Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 13,13

Pastorin Anne-Kathrin Bode (ev.-luth.)

03.07.2011 auf dem Sportplatz Liebigstraße in Holzminden

anlässlich der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft

Können Sie sich vorstellen, was Kirche und Fußball verbindet?

Das haben am letzten Donnerstag die Konfirmandinnen und Konfirmanden der Luthergemeinde in der Fußgängerzone die Passanten gefragt.

Tja, was haben die Leute wohl geantwortet?

Typische Antworten waren natürlich:

Keine Ahnung, nicht viel?

Aber viele sagten auch: die Gemeinschaft, die Teamarbeit oder der Teamgeist.

Antworten waren: Der Mensch (der sollte ja immer im Mittelpunkt stehen),

der Glaube etwas erreichen zu können

der Spaß, der Zusammenhalt.

 

Eine nette Antwort war auch:

Na, erst sitzt man in der Kirche und dann spielt man Fußball…

Ich werde heute auch mal eine Antwort versuchen und zwar mit dem Text, den wir gerade gehört haben: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.

 

Glaube, Hoffnung und Liebe; drei Begriffe, die in der Kirche und im Fußball zu finden sind.

„Glaube“, das war ja schon eine Antwort aus der Fußgängerzone.

Der Glaube an sich selbst hat im Fußball eine große Bedeutung.

 

Das Aushängeschild der Kolumbianischen Mannschaft ist z.B. die 17 jährige Yoreli Rincón. Sie war schon bei der U-17 Frauen Weltmeisterschaft in Neuseeland dabei. Sie hat ihr Team mit 5 Toren in die WM 2011 geschossen. Von sich selbst sagt sie: „In zwei Jahren werde ich die beste Spielerin der Welt sein, und mit Arbeit und Hingabe werde ich das schaffen.“

Ein stolzes Selbstbewusstsein, von dem so mancher träumen würde.

 

Doch auch der Glaube einer ganzen Mannschaft an ihre Teamleistung ist wichtig. Die Schwedische Nationalmannschaft spielte zwar technisch gut, aber letztendlich reichte es nie für den Sieg.

Da haben die Spielerinnen beschlossen, sich ohne ihre Trainer zu treffen und sich untereinander mal auszusprechen.

 

Jede Spielerin sollte Ansichten äußern können, die sie gegenüber dem Trainer vielleicht nicht sagen würde. So sollte das Vertrauen untereinander gestärkt werden.

Ob sie das letztendlich bei der WM weiter bringen wird, wird sich zeigen, jedenfalls haben sie ihre ersten beiden Spiele schon mal gewonnen.

 

Glaube im Sport bedeutet zuerst das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Stärken. Alleine oder als Team.

 

Wie ist das in der Kirche?

Klar, da steht der Glaube an Gott im Vordergrund. Da ist erst mal ein Gegenüber: ich glaube an dich, Gott.

Aber das sagt ja noch nichts über den Inhalt. Was glaubt man denn als Christ?

 

Und da ist klar: Der Sinn im Glauben liegt nicht darin: einfach alle möglichen Glaubenssätze „für wahr zu halten“. „Ja, Jesus Christus ist der Sohn Gottes“, ja, es gibt ein Leben nach dem Tod“.

 

Sondern der Sinn im Glauben liegt darin, dass mir der Glaube im Leben hilft.

 

Das heißt dann konkret:

Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat und mein Leben will.

Dass Gott mir die Fähigkeit gibt, an meinem Platz im Leben zu bestehen.

 

Oder als Gemeinschaft: Als Christen glauben wir, dass Gott diese Welt geschaffen hat und dass es sich lohnt, sich um die Welt zu kümmern und sich für die Welt einzusetzen.

 

Kirche und Fußball verbindet also schon der Glaube daran, dass man etwas erreichen kann und dass es sich lohnt, sich für etwas einzusetzen.

 

Der Unterschied ist vielleicht, dass Christen ihre ganzes Selbstbewusstsein und ihre Kraft nicht nur aus sich selbst herausholen müssen.

Sondern dass sie auch sagen können: Gott, ich weiß alleine nicht weiter, hilf du mir.

Und was ist, wenn ich eine Niederlage einstecken muss?

Zu verlieren ist für einen Menschen im Sport und im Leben immer traurig.

 

Aber Christ-sein bedeutet: Du bist nicht auf einen Bereich deines Lebens festgelegt: Du bist nicht nur Fußballerin, aber auch nicht nur Ehefrau oder nur Angestellte oder nur Schülerin.

Du bist Mensch und von den Haarspitzen bis zu den Fußnägeln von Gott geschaffen, mit allem drum und dran.

 

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

 

Die Hoffnung im Fußball ist wohl am stärksten zu spüren in den voll besetzten Stadien oder auf den Fanmeilen. Wenn 20, 30 oder 40Tausend Menschen ihre Mannschaft anfeuern und zeigen: Unsere ganze Hoffnung ruht auf euch. Wir hoffen, dass ihr gewinnt!

 

Mit der Frauen-Fußball-WM in Deutschland werden aber auch noch ganz andere Hoffnungen verbunden. Z.B. dass der Frauenfußball in Deutschland immer attraktiver werden möge. Und damit meine ich nicht, dass die Fußballerinnen immer hübscher werden müssten.

Es ist schön, dass sich immer mehr junge Frauen für den Sport begeistern. Aber es ist schade, dass gleichzeitig viele Frauenklischees wieder aufgebaut werden:

 

Das fängt schon bei dem Motto der WM an: 20elf von seiner schönsten Seite.

 

In der Werbung eines Elektronikherstellers wird gezeigt:

„Eine Spielerin, die Nummer 13, dribbelt spielt zwei Gegnerinnen aus, macht einen Fallrückzieher. Ihre Teamkollegin nimmt den Ball mit der Brust an.
Doch plötzlich: Zeitlupe. Eine zierliche Frau mit wallenden blonden Haaren blickt lasziv in die Kamera, dann taucht eine dunkelhaarige Frau auf und schminkt sich die Lippen in einem feurigen rot. - Die Schönheiten in dem Spot sind Annika Doppler, Fatmire Bajramaj und andere Spielerinnen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Aber was haben Fußball, Schminke und Waschmaschinen miteinander zu tun?

"Ja, grundsätzlich erst einmal nichts" Das sagt der Chef der Werbeagentur, die diesen Spot produziert hat. Aber Werbung muss auch verkaufen. Wir müssen auffallen.

 

"Wenn eine deutsche Nationalspielerin, bevor sie den Ball ins Tor drischt wie ein wildes Tier, sich vorher noch einmal ganz kurz schminkt, sorgt das für Aufmerksamkeit und hält mich doch beim Fernsehen an."

Tja, was für den Werber ganz einfache Berufslogik ist - ist für andere übermäßige Sexualisierung.“

(Zitat von Aglaia Dane aus ihrem Artikel „Die öffentliche Darstellung der deutschen Fußballerinnen“ vom 19.6.2011; www.dradio.de/dlf/sendungen/sport/1485776/)

 

Die Zeiten scheinen vorbei, in denen eine Birgit Prinz noch sagen konnte:

Wir wollen den Fußball vermarkten und nicht unsere Hintern.

 

In Deutschland geht es scheinbar vor allem um die Vermarktung des Frauenfußballs. Aber natürlich auch um die Möglichkeit für Mädchen, ihre Freude am Fußballspielen auszuleben.

In anderen Ländern ruhen auf dem Fußball noch ganz andere Hoffnungen: Er soll die Mädchen stark machen für das Leben.

 

Z.B. in Costa Rica. Dort haben Mitarbeiter der Lutherischen Kirche ein Projekt ins Leben gerufen um Mädchen und Jungen aus armen Verhältnissen von der Straße zu holen. „Fußball fürs Leben

Gespielt wird auf einem betonierten Platz neben der Mülldeponie direkt in einem der Armenviertel.

Erst lernen die Jugendlichen über den Fußball ihre Zeit zu strukturieren, sich an Regeln zu halten und im Team Stärke zu erfahren

Dann bekommen sie neben dem Fußballtraining Hilfs-Angebote, die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu erlernen.

 

Ich finde, dieses Beispiel ist typisch für Christliche Hoffnung. Es ist Hoffnung darauf, dass sich etwas ändern kann, auch wenn die Situation sehr schlecht aussieht.

Dass es immer noch einen Ausweg gibt, eine Möglichkeit, sein Leben zu verändern oder auch die Bedingungen, unter denen wir leben.

Denn wir haben eine große Kraft, die uns unterstützt: Gott, der selbst Tote zum Leben erwecken kann.

 

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Liebe ist vielleicht nicht gerade das Wort, das im Fußball ständig vorkommt. Aber trotzdem gibt es Aussagen wie: Ich liebe den Fußball, Fußball ist mein Leben. Mancher Fan lässt sich aus Liebe zu seinem Verein ein Tattoo stechen oder einen Sarg in Vereinsfarben zimmern.

 

Und dennoch gibt es auch im Fußball viele Umschreibungen für das, was Liebe ist.

Dierk Stelter hat gerade einen passenden Text vorgetragen:

Wenn ich alles Denken und Tun nur auf den Sport ausrichten würde,

also der Leibesübung mein ganzes Leben opferte,

und es wäre nirgendwo Liebe im Spiel, was sollte mir das alles nützen?

Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußballbundes hat einmal gesagt: „Wir dürfen uns anstrengen und nach Erfolgen streben, aber wir erkennen bei jedem Schritt: Wir können den Sieg nicht erzwingen, wir müssen uns so verhalten, dass wir uns des Preises würdig erweisen. Wir brauchen Bekenntnisse und Taten für die Würde des Menschen, nicht nur die eigene, sondern gerade auch die des Anderen.“

 

Viele Fußballer und Fußballerinnen erkennen beim Fußball noch ganz andere Inhalte als die reine Bewegung, den Kampf um den Sieg.

Für sie ist Fußball eine Möglichkeit, Gemeinschaft zu erfahren. Auf dem Platz ist es egal, welche Nationalität oder welche Religion jemand hat.

Und durch den Sport kann man auch lernen, nach fairen Regeln miteinander umzugehen Auch wenn man nicht zu einem Team, zu einer Gruppe zu einem festen Kreis gehört. Und auch wenn natürlich jede Mannschaft für sich selbst den Sieg erringen will.

 

In Israel haben sich Mädchen aus Palästina und aus Israel gefunden um gemeinsam und gegeneinander Fußball zu spielen. Das ist für sie eine Möglichkeit, sich gegenseitig kennen zu lernen, Vorurteile abzubauen und gemeinsam am Frieden zu arbeiten.

Amira aus Palästina erzählt, dass sie anfangs große Angst hatte, die Israelis zu treffen. Weil sie so viele negative Geschichten gehört und erlebt hatte. Aber durch den gemeinsamen Sport und viele andere Treffen hat sie erkannt, dass jeder seine eigene Geschichte hat und man nicht immer alles glauben darf, was man hört. Fußball als Anstoß zum Frieden.

 

Ein faires Miteinander ist Grundlage für ein gelungenes Fußballspiel und für das ganze Leben. Aber es gibt noch etwas, was über allem guten Willen zu einem fairen Spiel steht.

Etwas, das über dem steht, was wir als Menschen machen können: Durch Training und lange ausdiskutierte Regeln.

 

Beim Fußball ist das z.B. dieser Moment: Da steigen Fans aus verschiedenen Mannschaften in den selben Zug ein. Erst herrscht Spannung, Sprüche werden geklopft. Man beäugt sich von der Seite. Doch dann fängt einer an und plötzlich singen und tanzen beide Seiten gemeinsam durch das Abteil.

 

Oder man beobachtet als Zuschauer eine Spielerin. Man kennt ihre Biographie. Man weiß, wie sehr sie gekämpft hat um nun beim Turnier dabei zu sein. Es ist hart, aber dann schießt sie plötzlich das lang ersehnte Tor. Dieses Strahlen im Gesicht, diese Kraft, wenn sie noch ein paar Meter über den Platz läuft und sich dann von ihren Mannschafskolleginnen feiern lässt.

Das sind doch die Momente, die auch die Zuschauer berühren und für die es sich lohnt, 90 Minuten lang einem kleinen runden Ball hinterher zu schauen.

 

Diese Momente, die das Herz berühren. Es gibt sie nicht nur beim Fußball, aber eben auch.

Für manche sind das einfach Glücksmomente, die das Leben schön machen. Zufällig und angenehm.

 

In meinem Glauben ist die Kraft, die dahinter steckt die Liebe Gottes.

Denn Gottes Liebe wirkt nicht nur in Kirchen und Gemeindehäusern. Sie ist überall zu finden.

Überall da, wo Menschen plötzlich die Augen geöffnet werden und das Herz. Wo nichts mehr erklärt werden muss, sondern einfach klar ist: Ja, genau so ist es richtig. Jetzt, in diesem Moment ist alles so, wie es sein soll. Ich bin am richtigen Platz.

 

So fühlt sich Gottes Liebe an. In der Kirche, beim Fußball, im Leben.

 

Das ist für mich die tiefste Verbindung zwischen Fußball und Kirche.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.