Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 1. Korinther 1, 26-31

Martin Beinhauer (ev-ref.)

08.01.2012 in der Martin Luther Stiftung in Hanau

Der Prinz

Liebe Gemeinde,

Bevor ich zum Predigttext komme, möchte ich ihnen die Geschichte von dem Königssohn und der Schäferin erzählen.

Ein König hatte einen Sohn, der sich in die Tochter eines Schäfers verliebt hatte. Das gefiehl dem König gar nicht, denn ein Prinz hatte schließlich innerhalb seines Standes zu heiraten. Auf diese Weise schloss man Frieden und vermehrte seinen Wohlstand. Doch sein Sohn redete so lange auf ihn ein, bis der Vater schließlich nachgab.

Als der Prinz um die Hand der Schäferin anhielt, fragte sie ihn, welches Handwerk er gelernt habe. Der Prinz konnte kein Handwerk und so stellte die Tochter des Schäfers die Bedingung, dass er ein Handwerk lernen müsse, bevor sie ihn zum Mann nehmen würde.

Da lernte der Prinz Teppiche zu knüpfen und schon bald konnte er sehr schöne und gelungene Teppiche seinem Vater und seiner Braut zeigen. Bald darauf wurde die Hochzeit gehalten und die Schäferin wurde zur Braut des Prinzen. Der Prinz hatte ab und an an den Grenzen seines Reiches zu tun und eines Tages überfielen ihn ein paar Diebe. Die erkannten den Prinzen nicht und wollten ihn töten. Da sagte der Prinz zu ihnen: Ich kann Teppiche knüpfen – so schöne, dass der König selbst sie gerne kauft. Lasst mich ein paar knüpfen und wenn ihr sie dem König verkauft, so wird er euch dafür ein paar Goldstücke bezahlen. Die Diebe willigten ein. Und nach ein paar Wochen, in denen der König schon fieberhaft nach seinem Sohn suchte, kamen die Diebe und zeigten dem König die Teppiche. Natürlich erkannte der König die Arbeit seines Sohnes und sah auch die eingewebten Botschaften, wo man den Prinzen finden könnte. Die Diebe wurden festgenommen und bestraft und der Prinz kehrte an seinen Hof zurück. Als er zu seiner Frau kam küsste er sie und sagte “Du hast mir das Leben gerettet.”

Ich lese aus dem 1. Korinterbrief im 1. Kapitel

1. Korinther 1, 26-31

26. Sehet doch nur eure Berufung an, ihr Brüder: Nicht viele Weise nach dem Fleische, nicht viele Mächtige, nicht viele Leute von vornehmer Geburt sind berufen.

27. Sondern was vor der Welt töricht ist, hat Gott erwählt, damit er die Weisen zu Schanden mache, und was vor der Welt schwach ist, hat Gott erwählt, damit er das Starke zu Schanden mache.

28. Und was vor der Welt niedrig geboren und was verachtet ist, hat Gott erwählt, das, was nichts gilt, damit er das, was gilt, zunichte mache.

29. auf dass sich kein Fleisch vor Gott rühme

30. Von ihm aber kommt es, dass ihr in Jesus Christus seid. , der uns zur Weisheit gemacht worden ist durch Gott

Liebe Gemeinde,

Der Königssohn aus dem Märchen ist von vornehmer Geburt. Er gehört zu den wenigen priviligierten Menschen, die es nicht nötig haben, körperlich zu arbeiten. Sein Vater regiert das Land und der Sohn wird die Aufgabe eines Tages übernehmen. Der Prinz ist von vornehmer Geburt.

Schauen wir uns Paulus Sicht der Gemeinde in Korinth an, so meint Paulus, dass so jemand sicher nicht in dieser Gemeinde ist. Jemand, dem es so gut geht, der kann sich nicht in die Gemeinde Jesu in Korinth verirren, weil die Menschen alle unter seinem Stande sind. Das Gegenteil von Königen und Weisen sammelt sich dort. Es sind die Menschen, die keine Möglichkeit hatten, sich zu bilden, die Menschen, die arm waren und solche, die vielleicht auch keinen Platz in der Gesellschaft gefunden hatten.

Es scheint, als übe die Gemeinde Jesu schon immer eine Anziehung auf diejenigen aus, die sonst in der Gesellschaft wenig Freunde fanden. Das war am Anfang so, als Jesus den Zöllner berief, der von allen gemieden wurde, dann folgten die Menschen aus Korinth und heute kann ich das an verschiedenen Stellen auch beobachten. Im CVJM, in dem ich früher gewesen bin, kamen immer wieder die etwas seltsame Menschen - schrägen Vögel -, die in der Schule keinen rechten Anschluss fanden. In der Gemeinschaft, die sich um den Glauben sammelte, wurden sie akzeptiert, weil die Christen sich auf die Fahne geschrieben hatten, jeden Menschen ernst zu nehmen und keinen aus der Gruppe hinauszuwerfen, der auch auf der Suche nach dem Sinn im Leben war. Die Regeln, die in dieser Gemeinde funktionierten, waren andere als die Regeln, die sonst in der Schule galten.

Sage mir, mit wer deine Freunde sind und ich sage dir, wer du bist. Wer in der Schule die falschen Freunde hat, kann sich selbst auch schnell ins Abseits manövrieren. So war es bei den Korinthern auch. Für die reichen Kaufleute ware die Gemeinde in Korinth kein Umgang, denn mit den Hungereidern konnte man kein Geschäft machen. Für die Stadtherren kam so ein Umgang ebenfalls nicht in Frage, weil von der Gemeinde keine politische Macht ausging. Die Gemeinde war eine Gruppe von Menschen, denen es schlecht ging, und mit denen darum niemand zu tun haben wollte, um nicht selbst hinabgezogen zu werden. die Gemeinde war ein Auffangbecken für die, die sonst niemand mehr hatten und die sich nach einer neuen Welt sehnten.

. Da gab es Berufe und Menschen, die nicht erfolgreich waren und die von anderen geschnitten wurden. Sicher waren das nicht die Stadtherren. Auch nicht die Leiter von Handwerksbetrieben und wahrscheinlich auch nicht die wohlhabenden Kaufleute. Das waren eher Gerber, deren Geruch für viele unerträglich war, das waren Sklaven, die das Glück hatten, frei durch die Stadt gehen zu können, das waren die Hilfsarbeiter, die nur für den Tag angeheuert wurden und auch nur für den Tag bezahlt wurden. Die Gemeinde der Christen in Korinth war arm. Sie hatte nichts, was ihr Einfluss oder Macht verlieh – außer Gott.

Weil man arm war, hatte man Verständnis für die anderen Armen. Man warf dem anderen nicht vor, dass er nichts hatte. Man begegnete sich auch nicht mit Unverständnis, wenn kein Geld für Unternehmungen da war. Der Satz “Soviel wird man doch wohl haben....” ist in der Gemeinde nicht bekannt, weil man selbst nicht so viel hat. Der Satz: “Aber das weiß man doch...” fällt nicht, weil allen klar ist, dass man wenig voraussetzen kann. Woher soll denn die Bildung kommen, wenn man kein Geld hat? Die Gemeinde verläßt sich nicht auf sich selbst und ihre Fähigkeiten, sondern auf Gott.

Paulus sieht das als ein Zeichen dafür, dass die Gemeinde nicht aus eigener Kraft lebt. denn aus welcher Kraft sollte sie leben? Geld hat sie keins, Zeit hat sie keine, weil die Mitglieder sich teilweise noch nicht einmal selbst gehören, Hoffnung, dass sich die Lage verbessern wird, gibt es keine, denn wie soll es anders werden? Die einzige Kraft dieser Gemeinde ist Gott, die einzige Hoffnung das Reich Gottes. Wer reich ist. läuft Gefahr, sich auf sich selbst zu verlassen und den Reichtum als Sicherheit zu nehmen, die schützt, wenn es im Leben schief geht. Man muss nicht mehr auf Gott verztrauen, man vertraut der Versicherung, die im Schadensfall zahlt.

Haben nun die Reichen und die Menschen mit guter Herkunft keine Chance in der Gemeinde Jesu? Hätte ein Königssohn die Chance, eine Schäferstochter zu heiraten? Er hat es, aber er muss dafür viel aufgeben von dem, was ihn zum Königssohn macht:

1. Dafür muss man in der Lage sein, sich auf die eigene Herkunft nichts einzubilden. Standesdünkel haben in dieser Gemeinde keinen Platz. Auch der Standesdünkel der Armen nicht, die dem “reichen Schnösel” sicher reserviert gegenüberstehen. Man ist ja voneinander nichts Gutes gewöhnt. Die Armen haben oft ein hochnäsiges Auftreten der Reichen erfahren und die Reichen sind sicher schon ein paar Male von Armen bestohlen worden.

2. Manche Könige versuchten, durch die Heirat ihre Macht zu vergrößern. Dabei geht es um Geld und Einfluss. Wer in der Gemeinde Jesu ist, hat zunächst einmal wenig Geld und Einfluss gewonnen. Manchmal, wenn ich Leute zur Kirche einlade, sagte man mir: Da gehen nur die Leute hin, um ihre neue Gaderobe zu zeigen. Ich weiß, dass dafür einfach zu wenig Menschen in der Kirche sitzen, die sich 1. für die Gaderobe interessieren und 2. diese Gadrobe auch sehen würden. Wer heute Macht, Einfluss und gute Bekannte sucht, geht ins Theater, in die Oper, macht Urlaub in der Karibik oder begibt sich auf festliche Empfänge, wo sich die oberen 10.000 treffen. Die Kirche ist dafür heute ein ungeeigneter Ort. In der Kirche vergrößert man seine Macht nicht – eher im Gegenteil. Man verliert Macht, weil man für andere Verantwortung übernimmt. Und dennoch lohnt es sich für den Prinzen unseres Märchens. Er hat unter den armen Menschen seine große Liebe gefunden. Er fand eine Braut, die keinen Wert auf Macht und Geld legt, weil sie wusste, dass das alles vergeht. Er fand ein Mädchen, welches ihn weiterbrachte, indem sie von ihm auch etwas verlangte.

3. Ein Reicher, der in die Kirche kommt, muss lernen, wie man lebt, wenn man nicht reich ist – er muss sich bemühen, die anderen in der Kirche zu verstehen – er muss in unserem Märchen arbeiten lernen, wie Handwerker. Umgekehrt wird seine Frau auch verstehen müssen, dass geistige Arbeit auch Arbeit ist.

Ich glaube, dass auch die Menschen aus gutem Hause – die von vornehmer Geburt – ihren Ort in der Gemeinde finden können. Auch die Gebildeten, die Weisen und auch Mächtige sollen ihrem Platz dort finden. Sie können es, wenn Sie verzichten, sich auf die Herkunft, Bildung oder Geld etwas einzubilden. Sie können es, wenn sie nicht nach weiterer Macht suchen und bereit sind, sich auf die Armen einzulassen. Ich bewundere die Menschen aus gutem Haus, die gebildet und mächtig sind, die das können. Immer wieder in der Geschichte der Kirche hat es solche Menschen gegeben. Sie haben damit nicht nur ihr Leben gerettet, sondern auch vielen Menschen geholfen und sie haben dabei Gott gefunden. Sie haben ihre Bildung und ihre Macht eingesetzt, um anderen zu helfen.

Einer von ihnen lebte im 4. Jahrhunderrt und wurde Tertullian genannt. Er war ein gelehrter Mensch – ein Anwalt – er machte sich zum Anwalt für alle, die der neuen Religion angehörten und nicht so recht auf die Fragen der Umgebung antworten konnten. Für sie schrieb er, dass das Christentum keine Bedrohung für den Staat ist. Er zeigte, dass Christentum auch schlaue Menschen überzeugen kann – nicht, wie es damals dargestellt wurde, dass nur die Dummen und Ahnungslosen für diese Religion gewonnen werden können. Für seine Freunde stellte er sich mit Argumenten denen entgegen, die nichts als Aggression für die Christen übrig hatten. Er war bereit, auf seine Karriere in Rom zu verzichten. Er bereitete die Akzeptanz des Christentums im römischen Reich vor. Er konnte es, weil er den Christen zuhörte und die Stärken verstand, die diese Religion hatte – Stärken, die den römischen Vielgötterglauben alt und schwach erscheinen ließen. Tertullian lernte auf diese Weise nicht nur – wie es seinem Stand entsprach – die oberen 10.000 kennen, sondern vor allem auch die dienenden Menschen. Umso klarer sah er auch, was im römischen Reich verkehrt war.

So wird auch der Prinz nachdem er mit dem Schäfer verwandt ist, ein offenes Ohr für die Probleme der kleinen Leute haben. Weil er weiß, wie anstrengend Arbeit ist, wird er die Arbeit der anderen auch schätzen.

In den Gemeinden, in denen Paulus war, gab es kaum Menschen dieser Art. Und auch heute sagen viele Mächtige, Gebildete und Menschen von guter Herkunft von der Kirche los. Dass es einen Gott geben soll, der Menschen richtet, ist ihnen zu weit hergeholt – oder eine Torheit. Macht und Einfluss findet man in der Kirche nicht. Im Gegenteil, man muss noch Geld für sie ausgeben. Dann wird auch noch etwartet, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die man sonst lieber nicht kennt. Man soll Dinge tun, die anstrengen und sich über Gott freuen, der alle Menschen gleich liebt – nicht den Reichen am meisten. Warum viele Menschen der Kirche fernbleiben, ist heute nicht anders als damals zu Paulus Zeiten.

Paulus schaut die Gemeinde in Korinth an. Er stellt fest, dass sie alle nicht zu den Menschen gehören, die in unserer Gesellschaft hoch geachtet sind. Doch darin besteht die Stärke der Gemeinde, dass sie nichts hat außer Christus. Auch wenn unsere Kirche heute viel erreicht hat, sie hat Gebäude, gesellschaftliches Ansehen und auch eine Stimme in unserer Gesellschaft. Dennoch bleibt es dabei, dass nicht die Christinnen und Christen, Pfarrerinnen und Pfarrer, noch die Bischöfinnen und Bischöfe ihre Stärke sind, sondern allein Gott. Frau Käsmann hat gezeigt, wie schnell weltlicher Ruhm durch einen Fehler vergehen kann. Würde es an ihr hängen, die evangelische Kirche wäre mit ihr gefallen. Aber es ist nicht unsere Arbeit, unser Geld oder unser Einfluss, durch den die Kirche wächst, sondern Gottes Macht. Frau Käsmann hat auch gezeigt, wie man erhobenen Hauptes und mit dem Vertrauen auf Gott zu diesem Fehler stehen kann. Menschen sind fehlbar, und das, was wir uns aufbauen, kann schnell zerfallen. Wer arm ist, weiß davon ein Lied zu singen. Denn hinter der Armut vieler Menschen steht die Erfahrung des vergangenen Reichtums. Es gab eine Zeit, wo diese Menschen Arbeit hatten und es ihnen gut ging. Wer arm ist, kann auch verstehen, wie andere Menschen fallen, ohne sich über sie zu erheben. Und wer arm ist weiß, wie schnell es gehen kann, dass nichts mehr da ist von der vermeintlichen Sicherheit – nichts außer Gott, denn Gott allein bleibt ewig.

Und die Liebe Gottes, die höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herren, Amen.

Lied 70, 1-3


 


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