Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 13,1-10

Werner Junghardt

29.05.2004 in der Katholischen Pfarrkirche Auferstehung Christi in Nebringen

Hochzeitsansprache anlässlich der Trauung von Maria und Karl-Heinz

1. Sprecher
Es war nach einer Hochzeit wie dieser:
Alle guten Geister unseres Lebens, die - wie jetzt - die Kirche gefüllt hatten, waren vom Herrn des Himmels und der Erde zu einem Fest eingeladen worden.

Sie waren schön anzusehen, diese versammelten Engel und Himmelsboten, diese guten Geister, die den Menschen begleiten und beschützen. Die Schönheit flüsterte entzückt: „Wie schön war doch diese Hochzeit! Wie wunderbar, wenn unter einigen tausend Menschen zwei Blicke sich begegnen, um künftig gemeinsam in eine Richtung zu schauen“.

„Ja“, warf die Wahrheit ein, „es ist gut, dass die Menschen noch Feste feiern. Ein Fest lässt innehalten, dankbar zurückschauen, und sammelt alle guten Kräfte des Lebens auf ein neues Ziel. Richtig gesehen, eröffnet ein Fest doch immer eine neue Zukunft, schafft Sinn und erhebt über den Augenblick“.

„Die Menschen brauchen ein Fest“, fügte die Dankbarkeit hinzu, und die Schönheit bat gebieterisch um Ruhe, denn die Dankbarkeit habe immer so zu Herzen gehende Worte.
„Recht hast du“, sagte die Dankbarkeit, „denn es gibt oft wenig Gelegenheit für mich, und noch selten bin ich der Liebe begegnet, obwohl wir doch eigentlich zusammengehören“.

2. Sprecher
Da wurde es still, denn Alle merkten, dass die Liebe noch fehlte. Wahrscheinlich hatte sie sich auf der Hochzeit verspätet und noch zu tun, den Raum für ein ganzes Leben lebendig zu füllen. Aber die Dankbarkeit fuhr dennoch fort: „Ist es nicht richtig, wenn wir dankbar zurückschauen? Wie heute, wo zwei so unterschiedliche Lebenslinien, die seit langem zueinander gefunden haben, deren Liebe Gestalt angenommen hat in einem kleinen Mädchen, ganz bewusst Ja sagen zueinander. Es ist furchtbar, Menschen sagen zu hören: Ich habe keinen Menschen! Es ist höchstes Glück, sagen zu dürfen: Ich liebe dich, und dabei sich selbst ganz mitzunehmen, mit allen Höhen und Tiefen, mit Glanz und Schatten des eigenen Lebens. Ja, das ist höchste Kunst - auch für die Dunkelheiten, Krisen und Brüche des Lebens dankbar zu sein und zu sagen: Es war gut!“ Zur Schönheit gewandt fügte die Dankbarkeit hinzu: „Recht hast du, unter einigen tausend Menschen hat die Begegnung zweier Blicke einen hohen Wert. Was aber soll man sagen von der Begegnung zweier Seelen, die füreinander Ja sagen! Was von den Menschen ausstrahlt, ist noch besser als ihre Berührung“.

Die Klugheit hatte - wie so oft - bisher geschwiegen, aber aufmerksam zugehört. Jetzt nahm sie den Anfang des Gespräches wieder auf.
„Es ist schon seltsam, dass ausgerechnet die Schönheit auf das Zusammentreffen zweier Blicke aufmerksam gemacht hat und daraus schliesst, wie sinnvoll und heilsam es ist, einander nicht nur anzuschauen, sondern in eine gemeinsame Richtung zu blicken“.
Die Klugheit vermied es wohl, darauf hinzuweisen, dass es der Schönheit manchmal an höheren Geistesgaben mangelt. Ganz im Gegenteil - und das tat der Schönheit heute gut - wies die Klugheit alle Anwesenden darauf hin, dass die Schönheit zu einem Fest wie zum ganzen Leben dazugehört, weil sonst alles andere verkümmert.

3. Sprecher
„Ja“, sagte die Schönheit und strahlte noch glanzvoller als sonst. Es war so selten, dass sie in dieser grossartigen Runde hoher Geister überhaupt wahrgenommen wurde.
„Hoffentlich haben die Brautleute heute begriffen: Ich, die Schönheit, bin ein Wegbereiter für euer Glück. Ich will immer gepflegt sein und bei euch wohnen!“

„Aber“, sagte die Gerechtigkeit, die immer aufpasste, dass keiner sich über den anderen erhob: „Was meinst du damit, Klugheit, dass ohne die Schönheit alles andere verkümmert? Was verkümmert?“

„Ich“, sagte die Liebe, die inzwischen still den Saal betreten hatte.
„Aber ich brauche euch alle“.

Da öffnete sich die Tür, und in blendendem Licht ging der Menschen- und Gottessohn durch den Raum, die menschgewordene Liebe Gottes, und sagte: „Gott kann nur lieben“.

Still war es geworden. Die anwesenden guten Geister und Engel standen auf, als das alte Hohe Lied der Liebe erklang:

1.Kor.13,1-10:
Ohne Liebe bin ich nichts. Selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt, ja mit Engelszungen reden könnte, aber ich hätte keine Liebe, so wären alle meine Worte hohl und leer, ohne jeden Klang, wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag. Könnte ich aus göttlicher Eingebung reden, wüßte alle Geheimnisse Gottes, könnte seine Gedanken erkennen und hätte einen Glauben, der Berge versetzt, aber mir würde die Liebe fehlen, so wäre das alles nichts. Selbst wenn ich all meinen Besitz an die Armen verschenken und für meinen Glauben das Leben opfern würde, hätte aber keine Liebe, dann wäre alles umsonst. Liebe ist geduldig und freundlich. Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, sie prahlt nicht und ist nicht überheblich. Liebe ist weder verletzend noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar noch nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Diese Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand. Einmal werden keine Propheten mehr zu uns sprechen, das Beten in anderen Sprachen wird aufhören, die Erkenntnis der Absichten Gottes mit uns wird nicht mehr nötig sein. Nur eins wird bleiben: die Liebe. Denn unsere Erkenntnis ist bruchstückhaft, ebenso wie unser prophetisches Reden. Wenn aber das Vollkommene - Gottes Reich - da ist, wird alles Vorläufige vergangen sein.

Amen.