Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Johannes 5,2-3

Pfarrer Dr. Konrad Fischer

02.05.2004 in der Evang. Kirche Heddesheim

Zuerst, liebe Gemeinde, ein paar Entfernungen:
Brest an der polnisch-weißrussischen Grenze 1000 km;
Lissabon 1710 km;
Talinn in Estland 1440 km;
Galway an der Westküste Irlands 1170 km;
Malta 1620 km;
Großwardein / Oradea an der ungarisch-rumänischen Grenze 900 km.

Gestern ist der 1. Mai gewesen. Wir haben ein Datum erlebt, dessen Folgen bisher noch überhaupt niemand abschätzen kann: Das neue Europa.

Auf meinem Lesetisch liegen derzeit zwei Bücher. Das eine heißt Europas Mitte um das Jahr 1000 und handelt von der Zeit der Sachsenkaiser, insbesondere Ottos III., der zwischen 983 und 1002 in Europas Mitte regierte. Seine Herrschaft bildet bis auf den heutigen Tag ein wichtiges Erbe in der kulturellen Entwicklung Polens, Mährens, der Slowakei und Ungarns. Ihm, den Sachsenkaisern insgesamt, ist es zu verdanken, dass diese Länder zu keiner Zeit ihren Anspruch auf Zugehörigkeit zu Mitteleuropa aufgegeben haben, auch zur Zeit der sowjetischen Herrschaft nicht.

Das andere Buch handelt von Friedrich II., dem Staufer, 1198 König von Sizilien, 1210 deutscher König, von 1220 bis 1250 Kaiser des hl. römischen Reiches, das sich damals von der holländischen Nordseeküste bis nach Kärnten, von Burgund bis Ostpreußen und von Malta bis an die dänische Grenze erstreckte.

An beide, Otto III. und Friedrich II. von Hohenstaufen, habe ich mich gestern auf's äußerste erinnert gefühlt. Europa kehrt zu sich selbst zurück.

Nun wissen Sie alle: Nicht jedermann und jedefrau ist mit dieser Entwicklung froh. Es gibt auch Sorgen. Deutschland ist groß. Wird es, wie schon so oft und so unselig, seinen östlichen Nachbarn zur Bedrohung werden? Der Markt ist riesig. Werden die Mechanismen von Handel und Kapital alle menschlichen Bindungen, alle kulturellen Eigenheiten, alle sozialen Geflechte auffressen und zerstören? Wer soll diesen Koloss Europa regieren?

Im Mittelalter, zur Zeit Ottos III. oder Friedrichs II., war das die Aufgabe des Kaisers. Der war zuerst eine sittliche, rechtliche und soziale Instanz. Er war sozusagen das Symbol der Reichseinheit in einem politischen Gebilde, das eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Sprachen, Lebensformen und religiöser Strömungen umfasste. So gehörten zu den treuesten Untertanen Friedrichs II. die muslimisch-arabischen Sarazenen aus Sizilien bzw. Süditalien, mit denen er gelegentlich auch prangend-prächtig in Deutschland erschien. Und wenn den Kaiser ein wissenschaftliches oder philosophisches Problem beschäftigte, so zog er mit Vorliebe jüdische oder muslimische Gelehrte aus Bagdad oder Kairo zu Rate.

Was ich an dieser Stelle deshalb erzähle, weil es in der Geschichte Europas an seinen fließenden Rändern bis nach Kleinasien (Türkei), Mesopotamien / Zweistromland (Irak) und bis ins Heilige Land (Israel / Palästina) hinein in guten Zeiten immer auch einen höchst produktiven Austausch gegeben hat. Europa ist immer noch einiges mehr als die heutigen Grenzen der EU.

Nun will ich ihnen heute allerdings keine Lehrstunde in Sachen Mittelalter geben. Aber ich wiederhole meine Frage: Wer soll dieses neue Europa, das seit gestern historische Realität geworden ist, eigentlich regieren? Wer soll seine rechtlichen, seine sozialen und moralischen Standards gewährleisten und garantieren?

Europa hat zwar den Maastricht-Vertrag, der das wirtschaftliche Defizit regelt; aber es hat keine Verfassung, welche die rechtlichen und sozialen Defizite regelte. Und wiederum in der Diskussion um diese Verfassung gibt es derzeit eine erbitterte Auseinandersetzung um die Frage: Wenn es denn zu einer europäischen Verfassung kommt: Soll diese Verfassung auf Gott Bezug nehmen? Soll sie ihre rechtlichen, sozialen und sittlichen Grundregeln in einer Letztverantwortung vor Gott verankern? Soll sie die Regierenden in diesen letzten und äußersten Horizont ihrer Verantwortung hineinschreiben?

Ich lese unseren heutigen Predigttext und sage: Doch, Gott gehört an die Spitze Europas. Denn, so schreibt der Apostel Johannes, "daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer."

Womit ich sagen will: Wenn es denn nicht bloß ein kulturelles und historisches und wirtschaftliches Erbe Europas gibt, sondern mindestens so sehr ein geistliches Erbe, so darf der europäische Prozess, in dem wir uns derzeit befinden, niemals zur Aufkündigung derjenigen Standards der Gottes- und Menschenrechtlichkeit, niemals zum Abbau der sittlichen und geistlichen Normen führen, für welche unsere heilige Schrift grundlegend ist. Die Liebe zu Gott liegt für die Bibel nicht in Wörtern und äußeren Zeichen, es sei Kreuz oder Halbmond, Davidsstern oder Kopftuch. Die Liebe zu Gott liegt in der Liebe zu den Kindern Gottes, also zu allen Menschen, oder, wie der 1. Tim sagt, "Gott will, dass allen Menschen geholfen werde". Die Liebe zu Gott liegt in der Wahrnehmung seines Wortes und in der Beharrung auf seinem Gebot. Und sein Gebot ist nicht schwer: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, nämlich Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott" (vgl. Mi 6,8). Und obwohl wir hier nur eine kleine und unbedeutende Dorfgemeinde sind, ohne jeden Einfluss auf die Herrschaftsetagen unserer Politik, sage ich: Wir brauchen für dieses neue Europa eine Verfassung. Und wir brauchen in dieser Verfassung die klare Benennung unserer Verantwortlichkeiten vor Gott. Und wir brauchen vor allem die normative Bindung an die sozialen und sittlichen Standards der heiligen Schrift: Das Recht auf soziale Gerechtigkeit mindestens so sehr wie das Recht auf Rechtsstaatlichkeit; das Recht auf Menschenwürde und Unverletzlichkeit der Person mindestens so sehr wie das Recht auf ungehinderte und freie Religionsausübung.

Die Welt ist heute voller Angst vor dem Terror. Das ist wahr. Aber der Terror wird nicht überwunden durch Gegenterror. Er wird nicht überwunden durch Abbau des Rechts. Er wird überwunden durch die Liebe. Er wird überwunden durch Gottes Gebot. Dieses Gebot ist nicht schwer. "Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." Und Sie merken: Wenn ich's so ansehe, dann geht es nicht mehr um Kopftuch ja oder nein, Kreuz, Halbmond, Davidsstern. Dann geht es um nichts als um die Liebe. Und es soll jetzt niemand sagen: Mit der Liebe gestaltet man keine Welt. Diejenigen politischen Gebilde, die Gott - und ich meine jetzt nicht irgend einen Popanz, so einen Gott der Völker oder so einen afghanischen Allah der Taliban; sondern ich meine diesen ganz bestimmten Gott der Schrift, der uns durch Jesus umfassend in die Liebe ruft -; also: diejenigen politischen Gebilde, die Gott und sein Liebesgebot aus ihrem Denken und Handeln gestrichen haben, die sind am Ende an ihrem eigenen Terror erstickt. Niemand wüsste davon mehr und Leidvolleres zu sagen als wir hier in Deutschland.

Also: Wer soll das neue große Europa regieren? Gott soll es regieren. Die Liebe soll sein Grundgesetz sein. Und seid gewiss: Gott wird regieren. Glaubt's nur! Er wird!

Amen.