Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 1. Korinther 1,17-25

Pfarrer i. R. Eberhard Behrens (ev.)

12.07.2009

Zu unserem Bemühen um die Bibel sollte auch immer ein Stück Ehrlichkeit gegen uns selbst und Unbestechlichkeit gehören, was den biblischen Inhalt betrifft, Unbestechlichkeit auch gegenüber einer Verkirchlichung, bei der die Bibel in ein dogmatisches Schema gezwängt wird; auch eine Ideologisierung gehört dazu, bei der man die Bibel gern dem Zeitgeist anpasst, dem was gerade so ‚in’ ist. Wenn wir also mit der erwähnten Unbestechlichkeit ernst meinen, dann brauchen wir so manches nicht, was manche auf der Suche nach theologischer Profilsuche für unbedingt notwendig hielten, halten. Wir brauchen keinen Biblizismus (wir brauchen überhaupt keine ‚ismen’), keine Theologie der Befreiung, keine feministische Theologie, Neuorthodoxie usw. Das alles sind Prothesen, die göttliche Wahrheit gar nicht nötig hat.

Wenn wir uns also jene Redlichkeit auf die Fahnen geschrieben haben, dann werden wir gleich aufmerksam, stolpern über den ersten Vers unseres Textes. „Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen.“

Ist nicht die Taufe der Anfang unserer christlichen Existenz? Hat nicht der erhöhte Herr in seinem Missionsbefehl gesagt: „Darum gehet hin und lehret alle Völker und tauft sie ..“ (Matthäus 28,19). Paulus übernahm diesen Auftrag jedenfalls nicht für sich: „Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen ..“

Der Apostel Paulus ist sich seines Auftrags sicher: Die Verkündigung, das Predigen hat Priorität; und zwar nicht mit klugen Worten, dass das Wort vom Kreuz nicht zunichte werde.’

Paulus schreibt hier geradezu ein Hoheslied des Wortes vom Kreuz! Das hat allerdings seine ganz nüchterne und alles andere als poetische Ursache. Die Zustände in dieser Gemeinde – wir schreiben das Jahr 58 – machen ihm Sorge. Innergemeindlich haben sich Fraktionen gebildet, die sich jeweils auf verschiedene Prediger berufen, die an der Entstehung der korinthischen Gemeinde beteiligt waren und sie geprägt hatten. Je nach persönlicher Sympathie hatten sich die einen für Paulus und seine Verkündigung ausgesprochen, andere für Petrus und noch andere für einen gewissen Apollos und die anderen als zweitklassig eingestuft. Ganz ähnlich wie bei unseren Wahlen zur Neubesetzung einer Pfarrstelle. Da kann man sich auch ewig nicht einig werden. In Korinth damals fing das schon an. Genau das macht dem Apostel Paulus nun Sorge. In diesem Verhalten sieht er das Profilierungsbedürfnis einiger weniger, das die Gemeinde letztlich zerstören wird, wenn man dem nicht Einhalt gebietet. Es ging damals und geht heute um das Evangelium, speziell die Botschaft vom Kreuz, die geglaubt sein will und nicht gegenseitig ausgespielt werden darf: „Wir aber predigen den gekreuzigten Christus!“ (Vers 23). Das ist die gleichermaßen zentrale wie spannungsreiche Botschaft des Apostels, die auch bei uns im Zentrum bleiben muss. Und spannungsreich deshalb, weil mit der Katastrophe Jesu am Kreuz unser Fragen nach dem Sinn des Lebens nicht beantwortet ist, auch nicht die Frage nach dem vielen Unheil in der Welt. Immer wieder Erdbeben mit Tausenden Toten, immer wieder Bergwerkskatastrophen in China und dort wie anderswo eklatante Verletzungen von Menschenrechten. Wenn es einen Gott geben würde! Ich bin von solchen und anderen Katastrophen verschont geblieben. Ist mein Überleben ein Zufallsereignis? Würfelt Gott? Wo ist da der Sinn? Das ist doch keine Perspektive, wenn Katastrophen und Tod in irgendeiner Weise Perspektiven sind, angefangen eben beim Kreuz Jesu. Allerdings muss hier ein Missverständnis beseitigt werden. Es geht nämlich gar nicht um uns, sondern um das Handeln Gottes, dass nämlich am Kreuz das Entscheidende durch Gottes Initiative geschieht. Der am Kreuz schrecklich qualvoll Hingerichtete, nach menschlichen Maßstäben Gescheiterte wird uns als Retter präsentiert: „So wisse nun das ganze Haus Israel, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und Christus gemacht hat!“

Hier werden alle menschlichen Maßstäbe außer Kraft gesetzt. Hier rebelliert der sog. gesunde Menschenverstand. Ich habe mal von einer Ausgrabung in Italien gelesen. Dort hatte man an der Hinterwand eines Hauses, das freigelegt worden war, eine Zeichnung gefunden: Ein Kreuz mit einer daran hängenden menschlichen Gestalt, aber einem Eselskopf. Darunter stand: „Gajus betet zu seinem Gott!“ Man deutete dieses Bild als Spottzeichnung griechischer Sklaven auf ihren christlichen Mitsklaven Gajus. Und die Meinung der anderen: Ein Gott, der am Kreuz endet, muss ein Esel sein. Und wer ihn anbetet nichts anderes. – Das Wort vom Kreuz – ein Ärgernis von Anfang an.

Kürzlich kam ich mit einer Hausbewohnerin, die gerade ihren Hund ausführte, ins Gespräch. Es sei für sie völlig unvorstellbar, dass Gott, der doch das Universum geschaffen hat, sich um die Schmerzen in ihrem großen Zeh kümmere. Ich entgegnete: Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Aber ob wir uns nun so etwas vorstellen können oder nicht – darauf kommt es überhaupt nicht an. Es ist doch ziemlich vermessen, dass ich Gottes Wirklichkeit und sein Handeln an der Welt und an uns meine, herunter transformieren zu müssen auf die Beschränktheit meines Gehirns! Vielmehr sollte ich Gott Gott sein lassen und nicht den naiven Versuch machen, ihn in das Gehäuse meines Gehirns einzusperren. Für eine Ameise ist das Ameisenvolk, zu dem sie gehört und der Ameisenhaufen, in dem sie lebt, ihr Universum. Was weiß denn die Ameise von der Größe der Wälder der Amazoniens!

Das war noch zur Sowjetzeit. Ich fuhr mit dem Zug von Moskau zurück nach Berlin. Mein Schlafwagengenosse – ein echter Genosse! – war, wie sich bald herausstellte, ein kommunistischer Politoffizier, der zurück in seinen damaligen Wohnsitz Berlin-Karlshorst fuhr. Man kam während dieser 30-stündigen Bahnfahrt ins Gespräch, so gut das sprachlich ging; ich mit meinen paar Brocken Russisch. Er ohne jede Deutschkenntnis. Was ich von Beruf sei. Pfarrer. Oh Schreck! Solch einem Menschen war er noch nicht begegnet. Wie man das heute in unserer fortschrittlichen Gesellschaft noch werden könne! Wo doch die Wissenschaft bewiesen habe, dass es Gott nicht gibt. Und dann, was die Kirche im Mittelalter alles an Schlimmem getrieben habe. Und er resümierte: Zerkow – eto Metsch! Zerkow – die Kirche. Aber das Wort Metsch kannte ich nicht. Im Wörterbuch stand es dann. Aha. Metsch – das Schwert. Die Kirche – das Schwert! Da hatten wir’s. Na ja erwiderte ich, was die Kirche im Mittelalter alles getrieben hat, war wirklich schlimm. Aber wir Christen heute töten doch niemanden mehr mit dem Schwert oder sonst wie. Er lenkte dann ein und wiederholte brav, was er ebenfalls gelernt hatte; dass nämlich die Kirche heute für den Frieden sei. Das schien mir ergänzungsbedürftig: „Die Kirche verkündet vor allem Jesus als den Gekreuzigten und Auferstandenen!“ Aber sagen Sie das mal auf Russisch! Kreuzigen und Auferstehen – zwei Vokabeln, die in keinem Russisch-Lehrbuch der DDR standen. Und dann noch zweimal Partizipium Perfekt Passiv bilden – der Gekreuzigte und Auferstandene. Ich muss das irgendwie hingekriegt haben. Er überlegte kurz und sagte dann: Eto Jerunda! Das ist Unsinn! Da hatten wir die klassische Antwort, wie sie der Apostel Paulus bereits in Korinth erfahren hatte: Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden! Das Evangelium aber ist Teil 2 dieses Satzes: „Uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft!“ Eto Jerunda – das ist Unsinn! Ich sagte darauf nichts mehr. Es war schon Mitternacht, eine Tageszeit, in der ich ohnehin nicht mehr gesprächsfreudig bin, legte mich auf die Seite und schlief Berlin entgegen.

Was alles könnte man in unserer Hightech-Gesellschaft nicht alles für ‚Jerunda’ – für Unsinn halten. Es ist ja für den Laien das Meiste in Natur, Technik und Gesellschaft so unübersichtlich und komplex und nur für wenige verstehbar, dass wir vernünftigerweise erst gar nicht versuchen, die Fülle der Eindrücke, die täglich auf uns einströmen, überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn zu verstehen! Wer weiß denn, wie Start und Landung eines Airbus funktionieren außer jemand ist Pilot!

Wer weiß denn, wie ein künstliches Knie eingesetzt wird außer jemand ist Chirurg! Wer weiß denn, wie ein Computerchip aufgebaut ist außer jemand ist Informatiker!

Aber wenn es um Fragen des Glaubens geht, meinen alle mitreden zu können, gerade die, die nicht glauben können oder wollen! Und meinen, ihre Vorurteile über Gott, Kirche und Glaube einbringen zu müssen. Genau das ist die Kreuzesgestalt des Evangeliums, die so alt ist wie das Evangelium selbst. Jeder kann mit der Botschaft der Bibel machen, was ihm beliebt. Da gilt das Motto von Wilhelm Busch: „Da gerade, wo man nichts versteht, der Schnabel um so leichter geht!“ Hier kann uns die theologische Besonnenheit des Apostels Paulus Vorbild sein: Redet, ihr Skeptiker, Zyniker, Resignierten, Enttäuschten und ewig alles besser Wissenden, die ihr in eurem Unglauben geradezu einbetoniert seid, was ihr wollt! Die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind. „Denn Gott hat seine Weisheit kundgetan, aber die Menschen haben das in all ihrer ‚Weisheit’ nicht begriffen. So gefiel es Gott, durch die scheinbare Torheit der Botschaft vom Kreuz die zu sich zu holen, die sich ihm anvertrauten“ (Vers 21 nach Jörg Zink).

Göttliche Wahrheit wird nicht argumentativ erkannt, sondern will demütig geglaubt sein. Das Wort vom Kreuz ist für jedes „normale“ Urteil oder wie die Bibel sagt „für den natürlichen Menschen“ eine törichte Predigt, ein Stein des Anstoßes, was auf griechisch ‚Skandalon’ heißt – ein Skandal eben. Paulus legt es geradezu darauf an, uns einzuhämmern, dass es sich mit dem Evangelium so und nicht anders verhält, um dann doch gleich wieder mit Nachdruck zu betonen, dass eben dasselbe Wort vom Kreuz für uns, die wir uns berufen lassen und glauben, eine ‚Gotteskraft’ ist, die selig macht, eine göttliche Kraft und Weisheit, vor der die Weisheit dieser Welt ohnmächtig ist und schließlich als Torheit offenbar wird.

Das Wesen dieser ‚Torheit’ vom Kreuz ist, dass hier nicht wie sonst selbstverständlich rational argumentiert werden kann, so dass man mit Vernunftgründen überzeugt wird und zustimmen muss: Ja, so ist es! ... sondern dass diese These des Paulus gleichsam wie ein Fels in der Brandung so stehen bleiben muss:
Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft! Der ganze Stolz dieses ‚törichten’ Predigers Paulus kommt in diesen Worten hier zum Ausdruck! Heute würde er zum Schluss vielleicht noch angefügt haben: Na und?

Nicht hinterfragbar, nicht erklärbar das Ganze über das Gesagte hinaus. Wer diese Gedanken des Apostels in ihrer ganzen provokanten Unlogik verinnerlicht hat, der versteht auch den Triumph, der in seinen Worten zum Ausdruck kommt.

Ich schließe mit einem Wort des englischen Staatsmannes und Philosophen aus dem 16. Jahrhundert Francis Bacon: „Wir müssen unseren Geist zur Größe göttlicher Geheimnisse erweitern, nicht diese auf die Enge unseres Verstandes einschränken.“


 


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