Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 11,23-29

Pastor Dr. Christoph Barnbrock (ev.-luth.)

01.04.2010 Zionskirche Verden (Aller)

Abendmahlsgottesdienst an Gründonnerstag mit Beteiligung des Jugendchores "Young Voices"

Liebe Gemeinde,

I.

Ina sitzt in der Kirche. Sie ist fünfzehn. Auch an diesem Sonntag wird im Gottesdienst das heilige Abendmahl gefeiert. Seit ihrer Konfirmandenzeit geht sie gerne zum Abendmahl. Sie findet es gut, dass dort mit Gott alles wieder ins Reine kommt. Außerdem ist es feierlich. Und es ist schön, dort am Altar mit den anderen jungen Leuten zusammen zu sein.

Und doch ist ihr manches an der Abendmahlsfeier fremd. „Das tut zu meinem Gedächtnis“, hört sie da immer wieder bei den Einsetzungsworten. „Ja, was denn?“, fragt sie sich. „Und was hat das mit Jesu Erinnerungsvermögen zu tun?“ Oder: „Mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Das ist schwer zu verstehen, findet sie. Was soll das heißen?

II.

Als Ina am nächsten Tag von der Schule kommt, wartet ihre Mutter mit einer traurigen Nachricht auf sie: „Oma ist gestorben“, sagt sie. Ina beginnt zu weinen. Sie hat ihre Oma lieb gehabt. Zwar wohnte sie weiter weg, sodass sie sie nur selten gesehen hat. Und, klar, sie war schon länger krank. Und trotzdem fehlt sie ihr jetzt schon.

Wenig später ist die Beerdigung. Die ganze Familie macht sich auf den Weg. Und als sie nachher beim Kaffeetrinken beieinander sitzen, kommt ihr Onkel Paul auf Ina zu. „Hallo Ina“, sagt er. Onkel Paul hat ihre Oma bis zum Schluss gepflegt. Und nun gibt er Ina ein Medaillon und sagt: „Das ist für dich. Das soll ich dir von Oma geben. Sie hat sich gewünscht, dass du es haben sollst, wenn sie stirbt.“

III.

Als sie wieder zu Hause ist, nimmt Ina das Medaillon vorsichtig in ihre Hände. Etwas abgegriffen sieht es aus. Kein Wunder, schließlich hat Oma es jeden Tag an der Kette um ihren Hals gehabt. Ina kann sich nicht erinnern, dass sie dieses Medaillon irgendwann einmal nicht getragen hat.

Vorsichtig klappt sie es auf. Innen drin ist eine alte Darstellung von einem Kreuz. Das also war es, was ihrer Oma so wichtig war. Wahrscheinlich fühlte sie sich dadurch Gott jeden Tag aufs Neue verbunden. Und nun gehört es ihr. Onkel Paul hat es ihr gegeben: „Für dich“, hat er gesagt.

Ina hängt sich das Medaillon um ihren Hals. So recht mag es gar nicht passen zu ihrem modischen Oberteil. Und doch ist es ihr wichtig. Jetzt, wo sie die Kette am Hals spürt, ist es für sie, als ob sie wieder bei ihrer Oma im Wohnzimmer sitzt. Es ist kein bloßes Erinnern, sondern diese alten Zeiten leben jetzt wieder auf. All das ist ihr wieder ganz gegenwärtig. Sie weiß, ihre Oma hat ihr mit diesem Medaillon etwas von sich selbst mitgegeben. Deswegen will sie die Kette mit dem Medaillon jetzt jeden Tag tragen – zu Erinnerung an ihre Oma, damit ihre Zeit mit ihr präsent bleibt und um ihr Andenken, ihr Gedächtnis zu wahren.

IV.

Am nächsten Tag sitzt Ina mit ihren Eltern am Frühstückstisch. Ihre Mutter wundert sich, dass Ina schon wieder des Medaillon trägt, obwohl es überhaupt nicht ihr Stil ist.

Vom Frühstückstisch aus können die beiden den Gehweg sehen. Frau Schulze aus dem Nachbarhaus geht mit ihrem Rollator langsam den Fußweg entlang. Inas Mutter wartet schon auf den frechen Spruch ihrer Tochter, aber heute Morgen bleibt sie still.

Sonst hat Ina es sich nie verkneifen können bei diesem Anblick zu sagen: „Ach, Frau Schulze wieder mit ihrem Seniorenporsche!“ Aber heute hat sie die Worte gerade noch runtergeschluckt. Ihre Oma hat sich darüber immer geärgert, wenn sie zu Besuch war. „Glaub nicht, dass das so lustig ist, wenn man im Alter schwächer wird“, hat sie ihr immer wieder gesagt. Ina hat sich damals nicht viel daraus gemacht. Zu cool fand sie ihren Spruch.

Aber jetzt, wo sie das Medaillon ihrer Oma um den Hals trägt, mag Ina das nicht mehr sagen. Das würde nicht mehr passen. Schließlich hat ihre Oma ihr einen Teil ihres Lebens anvertraut. Würde sie jetzt so weitermachen wie bisher, würde sie dieses Schmuckstück unwürdig tragen.

V.

Nun muss Ina aber zur Schule. Auf dem Schulhof trifft sie ihre ersten Mitschüler. Sophie hat am Wochenende neue Schuhe geshoppt. Und Clarissa hat ein neues Top. Cool. Etwas verschämt trägt Ina ihr Medaillon unter ihrem Pulli. Aber Sophie hat es trotzdem entdeckt. „He, was hast denn du da?“, fragt sie.

Ina überlegt kurz, was sie sagen soll. Vielleicht: „Ach, das ist nur so'n Accessoire, was ich in nem angesagten Laden gefunden hab, als ich zur Beerdigung weg war.“ Aber dann denkt sie: Das wär ja feige. Also rückt sie raus damit: „Das ist von meiner Oma. Das war ihr wichtig. Jeden Tag hat sie's getragen. Und jetzt soll ich es haben. Mir ist das auch wichtig, denn so bleibt mir die Zeit mit ihr ganz nahe.“

Puh, geschafft. Sophie und Clarissa gucken zwar ein bisschen komisch. Aber dann geht’s auch schon wieder um Schuhe und Klamotten. Und Ina ist froh, dass sie nicht klein beigegeben hat. Irgendwie verpflichtet so ein Geschenk ja auch. Dieses Bekenntnis zur ihrer Oma war eindeutig dran.

VI.

Und dann ist Gründonnerstag. Ina geht mit ihren Eltern zur Kirche. Heute ist wieder Abendmahl. Sie hört wieder die alten Worte, aber mit einem Mal nimmt sie sie mit ganz anderen Ohren wahr.

„Christi Leib und Blut, für dich gegeben und vergossen“ - das ist ja so ähnlich wie mit dem Medaillon ihrer Oma. „Christus ist gestorben, und ich bekomme ein Stück von seinem Leben im Abendmahl anvertraut.“ Dieser Gedanke berührt Ina in ähnlicher Weise, wie die Worte ihres Onkels Paul, als er sagte: „Das ist für dich“.

Der Pastor redet weiter und zitiert weiter Jesu Worte: „Das tut zu meinem Gedächtnis.“ Und dabei fällt Inas Blick auf das Medaillon, das sie um den Hals trägt. Ja, auch sie trägt es als Andenken an ihre Oma, ihr zum Gedächtnis, weil so die gemeinsamen Zeiten mit ihr lebendig bleiben. Ob das so ähnlich auch mit dem Abendmahl gemeint ist? - Wir feiern das Abendmahl – und dadurch bleibt Jesus Christus in unserem Leben in besonderer Weise gegenwärtig, präsent.

„Na, und wenn das schon beim Medaillon meiner Oma so ist, dann ist das bei Jesus, der ja gar nicht tot geblieben ist, bestimmt umso mehr so: Dass er uns im Abendmahl begegnet, er bei uns ist und nicht einfach weg ist“, denkt Ina. Hatte so etwas nicht auch der Pastor im Konfirmandenunterricht gesagt? Dass Jesus im Abendmahl tatsächlich zum Anfassen, mit Leib und Blut, da ist. Schade, dass das bei Omas Medaillon nicht geht. Aber irgendwie Klasse, dass es beim Abendmahl so ist!

VII.

Auf dem Weg nach Hause denkt Ina noch einmal über Omas Medaillon und das Abendmahl nach, als sie vor der Haustür Frau Schulze mit ihrem Rollator begegnen.

Als ihre Mutter die Haustür aufschließt, guckt sie Ina erwartungsvoll an. Doch wieder spart sie sich ihren Spruch vom „Seniorenporsche“. Komisch, wie so ein Geschenk das Leben verändert, denkt sich Ina. Fürs Abendmahl gilt das bestimmt auch. Vielleicht sollte ich auch noch mal darüber nachdenken, was Gott nicht mag. Wär ja auch blöd, wenn mein Leben nicht zu Gottes Geschenk passen würde.

Amen.