Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 15,35-38.42-44a

Vikarin Kirsten Fricke

21.11.2004 in der St. Petri Kirchengemeinde in Buxtehude

Liebe Gemeinde,

ich sehe ihn noch vor mir.
Meinen Großvater.
Wie er unten in seinem Büro sitzt und arbeitet.
Zu seinen Füßen der Schäferhund.
Wie er im Garten sitzt und den Goldfischen zusieht.

Seine Geduld, mir den Dreisatz und die Prozentrechnung beizubringen.
Er hatte mit mir ein Enkelin, die sich nicht so gut auf Mathematik verstand. Trotzdem hat er es geschafft! Viele Lehrer hatten es versucht.
Ich habe oft stundenlang im Büro neben ihm gesessen und ohne Lineal gerade Striche gezeichnet.
Auch das hat er mir gezeigt.
Mein Opa.
Ich liebte ihn über alles.
Und dann: War er plötzlich weg.
Aus heiterem Himmel.
Gestorben.
Ohne dass ich mich verabschieden konnte.

Was passiert nun mit ihm?
Diese Frage hat mich lange begleitet. Und ich bin sicher, mit dieser Frage und mit solchen Gefühlen bin ich nicht allein.

Viele von Ihnen mussten im letzten Kirchenjahr von einem geliebten Menschen Abschied nehmen. Mussten ihn begraben.
Ihren Vater, ihre Mutter, Großeltern, Freunde, ...
Bei manchen kam der Tod plötzlich, ohne Vorwarnung.
Bei anderen war er absehbar.
Aber im Moment des Sterbens dann doch unerwartet. Und in vielen Fällen auch nicht ruhig und nicht ohne Angst. Auf beiden Seiten.

Es tut weh. Auch nach einem halben oder dreiviertel Jahr noch.
Heute besonders, denn heute ist es Brauch zu den Gräbern zu gehen.
Häufig sind sie am Samstag schon geschmückt worden.
Wir denken heute an unsere Toten.
Und wir haben Fragen: Wo sind sie jetzt? Was ist mit ihnen?

Das Glaubensbekenntnis gibt eine Antwort: Ich glaube an die Auferstehung der Toten.
Ich bin froh darüber, dass ich das glauben kann. Damit leben kann.
Auch wenn ich manchmal nicht so genau weiß, warum eigentlich.
Und auch, wenn mein Vertrauen darauf manchmal größer, und manchmal auch sehr klein ist.

Ich denke, die Frage „Was ist nun?“ ist eine zutiefst menschliche Frage.
Wohl jeder und jede von uns hat sie.
Und dieser Frage schließt sich eine weitere an: Wie soll ich mir das vorstellen? Wie werden die Toten auferweckt?

Den ersten Christen ging es da nicht anders.
Diese Frage hat sich vor fast 2000 auch die Gemeinde in Korinth, in Griechenland, gestellt.
Der Apostel Paulus gibt den Korinthern und uns eine Antwort. Es ist der heutige Predigttext:
1.Kor 15,35-38, 42-44a

Es könnte jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen, und mit was für einem Leib werden sie kommen? Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem. Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib.
So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und es wird auferstehen ein geistlicher Leib. Paulus antwortet mit einem Bild aus der Natur.
Einem Bild, das Menschen, die naturverbunden sind, gut nachvollziehen können.
Gesät wird das Korn. Es wächst ein Halm.
Je nach Getreidesorte sieht dieser unterschiedlich aus. Der Landwirt, der diese Körner in die Erde wirft, ist Gott.
Gott sorgt dafür, dass aus diesen Körnern etwas wird. So wie er es will.
Und er will.
Das Korn in diesem Bild, ist der Mensch.
Es ist wohl so, dass oft etwas sterben muss, damit etwas Neues entstehen kann.
Mir ist dazu ein Bilderbuch eingefallen, dass ich als Kind geliebt habe.
Es gibt es heute noch – viele von Ihnen und von Euch kennen es. Die Älteren von ihren Kindern oder Enkeln.
Und bei dem ein oder anderem Konfirmanden gehörte es bestimmt zur regelmäßigen Vorleselektüre im Kindergarten. So wie bei mir.
„Die kleine Raupe Nimmersatt“.
Diese kleine Raupe frisst sich durch ihr Leben.
Und dann plötzlich verpuppt sie sich.
Braucht nichts mehr zu fressen.
Liegt nur da.
Scheinbar leblos.
Und es geschieht ein Wunder.
Aus der Raupe, wird ein wunderschöner bunter Schmetterling.
Das ist mein Bild.
Ich habe es so verinnerlicht, dass ich nicht mehr darüber nachdenken muss, ob ich glaube oder nicht.
Ob es mich trifft, oder nicht.
Ja, manchmal ist es wohl so, dass etwas sterben muss, damit Neues entstehen kann.

Paulus schreibt weiter: So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in der Kraft.

Korn und Halm/Raupe und Schmetterling: Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in der Kraft.
Was wird aus dem unscheinbaren Korn!
Und aus der Raupe!
Raupen sind, finde ich, keine besonders schönen Tiere.
Aber was werden für wunderschöne und feine Wesen aus ihnen, wenn sie sich verwandelt haben.

Ich weiß: Beides sind Bilder.
Keine Beweise.
Keine Fakten.
Und trotzdem steckt tief in ihnen die Antwort auf die Frage: Wie werden die Toten auferstehen, und mit was für einem Leib werden sie kommen?

Sowohl das Korn als auch die Raupe sind Bilder, die die Ahnung in uns wachhalten: Wo etwas stirbt, kann etwas Neues entstehen.
Ja, mir ist klar: Wissen und beweisen kann ich nichts. Aber das macht nichts.
Vom Leben nach dem Tod und von der Auferstehung kann man wohl nur in Bildern reden.

Und dennoch: Wieviel Wahrheit lässt sich in diesen Bildern erahnen und spüren.
Auf jeden Fall mehr als unsere dünnen Beweise, mehr als unsere klugen und komplizierten Gedankengänge ausdrücken könnten.
Es sind Bilder, die uns nahe sind.
Es sind Bilder, die trösten.
Diese Bilder sprechen.
Wir spüren: Sie sagen auch etwas über uns Menschen, über mich.
Ich kann die Auferstehung nicht beweisen.
Kein Mensch kann das.
Und trotzdem glaube ich daran.
Ich vertraue auf die Möglichkeiten Gottes, die meinen Verstand bei weitem übersteigen.

Wie gelingt es mir dann, dass ich trotzdem darauf vertrauen kann?
Eben mit Hilfe dieser Bilder.
Ich stelle mir vor, wie der eine oder die andere der Korinther angesprochen wurde vom Bild des Korns und des Wachsens.
Ihm wurde klar: Das kann Gott.
Aus dem, was stirbt kann er etwas Neues entstehen lassen.
Auch mir gelingt es mit Hilfe dieser Bilder.
So kann ich leben und vertrauen.
Vertrauen auf die Auferstehung der Toten.
Erinnern sie sich? Ich habe zu Beginn gesagt, ich glaube es einfach – ohne genau zu wissen, warum ich das eigentlich glaube.
Ich denke, ich habe da vorhin ein wenig untertrieben, als ich das gesagt habe.
Denn ich weiß: Es gibt Gründe dafür, an die Auferstehung zu glauben.
Manchmal fällt es mir leichter, manchmal schwerer. Aber ich halte mich fest daran.
Gott hat es uns doch vorgemacht.
Er hat gezeigt, dass es geht.
Was er kann.
Er hat seinen Sohn als Mensch in unsere Welt geschickt.
Einer von uns.
Jesus hatte auf dieser Erde oft zu kämpfen. Genauso wie wir Menschen. Sein Leben war oft mühsam. Er wurde angefeindet.
Von den Pharisäern, von den Schriftgelehrten, sogar von seiner eigenen Familie.
Die Leute damals haben nicht immer verstanden, was er ihnen sagen wollte. Manchmal noch nicht einmal seine Jünger.
Er wurde verraten und verleugnet. Vor Gericht gestellt. Schuldig gesprochen.
Und: Jesus ist einen schrecklichen Tod gestorben. Einen Tod, wie man ihm keinem Menschen wünscht. Den Tod am Kreuz.
Gestorben und begraben,hinabgestiegen in das Reich des Todes.
Und dann: Das große Wunder!
Am dritten Tage auferstanden von den Toten.
Der Auferstandene.
Wenn sie an unserem Altar hochsehen: Ganz oben: Dort steht er.
Der Gekreuzigte – und dennoch Lebende.
Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
So singen wir in der Osternacht und in der Osterzeit.

Rufen wir uns dieses Wunder ins Gedächnis.
Wenn das nicht wahr wäre ...
Das Glaubensbekenntnis würde uns im Halse stecken bleiben – und würde es nach all den Jahren wohl keine Christen geben.

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich Gott vertrauen kann.
Das ist doch das Besondere, das Begeisternde: Diese Auferstehung, die Auferstehung Christi von den Toten hat Folgen.
Gott hat gezeigt, dass er da ist.
Auch ganz unten.
Wie oft erlebe ich hier schon: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. (Ps 23,4)
Gott zeigt sich mir.
Gott zeigt sich uns.
Worte aus der Bibel beginnen zu sprechen. Bekommen ihre ganz persönliche Bedeutung. Vielleicht ist es dein Taufspruch, dein Konfirmationsspruch oder Verse aus den Psalmen.
Oder Gott schickt dir einen Menschen, der genau weiß, was du gerade brauchst.
Ein tröstendes Wort, eine Geste.
Tatkräftige Hilfe, weil du es allein gerade nicht schaffst.
Eine breite Schulter, an der du weinen kannst und darfst.
Oder einen Menschen, dem es nicht peinlich ist, mit dir gemeinsam zu weinen.
Manchmal schickt dir Gott eben einen Engel in Menschengestalt.
Gott zeigt sich dir auch im Abendmahl.
Du isst und trinkst – und plötzlich spürst du eine Kraft, die nicht von dir ist.
Wo du etwas davon erlebst, da entsteht das Vertrauen, das auch der Tod nicht das Ende ist.
Wo etwas stirbt, macht Gott etwas Neues daraus.
"Ich glaube an die Auferstehung der Toten."
Wenn du nachher gehst, dann achte auf die Spuren Gottes in deinem Leben.
Nimm sie als Zeichen für die große Verheißung "es wird auferstehen in der Kraft".

Mir ist aus den Worten des Paulus klargeworden, dass wir sterben, um wieder lebendig zu werden.
Wie das Saatkorn.
Das geschieht nach Gottes Willen.
So wie er seinen Willen in Christus und auch heute zeigt.
Bei diesem Lebendigwerden, werden wir einen neuen Leib bekommen. So wie Gott es für richtig hält.
Und trotzdem werden wir nicht völlig andere sein. Der große Liederdichter Paul Gerhart hat in einem Kirchenlied Christus in den Mund gelegt: „Lasst fahren, liebe Brüder, was euch fehlt, was euch quält, ich bring alles wieder.“ (EKG 36,5).
"Ich bring alles wieder." Was ich auf dieser Erde geliebt habe: Es kommt mit Christus in der Auferstehung wieder.
Denn: Der Tod ist nicht das Ende.
Was der Tod trennt, findet sich wieder.
Ich finde diese Hoffnung tröstlich.
Sie macht fähig loszulassen, was ich nicht halten kann.
Sie gibt Kraft, mit dem Schmerz von Trennung und Verlassenheit zu leben.

Ich werde meinen Großvater wiedersehen.
Ich bin schon neugierig darauf.

Amen.