Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 1. Könige 8,22-24.26-28

Johannes Bartels

05.05.2005 in Lößnitz

Unverhoffte Begegnung

Ich habe mich von dem Predigttext und dem, was drum herum zu lesen ist, zu einer kleinen Geschichte inspirieren lassen. Ich betone, dass die Geschichte frei erfunden ist; sie versucht aber, eine interessante Spannung im Bericht von der Jerusalemer Tempelweihe kreativ aufzugreifen.

Jerusalem im Jahre 955 v.Chr. König Salomo steht auf der Dachterrasse seines Palastes und schaut zum Tempel hinüber. Endlich ist es soweit. Der Tempel ist fertig. Nach siebenjähriger Bauzeit hat Israel erstmals in seiner Geschichte einen eigenen Tempel. In wenigen Minuten wird er, König Salomo, ihn weihen.
Prächtig ist er geworden, der Tempel. Salomo hat es sich etwas kosten lassen. Und er hat mal wieder großes Geschick bewiesen bei der Auswahl der Architekten und Handwerker. Alleine die beiden kunstvoll verzierten Kupfersäulen vor dem Tempel sind eine Pracht. Mit einer Höhe von über sechs Metern verleihen sie dem Portal einen gewaltigen Rahmen. Sie sind das Werk von Hiram, des Kupferschmiedes aus Tyrus, dessen hervorragender Ruf weit über die Grenzen Syriens hinaus bekannt ist. Salomo hat ihn mit sämtlichen Kupferarbeiten beauftragt. Auch die Innenarbeiten lassen sich sehen: die zahlreichen heiligen Geräte, die 12 gegossenen Rinder-Figuren und das mit vierhundert Granatäpfel verzierte Gitter. Alles vom Feinsten. Alles frisch poliert. Jetzt erstrahlt es - kurz vor der Einweihung wunderbarem Glanz.
Bei so viel Prunk hat es natürlich auch Kritik gegeben. Wie sollte es anders sein? Die ewigen Nörgler im Volk verstehen in ihrem kleinkarierten Denken einfach nicht, wie wichtig ein solches nationales Symbol ist. Israel hat sich unter Salomo und seinem Vater, dem glorreichen König David, zu einer großen Nation gemausert. Und eine große Nation braucht nun eben ein prächtiges Zentralheiligtum. Soll etwa das große Versöhnungsfest ewig unter freiem Himmel gefeiert werden? Oft genug schon mussten umgekippte Pilger versorgt werden, die das stundenlange Stehen in der Hitze nicht vertragen hatten. Viel unbedeutendere Völker hatten ihre Tempelanlagen, während Israels heilige Bundeslade immer noch in einem einfachen Zelt stand.
Bereits David hatte mit dem Gedanken gespielt, Gott ein Haus zu bauen. Doch der Palastbau hatte Vorrang gehabt. Und so mussten die Tempelpläne von einem späteren verwirklicht werden. Eine ehrenvolle Aufgabe war das, die Salomo von seinem Vater geerbt hatte - und eine hohe Verantwortung!
Selten ist Salomo so aufgeregt gewesen. In Gedanken geht er noch einmal die Rede durch, die er in wenigen Augenblicken halten wird. Sein Blick wandert über die Stadt. Auf den Straßen herrscht ein unüberschaubares Gewimmel. So viele Besucher hat Jerusalem wohl noch nie gesehen. Schon seit Tagen strömen sie herbei, die Gläubigen aus allen Teilen des Landes. Inzwischen sind sämtliche Herbergen und Privatzimmer belegt. Es herrscht Volksfeststimmung. Die Bauern aus der Umgebung erzielen Höchstpreise mit Opfertieren. Die unvermeidlichen Händler verkaufen ihre Terrakottafiguren und andere Souvenirs. Und die Sanitäter haben alle Hände voll zu tun, die gestressten Pilger mit Wasser zu versorgen.
Die Kritiker des Tempelbaus werden sicher bald verstummt sein. In wenigen Jahren wird niemand mehr den Tempel missen wollen. Dieser Tempel wird die Nation verändern. Israel wird nicht mehr als das wandernde Nomadenvolk belächelt werden, das seine Feste in einem provisorisch aufgeschlagenen Zelt feiert, und das die Bundeslade immer umständlich mit sich herum trägt. Das alles wird der Vergangenheit angehören. In Zukunft werden es sich nicht einmal die Staatsgäste nehmen lassen, im berühmten Jerusalemer Tempel zu beten und zu opfern.

Der Zeremonienmeister reißt Salomo aus seinen Gedanken. Der große Augenblick ist gekommen. Es geht los. Das Protokoll sieht zunächst eine feierliche Prozession vor, mit der die Bundeslade und die alte Stiftshütte in den Tempel getragen wird. Anschließend wird Salomo an den Altar treten und seine Rede halten.

Eigentlich wollte der Hohepriester die Rede nicht aus der Hand geben. Doch Salomo hatte darauf bestanden, die Rede selbst zu halten. Schließlich ist der Tempel aus Staatsmitteln finanziert worden. Und auch das Gehalt des Hohenpriesters wird aus der Staatskasse gezahlt - noch jedenfalls, das kann sich ja auch ganz schnell einmal ändern. Diese kleine Erinnerung hatte genügt, um den Hohenpriester zum Einlenken zu bewegen.

Salomo muss schmunzeln, als er daran denkt. Aus dem Schmunzeln wird ein strahlendes Lächeln, als sich die Prozession in diesem Moment in Bewegung setzt. Salomo genießt das Bad in der Menge. Es kommt viel zu selten vor, dass das Volk ihm so zujubelt wie heute.
Salomo atmet tief durch, durchströmt von dem Bewusstsein, im Mittelpunkt eines historischen Augenblicks zu stehen. Die Ära der Heimatlosigkeit Gottes ist zu Ende. Der Allmächtige bekommt seinen festen Wohnsitz, und dieser Wohnsitz liegt in Jerusalem, der Stadt Davids und der Stadt Salomos. So wird Salomo es gleich am Altar verkünden. Schon jetzt hat er Herzklopfen.

In diesem Moment fällt sein Blick auf die Träger mit der Bundeslade und der zusammengelegten Stiftshütte. Und plötzlich taucht in seinem Kopf ein Bild aus einer alten Geschichte auf: Die Stiftshütte auf dem Wüstensand am Fuße des Sinai. Oben auf dem Berg war Mose Gott begegnet. Dort hatte Gott seinen Willen offenbar gemacht. Die Zusammenfassung davon, die 10 Gebote, befanden sich seitdem im Reisegepäck des wandernden Gottesvolkes. Eingemeißelt auf zwei Steintafeln ruhten sie in der Bundeslade und wurden von Lagerplatz zu Lagerplatz getragen. Es war Gottes Wille gewesen, mit seinem Volk unterwegs zu sein. Das goldene Stierbild war zerstückelt in der Wüste zurückgeblieben. Die Bundeslade aber, als Symbol der göttlichen Offenbarung, hatte Gottes Volk auf seinem langen, beschwerlichen Weg durch die Wüste begleitet.
Sollte die Ära des wandernden Gottes wirklich heute zu Ende gehen? Würde Gott tatsächlich sesshaft werden?
Plötzlich schwindelt es Salomo.
Hat der Mensch überhaupt das Recht, Gott in ein Bauwerk aus Stein zu zwängen, auch wenn es noch so prachtvoll gebaut ist? Als er an der Rede gearbeitet hatte, waren ihm solche Fragen schon einmal gekommen. Doch Salomo hatte sie schnell beiseite gewischt.
Jetzt sind die Fragen wieder da, und Salomo spürt, wie plötzlich seine ganze Rede ins Wanken gerät.
Vielleicht ist es doch ehrlicher, den Tempel nicht zu Gottes Wohnsitz zu erklären. Vielleicht ist es doch angemessener, den Tempel als Ort der Begegnung zu sehen, als einen Treffpunkt, wo sich Mensch und Gott einfinden und einander begegnen. So wie die Stiftshütte in der Wüste, die ja auch das „Zelt der Begegnung“ gewesen war.
In diesem Moment endet die Musik, die die Prozession begleitet hat. Alle Augen richten sich gespannt auf Salomo. Mit weichen Knien steigt er die Stufen zum Altar hinauf. Die Buchstaben auf seinem Blatt verschwimmen vor seinen Augen. Unmöglich, die Rede so zu halten, wie sie im Skript steht. Doch was soll er stattdessen sagen?
Salomo hebt die Hände zum Gebet. Leer sind sie, seine Hände, genau so leer wie sein Geist. Jetzt kann nur noch Gott selbst das Wort ergreifen.
Und dann hört Salomo sich reden, zaghaft zuerst, doch mit zunehmender Intensität:

Herr, du Gott Israels! Es gibt keinen Gott wie dich - weder im Himmel noch auf der Erde. Du hältst den Bund, den du mit deinem Volk geschlossen hast, und erweist allen deine Güte und Liebe, die dir von ganzem Herzen dienen. Und so hast du auch deine Zusage eingehalten, die du meinem Vater David gegeben hast. Was du ihm damals versprachst, hast du nun in die Tat umgesetzt, wie wir alle heute sehen. Ja, du Gott Israels, bitte erfülle alles, was du meinem Vater David, deinem Diener, versprochen hast!
Jedoch - kann Gott überhaupt auf der Erde wohnen? Ist nicht sogar der Himmel zu klein, dich zu fassen, geschweige denn dieses Haus, das ich gebaut habe? Trotzdem bitte ich dich, Herr mein Gott: Höre mein Rufen und weise meine Bitten nicht zurück! Erhöre das Gebet, das ich heute in aller Demut an dich richte! Bitte, wache Tag und Nacht über dieses Haus! Nimm meine Gebete an und auch die meines Volkes, wenn wir zum Tempel gewandt mit dir reden! Hör unser Rufen im Himmel, dort wo du thronst, und vergib uns!
(1.Könige 8,22-24.26-29a.30 Hoffnung für alle)

Salomo hat geendet. Stille breitet sich aus. Und dann erklingt nach und nach das Amen der Gläubigen. Amen, so sei es! Es ist nicht das übliche Gemurmel, sondern ein mit Bedacht gesprochenes Amen. Sogar die Priesterschaft schließt sich an. Mit solchen Worten aus Salomos Mund hatte niemand gerechnet. Und am wenigsten vielleicht er selbst.
Merkwürdig. Woher sind ihm plötzlich diese Worte gekommen? In seinem Skript steht es jedenfalls zum Teil ganz anders. War es Eingebung? War es am Ende Gott selbst, der ihm die Worte in den Mund gelegt hat?
Salomo kann es kaum fassen. Ein ungläubiges Lächeln überzieht sein Gesicht. Der Tempel ist für ihn plötzlich viel mehr als das stolze Wahrzeichen der Nation. Der Tempel, er ist für ihn tatsächlich zum Ort der Begegnung geworden. So wie es sein soll.

Amen.


 


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