Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Könige 17,1-24

Ältestenprediger Dr. med. Eckhard Piegsa

29.07.2001 im Haus Elim in Wiesbaden

Wer von uns hat beim Hören der Nachrichten nicht schon einmal den Gedanken gehabt, dass die Zeiten immer schlimmer werden?! Unsere Parteien sind in Finanzskandale und Schmiergeldaffären verwickelt; für viele Politiker sind Scheidung und Homosexualität "normal"; eine Tageszeitung wirbt mit einer Serie über Ehebruch; Straftaten werden bagatellisiert, Ausländer leben mit der dauernden Angst vor Skinheads, während faschistische Gewalttäter sich vor Gericht von einem Anwalt vertreten lassen dürfen, der den Holocaust zur Lüge erklärt hat; Embryonen betrachtet man als Rohmaterial für die Ersatzteilversorgung und auf dem religiösen Jahrmarkt findet sich alles von der Anbetung von Bäumen über Psychotechniken bis zum radikalen Islam. Hat Gott da überhaupt noch Platz?

Der Blick auf den Hintergrund unseres heutigen Bibelabschnittes mag uns trösten oder erschrecken: es war vor 2850 Jahren in Israel kein Stück besser. Ahab war König im Nordreich. Über seinen Vater heißt es: "Omri tat, was böse war in den Augen des HERRN, und zwar schlimmer als alle, die vor ihm gewesen waren." (Kp. 16.25) Wer gemeint hatte, eine Steigerung sei nicht mehr möglich, sah sich getäuscht, denn auch "Ahab tat, was böse war in den Augen des HERRN, mehr als alle, die vor ihm gewesen waren." (16.30) Er weitete den von seinen Vorgängern eingeführten Götzendienst aus: durch die Ehe mit Isbel, einer phönizischen Prinzessin, etablierte er die beiden phönizischen Hauptgötter Baal und Aschera im Land. Damit einher gingen moralischen Verfall, Wahrsagerei und Tempelprostitution. Isebel erwies sich zudem als nicht zimperlich im Umgang mit Gegnern: sie ließ die Altäre Gottes zerstören und seine Propheten kurzerhand umbringen. Wie weit die staatlicherseits geförderte oder geduldete Verachtung für Gottes Gebot ging, wird u.a. daran deutlich, dass unter Ahab die Stadt Jericho wieder gebaut und befestigt wird - trotz des von Josua über die Trümmer Jerichos ausgesprochenen Fluches (Jos. 6.26). In diesem Umfeld spielt sich die Begebenheit ab, die ich nun aus 1. Könige 17, 1-24 lesen möchte.

"Und Elis, der Tischbeter, aus Tischbe in Gilead, sagte zu Ahab: So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe, wenn es in diesen Jahren Tau und Regen geben wird, es sei denn auf mein Wort!
Und es geschah das Wort des HERRN zu ihm: Geh von hier fort, wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der vor dem Jordan ist! Und es soll geschehen: aus dem Bach wirst du trinken, und ich habe den Raben geboten, dich dort zu versorgen. Da ging er und tat nach dem Wort des HERRN: er ging hin und blieb am Bach Krit, der vor dem Jordan ist. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch am Morgen und Brot und Fleisch am Abend, und aus dem Bach trank er.

Und es geschah nach einiger Zeit, da vertrocknete der Bach, denn es war kein Regen im Land. Da geschah das Wort des HERRN zu ihm: Mache dich auf, geh nach Zarpat, das zu Sidon gehört, und bleib dort! Siehe, ich habe dort einer Witwe befohlen, dich zu versorgen. Da machte er sich auf und ging nach Zarpat. Und als er an den Eingang der Stadt kam, siehe, da war dort eine Witwe, die gerade Holz sammelte. Und er rief sie an und sagte: Hole mir doch ein wenig Wasser im Gefäß, daß ich trinke! Und als sie hinging, um es zu holen, rief er ihr zu und sagte: Hole mir doch auch noch einen Bissen Brot in deiner Hand! Da sagte sie: So wahr der HERR, dein Gott, lebt, wenn ich einen Vorrat habe außer einer Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug! Siehe, ich sammle eben ein paar Holzstücke auf, dann will ich hineingehen und es mir und meinem Sohn zubereiten, damit wir es essen und dann sterben. Da sagte Elia zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hinein, tu nach deinem Wort! Doch zuerst bereite mir davon einen kleinen Kuchen zu und bring ihn mir heraus! Dir aber und deinem Sohn magst du danach etwas zubereiten. Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht ausgehen und das Öl im Krug nicht abnehmen bis auf den Tag, an dem der HERR Regen geben wird auf den Erdboden. Da ging sie hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und sie aß, er und sie und ihr Haus, Tag für Tag. Das Mehl im Topf ging nicht aus, und das Öl im Krug nahm nicht ab nach dem Wort des HERRN, das er durch Elia geredet hatte.
Und es geschah nach dieses Ereignissen, da wurde der Sohn der Frau, der Hausherrin krank. Und seine Krankheit wurde sehr heftig, so daß kein Odem in ihm blieb. Da sagte Sie zu Elia: Was habe ich mit dir zu tun, Mann Gottes? Du bist zu mir gekommen, um meine Schuld vor Gott in Erinnerung zu bringen und meinen Sohn zu töten. Er aber sagte zu ihr: Gib mir deinen Sohn! Und er nahm ihn von ihrem Schoß und brachte ihn hinauf ins Obergemach, wo er wohnte, und legte ihn auf sein Bett. Und er rief zum HERRN und sprach: HERR, mein Gott, tust du nun auch der Witwe, bei der ich mich aufhalte, Böses an, indem du ihren Sohn sterben läßt? Und er streckte sich dreimal über das Kind hin und rief zum HERRN und sprach: HERR, mein Gott, laß doch das Leben dieses Kindes wieder zu ihm zurückkehren! Und der HERR hörte auf die Stimme Elias, und das Leben des Kindes kehrte zu ihm zurück, und es wurde wieder lebendig. Da nahm Elia das Kind und brachte es vom Obergemach ins Haus hinab und gab es seiner Mutter; und Elia sagte: Siehe, dein Sohn lebt! Da sagte die Frau zu Elia: Jetzt erkenne ich, daß du ein Mann Gottes bist und daß das Wort des Herrn in deinem Mund Wahrheit ist."

Beim Bedenken dieses Abschnittes möchte ich mich darauf beschränken, die beiden Hauptpersonen zu betrachten.

1. Elia

Elia wird uns nicht groß eingeführt oder vorgestellt - er taucht auf wie aus dem Nichts. Deutlich wird aber gleich, dass Elia gegen den Zeitgeist am Bekenntnis zu Gott als dem wahren Gott Israels festhält: "So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe" - so leitet er seine Botschaft an Ahab ein und macht damit ein Mehrfaches klar. Erstens: Israel hat nur einen Gott, "den Gott Israels". Zweitens: dieser Gott hat sich seinem Volk vorgestellt mit dem Namen HERR, im Hebräischen geschrieben mit den Großbuchstaben J-H-W-H. Man kann dies im Deutschen wiedergeben als "Ich bin, der ich bin" oder "Ich werde sein, der ich sein werde"; m.a.W.: Er ist der Unwandelbare, Treue, Zuverlässige. Nicht ein Regionalgott wie die übrigen Götter Kanaans oder ein Funktionsgott wie Aschera und Baal, die für Fruchtbarkeit bzw. Wind und Regen zuständig waren. Der Gott Israels ist und bleibt derselbe - ob bei der Berufung seines Volkes in Ägypten der beim Bundesschluss am Sinai oder im Alltag zur zeit eines Ahab. Drittens sagt Elia: Gott lebt. Damit unterscheidet sich der Gott Israels grundlegend von den importierten Götzen - und mit diesem Bekenntnis stellt sich Elia in Opposition zu Ahab und dem Machtapparat seiner Zeit. Ein Schritt, der ihm den Kopf kosten kann.

Woher nimmt Elia den Mut? Er selbst gibt in seinen Worten an Ahab den Schlüssel dazu: "So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe". Für Elia sind diese Aussagen über Gott nicht abstrakte Spinnerei: Er lebt mit Gott und steht vor ihm. Das meint zum einen, dass er aus der Begegnung mit Gott lebt, vor Gott still wird und inne hält. Elia kennt seinen Gott, er weiß um Gottes Willen. Und nicht nur das: Er tut ihn, er gehorcht. Zum zweiten aber heißt vor Gott stehen: Elia weiß, dass er Gott gegenüber verantwortlich ist. Er weiß, dass letztlich Gott das Urteil das Elias Leben sprechen wird - und nicht Ahab oder Isebel. Das nimmt ihn in die Pflicht und befreit ihn zugleich. Es verpflichtet ihn, sich ganz nach Gottes Maßstäben zu richten - und es befreit ihn von der Knechtschaft durch Menschenfurcht.

Elia kennt seinen Gott - und deshalb vertraut er ihm. Als Gott ihn auffordert, sich am Bach Krit zu verstecken und von Raben versorgen zu lassen, zögert er keinen Augenblick. Dabei hätte er Grund genug zum Zweifeln und Fragen: Krit liegt noch im Machtbereich Ahabs und Isebels, die ihn sicher suchen lassen werden. Der Bach speist sich nicht aus Quellen, sondern durch Regen - was also, wenn der Regen nun ausbleibt? Raben sind unreine Vögel - und überhaupt, wie soll das gehen mit der Versorgung? M.a.W.: Gottes Anweisung klang für Elia sicher nicht viel überzeugender als die Beschwichtigungen unserer Politiker zur Rentenversicherung. Dennoch vertraut und geht er. Und lebt in täglicher Abhängigkeit von Gottes Zusage: denn der hatte ihm nicht mehr versprochen als die tägliche Ration. Keine Gefriertruhe oder Cola-Fabrik im Hintergrund - nur Gott! Und so sitzt Elia am Bach und muss zusehen, wie der Wasserspiegel sinkt und sinkt - bis schließlich nur noch Schlammpfützen übrig sind. Erst dann hört er Gottes Anweisung, die ihn allerdings von einer Unsicherheit zur nächsten schickt: In die Abhängigkeit von der Versorgung durch eine phönizische Witwe. Auch hier wieder jede Menge Fragen: Waren es nicht die phönizischen Götzen, die mit Schuld waren am desolaten Zustand Israels? Wieso also gerade dorthin gehen? Wie würde eine Witwe, für die es schon im normalen Alltag schwierig war, unter Mangelbedingungen für Elia sorgen können? Wie sollte er sie überhaupt finden? Und wovon würde er während des gut fünftägigen Fußmarsches vom Bach Krit nach Zarpat leben? Elia fragt nicht, sondern geht - weil er weiß, dass es keine menschlichen Überlegungen sind, die ihn an den Bach Krit oder nach Zarpat führen, sondern Gottes Anweisung. Er fragt nicht, weil er seinen Gott kennt und weiß, dass er dem wirklich vertrauen kann.

Das schließt nicht aus, dass es nicht auch Situationen gibt, in denen er nur fassungs- und verständnislos vor Gott stehen kann - so wie angesichts des Todes des Sohnes seiner Gastgeberin. Ganz unverblümt fragt er da Gott: " Tust du nun auch der Witwe, bei der ich mich aufhalte, Böses an?" Kein frommes Übertünchen im Sinne von "Gott wird es schon gut meinen"; kein islamisches "El hamd-u-lillah", der zwanghafte Dank an Gott, dem man sich immer nur zu fügen hat. Weil Elia gewohnt ist, vor Gott zu stehen, darum kann er auch in der Situation der verzweifelten Trauer mit Gott offen reden. Und trotz aller Verzweiflung steht für ihn unverrückbar fest: Gott ist kein anderer als zuvor - nämlich der "HERR", mein Gott".

2. Die phönizische Witwe

Soweit zu Elia. Wie steht es nun mit der zweiten Hauptperson, der phönizischen Witwe?

Obwohl sie mitten im Heidentum aufgewachsen ist, hat sie doch eine erstaunliche Ahnung vom wahren Gott. Als Elia sie um ein bisschen Brot bittet, antwortet sie mit den Worten: "So wahr der HERR, dein Gott, lebt...". Auch sie kennt also den Gottesnamen, hat von dem Treuen und Unwandelbaren gehört. Auch sie weiß, dass dieser Gott ein lebendiger Gott ist. Aber noch gibt es einen Unterschied zwischen Elia und ihr: sie nennt Gott "dein Gott" - sie selbst steht ihm noch fern. Umso erstaunlicher, dass und wie sie sich nun auf Elias Gott einlässt. Wer sagt denn, dass Elias Zusage vom Mehl im Topf und Öl im Krug kein fauler Trick ist, mit dem Elia sie auch noch um ihre letzte Mahlzeit bringen will?

Warum sollte sie ausgerechnet einem Fremden etwas abgeben? Und warum ausgerechnet sie - gab es doch in Phönizien reichere Menschen, die nicht als Witwen für einen einzigen Sohn zu sorgen hatten?!

Wir sehen: auch die Witwe hätte mehr als genug Grund, Elia und seinem Gott Fragen zu stellen - und doch wagt sie es. Auf seinen Zuspruch "Fürchte dich nicht" und seine Verheißung, dass sie keinen Mangel leiden werde, nimmt sie seine Herausforderung an: "Bereite mir zuerst!" Sie stellt Gott auf die Probe, indem sie ihm zuerst gibt. Und sie wird nicht enttäuscht. Gott stellt sich zu der durch Elia gegebenen Zusage: Tag für Tag findet sie genügend Mehl im Topf und Öl im Krug, damit ihr Haushalt auch diesen neuen Tag überstehen kann. Allerdings auch nicht mehr, als für den Tag erforderlich ist. Auch sie lebt also ihr Leben in der vertrauensvollen Abhängigkeit von Gottes Fürsorge. Bis es dann zur Katastrophe kommt.

Für die Frau ist der Tod des Sohnes nicht nur der Tod ihres einzigen Kindes: mit ihm stirbt auch das letzte, was ihr von ihrem Mann noch geblieben ist. Doch nicht nur das: Es scheint, als würde sei auch ihr gerade gewonnenes Vertrauen auf Gott zu Grabe tragen. Denn wenn Gott und sein Prophet nicht während der Tage der sich verschlechternden Krankheit geholfen hatten, was sollten sie nun noch ausrichten können?! War es nicht vielmehr so, dass Gott gar nicht hatte helfen wollen - dass nämlich der Tod ihres Sohnes Gottes Strafe für Sünden aus früheren Zeiten war?! Es erstaunt mich zu sehen, wie diese heidnische Frau nicht nur ein Grundverständnis von der Realität Gottes hat, sondern auch - trotz ihres heidnischen Umfeldes mit den so anderen Maßstäben - ein Bewusstsein ihrer eigenen Unzulänglichkeit vor Gott.

Gott sei Dank, dass diese Frau in Elia den richtigen Seelsorger trifft: nicht jemand, der ihr irgendwelche frommen Sprüche um die Ohren haut, sondern einen Menschen, der zutiefst von ihrem Leid berührt ist und das tut, was er praktisch tun kann, um ihr zu helfen! Möchte Gott uns das Feingefühl geben, die Nöte unserer Mitmenschen nicht als "evangelische Chance" zu betrachten, sondern uns mit Gottes Augen in ihre Not hineinzustellen!

Bevor diese Frau allerdings ihren Sohn lebendig wieder bekommt, muss sie durch ein erneutes Loslassen hindurch: "Gib mir deinen Sohn!" verlangt Elia. Und es wird ihr nicht leicht gewesen sein, sich in ihrem Schmerz und Verlust vom Leichnam ihres geliebten Kindes zu trennen. Doch noch einmal erlebt sie, dass in Gottes Reich der Schlüssel zum Empfangen im Loslassen liegt: Indem sie losließ, was nicht zum Leben gereicht hätte, empfing sie ihr tägliches Brot. Indem sie nun loslässt, was zum Tode bestimmt ist, empfängt sie ihr Kind lebendig zum zweiten Mal! Und nicht nur das - nun erst dringt sie durch zum wirklichen Glauben: "Jetzt erkenne ich, daß du ein Mann Gottes bist und daß das Wort des HERRN in deinem Mund Wahrheit ist." Merkwürdig - da lebt sie Tag für Tag von Gottes Fürsorge und begreift doch nicht, dass Gott treu ist. Und doch nicht merkwürdig: wie rasch gewöhnen wir uns an Gottes Handeln und nehmen es für selbstverständlich, anstatt aus der täglichen Dankbarkeit zu leben!

Ich möchte schließen, indem ich noch einmal einiges zusammenfasse, was mir aus diesem Geschehen für mein Leben wichtig wird:

Erstens: Wie Elia möchte ich mich nicht treiben und bestimmen lassen von den Maßstäben meiner Zeit. Ich möchte lernen, vor Gott zu stehen, um von Ihm geprägt zu werden, Ihn zu kennen und Seinen Willen zu tun.

Zweitens: Die Erfahrung der Geborgenheit bei Gott wird nur dem zuteil, der bereit ist, wie Elia auf irdische Sicherheiten zu verzichten und sich auf Gottes Führung einzulassen.

Drittens sehe ich bei der Witwe, dass und wie Gott im Leben meines Mitmenschen schon längst vor meiner Zeit am Werk ist. Ich darf und soll mich mit meinen Gaben in dieses Werk hineinstellen - das Werk aber ist Gottes.

Viertens: Von der Witwe lerne ich, dass das Geheimnis des Empfangens in Gottes Reich im Loslassen dessen liegt, was ich ohnehin nicht festhalten kann - so sehr es mir auch lieb und teuer sein mag.

Möchte Gott mir und uns zu solchen Leben helfen!