Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 2, 1-10

Pfarrer PD Dr. theol. habil. Ulrich Beuttler (ev)

15.01.2012 in der Kilianskirche in Bissingen/Enz

Mitarbeiterjahresgottesdienst

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, wie es Ihnen mit diesem Text geht: Ich finde ihn theologisch tiefgehend, ja tiefsinnig, aber auch anspruchsvoll und schwer. Kein Wunder, dass Paulus damit wenig Begeisterung erzielt hat.

Man wünschte sich, Paulus hätte nicht mit Schwachheit und Furcht und dürren Worten verkündigt, sondern mit großer Rede und Geste, mit Pathos und Leidenschaft. Hätte er doch eine überzeugende Rede in menschlicher Weisheit gehalten, eine mitreisende Rede in geschliffener Sprache und mit sprechenden Bildern, kurz: hätte er Rhetorik nach allen Regeln der Kunst geboten, dann wäre er besser angekommen bei den Klugen, bei den Gebildeten, den Philosophen und Rhetoren.

Aber er redet von der Weisheit und dem Geheimnis Gottes, die verborgen sind. Nichts will er wissen als Christus, den Gekreuzigten, eine Weisheit, die menschlich und weltlich betrachtet keine Weisheit ist, jedenfalls keine hohe, göttliche Weisheit.

Die Weisheit Gottes wird der Weisheit der Welt gegenüber gestellt.

Was könnte heute die Weisheit dieser Welt meinen, durch die man die Weisheit Gottes nicht erforschen kann, sie sogar verfehlt?

Versuchen wir einige Annäherungen.

In unserer säkularisierten Welt gibt es noch zweieinhalb Rituale, die quer durch die Gesellschaft, quer durch alle Schichten und Milieus, ob noch christlich oder schon nicht mehr, begangen werden. Erstens Silvester, zweitens der Geburtstag, und drittens, noch halb, der Heilige Abend.

I.

Silvester ist das Begehen eines Passageritus über die Schwelle des Jahres.

Es ist der einzige Tag, der nicht endet, der einzige Tag, der keinen Abend hat, weil die Nacht den Höhepunkt bringt. Es ist der einzige Tag des Jahres, an dem die Nacht für alle zum Tag gemacht wird, an dem auch die kleineren Kinder aufbleiben dürfen, und man ohne Nachtruhestörung lauthals knallen darf. Es ist die einzige Mitternacht, die hell und bunt erleuchtet wird in der ganzen Republik, ohne eine einzige Ausnahme, in allen Städten, Dörfern und Straßen.

Wieso dieser Stellenwert? Sicher nicht nur, weil Silvester landauf, landab, mit großer Feier und feucht-fröhlichen Partys verbunden ist.

Sondern weil die Schwelle vom alten ins neue Jahr einen Passageritus braucht. Man weiß eben nicht was kommt, und das muss begangen werden. Es braucht ein Ritual, einen Ritus über diese Schwelle.

Es wundert mich daher, dass die Gottesdienste am Altjahrsabend nicht besser besucht sind, entsprechen sie doch genau diesem Bedürfnis, den Jahreswechsel mit einem rituellen Gang zu begehen.

Es braucht den Passageritus, weil es kein Wissen von der Zukunft gibt, weil der Weg, in den es geht, noch unbekannt ist. Wir wissen nicht, was kommt. Die Unkenntnis aber braucht Begleitung, braucht Übergang, ruft nach Kompensation.

Populär sind darum Versuche, irgendwie ein solches Wissen zu erzeugen, und sei es nur durch einen Kalender.

Astrologische Kalender werden zum Jahreswechsel zu Tausenden verkauft.

Zur Zeit hat besonders der sog. Mayakalender in esoterischen Kreisen Hochkonjunktur, und nicht nur in Esoterik. Das erstaunliche für mich ist, dass der Mayakalender, dieses doch eher randständige Zeugnis einer vergangenen Kultur, so großes Interesse findet, eben nicht nur in den einschlägigen Kreisen, sondern quer durch die Gesellschaft. In allen großen Medien und Zeitungen wird auf den Mayakalender eingegangen, und eine Ausstellung in Dresden mit einer Originalhandschrift aus dem 13. Jh. hat einen riesigen Zulauf gefunden, und dies gewiss nicht nur von den Anhängern exquisiter Esoterik.

Die Maya waren ein Volkstamm in Mittelamerika in ersten Jahrtausend, die durch genaue astronomische Beobachtungen einen eigenen Kalender erstellt hatten, völlig isoliert von babylonisch-griechischen Astronomie Europas und Asiens: Der Kalender hat ein Jahr 0, an dem Welt entstanden ist – in unserer Zeitrechnung 3114 v. Chr., er verläuft in zwölf großen Perioden über 5125 Jahre und endet am 13.0.0.0, das ist der 21.12.2012 unserer Zeit. Möglicherweise fängt der Kalender dann wieder von vorne an, aber möglicherweise endet dann auch die Zeit und damit die Welt.

Was uns an diesem Tag also erwartet, am 21.12.2012, kurz vor Ende diesen Jahres ist nichts weniger als – der Weltuntergang.

Roland Emmerich, der einzige Schwabe, der es in Hollywood zu Weltruhm gebracht hat, und der aus meinem Heimatdorf stammt, aus Maichingen bei Sindelfingen, wo er vor dreißig Jahren in einer alten Fabrik seinen ersten Film gedreht hat, hat mit seinem Film „2012“ diesen Weltuntergang inszeniert, basierend auf dem Ende des Mayakalenders.

Astrologische Kalender sind nichts anderes als Versuche, ein Wissen von der Zukunft zu erzielen, ein Wissen, das uns Menschen verborgen ist.

Es ist der Versuch, eine Erkenntnis zu erschließen, die in den Tiefen des Alls verborgen ist: das Geheimnis der Gottheit.

Astrologische Kalender sind nichts anderes, als der Weisheit Gottes durch Weltdeutung und Spekulation auf die Spur zu kommen, es wird versucht, die Tiefen der Gottheit zu erforschen, ja die Allwissenheit Gottes anzuzapfen.

Es ist eine Weltweisheit, zu der Paulus sagen würde: das ist Weisheit der Welt, aber nicht die Weisheit Gottes, die in Christus dem Gekreuzigten erfahren wird.

Denn der Gekreuzigte durchkreuzt alle Weltberechnungen. Im gekreuzigten Christus ist kein Wissen von der Zukunft enthalten, er öffnet nicht die verborgenen Kanäle der Allwissenheit Gottes. Die Weisheit des Gekreuzigten erforscht nicht die Tiefen der Zeit und der Zukunft. Das Geheimnis Gottes ist nicht die Zukunftsspekulation, das Geheimnis Gottes ist der Gekreuzigte, der quer gegen alles Zukunftswissen steht.

Aber wenn der Gekreuzigte selbst das Geheimnis Gottes ist, dann sind auch die Tiefen der Zeit in seiner Hand, dann haben wir in ihm zwar kein Zukunftswissen, aber Hoffnung für die Zukunft. Der Gekreuzigte ist „die Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit“. Im Gekreuzigten erscheint Gottes Weisheit in der Zeit, eine Weisheit, die nicht die Zukunft zu berechnen erlaubt, aber eine Weisheit, die vor aller Zeit von Gott bestimmt ist, zu unserem Heil und unserer Rettung. Das Geheimnis Gottes ist nicht das Wissen von der Zukunft, aber die Hoffnung in die Zukunft, nicht die Sicherheit der Zukunft, aber die Gewissheit für die Zukunft, dass alle Zeit in Gottes Hand liegt.

II.

Der Geburtstag ist das zweite säkulare Ritual, das quer durch alle Schichten und Überzeugungen, ganz unabhängig von Bildung, Herkunft und Einkommen, von allen Menschen begangen und gefeiert wird. Niemand, dem man nicht zum Geburtstag gratulieren würde, verbunden mit guten Wünschen für das kommende Lebensjahr.

Ab dem 60. vermehren sich die guten Wünsche und die Loblieder auf die Gesundheit. Kein 60. Geburtstag, wo nicht eine Laudatio auf die Gesundheit angestimmt wird. Das höchste Gut, so wird skandiert, sei schließlich die Gesundheit. Wer wollte da widersprechen?

Das höchste Gut ist die Gesundheit. Dem kann keiner widersprechen, schon gar der Pfarrer nicht.

Manfred Lütz hat in seinem lesenswerten Buch „Lebenslust“ hat den Gesundheitskult entlarvt: „Lebenslust“ richtet sich gegen die „Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und Fitnesskult“. Lütz hat seine Analyse genau an den rituellen Formen aufgehängt, die mit dem Gesundheitskult verbunden sind. Das Streben nach Gesundheit ist nämlich mit säkularen Riten verbunden, die nicht weniger religiös sind, als liturgische Vollzüge es waren und die nicht weniger streng und verbindlich sind als alte Messopferrituale: Was wird nicht alles getan für Gesundheit. Die Gesundheitspflege kann nicht aufwendig genug sein, man muss schließlich Opfer bringen. Und so verlangt das Heilsgut Gesundheit Opfer und Bußübungen, viele gute Werke, noch mehr Geld, u.v.a. den vollen Einsatz des Lebens. Täglich wenigstens fünf Kilometer laufen und einmal im Jahr einen Marathon, das wäre für mich nicht nur Bußübung, sondern wahre Sündenstrafe. Und die ganzen Mittelchen, die einem die Pharmaindustrie andrehen will, sind schließlich nicht umsonst zu haben. Gesundheit hat seinen Preis, und der Gang zum Arzt will nichts als die Absolution vom Priester dieses Kultes: dass er uns freispricht von allen Verfehlungen und einem das Heilsgut offeriert, nach dem man so sehnsüchtig strebt. Alles muss auf die Gesundheit ausgerichtet werden, sie ist das einzige, das wahre Ziel allen Strebens, und wenn es den letzten Einsatz fordert.

Der Philosoph Odo Marquard hat dieses Gesundheitsstreben „die ideologische Naherwartung der heilen Diesseitswelt“ genannt. Die Gesundheit, so sagt er, sei „der Teddybär des modern verkindlichten Erwachsenen“: der Teddybär, den man immer bei sich hat, den man hegt und pflegt, dass ihm auch ja nichts mangelt.

Ich will nun nicht das Streben nach Gesundheit verachten, es ist schließlich ein wichtiges Gut, auch wenn der Gesundheitskult zuweilen extreme Formen annimmt.

Aber die Weltweisheit, dass Gesundheit das wichtigste, ja das höchste Gut sei, und die regelrecht kultischen Vollzüge, die sich um dieses Streben ranken, sind schon problematisch.

Wenn Gesundheit nämlich das höchste Gut ist, das summum bonum, dann muss ihr alles, schlichtweg alles untergeordnet werden, dann gibt es ohne volle Gesundheit kein Glück, kein Erfolg, keine Befriedigung, kein Leben.

Die Weisheit des Gekreuzigten durchkreuzt den Gesundheitswahn und die Gesundheitsreligion, dass sie allein selig machten. Wenn man sich doch wenigstens mit derselben Energie, mit der man heute die Gesundheit machen will, um seine Seligkeit bemühen würde!

Der gekreuzigte Christus aber steht gegen alles Bemühen um Seligkeit wie um Gesundheit. Der Gekreuzigte widerspricht der These, die Gesundheit sei doch alles, ja das höchste Gut. Der gekreuzigte Christus widerspiegelt eine Weisheit Gottes, die gegen die Menschenweisheit steht. Der Gekreuzigte erschließt uns, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat: dass man auch im Leiden glücklich sein kann und man trotz Krankheit leben darf.

Im gekreuzigten Christus wird uns keine ewige Gesundheit versprochen, aber es wird uns die Seligkeit zugesprochen, die Glück auch im Leiden bedeutet. In Christus wird uns nicht Gesundheit garantiert, aber die Vergebung zugesprochen. In Christus, dem Geheimnis Gottes, dürfen wir leben trotz des Leidens und sogar im Leiden.

Die Weisheit Gottes, die im Gekreuzigten offenbar ist, durchkreuzt die Weisheit der Welt, welche allein die Gesundheit zum höchsten und einzigen Gut erklärt. In Christus haben wir nicht Gesundheit, aber Seligkeit, und Glück, und erfülltes Leben trotz und in Leid und Krankheit.

III.

Der Heilige Abend ist der letzte, große religiöse Ritus der säkularen Welt: Immerhin über 30 % der evangelischen Kirchenmitglieder nehmen noch daran teil und besuchen am Heiligen Abend die Gottesdienste. Es sind die einzigen, an denen die Kirchen wirklich voll sind, und zwar alle, in Stadt und Land. Der Hl. Abend hat ja auch etwas Besonderes: die Stille Nacht, Heilige Nacht mit der Heiligen Familie, der Krippe, dem Christbaum, den Lichtern und Kerzen. Weihnachten ist seit 200 Jahren das bürgerlich-christliche Fest Nr. 1 und seit wenigen Jahrzehnten hat sich dieses auf den hl. Abend verlagert.

Schon im Vorfeld des Advent lebt man auf Weihnachten zu und erwartet den Heiligen Abend sehnsüchtig, v.a. die Kinder. Die Luft war voller Spannung und voller Gerüche nach Tannennadeln und Plätzchen. Die Straßen und Häuser waren erleuchtet mit Lichtern und Kerzen. Wir haben den Christbaum geschmückt und die Krippe aufgestellt mit der heiligen Familie, die uns das Geschehen dieser Nacht erzählt: die Geburt im Stall, die Hirten auf dem Feld, die Verkündigung durch die Engel.

Und heute, nur drei Wochen danach, ist alles schon vorbei? Schon Silvester eine Woche später überragt den Heiligen Abend längst, und in der Epiphaniaszeit ist von Weihnachten schon lange nichts mehr zu spüren.

Schon bald, wenn die heilige Nacht vorbei ist, dann weicht Weihnachten schnell dem Alltag, und, wie gesagt, Silvester naht und Weihnachten ist schon vergessen. Bald ist der Christbaum abgebaut und der Weihnachtsschmuck wieder verstaut.

Was bleibt dann von Weihnachten? War es nur schöne, wohlige Stimmung in erhöhter Gefühlslage, oder hält Weihnachten auch dem nüchternen Alltag stand, dem neuen Jahr mit all seinen Unwägbarkeiten. Entscheidend ist doch, ob die Weihnachtsfestfreude sich auch im Alltag bewährt, ob die Menschwerdung Gottes, die wir an Weihnachten feiern, auch dem Alltag standhält, wenn es nicht mehr heilige Nacht ist.

Wir glauben doch, dass Gott selbst es ist, der sich in der heiligen Nacht, an Weihnachten gezeigt, offenbart, inkarniert hat. In Jesus ist er in diese Welt gekommen, mehr noch ist er Mensch geworden. In dieser rauhen, nicht immer wohlig stimmungsvollen Welt.

Die Weisheit der Welt würde wohl die Weisheit Gottes in der Heiligen Nacht suchen, aber weil sie nur in der Nacht sucht, verwechselt sie die Weisheit Gottes mit der schönen Stimmung, mit den Lichtern und Kerzen, mit der Kinderfreude oder der Familienharmonie – die oft schnell wieder vorbei sind.

Aber wenn Gott es ist, der in dem unscheinbaren Kind, in der Geburt im Stall in die Welt kam, dann bleibt er auch da, dann ist Gott gerade außerhalb der heiligen Nacht zu suchen und zu finden. Das ist die Weisheit des Gekreuzigten: keine vollendete göttliche Harmonie, sondern der Alltag und die nüchtern kalte Welt. Dort ist der Ort, in dem Gott sich inkarniert.

Wenn Gott wirklich in der heiligen Nacht erschienen ist und sich gezeigt hat in dieser Welt, dann bleibt er auch da, das ist er da auch zu suchen und zu finden, das ganze Jahr hindurch, an jedem Tag.

IV.

Die Weisheit Gottes ist eine verborgene Weisheit, sie ist nicht offensichtlich.

Die Tiefen der Gottheit erforscht man nicht durch hohe Erkenntnis, nicht durch die Rituale der Passagenriten, nicht durch die Mühen der Leistungsreligion und nicht durch gefühlige Stimmung. Die Tiefen der Gottheit erfasst man nur, wenn die Weisheit Gottes sich offenbart. „Was kein Menschenauge gesehen und kein Menschenohr gehört hat, und von keines Menschen Herz gefühlt wurde, das hat Gott denen bereitet die ihn lieben. Uns hat es Gott offenbart durch seinen Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. … Denn niemand weiß, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes“ (V9-11).

Die Weisheit Gottes ist der Welt und ihrer Weisheit verborgen, wir müssen sie erlauschen, erhören, erspüren, wo sie sich offenbart, wo sie sich zeigt. Wie zeigt sich die Weisheit Gottes?

In Rainer Maria Rilkes „Geschichten vom lieben Gott“ gibt es eine kleine Erzählung von Michelangelo. Er, der große Künstler, soll eine Statue schaffen, aber es fehlt ihm die Inspiration. So richtet er nach Rilke ein Gebet an Gott: „Mach mich zum Horchenden am Stein“. Michelangelo ist der, der die Steine belauscht, und der Gott bittet, zum Hörenden zu werden. Er muss hören, lauschen, was der Stein ihm sagt, muss hineinhören, was herauskommen soll.

So ist es mit der Weisheit Gottes. Sie ist dem Vordergründigen verborgen. Man muss sie erhören, erspüren, wo sie sich zeigt. Mach mich zum Horchenden an dir, Gott, so können und sollen wir beten und bitten. Zeig uns deine Weisheit, Gott.

Wie zeigt sich die Weisheit Gottes? Wie zeigt sich Gott, wenn wir hinhören, auf den großen, stummen Block seines Geheimnisses. Was ist die Gestalt, die sich herausschält? Es ist die Gestalt des Gekreuzigten. Gottes Weisheit zeigt sich als Weisheit des gekreuzigten Christus. Er ist die Gestalt und das Angesicht Gottes.

Wofür steht die Weisheit Gottes, die sich im Angesicht und der Gestalt des Gekreuzigten offenbart?

Gottes Weisheit ist nicht Zukunftsgewissheit, sondern Hoffnung.

Sie ist nicht Gesundheit, sondern Seligkeit.

Sie ist nicht wohlige Stimmung, sondern Alltagsrealität.

Jesus, der Gekreuzigte, ist das Geheimnis und die Weisheit Gottes. Wer Gottes Geheimnis sucht, muss nicht die Tiefen des Alls belauschen und nicht in den Tiefen der Weltweisheit forschen. Wer Gottes Geheimnis sucht, muss nicht hinaufsteigen in den Himmel, um an den Sternen zu hören. Wer Gottes Geheimnis sucht, der muss in der einfachen Menschenwelt leben und es dort finden. Wer Gott sucht, wird ihn im Menschlichen, ja im allzu Menschlichen finden, oder er wird ihn gar nirgends finden. Wer Gott sucht, kann ihn nur im Gekreuzigten finden, im Gekreuzigten, der in dieser nüchternen, einfachen, profanen Welt Mensch wurde. In den Tiefen und der Niedrigkeit des Menschseins, ja in der Gottesfinsternis der Welt spielt sich die Offenbarung Gottes ab. Um Gott dort zu sehen und zu finden, braucht es keine hohe Erkenntnis und Geheimwissen, sondern den Geist Gottes, der uns Christus zeigt: Christus, den Gekreuzigten. Er ist der Gott in der Welt, das Geheimnis und die Tiefe Gottes – mitten in den Tiefen der Welt. Er, Jesus Christus, der Gekreuzigte, ist der erniedrigte Gott, mitten in den Niedrigkeiten dieser Welt. Christus, der Gekreuzigte, trägt das Antlitz Gottes in der Gestalt der Welt. Hier in der Welt, in der Alltagswelt, ist Gottes Geheimnis offenbar, hier ist Gott zu suchen und zu finden, hier zeigt er sich und seine Weisheit: im gekreuzigten Christus. Wer es fassen kann, der fasse es, und bitte Gott: Mach mich zum Horchenden, Gott, an deiner Welt.

Amen.