Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 4,16b-21

Björn Corzilius (ev.)

21.02.2010 in Göttingen, Evangelische Klosterkirche Nikolausberg

Vom Riesen und der Liebe

 

I

 

Liebe Gemeinde,

Herr Tur Tur ist ein Riese, genauer gesagt: ein Scheinriese. Er lebt – so weiß es eine Erzählung von Michael Ende – in einer Wüste namens „Das Ende der Welt“. Seit langen Jahren bewohnte er eine beschauliche Oase inmitten der Einöde. Hier war er der einzige seiner Art; Menschen verirrten sich nur selten her und genau deshalb hatte er sich diesen Ort ausgesucht. Was Herrn Tur Tur ans Ende der Welt verschlug, ist schnell berichtet. Er jagte den Menschen, in deren Welt er einst gelebt hatte, Angst ein. Seine immense Erscheinung versetzte in Furcht und Schrecken, wer ihn auch nur von Ferne sah. Seit Kindheitstagen – auch Riesen fangen klein an – mochte niemand in seiner Nähe sein. Die einzigen, die seine Erscheinung ertrugen, waren seine Eltern gewesen. Obwohl sie keine Riesen waren wie er, sondern Menschen, liebten sie ihn, wie er war. Als sie gestorben waren, beschloss Herr Tur Tur fortzuziehen. Vielleicht gab es ja einen Ort auf dieser Welt, wo Menschen keine Angst vor ihm hatten. Seine Suche blieb vergeblich, und so ließ er sich eines Tages am Ende der Welt nieder. Wie stark bloß musste eine Kraft sein, dachte er manchmal bei sich, die solche Furcht überwindet? Und wie vollkommen ein Wesen, das solche Kraft besitzt? Dabei schien es so einfach für den, der sich seiner Angst stellte. Als Scheinriese, der Herr Tur Tur nun einmal war, besaß er nämlich eine merkwürdige Eigenschaft: während Menschen immer kleiner werden, je weiter sie sich entfernen, wurde er immer größer. Nur ein paar Schritte auf ihn zu, und er wirkte schon deutlich kleiner, und von Angesicht zu Angesicht: nicht größer als ein Mensch. Die Furcht aber war riesig und die Zuversicht klein – und Herr Tur Tur blieb einsam.

Von Furcht und Zuversicht handelt der Predigttext aus dem ersten Johannesbrief. Johannes schreibt: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts, denn wie er ist, so sind auch wir in der Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, dass er auch seinen Bruder liebe (1 Joh 4,16b-21).

‚Gott ist Liebe!‘ Einen Text – wie einen Riesen – errichtet Johannes da und präsentiert ihn gleich in voller Größe: von Gott und vom Menschen ist die Rede. Und immerzu von der Liebe: von der Liebe Gottes zum Menschen, von der Liebe der Menschen zu Gott und zum Mitmenschen, und von Gott selbst als Liebe. ‚Lasst uns lieben!‘ Als wäre das so einfach. ‚Lasst uns lieben und Zuversicht haben in der Krise, denn Gott hat uns zuerst geliebt!‘ mahnt Johannes, und es klingt wie eine Drohung. ‚Deshalb: Lasst das Fürchten.‘ Als hätte er geahnt, welches Gefühl sich da gerade in mir breit macht. Als Gegenspielerin der Liebe besitzt die Furcht ein schlechtes Ansehen. In der Liebe ist kein Platz für die Furcht. ‚Wer sich nämlich fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe!‘ Und der Riese scheint noch größer geworden.

 

II

 

Fraglos, ein Leben ohne Furcht: wer hätte Einwände? Den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags in lauter Zuversicht begegnen, mit der tiefen und heiteren Gewissheit, dass sie ein gutes Ende finden, ohne Zweifel und dunkle Vorahnungen – solches Leben wäre köstlich, einfach und unbeschwert. Ist es aber je gelebt worden? ‚Am Ende – du wirst sehen – wird alles gut!‘ Momentaner Trost, bevor der Zweifel keimt und leise Furcht gebiert: Und wenn nicht? Viel Kraft hatte er investiert und manche Entbehrung in Kauf genommen, um an diese Position zu gelangen. Und wenn ich meiner neuen Aufgabe nun doch nicht gerecht werden kann? Mehr Zeit für zwei, das war beiden klar, dann wäre es nach all den Jahren vielleicht nie so weit gekommen. Und wenn wir es nun doch nicht länger miteinander aushalten? Nicht auszudenken. Und wenn die Krankheit doch wieder ausbricht? Wir werden schnell einig: Leben ohne solches Wenn gibt es nicht. Zweifelsfrei, furchtlos – nicht in dieser Welt. Mal zaghaft, mal mächtig verlangt es nach Aufmerksamkeit. Das eine macht nachdenklich, das andere fährt kräftig in die Glieder, mit jeder düsteren Ahnung: schwerer, zögerlicher, ängstlicher. Wie schön es doch manchmal wäre, wenn wir schon heute vom guten Ausgang wüssten! Dann wäre kein Grund mehr zu Furcht und Zweifel; dann hätte Johannes recht: vor uns lauter Zuversicht. Aber in dieser Welt bleibt das Kommende unbekannt und zwischen Furcht und Zuversicht ein zweifelndes Wenn.

Wieder stand ihr Leben in jener Schwebe, die sie nun schon zur Genüge kannte. Seit sie vor einigen Jahren die Diagnose aus heiterem Himmel traf, hieß es immer wieder abwarten, den Mut nicht sinken lassen und gegen die Furcht angehen. ‚Wer fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollkommen.‘ Wie zynisch das doch in ihren Ohren klang. Fürchtete sie das, was kommen mochte, nicht gerade deshalb so sehr, weil sie eben so sehr liebte, ihren Mann und die Kinder und das glückliche Leben, das sie allem zum Trotz führte? Die Anstrengungen der vergangenen Wochen standen ihr ins Gesicht geschrieben, weitere mussten folgen. Mit Rückschlägen hatte sie gelernt umzugehen, auch die kleinen Verbesserungen zu schätzen; doch nun lagen die Dinge anders. Mit ganzer Liebe bemühte sie sich um Zuversicht – vor allem für die, die an ihrem Bett saßen. ‚Liebe vertreibt die Furcht.‘ Da hatte Johannes recht. Wich die Angst für Augenblicke, gab sie jenem leichten und wohligen Gefühl Raum, mit dem sie hoffte und traute, es könnte doch noch gut enden. Beide gehörten eng zusammen: Die Zuversicht erschien ihr wie das schöne Gesicht der Angst. Liebe vertreibt die Furcht, doch ihre Angst zu beseitigen, das vermochte sie nicht. Ob Johannes nie solche Angst gefühlt hatte, oder war bloß ihre Liebe zu schwach? Wenn sie am Abend allein blieb, verzerrte der Zweifel bald die schöne Züge der Zuversicht; schleichend trat die Angst aufs Neue an ihre Stelle und wuchs zu alter Größe. Wie es wohl war – am Ende der Welt?

Weil er keine Angst mehr verbreiten wollte, hatte es den Riesen dorthin verschlagen. Und mittlerweile kannte Herr Tur Tur das Ende der Welt sehr genau; er wusste um seine Gefahren und wie lebensbedrohlich es war. Manche, die sich her verirrten und orientierungslos umherzogen, hatte er beobachtet. Beseelt von dem Wunsch, ihnen seine Gunst zu erweisen und Auswege zu zeigen, hatte Herr Tur Tur wieder und wieder versucht, ihnen zu nahen. Mal hatte er in aller Freundlichkeit aus der Ferne gerufen: ‚Fürchte Dich nicht!‘ Mal war er hinterrücks geschwind auf sie zugelaufen, um zügig an Größe zu verlieren. Wenn die Verirrten doch nur geahnt hätten, dass dort ein Mensch auf sie zukommt, der ihnen Hilfe verspricht. Was er auch unternahm, es blieb vergebens. Seine immense Größe ließ sie erschrecken und das Weite suchen, bis der Riese mit dem Horizont eins wurde und dahinter verschwand. Ihre Furcht trieb sie immer tiefer in die Krise. Trostlos, so mochte ein Tag am Ende der Welt aussehen, und einsam wie vor Gericht, bevor das ungewisse Urteil fällt. Glücklich, wer freigesprochen wurde und wem das Ende der Welt einen Ausgang wies. Wieder blieb Herr Tur Tur allein.

 

III

 

Zuversicht und Zweifel, das schöne und das hässliche Gesicht der Angst. Beide lassen sie sich in Zeiten der Krise sehen – den kleinen, die zeitweilig unseren Alltag in Unordnung bringen, und den großen, wenn plötzlich die Welt aus den Fugen geht. Alles hatte er dafür gegeben, und nun verband sich seine ganze Hoffnung mit jenem Couvert, das er eben auf die Post gebracht hatte. Ausgang ungewiss. Ob seine Bewerbung erfolgreich sein würde, stand jetzt nicht mehr in seiner Macht. Und was aus ihnen beiden werden würde: Nach Jahren für Beruf und Familie war plötzlich wieder Zeit – für Zwei. Früher hatten sie gern getanzt. ‚Lass uns lieben!‘ Das sagt sich leicht. Was kommt, bleibt unbekannt. Und erinnern Sie noch die dunklen Vorahnungen, als das Kind einmal nicht rechtzeitig vom Spielen heimkam? Hoffen und Bangen. Krisenzeiten liefern uns der Zukunft aus, die wir weder vorhersagen noch vorherbestimmen können. Scheitern oder Gelingen? In der Krise sitzt die Zukunft zu Gericht, dann wird für uns entschieden: Glückliches Ende oder Ende des Glücks. Und mächtig tritt uns der Riese aus dem Johannesbrief in den Weg: ‚Gott ist Liebe!‘ Wenn wir alles Mögliche getan haben und nun das Unbekannte, das da auf uns zukommt, das Urteil über unser Leben fällt: Wird Gott sich sehen lassen? Und als wer wird er sich erweisen? Gibt er unserer Hoffnung oder der bangen Vorahnung recht? – Gott sei Dank. Wenn der Bote den ersehnten Erfolg bringt: Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit. Wenn der Walzer die alte Liebe weckt und Zwei sich wieder an einander freuen. Wenn da plötzlich das Kind in der Tür steht und verlegen nach Ausreden sucht. Gott sei Dank! Alles ist gut gegangen, so berichten unsere Krisengeschichten vom glücklichen Ende. Aufatmen. In solchem Gelingen, das sich unserem Einfluss verschließt, das plötzlich aufatmen lässt und mächtig die Furcht austreibt, erweist Gott seine Liebe, ja, erweist sich Gott als Liebe. Indem Gott zuerst liebt, ist er uns immer einen Schritt in die Zukunft voraus, damit unsere Geschichten nicht ins Chaos führen, sondern ihr gutes Ende finden. Alles kommt in Ordnung, weil Gott seine Welt aus lauter Liebe ans Ziel führt.

Gottes Welt, nicht ohne Ziel, doch ebenso wenig: am Ziel. Unsere Lebensgeschichten kennen auch das andere – Krisenzeiten, die kein gutes oder überhaupt kein Ende finden. Manche einsame Stunde zwischen weißen Wänden hatte sie mit dem Riesen verbracht. ‚Gott ist Liebe!‘ Sie mochte ihn nicht, aber bedachte ihn oft, mal wütend, mal gleichgültig, und schließlich enttäuscht. Welch ein Wesen musste das sein, das solche Angst am Ende der Welt gestattete? Konnte wirklich ‚Liebe‘ heißen, was man nicht zu spüren bekommt? – ‚Es wird gewiss gut ausgehen!‘ Die Zuversicht wich, und der Trost trat an ihre Stelle: ‚Wir bleiben bei dir!‘ Zur Furcht fehlten ihr mittlerweile die Kräfte. Sie weinte.

 

IV

 

Dass es so hatte enden müssen unter all den Schmerzen. Die ihn liebten, hatten sein Leiden erlebt, als er – das Holz auf den Schultern – sein Kreuz nach Golgatha trug; sie hatten seine Angst gespürt, als man es aufrichtete, und seine Verzweiflung gesehen, als man ihn anschlug. ‚Gott ist Liebe.‘ Und sie weinte. Aus lauter Liebe war Gott in unsere Welt gekommen und in Jesus Christus Mensch geworden. Und mächtig bekam er zu spüren, wie die Welt war. Unter Tränen starrte sie auf den Ort, wohin er gelegt worden war. Aus lauter Liebe – damit wir sehen können, welches Ziel unsere Geschichten haben und welches Ende die Welt nimmt. ‚Warum weinst Du?‘ Und sie wandte sich um und sah eine Gestalt vor sich. ‚Maria, warum weinst Du?‘ Und sie erkannte ihn und sah, dass er lebte. ‚Fürchte dich nicht!‘ sprach Jesus. ‚Ich lebe, und auch du wirst leben.‘

Herr Tur Tur trat hinter dem Horizont hervor. Haupt und Glieder bildeten eine Figur, die vom Himmel zur Erde reichte und beide zu verbinden schien. Vor dem Horizont gewann der Riese allmählich Gestalt. Mit jedem Schritt, den er tat, wurden seine Konturen deutlicher und seine Erscheinung kleiner: Welch ein Wesen! Bald waren sein Gang, bald selbst seine Gesichtszüge klar zu sehen. Schließlich von Angesicht zu Angesicht: Welch ein Mensch! Herr Tur Tur war am Ziel. Nun würde er seine ganze Freundlichkeit erweisen und am Ende der Welt den Ausweg zeigen.

Wie schön es manchmal wäre, wenn wir heute schon vom guten Ende wüssten. Wir wissen! Denn Gott hat es sehen lassen. Seine Liebe führt allen Krisen und der zweifelnden Furcht zum Trotz ins Leben – und dies nicht an unserer Geschichte vorbei. Gottes Liebe ist Gottes Kraft in unserer Welt. Lieben wir und trösten wir, so wird Gottes Liebe unter uns vollkommen, und Johannes behält recht: vor uns lauter Zuversicht. Und die Liebe Gottes, die größer ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

 [ Das Motiv ‚Herr Tur Tur‘ folgt Michael Ende, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Mit Bilder von Reinhard Michl, Stuttgart/Wien 1983; der Predigttext ist in marginal unterschiedener Form erschienen in: Wilfried Engemann u.a. (Hgg.), Er ist unser Friede. Lesepredigten: Trinitatis bis Ewigkeitssonntag 2010, Leipzig 2010, 24-30 ]