Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 5, 1-5

Diplom-Rechtspfleger (FH) Roland Fritz (ev)

30.09.2012 in der evangelischen Christusgemeinde in Kandel

 

Siegertypen

 

Einstieg

Anmerkung; Der Prediger geht in unsicherer Haltung zur Kanzel und beginnt nervös: Ich würde euch heute gerne etwas über Siegertypen erzählen. Also, Siegertypen, das sind Leute, die immer alles gut können und immer vorne mit dabei sind…

Stellt ihr euch so einen Siegertyp vor? Ich glaube, das wirkt nicht authentisch, wie man heute so schön sagt. Vielleicht sollte ich es noch mal versuchen. Andreas, kannst du noch einmal zwei, drei Takte Musik spiele? Ich komme dann noch mal nach vorne.

Anmerkung: Der Prediger geht in sicherer „Siegerpose“ nach vorne (Victoryzeichen, Hände über dem Kopf verschränkt): So Leute, hier komm ich und ich zeig euch jetzt, wie das so läuft. Ja, ihr dürft ruhig klatschen. Ein Siegertyp zu sein, das ist ganz einfach. Ihr müsst nur genug Selbstvertrauen haben, eure Stärken kennen und dann geht’s los. Ellenbogen raus und nach vorne geschaut. Dann klappt das schon mit der Karriere und dem Erfolg. Ihr könnt dann alles erreichen, was ihr wollt.

Kommt das einem Siegertyp näher? Vielleicht. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch an den legendären Auftritt Josef Ackermanns vor Gericht im Jahr 2004. Der damalige Chef der Deutschen Bank begrüßte im Mannesmann-Prozess seinen Mitangeklagten Klaus Esser mit dem Victoryzeichen. Josef Ackermann mag diese Geste als Ausdruck seines Selbstbewusstseins betrachtet haben. Vielen Menschen gilt sie bis heute als Zeichen für die Arroganz der Macht. Vielleicht sieht so jemand aus, der weiß, dass er viel erreicht hat und großen Einfluss besitzt. Aber wollen wir so sein?

In unserem Predigttext geht es heute auch um den Sieg. Johannes zeigt uns, woher wir unsere Siegesgewissheit nehmen können (1. Johannes 5, 1-5).

 

Die Kraft des Glaubens

1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.

2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.

3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.

4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

5 Wer ist es aber, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist?

 

I. Siegertypen

Bist du ein Siegertyp? Ich habe eben zwei Charaktere dargestellt. Zugegeben: Beides waren Karikaturen. Ich habe bewusst überzeichnet dargestellt, wie Menschen sich verhalten können. Wo hast du dich eher wieder entdeckt? Bei dem ersten? Eher verzagt traut er sich nicht recht, etwas zu sagen. Er Entschuldigt sich fast dafür, dass er da ist. Oder siehst du dich eher bei dem zweiten: Voller Dynamik weiß er, wo es lang geht. Von sich selbst überzeigt nimmt er da, wo er auftritt, sofort Raum ein. „Hoppla, jetzt komm ich.“

Wo möchtest du lieber stehen, wenn du es dir aussuchen kannst? Auf der Seite der Sieger oder auf der Seite derer, die zu kurz gekommen sind, die sich nichts so richtig zutrauen? Ganz klar: Wie wollen doch viel lieber zu den Erfolgreichen gehören. Manchmal beneide ich vielleicht sogar die, die alles besser können als ich. Z.B. den Kollegen, der mir den tollen Job vor der Nase wegschnappt. Die Leute, die sich immer besser durchsetzen können; sei es, weil sie die besseren Argumente oder die stärkeren Muskeln haben. Die coolen Typen, die überall, wo sie hinkommen, sofort die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und gleich im Mittelpunkt des Interesses stehen. Diejenigen, denen ohne Mühe alles gelingt, was sie anpacken. Ich dagegen muss mich anstrengen und das Ergebnis bleibt dann doch nur mittelmäßig.

Wie gern stehen wir doch auf der Seite der Sieger! Und es gibt sie: Diejenigen, die eine natürliche Autorität ausstrahlen oder die hart an ihrem Erfolg gearbeitet haben. Sie sind so souverän, dass sie sagen können: Es kümmert mich nicht, was andere von mir sagen. Ich tu, was ich will. Es gibt sie, die unabhängig und geradlinig ihren Weg gehen, manchmal ohne Rücksicht auf Verluste. Und oft bewundern wir sie doch, wenn sie da im Rampenlicht stehen, sei es auf der großen öffentlichen oder auf der kleinen privaten Bühne. Manchmal hassen wir sie auch dafür, dass sie besser sind als wir.

Wie gern wollen wir Siegertypen sein! Unabhängig. Herausragend. Zumindest wollen wir sagen können: Ich meistere mein Leben. Ich packe es an und es gelingt mir.

Vielleicht gibt es einige wenige solcher Leute, die das wirklich schaffen, auch hier unter uns. Menschen, die aus sich selbst heraus so gefestigt sind, dass sie immer wieder genügend Energie schöpfen können, die nichts und niemand erschüttern kann. Wenn es solche Leute hier im Gottesdienst gibt, dann können sie jetzt gehen, denn sie brauchen keine Ermutigung. Ihnen muss ich nicht sagen, was es heißt, auf der Siegerseite zu stehen. Aber vielleicht ist es doch gut, wenn sie bleiben. Denn, wenn sie auch keine Ermutigung brauchen, dann sollten sie doch wissen: Ihre Kräfte werden irgendwann zu Ende gehen. So unwahrscheinlich ihnen das auch im Augenblick erscheinen mag. Aber auch für solche Menschen, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem sie erkennen müssen: Ich brauche einen Halt, der außerhalb von mir liegt. Wenn mein Leben ins Wanken gerät, brauche ich ein Fundament, das mich trägt.

 

II. Glaube

Als Christen wissen wir, dass uns unser Glaube ein solches Fundament bieten kann. Und so kreist unser Abschnitt um diesen Glauben. Johannes macht deutlich, was der Inhalt dieses Glaubens ist, bevor er triumphierend ausrufen kann: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Was gehört zu diesem Glauben? Es gibt ganz unterschiedliche Zusammenfassungen vom Inhalt des christlichen Glaubens. Es gibt zum Beispiel das apostolische Glaubensbekenntnis oder das Glaubensbekenntnis von Nicäa, um nur zwei der bekanntesten aus der Kirchengeschichte zu nennen. Viele Kirchen und Gemeinden haben in einer eigenen Form die Grundlagen ihres Glaubens zusammengefasst. Aus unserem Predigttext ergeben sich drei – ich will nicht sagen Inhalte, sondern – Verknüpfungen, die unmittelbar mit dem Glauben zusammenhängen: Glaube und Jesus. Glaube und Gott. Glaube und Liebe.

Wir glauben, Jesus ist der Christus. Jesus ist der Gesalbte Gottes. Er ist der eine, durch den Gott das Heil in die Welt bringt. Mehr noch: Jesus ist der Sohn Gottes. Es ist das Bekenntnis, das Petrus ablegt, als er zu Jesus sagt: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Joh. 6,68+69) Jesu Botschaft reicht über unser irdisches Leben hinaus. Und darum ist sie stark genug, uns ein Fundament zu bieten, auf dem wir unser Leben aufbauen können. Jesus, der Gesalbte Gottes, ist aber auch der, der ans Kreuz geschlagen wird und auf grausamste Weise für unser Versagen bezahlt. Im Tod am Kreuz legt er die Grundlage dafür, dass unsere Schuld uns nicht mehr aus der Bahn werfen muss, wenn wir zu ihm aufsehen, „dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Hebr. 12,2)

Unser Glaube und Gott: Wenn wir in der Bibel lesen, dann gibt es keine oder ganz viele Antworten, wer Gott eigentlich ist. Dem Volk Israel stellt er sich einmal mit den Worten vor: „Ich bin, der ich bin.“ Für die Menschen der Bibel, für das Volk Israel, für die Evangelisten oder auch für Paulus, war es wahrscheinlich auch nicht nötig, sich Gedanken darüber zu machen, wer Gott eigentlich ist. Für sie stand das außer Frage. Für sie war Gott, der Gott ihrer Vorfahren. Auch wenn es in der Umgebung des Volkes Israel viele verschiedene Vorstellungen von Gott gab, stand doch immer fest: Gott ist einer, dem ich mein Leben bedingungslos anvertrauen kann. Deshalb gibt es auch bei Johannes keine Definition von dem, was oder wer Gott ist. Für unsere Zeit heute ist das nicht mehr ganz so einfach. Es gibt viele Ideen von dem, was Gott sein könnte. Für den einen ist Gott, irgend ein höheres Wesen, das, wenn überhaupt, irgendwo im Kosmos schwebt, für den zweiten verbinden sich mit dem Begriff „Gott“ Vorstellungen aus unterschiedlichen Religionen oder der Esoterik und der dritte bestreitet, dass es überhaupt einen Gott gibt. Darum müssen wir, wenn wir von Gott reden, sagen, was oder wen wir damit meinen. Im Glaubensbekenntnis von Nicäa heißt es: „Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.“1 Mit anderen Worten: Gott ist der Schöpfer von Himmel und Erde. Er ist derjenige, der alle Macht in seinen Händen hält. Gott ist der Vater und damit der Ursprung allen Lebens. Auch das ist natürlich nur eine verkürzte Erklärung. Letztlich können wir Gott nicht beschreiben und immer nur Teile seines Wesens erfassen. In den Worten „Ich bin, der ich bin“ zeigt sich aber: Gott ist unveränderlich. Er ist der Treue, der sich an sein Wort gebunden hat. Auch, wenn wir ihn immer wieder anders erleben, ist er doch heute derselbe, der er gestern war und der er morgen sein wird.

Auch wenn für Johannes klar war, wer Gott ist, kannte er doch die Schwierigkeit, die darin besteht, dass wir Gott nicht beschreiben können. Aber er wusste auch, dass Gottes Gegenwart unter uns spürbar werden kann. Im Kapitel vorher schreibt er: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“ (1. Joh. 4,12) Die Liebe ist also Ausdruck der Gegenwart Gottes. In unserem Abschnitt zieht Johannes den Umkehrschluss: Wenn wir an Gott glauben, dann lieben wir ihn auch - und nicht nur ihn, sondern auch seinen Sohn Jesus Christus und die, die mit uns auf Gott vertrauen. Vielleicht könnte man sagen, die Liebe ist eine Pflicht des Glaubens. Große Denker haben bestritten, dass Liebe und Pflicht zusammengehören. „Immanuel Kant…hat über den Zusammenhang zwischen Liebe und Pflicht geschrieben,… dass nämlich, weil Liebe eine Sache der Empfindung und nicht des Wollens sei, man nicht lieben könne, weil man es wolle, geschweige denn, weil man es solle, mithin ist eine Pflicht zu lieben ein Unding.“2 Bei allem Respekt vor dem klugen Denker: Hier irrt er, jedenfalls dann, wenn wir das biblische Verständnis von Liebe zu Grunde legen und das Plädoyer betrachten, das Johannes hier mit großem Eifer für die Liebe hält. Wenn Liebe Ausdruck unseres Glaubens ist, dann muss sie jeden mit einschließen. Das ist ganz gewiss nicht leicht. Denn jeder von uns kennt Menschen, denen er aus sich heraus nicht mit Liebe begegnen möchte. Wenn wir uns aber bewusst machen, dass unser Gegenüber ein von Gott geliebter Mensch ist, dann können, dann dürfen wir gar nicht anders als ihn lieben. Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt würde wahrscheinlich auch bestreiten, dass Liebe und Pflicht miteinander vereinbar sind. Es sieht nämlich Liebe und Pflicht als zwei unterschiedliche Motivationen für eine Handlung. Aber er hebt einen - wie ich finde – sehr interessanten Aspekt der Liebe hervor: „Das Besondere daran (an der Liebe), so Frankfurt, sei: Handle man aus echter Liebe, so handle man, auch wenn man sich von den Fesseln der Liebe gebunden fühle, im Gegenteil frei und autonom, weil die Liebe, der man gehorcht, zum grundlegenden Charakter des eigenen Willens gehört und man somit nur von sich selbst bestimmt wird.“3 Aus biblischer Sicht würde ich diesen Gedanken umformulieren und sagen: Wer aus Liebe handelt, handelt frei und nur aus der Abhängigkeit zu Gott heraus.

 

III. Überwinden

Was heißt das nun für unser Leben? Heißt das, dass wir nur genug glauben müssen, damit uns alles gelingt? Heißt das, dass uns nichts mehr erschüttern kann, wenn wir nur den wahren Glauben und die wahre Liebe haben? So steht es doch da: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Wenn man die Bibel nach Belegen für eine solche Ansicht abklopfen würde, würde man schnell auf Stellen stoßen, die das scheinbar bestätigen. Jesus selbst sagt: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.“ (Mt. 17,20) Oder das aus dem Zusammenhang gerissene Pauluszitat: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ (Phil. 4,13) Man könnte das Spiel noch weiter treiben. Menschen, die mit Verweis auf diese Bibelzitate behaupten, ein Christ könnte alles, machen aus dem Glauben eine fromme Leistung. Was würde es denn anderes bedeuten, als dass du dich nur genug anstrengen musst und nur immer mehr an deinem Glauben arbeiten musst, bis dir nichts mehr unmöglich ist. Aber dann bin ich ja letztlich doch wieder auf mich geworfen, auf das, was ich vermag. Es ist dann meine Kraft, meine Anstrengung, auf die ich mich verlasse. Nur: So funktioniert Glaube nicht. Glaube ist das Vertrauen auf Gott, der mir hilft. Glaube ist die Erkenntnis meiner Unzulänglichkeit, Glaube ist das Dennoch angesichts der Angst, die mich ergreift, wenn ich auf diese Welt schaue und frage, was mit mir in Zukunft geschieht. Glaube ist dann das Festhalten an Jesus, der unsere Furcht kennt, wenn er sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.“ (Joh. 16,33) In diesem Zusammenhang bedeutet der Sieg, von dem unser Text spricht, dass ich mich ganz an Jesus hänge und den Sieg, den er errungen hat, für mich in Anspruch nehme. So wie Jesus stellvertretend meine Schuld auf sich geladen hat, hat er gleichzeitig den Sieg über die Sünde stellvertretend für mich errungen.

Aus uns heraus wird uns mit dem entsprechenden Zutrauen viel gelingen. Wir können vieles meistern und vieles bewegen. Aber spätestens dann, wenn wir ein Fundament brauchen, das auch dann noch trägt, wenn die Erde bebt und die Lebensstürme um uns toben, ist es an der Zeit, dass wir uns zu Jesus flüchten und uns in seinen Schutz und seine Abhängigkeit begeben. In ihm haben wir den Sieg, der die Welt überwunden hat. Wohl dem, der um diese Zuflucht weiß.

Du bist ein Siegertyp: Nicht, wenn du mit aller Gewalt deine Interessen durchzusetzen versuchst. Nicht, wenn du auf deinen klugen Verstand oder deine große Kraft vertraust, sondern dann, wenn du dich zum Kreuz begibst und erkennst: Hier ist das Fundament, auf dem ich mein Lebenshaus aufbauen kann. Hier hat schon einer den Sieg für mich errungen. Vielleicht muss ich ein paar Federn lassen, aber Jesus wird mich durch alle Stürme meines Lebens tragen, bis ich eines Tages seinen Sieg in seinem vollen Ausmaß sehen kann.

1 Gemeinschaftsliederbuch, Jesus unsere Freude, Nr. 801, Brunnen-Verlag Gießen, 2. Auflage 1995

2 Dr. Dr. Rainer Erlinger, Süddeutsche Zeitung Magazin; Nummer 39, 28. September 2012, S. 6

3 Erlinger, a.a.O.