral außer Kraft. Aber die Moral wird noch einmal umfangen von seiner je größeren Barmherzigkeit. Und auf einmal dürfen wir erleben, dass unser Selbstwertgefühl nicht allein aus unserem Leistungsvermögen gespeist wird, sondern aus dem Genießen der barmherzigen Liebe Gottes. Pater Kentenich brachte dieses Zusammenspiel von Erbsünde und Erlösung in ein Wortspiel: „Die Bruchstelle in der Natur wird zur Einbruchstelle der Gnade.“

Papst Johannes Paul II. hat den Weißen Sonntag zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit erklärt. Den feiern wir heute. Angeregt durch die Visionen der hl. Schwester Faustyna und durch die wache Beobachtung der Zeit hat er in seiner Enzyklika über das göttliche Erbarmen diese Eigenschaft Gottes als ganz aktuell und besonders not-wendend und damit notwendig für den heutigen Menschen beschrieben, der immer wieder in die Falle tappt, sich selbst zu überfordern.

Wenn Sie das nächste Mal ein Milchkännchen öffnen, indem Sie auf die Sollbruchstelle drücken, dann denken Sie daran, dass Sie es mit Ihrer Seele ähnlich machen können. Dann kann auch bei Ihnen die Bruchstelle in der Natur zur Einbruchstelle der Übernatur werden.