Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 13,1-13

Pastor Christian Butt

22.02.2004 in der Simon Petrus Kirche, Kirchengemeinde Hamburg – Poppenbüttel

„Die Entdeckung der Currywurst“

Liebe Gemeinde,

„eine Stadt liest ein Buch“, so lautet eine Aktion der Kulturbehörde Hamburg. „Eine Stadt liest ein Buch“ und damit wird aufgerufen, sich mit einem bestimmten Autor, einem Buch auseinanderzusetzen, in Schulen, Diskussionsrunden, öffentlichen Lesungen. Für das Medium Buch wird geworben, aber auch für Autoren, die mit Hamburg in besonderer Weise verbunden sind. Siegfried Lenz war schon ein ausgesuchter Autor, sein „Der Mann im Strom“. Und im letzten Jahr der Hamburger Autor Uwe Timm, seine Novelle mit dem Titel „Die Entdeckung der Currywurst“. Ich gebe zu, ein irritierender Titel: „Die Entdeckung der Currywurst“? Schnell möchte man das Buch unterschätzen. Soll der Titel plakativ, originell sein oder zeitgeistkonform?
Nun, zwar gibt die Geschichte, bzw. die Erfindung der Currywurst den Rahmen, doch letztlich ist dies untergeordnet. Aufgerollt wird dabei das Leben der Lena Brücker, die in einer Rückblende ihr Leben erzählt. Und in der Tat wird erzählt, wie sie als Besitzerin einer Imbissbude am Hamburger Großneumarkt, die echte und beste Currywurst eher zufällig erfand.
Mehr Raum nimmt eine Episode im Leben der Lena Brücker ein, die sich in den letzten Apriltagen 1945 abspielt. Eine irgendwie rührend phantastische Liebesgeschichte.
In diesen letzten Kriegstagen des Jahres 1945 begegnet Lena Brücker nämlich während eines Angriffs dem wesentlich jüngeren Hermann Bremer im Luftschutzbunker. Bremer war eigentlich nur auf der Durchreise, von einem Einsatzort zum anderen, ein junger Soldat. Während des Angriffs aber kommen die beiden sich im Bunker näher, so dass Bremer die Fahrt nicht fortsetzt, fahnenflüchtig wird und mit Lena Brücker in deren Wohnung geht. Dort beginnen intensive 14 Tage. Der fahnenflüchtige, junge Liebhaber hält sich nur in der Wohnung auf, sozusagen gefangen. Er erwartet die Liebste, wenn sie abends von der Arbeit kommt. Die Zeit vergeht wie im Rausch.
Da der Krieg in diesen Tagen zu Ende geht, könnte der Soldat sich wieder auf der Straße zeigen, ein neues Leben beginnen. Allerdings weiß er gar nichts vom Ende des Krieges. Lena Brücker, die Außenkontakt hat, erzählt es ihm nicht. Sie belügt den jungen Liebhaber. Hält ihn hin, aus Angst, ihn zu verlieren. Nur noch einen Tag, dann will sie es ihm sagen und doch kann sie sich nicht überwinden.
Es endet, wie es enden muss. Hermann Bremer entlarvt die Lüge, längst jedoch war die Liebe vorher schal geworden. Die Lüge hatte ihre Wirkung in der Beziehung gezeigt. Hermann Bremer verlässt das Liebesnest, die Wohnung. Ohne Abschied. Ohne Worte. 

II 

Diese Novelle las ich in diesen Tagen, da ich mich mit dem Hohelied der Liebe beschäftigte, dem Predigttext von heute, das 13. Kapitel des Korintherbriefes.
Die klassische Lesung bei jeder Trauung.
Die klassische Quelle für Trausprüche.
Ja, diese Geschichte von Uwe Timm las ich wie einen kontraststarken Kommentar: Brutal, realistisch, so schnörkellos und gleichnishaft. Wie ist es im alltäglichen Leben, in der Liebe, wenn die Lüge sich einschleicht, einer über den anderen Macht gewinnen will? Wie schnell zerbricht alles und mag es noch so ideal und rauschhaft begonnen haben?
Wie also finden wir positiven Zugang zu dem Bibeltext? Und beginnen nicht gleich mit „wenn“ und „aber“, Kritik und Skepsis, sondern geben diesem Hohelied, trotz aller auch gegenläufigen Erfahrung, eine Chance!? 

III 

Ich glaube, Paulus hat dieses Hohelied der Liebe zunächst nicht als Eheberatungsangebot, Ratgeber für Beziehungsgestörte oder Einstiegshilfe für Jungvermählte gedacht. Es ist von menschlicher Liebe auch gar nicht die Rede.
Nichts anderes entfaltet Paulus hier als den zentralen Satz der Bibel: „Gott ist die Liebe“. Und manchmal denke ich, ist dieses Kapitel so beliebt bei manchen Menschen, weil eben das Wort „Gott“ nicht vorkommt und es so viele Übertragungsmöglichkeiten gibt. Doch ohne den Bezug auf Gott sind diese Worte zunächst unverständlich, zumindest missverständlich.
Das Fundament des Lebens, Gott, ist die Liebe. Gott ist ewiger Quellgrund der überschwänglichen, reinen, göttlichen Liebe. Unser Glaube sagt, Gott, der Schöpfer aller Dinge, hat uns Menschen aus dieser Liebe geschaffen. Und so tragen auch wir einen Hauch, einen Abglanz dieser göttlichen Liebe in uns, weil Gott gewollt hat, dass wir zur Liebe fähig sind.
Mögen wir uns unbedeutend und mickrig finden. Mögen andere uns noch unbedeutender und mickriger finden. Mögen wir oftmals nur das Schwarze und Abgründige in unserer Seele sehen. Gott liebt uns. Aus seiner Liebe sind wir, was wir sind. Wir sind fähig zur Liebe, wie sie der Korintherbrief beschreibt. So ist Gottes Liebe zu den Menschen, gegen allen Hass und menschlichen Wahnsinn, gegen alle Hybris und Verachtung. Gotte Liebe ist langmütig und freundlich, und vor allem: Seine Liebe rechnet das Böse nicht zu.
Von dieser Liebe tragen wir Spuren in uns. 

IV 

Doch die menschliche, ach so menschliche Liebe? Die, die wir bei Uwe Timm so drastisch und plastisch beschrieben finden, was ist mit ihr? Ist das der göttliche Abglanz?
Der Mensch ist auf Glaube, Hoffnung und Liebe angelegt. Er braucht dies zum Leben, wie die Luft zum Atmen und die tägliche Butterstulle. Das ist keine theologische Behauptung, das ist ganz einfach menschliche Erfahrung. Nehmen wir einen unverdächtigen Zeugen. Herbert Grönemeyer in seinem Kultsong „Mensch“. Er fragt: „Was ist der Mensch?“ Und antwortet: „Er vergisst, er verdrängt, er irrt und kämpft, er hofft. Er wärmt und erzählt, fühlt mit und vergibt, glaubt, lehnt sich an und vertraut und liebt.“ Da ist sie, die Dreiheit, die Spitze des Hohenliedes, selbst in einem Lied unserer Zeit: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Darauf ist der Mensch angelegt. Danach sehnt sich der Mensch. Jeder. Nach Liebe. So, wie es im Hohelied besungen wird, oder in unserer Zeit bei Grönemeyer.
Doch was ist los mit dem göttlichen Abglanz? Warum scheitert die Liebe immer wieder, immer neu? Warum werden die tiefsten Sehnsüchte enttäuscht? Warum schleicht sich so vieles ein, was zerstört und kaputt macht? Nicht nur in der Literatur, wie bei Timm, sondern auch im realen Leben, und oftmals sehr real?
Einen Grund, wirklich nur einen Grund, deutet der Predigttext von heute an. Es ist ein Grund, für manche möglicherweise eine sehr wichtiger Grund. Für alle aber ein sehr nachdenkenswerter Grund.
Es ist der Gedanke, dass wir verlernt haben, den Schatz in uns selbst zu erkennen. Den Schatz der Liebe Gottes, den er in uns eingesenkt hat, auf den Grund unserer Seele. Gottes Liebe, sie ist so stark in uns, wie das Hohelied sagt. Doch wir nehmen diesen Schatz nicht an.
Wir haben das Vertrauen in Gott verloren.
Deswegen setzen wir auf die Versprechungen unserer Zeit, die wortgewaltig, grell und betörend um uns buhlen – mit viel zu viel Erfolg. Wir versuchen Liebe zu erzwingen, wie Lena Brücker. Wir versuchen Liebe zu erkaufen und erkennen nicht, dass Liebe ein Geschenk ist. Wir behandeln die Liebe wie eine Ware, die man beliebig umtauschen kann. Vielfältig schleicht sich Lieblosigkeit und Kalkül in die Liebe und zerstört, den Abglanz der göttlichen Liebe. 

Ein Weg daraus ist, die Liebe Gottes neu anzunehmen. Nicht ein für allemal, sondern jeden Tag neu als Geschenk. Gegen alle anderen Versprechungen und Vordergründigkeiten wäre dies ein Weg, sich dem Schatz der Liebe Gottes in unserem Inneren zuzuwenden. Gott zu vertrauen.
Lassen wir diesen Gedanken einmal zu, ja, vertrauen wir wirklich diesem göttlichen Zuspruch: Wir sind geliebte, anerkannte, angenommene Kinder Gottes! Er hat uns unendlich reich mit seiner Liebe beschenkt!
Wenn wir diesem Zuspruch vertrauen, daraus würde auch die Liebe, die wahre menschliche Liebe, zu dem geliebte anderen Menschen erwachsen. Eine Liebe, die nicht überfordert, die nicht alles erwartet, was das Hohelied besingt, die den geliebten Menschen nicht auf den Altar des Lebens stellt – denn da ist Gott. Ja, diese Liebe weiß sich von Gott getragen und weiß deswegen zu unterscheiden zwischen Gott und Mensch.
Da ist auf der einen Seite Gott, die göttliche Liebe. Der göttliche Liebes- und Lebensstrom, dem wir vertrauen dürfen, er trägt. Und da ist auf der anderen Seite die menschliche Liebe in ihrer schönsten Form, der Zweiheit, so vollkommen unvollkommen. Ein Abglanz der himmlischen Herrlichkeit.
Mag dieser Weg der Unterscheidung, diese Einsicht manche Enttäuschung, manches Missverständnis und falsches Vertrauen in falsche Zeitgeistwahrheiten vermeiden. Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch. 

VI 

Wer sich so von Gottes Liebe getragen weiß, wird frei zur menschlichen Liebe.
Da müsste Lena Brücker ihren jungen Liebhaber Hermann Bremer nicht belügen, nicht belügen aus Angst, ihn zu verlieren, sondern hätte aus der Sicherheit und aus dem Vertrauen aus Gottes Liebe heraus, einfach weil sie sich getragen und angenommen fühlt, aus diesem Vertrauen heraus hätte sie die Wahrheit gesagt. Die Wahrheit des Kriegsendes und der Freiheit. Und die Wahrheit der Angst vor dem Verlust seiner Liebe.
Der gemeinsame Weg wäre sicher ein anderer geworden.
Und unser Weg wird sicher auch ein anderer, wenn wir ihn in diesem Glauben und in diesem Vertrauen gehen.

Amen.