Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Könige 19,1-8

Pfarrerin Christiane Borchers

in der evangelischen Kirchengemeinde Groß Midlum

Gnade sei mit euch und Friede von der Kraft, die ist, die war und sein wird. Amen.

1. Könige 19, 1-8

Liebe Gemeinde

Glauben Sie an Engel? - Glauben Sie, dass Engel auch in unserer Zeit Menschen beschützen und bewahren in Not und Gefahr? Wo Engel sind, sind wir behütet. Wo Engel sind, kann nichts passieren. Wo Engel sind, ist Gott nicht fern. Sie sind seine Werkzeuge, sie handeln im Auftrag Gottes.

Schön, die Vorstellung vom Wesen und Wirken der Engel. - Aber gibt es sie wirklich? - Oder sind sie bloß fromme Einbildung, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben? - Der Prophet Elia hat eine Engelsbegegnung gehabt. Er wird aufgerüttelt von ihm. In auswegloser Situation, dem Tod nahe, tritt ein Engel auf den Plan und holt ihn zurück ins Leben. Was ist geschehen? - Elia ist auf der Flucht vor der Königin Isebel. Es war zu offenem Streit gekommen zwischen ihren Priestern, die den Wettergott Baal verehrten, und den Priestern des Gottes Israels. Auf dem Karmel, dem heiligen Berg, sollte sich zeigen, wer der wahre Gott sei. Ein Brandopfer sollte vollzogen werden. Von Priesterhand sollte kein Feuer entzündet werden, das blieb den Göttern überlassen. Welcher Gott mit Feuer antworten würde, der sollte als der wahre Gott gelten. Zwei Stiere wurden gebracht, zwei Altäre errichtet. Die Baalpriester begannen; ihren Gott anzurufen. Sie beteten und tanzten. Aber nichts geschah. Sie riefen lauter, flehten, Baal möge sie erhören, sie gerieten in Verzückung, aber nichts geschah. So sehr sie sich auch mühten, Baal antwortete nicht. Elia verspottete sie: ,,Ihr müsst lauter rufen, Baal hört euch nicht, er schläft wohl gerade. Er muss aufgeweckt werden." Alles Rufen und Flehen half nichts. Schließlich mussten sie aufgeben. Ihr Gott hatte kein Feuer entfacht. Nun war Elia an der Reihe. Er kniete nieder und betete in der Stille. Kaum hatte er sein Gebet beendet, fiel Feuer vom Himmel und entzündete das Brandopfer. Gott hatte seine Macht gezeigt und das Volk glaubte an ihn.

Elia, voller Eifer für den Herrn, nutzte die Gunst der Stunde, rief seine Leute und brachte mit ihrer Hilfe alle 450 Baalpriester mit dem Schwert um. Ein grausiges Schauspiel, das da vor sich ging. Das Messen um göttliche Wahrhaftigkeit endet mit einem Blutbad. Elia hatte sich selbst in eine schwierige Lage gebracht. Glaubte er denn wirklich, es würde ohne Folgen bleiben, wenn er die Priester der gegnerischen Religion tötete? - Hatte er auch nur einen einzigen Augenblick angenommen, dass die Königin Isebel diese Taten ungesühnt lassen würde? Isebel ließ ihn wissen, dass sie sich rächen und ihn töten werde. Eben noch im Hochgefühl seines Sieges, ist er jetzt auf der Flucht. Mitleid kann man mit ihm eigentlich nicht haben. Er hat es nicht besser verdient. Niemand darf einen anderen Menschen töten. Du sollst nicht töten, dieses Gebot gilt auch für ihn. Dieses Gebot wird selbst dann nicht aufgehoben, wenn es um die Glaubwürdigkeit Gottes geht. Nun fürchtet Elia sich und läuft um sein Leben. Selbst schuld möchten wir sagen.

Er läuft in die Wüste, diesen unwirtlichen und lebensfeindlichen Ort, setzt sich am Abend, erschöpft von der Hitze und der Angst, unter einen Ginsterstrauch und will nur noch sterben. Er kommt zu der Erkenntnis, dass er nicht besser ist als seine Väter und bittet Gott um den Tod. An dieser Stelle wird Elia mir wieder etwas sympathischer. Merkt er, dass er falsch gehandelt hat? Tut es ihm gar leid, dass er Unrecht getan hat? - Er fühlt sich furchtbar elend, eine große Schwermut bemächtigt sich seiner. Elia steckt in einer Krise. Seinen ganzen Eifer hatte er - Gott und seinem Glauben zuliebe - in einen ehrgeizigen Plan gesteckt. Nun ist alles sinnlos geworden. Sein Lebensgebäude fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Er hat sich verrechnet und verstiegen. Ratlosigkeit und Enttäuschung, Trauer und Wut, Angst und Schuld, all diese Stimmungen mischen sich. Er weiß nicht mehr ein noch aus, er ist am Ende. ,,Es ist genug, Gott, so nimm nun meine Seele."

Können wir uns in die Situation von Elia hinein versetzen? - Gehen wir mit Elia in die Wüste, schauen wir uns das Bild an wie er unter dem Ginsterstrauch sitzt. Am Boden hockend, hält er die Hände verzweifelt vors Gesicht. Er wimmert und schreit, schaukelt unruhig hin und her. Er weiß nicht, wohin mit sich. Kein Trost, keine Hoffnung, keine Perspektive, nur Wüste und Sand. - Wie war das, als wir in der Wüste unseres Lebens waren? Als niemand sich zu uns hernieder beugte und uns aufrichtete? Wie war das, als wir allein umherirrten und nicht wussten, wo wir Ruhe finden sollten? Wie war das, als wir uns vertrieben fühlten aus der Nähe eines lieben Menschen? Als die Einsamkeit sich ausbreitete, innere Leere und Ausweglosigkeit von uns Besitz ergriffen? - Die Wüste ist mehr als nur eine sandige, karge Landschaft, in der Wüste spiegelt sich die Einsamkeit wieder. Wüste, das ist verloren gegangene Orientierung, Verlorenheit überhaupt. - Da hockt er also, unser Elia, mutterseelenallein und von allen verlassen. Er hat sich vom Leben abgewandt, ist davon gelaufen und will nur noch sterben.

Auch wir kennen Situationen, in denen wir am liebsten davonlaufen möchten. Man muss nicht erst so schwere Schuld auf sich geladen haben wie Elia und auf der Flucht sein, um sich hundselend zu fühlen. Es gibt Situationen, in denen plötzlich alles fraglich wird. Pläne scheitern, Erfolge bleiben aus, Beziehungen zerbrechen. Ein Ereignis erschüttert uns von Grund auf. Unser Tatendrang verfliegt. Wir sehen alles düster. Wo vorher Worte sprudelten, ist jetzt Einsilbigkeit. Wir fühlen uns niedergeschlagen, fast wie tot.

Erschöpft schläft Elia ein. Ein gnädiger Schlaf legt sich auf den unglücklichen Propheten, ein Ginsterstrauch spendet ihm Schatten. Der todunglückliche Elia hat ausgerechnet bei einem Überlebenskünstler in der Wüste Zuflucht genommen. Der Ginsterstrauch kommt in der Sahara und in den Wüsten Israels häufig vor. Seine langen Wurzeln ermöglichen ihm ein Überleben selbst in den trockensten Monaten. Im Ginsterstrauch zeigt sich ein Lebenszeichen. Dieser wird ihm - zusammen mit dem Engel - zum Lebensretter. Die Genesung des Elia erfolgt in mehreren Stufen. Ein Heilschlaf beginnt, aus dem Elia gestärkt erwacht. Gott sendet einen Engel, der ihn aufrichtet. ,,Steh auf und iss!", spricht er und rührt ihn an. Die Berührung ist nicht sanft, wie Engel sonst zu tun pflegen, es ist mehr ein Anstoßen, ein leichtes Anschubsen. Komm, steh auf iss, damit du wieder zu Kräften kommst. Fürs Erste bekommt Elia gerade die Überlebensration vorgesetzt, etwas Brot und einen Krug mit Wasser. Der Engel leistet hier eine Art erste Hilfe, noch ohne Perspektive und ohne die Aussicht auf ein neues Ziel. Brot und Wasser sind die elementarsten Lebensmittel. Brot und Wasser werden in der Bibel immer dort zusammen genannt, wo es ums nackte Überleben geht. - Elia greift zu, der Prophet, der sich nach dem Tod sehnte, hat sich für das Leben entschieden. Wer isst und trinkt, ist in das irdische Dasein zurückgekehrt. Nachdem er gegessen hat, verfällt er aber zunächst wieder in den Schlaf.

Ein zweites Mal stößt der Engel ihn an und spricht: ,,Steh auf und iss!" Beim zweiten Anlauf fügt er noch etwas hinzu: ,,Du hast noch einen weiten Weg vor dir." Dieses Mal fällt Elia nicht wieder zurück in den Schlaf. Dieses Mal steht er, nachdem er gegessen und getrunken hat, auf. Gestärkt geht er seinen Weg. Der führt ihn allerdings, nicht wie wir vielleicht vermuten könnten, zurück zu den Menschen und in wirtliche Umgebung, sondern weiter in die Wüste hinein. Der Berg Gottes, der Horeb, ist das Ziel. 40 Tage und 40 Nächte wandert er, gestärkt durch die Kraft der Speise. 40 ist eine symbolische Zahl, die für Vollendung und Reife steht. Elia braucht eine ausreichend lange Wüstenzeit, um wieder zu sich zu kommen und sich wieder ganz dem Leben zu öffnen.

40 Jahre wandert das Volk Israel durch die Wüste,
40 Tage und Nächte bleibt Mose auf dem Berg, als er die 10 Gebote empfängt,
40 Tage fastet Jesus in der Wüste.
Jedes Mal ist es eine Reise zu sich selbst:
Begegnung mit sich selbst und Begegnung mit Gott ist das Ziel.

Elias Geschichte mag sich mit unseren Lebensgeschichten verknüpfen. ,,Steh auf und iss und geh deinen Weg!", hatte der Engel gesagt und ihn mit Lebensnotwendigem versorgt. Er bekam Wasser und Brot und Perspektive. - Wo hat uns schon einmal jemand Wasser und Brot gereicht? Wo bekamen wir die Überlebensration, die wir nötig brauchten? Wer gab uns ein neues Ziel, als unsere Hoffnungen schwanden? Wie war das, als wir glaubten, eine Welt bricht zusammen, es ist alles aus, aber jemand kam und half uns auf die Beine und zeigte uns einen neuen Weg? - Engel Gottes sind es, die uns helfen aufzustehen, wenn wir am Boden liegen, wenn uns der Mut fehlt, unseren Weg weiterzugehen. Gottes Boten sind es, die uns anstoßen und aufwecken zum Leben. - Auch heute noch gehen sie zu Menschen und führen sie heraus aus Verzweiflung und Anfechtung. Menschen können uns zu Engeln werden, aber Engel müssen nicht notwendigerweise Menschen sein. Sie sind vornehmlich himmlische Wesen und Gott zugeordnet. Engel begleiten uns auf Wegen, die wir allein nicht gehen können. Jesus Christus verbürgt sich dafür, dass wir nicht am Boden liegen bleiben. Er ist das Wasser, das gegeben wird, das in die Quelle zum Leben mündet. Er ist das Brot, das gebrochen wird, zum Heil für uns alle.

"Glauben Sie an Engel?", war die Eingangsfrage. Glauben Sie, dass es sie gibt, dass sie uns schützen und bewahren in Not und Gefahr? - Ja, ich glaube das. Im Vertrauen auf Jesus Christus sind wir gewiss, das Gott uns in Wüstenzeiten seinen Engel schickt, der uns aufrichtet und mit Lebensnotwendigem versorgt und uns herausführt aus der Hoffnungslosigkeit. Gestärkt stehen wir auf, verlassen mit Elia den Ginsterstrauch und gehen den Weg ins Leben.

CD wird eingespielt: Edvard Grieg, Peer Gynt Suite Nr.1 Morgenstimmung

Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll. ( Ps 143,8 )
Gott ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. ( Ps 119,105 )
Zeige mir deine Wege. ( Ps 25,4 )
Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben. ( Sprüche 12,28 )

Leite mich auf gutem Wege. ( Ps 139,24 )

Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. ( Joh 14,6 )
Jesus ist das lebendige Wasser, das zur Quelle wird. ( Joh 4,14 )

Christus ist das Brot, das stärkt.

Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich auf Händen tragen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen und dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. ( Ps 91,11 )

Gott ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten? ( Ps 27,1 )

Geh mit deinen Knechten und Mägden nicht ins Gericht, denn keiner, der lebt, ist gerecht vor dir. ( Ps 143,2 )

Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt, hast mir das Trauergewand ausgezogen und mich mit Freude umgürtet. ( Ps 30,12 )

Herrscher des Himmels,
nimm mich in deinen Arm.
Christus, Erlöser der Welt,
halte deinen Schild über mich,
bereite einen sicheren Weg,
wenn ich aufbreche zu dir.

Amen

Lied: Wohl denen, die da wandeln ...