Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 10, 16+17

Pfarrer i.R. Johannes Gerrit Funke (ev)

05.04.2012 in der Lutherkirche Bochum-Dahlhausen

Gründonnerstag

Gabe und Aufgabe des Leibes Christi

1 Kor 10, 16+17

Der Text (Elberfelder Übersetzung mit geringfügiger Abänderung)

Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht Gemeinschaft mit dem Blut des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht Gemeinschaft mit dem Leib des Christus? Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot.

Einigkeit macht stark. Schon mancher Titel im Sport wurde vor allem durch eine geschlossene Teamleistung gewonnen. Kein Wunder, dass Gemeinschaften immer wieder mit einem Körper verglichen worden sind. Denn ein Körper ist umso gesünder, je besser die einzelnen Organe, Gliedmaßen und was sonst zu ihm gehört, reibungslos zusammen wirken. Schon im alten Rom hat man dieses Bild auf den Staat angewandt. Bei uns heißt eine bestimmte Rechtsform von Gemeinschaften eine ´Körperschaft`.

Paulus vergleicht in seinem Brief nach Korinth die christliche Gemeinde mit einem Leib. „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen“. Er appelliert ebenfalls an die Einigkeit der Gemeinde in der griechischen Hafenstadt. Doch der Apostel hat bei seinem Vergleich noch mehr vor Augen. Gemeinschaften, die durch Einigkeit stark sind, können ja mitunter auch ihre Schatten werfen. Man muss nur an verschworene Cliquen denken. Die können Anderen, welche nicht dazugehören, das Leben ganz schön schwer machen. Im Extremfall kann es für sie sogar gefährlich werden. Dann weht um die Einigkeit, die stark macht, etwas, was Paulus an anderer Stelle seiner Korrespondenz mit der Gemeinde in Korinth, einen „Geruch vom Tode zum Tode“ genannt hat. Deswegen schreibt Paulus einerseits: „Wir sind ein Leib“. Er ruft aber auch in Erinnerung, worin diese Einigkeit gründet. „Das Brot, das wir brechen, ist es nicht Gemeinschaft mit dem Leib des Christus?“ An dem einen bestimmten Leib, dem Leib des Christus, des Gesalbten Gottes, gilt es also Maß zu nehmen.

Der Leib des Christus verbindet auf unverwechselbare Weise den auferstandenen Christus mit dem Menschen Jesus von Nazareth und wie er in unserer Geschichte in körperlicher Existenz gegenwärtig war. Diejenigen, denen er nach seiner Auferstehung begegnete, haben ihn an einigen körperlichen Merkmalen und Gesten erkannt, die sich ihnen am tiefsten eingeprägt hatten. Für einige waren das die Wunden, die er als der Gekreuzigte getragen hatte. Für Andere war es die Geste, in der das Brot brach und weiterreichte. Für Maria war es seine Stimme, mit der er sie ansprach. Der Leib, in dem Jesus Mensch unter Menschen war, ist das verbindende Glied dafür, dass er nach seiner Auferstehung in Gottes Herrlichkeit lebt und dennoch weiterhin realistisch an unserer Seite bleibt. In seiner Auferstehung hat Jesus Christus den Tod hinter sich gelassen. Aber er hat dabei nicht einfach wie eine lästige Hülle abgestreift, was ihn mit uns verbindet. Er hat zwar den Tod überwunden. Aber er hat uns nicht in jenem grundlegenden Konflikt allein zurückgelassen, auf dessen Spur uns gerade unsere Leiblichkeit bringt.

Unser Körper bildet einerseits ab, dass es jemanden wie uns nur ein einziges Mal in aller Weltgeschichte gibt. Er trägt zum Beispiel die Informationen über unverwechselbare Merkmale, die wir haben. Wir können an unseren genetischen Code denken oder an die Abdrücke unserer Finger. Zudem graviert unser Leib auch Spuren aus unserer individuellen Lebensgeschichte in eine Art körperliches Gedächtnis ein. Manchmal kann man davon einen kleinen Bruchteil ahnen, wenn man sieht, wie jemand sich bewegt oder in bestimmten Situationen unwillkürlich reagiert. Unser Körper speichert regelrecht ab, dass es uns und unsere Geschichte kein zweites Mal in der ganzen Geschichte des Universums geben wird. Doch auf der anderen Seite gemahnt uns unser Körper daran, dass wir nichts weiter sind als ganz gewöhnliche Menschen, ja ganz gewöhnliche Lebewesen. Er erinnert uns – manchmal sanft, manchmal brutal - daran, dass es auch uns einmal nur so ergehen wird wie „allem Fleisch“. Mit solchen drastischen Worten wird die Mahnung, die von unserem Körper zu uns dringt, in der Bibel ausgedrückt. Spätestens im Tod wird es auch mit uns so gehen wie mit aller Welt: die eigene Stätte kennt einen dann nicht mehr. Es ist, als sei man wie verschwunden aus aller Weltgeschichte. Man kann vor diesen widersprüchlichen Botschaften, wie sie uns unser Leib vor Augen führt, so stehen wie vor einer Sphinx. Sphinxen, diese seltsamen Mischgestalten aus Menschenantlitz und Tierkörpern, gelten ja von je her als Inbegriff für Rätsel, vor denen wir zuletzt kapitulieren müssen. Wenn wir Glück haben, verläuft die Begegnung mit der Sphinx für uns harmlos. Dann werden wir zwar immer mal wieder kopfschüttelnd vor den rätselhaften Botschaften stehen. Aber sie werden uns zu so etwas wie eigene Schatten, die einen unterwegs begleiten. Doch es kann auch anders kommen. Dann schaut uns die Sphinx angesichts dieser widersprüchlichen Botschaften wie mit zwielichtigen Augen an. Was immer wir anfangen, um uns mit unseren unverwechselbaren Gaben und Möglichkeiten in das gemeinsame Leben einzubringen, kann dann jederzeit in solchem Zwielicht erscheinen.

Man will dann z.B. seine besten Gaben einbringen, um im gemeinsamen Leben etwas zum Besseren zu bewegen. Doch dann mischt sich plötzlich entmutigender Zweifel ein. Wird es nicht am Ende doch mehr oder weniger verlorene Liebesmühe gewesen sein? Gleicht man nicht schließlich ein wenig dem Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen Windmühlenflügel zu Felde zog? Wird sich etwa der wirklich harte Kern der Verhältnisse durch uns bewegen lassen? Was am allerschlimmsten ist, wenn sich diese Stimme einmischt: zu der Erfahrung eigener Ohnmacht muss man sich dann immer auch einen spöttischen Unterton mit gefallen lassen, der einen beschämen will. Er gibt zu verstehen: Was hast du dir auch bloß eingebildet! Meintest du tatsächlich, an dir könne die Welt genesen? Oder man tut sich – aus welchen Gründen auch immer – schwer damit, sich mit seinen originellsten Seiten und Fähigkeiten einzubringen in das gemeinsame Leben. In immer wieder neuen Anläufen merkt man, wie man meistens mehr Widerstand erzeugt als Zustimmung erzielt. Manchmal ist einem gar, als arbeiteten die eigenen originellsten Ressourcen, die in einem sind, geradezu gegen einen selber. Man sucht Anschluss, aber erntet Gegenwind. Es ist, als werde man zu den ohnehin schon innerlich aufgetretenen Schweißperlen hinzu noch mit solchen Widrigkeiten behindert.

„Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht Gemeinschaft mit dem Blut des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht Gemeinschaft mit dem Leib des Christus? Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot.“

Die Begegnung mit dem Auferstandenen, der sich an Merkmalen seines Leibes erkennen ließ, versöhnt uns, die wir von solchen Konflikten wie vom Tod gezeichnet wirken können mit Gott, miteinander und mit uns selbst. Jesus Christus, der gekreuzigt worden war und von den Toten auferstand, bringt uns ganz neu zusammen an seinem Tisch. In ihm, so wird uns verkündigt, hat Gott sein Ebenbild aus allem Zwielicht von Zweifel und Beschämung herausgeholt. In Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen hat Gott öffentlich und feierlich die Verheißung erneuert, dass auch wir berufen sind, sein Ebenbild zu tragen. Jeder und jede von uns hat daran unverwechselbaren Anteil – mit den besonderen Gaben und Möglichkeiten, wie man sie nur einmal in der Weltgeschichte bei uns finden kann. Mehr noch: am Tisch des Herrn erfahren wir, dass wir dazugehören, und zwar gerade mit diesen einzigartigen Ressourcen, die in uns stecken. Wir haben durch sie sogar eine Aufgabe in dem gemeinsamen Leben, für die es unbedingt unserer bedarf, weil niemand sonst in der ganzen Welt sie so erfüllen kann wie wir. Denn mit unseren unverwechselbaren Gaben und Möglichkeiten können wir den unverwechselbaren Gaben und Möglichkeiten anderer Menschen zu umso reicheren Entfaltungen verhelfen. Wir dürfen als Gottes Ebenbild umso mehr von Gottes Ebenbild unter uns ausmachen, stärken und stützen. Keine Macht der Welt, keine Grenzen, nicht einmal der Tod mit seinen zwielichtigen Zweifeln und Beschämungen vermag uns daran zu hindern.

An seinem Tisch wird uns der auferstandene Jesus Christus in seinem Leib zu einem neuen Zugang zu jenem Leib, den der Apostel Paulus im Brief nach Korinth auch einen Leib Christi nennt. Das ist eine unsichtbare, aber weltweite Gemeinde, die er dort zusammenbringt. An seinem Tisch bringt Jesus, der gekreuzigte und auferstandene Gesalbte Gottes uns zusammen. Denn an seinem Tisch bringt er uns zusammen, so wie wir jetzt hier zu einer Zeit in einem Raum beisammen sind. An seinem Tisch bringt er sogar uns mit uns selbst zusammen, sofern wir uns manchmal über unseren inneren Konflikten oft kaum noch wie zu Hause in unserem eigenen Leib fühlen mögen. An seinem Tisch bringt er uns sogar mit denen zusammen, die schon längst nicht mehr unter uns sind genauso wie mit denen, die erst noch geboren werden sollen. An seinem Tisch bringt er eine Gemeinde zusammen, die einig und stark darin ist, vor ihm wie ein Leib zu sein. Amen