Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 15,12-20

Prädikantin Antje Borchers (ev.-luth.)

05.04.2010 Ostermontag in St. Nicolai, Lemgo

„Was mach‘ ich, wenn ich tot bin?“

„Was mach‘ ich, wenn ich tot bin?“

Anmerkung: Die von Sprecher-innen gelesenen Zitate stammen aus dem Buch:
„Und was mach ich, wenn ich tot bin? – Eine Entdeckungsreise ins Leben danach.“,
hrsg. von Claudia Toll und Iris Schürmann-Mock, Pendo-Verlag München 2009

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Was mache ich eigentlich, wenn ich tot bin? Das frage ich mich manchmal. Genau das haben nun auch zwei Journalistinnen verschiedene Leute gefragt: Was machen Sie, wenn Sie tot sind? Ein paar der Antworten hören wir heute Morgen hier. Zum Beispiel die von Juli Zeh, Schriftstellerin und Juristin, 35 Jahre alt. Sie sagt:

Sprecherin:

„Für mich gibt es kein Leben nach dem Tod, und an dieser Überzeugung wird keine Erfahrung irgendetwas ändern, glaube ich. Der Mensch verschwindet im Moment seines Todes, es bleibt nichts übrig außer einem toten Körper. Mir fällt es schwer, auch nur zu begreifen, dass es Menschen gibt, die das anders sehen (Seite 23).

Mich würde interessieren: Wie sehen Sie das? Was antworten Sie auf die Frage: Was mache ich, wenn ich tot bin? – Eine Antwort darauf hängt von verschiedenen Dingen ab: wie Sie groß geworden sind, in welcher Familie und mit welchen Überzeugungen; sie hängt ab von den Erfahrungen im Laufe Ihres Lebens, von Schicksalsschlägen, Herausforderungen, auch von Erkenntnissen der Wissenschaft.

Die Antworten, die die beiden Journalistinnen zu hören bekamen, haben sie in einem Buch herausgegeben, Titel: „Und was mach ich, wenn ich tot bin? Eine Entdeckungsreise ins Leben danach“. Viele Antworten finde ich berührend und jede für sich überzeugend, obwohl sie einander widersprechen. Zum Beispiel Rosann Philipps, Hebamme, 27 Jahre, sie sagt.

Sprecherin:

„Ich glaube daran, dass man nach dem Tod irgendwo weiter da ist als ein Ich, das man gewesen ist. Am ehesten kann ich mir vorstellen, dass wir nicht in irgendeiner Form da sind, sondern als Energie. Und diese Energie könnte als ein neues Kind wieder körperlich werden – vielleicht weiser als beim letzten Mal. Wenn ich das sehe, wie unterschiedlich die Neugeborenen sind und wie viel sie schon mitbringen, denke ich manchmal, woher kommen die?“ (Seiten 28, 31, 27).

 

Ja, woher kommen die? Woher kommen wir alle? Und gehen wir dorthin wieder zurück, wenn wir tot sind? Wir kommen von Gott und gehen zu Gott, sagt Psalm 90. Das finde ich eine sehr schöne Vorstellung. Allerdings: Was genau ich mir da vorstellen soll, wie das „Leben bei Gott“ konkret aussieht… das weiß ich nicht.

Heute feiern wir Ostern, feiern, dass Jesus in das neue Leben bei Gott auferstanden ist. Als Erster. Und wir werden ebenso auferstehen, nach unserem Tod.

Das feiern wir. Glauben wir das auch? Eine Frau sagte mal zu mir: „An Gott glaube ich ja. Aber das mit der Auferstehung der Toten, das kann ich nicht glauben, das kann ich mir absolut nicht vorstellen.“

Sie hat ja Recht. Ein Toter soll in ein ganz neues Dasein auferweckt worden sein, in eine andere Dimension!?, das übersteigt tatsächlich die menschliche Vorstellungskraft. Und je mehr wir zum Beispiel aus der Hirnforschung wissen, oder ahnen!, wie der Mensch funktioniert, die Energieströme im Menschen, wann er tot ist, umso unmöglicher erscheint manchen eine Auferstehung nach dem Tod. Die Auferstehung von Körper und Seele rückt immer weiter weg, in den Bereich der Mythen. „Damals haben die Menschen so geglaubt, in ihrem alten Weltbild. Aber heute!? Diese Aussagen muss man heute ganz anders deuten.“ –

Doch halt! Was genau haben die Menschen „damals“ denn geglaubt? Liest man das Neue Testament einmal in eins durch, stellt man fest: Da war gar nichts einheitlich beim Thema Auferstehung. Die Emmausjünger zum Beispiel, die erzählen vom auferstandenen Jesus, der mit ihnen gegessen hat, der also körperlich anwesend war. Die elf Jünger dagegen, die sich nach dem Tod Jesu voller Angst in den Häusern verbarrikadierten, die erzählen von Jesus, der durch die verschlossenen Türen zu ihnen kam, körperlos, wie ein Geist. – Wie nun? Mit Körper? Ohne Körper? Im Neuen Testament stehen verschiedene Vorstellungen von der Auferstehung, verschiedene Erfahrungen mit der Auferstehung einfach nebeneinander, fließen ineinander, obwohl sie sich zum Teil widersprechen. „Damals“ hatten die Leute also auch nicht alle dasselbe Weltbild und haben sich nicht dasselbe vorgestellt. Aber sie haben dasselbe bezeugt: Jesus ist auferstanden! Die Macht des Todes ist besiegt.

Aber auch damals schon konnten nicht alle das wirklich glauben. Der Zweifel an der Auferstehung ist also überhaupt nicht modern. Was machen wir, wenn wir tot sind? Ja nichts, lautete schon damals die Antwort einiger Christen in Korinth. Sie meinten: Der Körper wird verwesen, die Seele wird dann endlich frei sein und unsterblich. Sie waren vom griechischen Weltbild beeinflusst. Die Korinther meinten außerdem: Auferstehung passiert im Diesseits. Auch Jesus ist nicht wirklich auferstanden. Er ist mit seinem Geist auferstanden, seine Idee lebt in uns weiter, wenn wir seine Idee von Liebe leben. Das neue Leben bei Gott, das findet bereits hier statt. Und nur hier.

Nein, nein, nein, sagt Paulus, so geht das nicht. – Er hatte die Gemeinde in Korinth damals selbst gegründet, hört nun aber von ihren speziellen Vorstellungen. Und prompt schreibt er den Geschwistern einen Brief. Zur Klärung. Ich lese aus diesem 1. Korintherbrief, Kapitel 15.

Paulus schreibt (1. Korinther, 15, 12-20):

Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? 13 Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. 14 Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. 15 Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. 16 Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. 17 Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; 18 so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren. 19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen. 20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.

In sieben Sätzen schildert Paulus die Konsequenzen, was wäre, wenn die Auferstehung Jesu nicht passiert wäre. Sieben deprimierende Sätze. Predigt vergeblich, Glauben nichts wert, Entschlafene verloren, falsche Zeugen gegen Gott, noch in sündigen Strukturen, elendes Christsein. Aber…! In einem einzigen Satz bekennt Paulus dann seinen Glauben: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten.“ Paulus liefert keine Belege, wer alles den Auferstandenen gesehen hat: die Frauen, die elf Jünger, die Emmausjünger, mindestens 500 Brüder und Schwestern auf einmal, zuletzt er selbst. Das sagt er alles nicht. Er sagt einfach: Jesus Christus ist auferstanden als Erster unter den Entschlafenen.

So simpel das klingt…, begreifen kann man es nicht! Beweisen sowieso nicht. An die Auferstehung Jesu Christi kann man nur glauben. Glauben, dass sie anders war, als alles, was Menschen denken können. Und unsere eigene Auferstehung wird ebenfalls anders sein als alles, was wir denken können. Die Details scheinen den biblischen Zeugen nicht so wichtig. Wichtig ist: Christus ist auferstanden, außerhalb von uns. Nicht nur seine Idee, sein Geist lebt in unseren Herzen und Händen. Das auch. Aber noch viel mehr. Er lebt, unabhängig von uns und nicht nur im Diesseits. –

Ein Problem bleibt trotzdem: Wenn wir von der Auferstehung jenseits unserer erfahrbaren Welt reden, können wir es nur mit Worten unserer Welt. So stellt es Julian Drake fest, 22 Jahre, auch in diesem Buch, Student der Wirtschaftswissenschaften. Er sagt:

Sprecher:

 „Manchmal frage ich mich schon: Was kommt nach dem Tod? Nichts? Oder etwas Himmlisches? Bei allem, was wir uns vorstellen, gehen wir ja doch von dem aus, was wir aus unserer Welt kennen und wissen. Und wenn ich daran anknüpfe, finde ich, dass die Vorstellung vom Jenseits etwa aus naturwissenschaftlicher Sicht erst einmal schwierig ist. Wie soll ein Übergang in das Jenseits konkret funktionieren? Aber… auch in der Physik treten ja Dinge auf, die man sich nicht richtig erklären kann. So gibt es die Urknalltheorie. Die besagt, dass die Welt aus einem einzigen kleinen Punkt entstanden ist. Oder auch die Idee, dass Paralleluniversen existieren, übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen.
Das, was nach dem Tod kommt, übersteigt alles, was wir uns vorstellen können. Alles, was darüber erzählt wird, kommt aus unserer Welt. Es könnte so anders sein, dass wir es uns gar nicht vorstellen können. Wie auch immer, ich assoziiere etwas Positives mit dem Jenseits oder dem Himmel.“ (S. 78f).

Warum ist diese Frage eigentlich so wichtig? Ob Jesus wirklich auferstanden ist und lebt? Und ob wir nach unserem Tod auch auferstehen? Wir könnten doch sagen: „Die Antwort ist egal, wir werden es am Ende erleben.“ Aber ganz egal ist es doch nicht. Denn: Was ich über den Tod denke und über das Danach, das beeinflusst mein Leben hier und jetzt. Dietrich Bonhoeffer, Theologe, damals 38 Jahre alt und von den Nazis verhaftet, hat 1944 im Gefängnis dazu geschrieben:

Sprecher:

„Wo erkannt wird, dass die Macht des Todes gebrochen ist, dort verlangt man vom Leben keine Ewigkeiten, dort nimmt man vom Leben, was es gibt, nicht alles oder nichts, sondern Gutes oder Böses, Wichtiges und Unwichtiges, Freude und Schmerz, dort hält man das Leben nicht krampfhaft fest, aber man wirft es auch nicht leichtsinnig fort, dort begnügt man sich mit der bemessenen Zeit und spricht irdischen Dingen nicht Ewigkeiten zu, dort lässt man dem Tod das begrenzte Recht, das er noch hat. Den neuen Menschen und die neue Welt aber erwartet man allein von jenseits des Todes her, von der Macht, die den Tod überwunden hat.“ (Widerstand und Ergebung)

Der Tod hat nur noch begrenztes Recht. Jesus hat den Tod besiegt. Das ist keine Vertröstung auf das Jenseits, sondern dieses Vertrauen verbessert die Qualität unseres Lebens hier. Und in Ewigkeit sowieso. Versuchen Sie es!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vorstellung, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.