Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 6,19

Beatrix Jessberger

14.08.2005 in Rehetobel

Anlässlich des Dorffestes zu Gunsten der Erneuerung der Badeanstalt

Anlässlich des Dorffestes zu Gunsten der Erneuerung der Badeanstalt

Ich möchte Euch herzlich dafür danken, dass wir hier im Rahmen des Dorffestes einen Gottesdienst feiern. Manche finden es vielleicht befremdlich, dass wir nicht in der Kirche feiern, sondern im Festzelt. Eine Definition von Kirche lautet: Kirche ist der Ort, auf den sich Menschen beziehen, an dem sie ihr Glück feiern und ihre Niederlagen beweinen. Kirche ist dort, wo geseufzt, gebetet, gezweifelt und gehofft wird. (Steffensky)
Und an welchem Ort wird mehr geseufzt als in der Badeanstalt? Hier wird vor Vergnügen geseufzt. Wie schön ist es doch, wenn der Körper mal wieder ausspannen darf, wenn wir uns im Gras ausbreiten, uns dehnen, räkeln, strecken, spüren, wie die Sonne uns erwärmt, wie der Wind über unsere Haare streichelt, sie aufstellt. Wir nehmen uns wieder im Körper wahr, in der Ruhe, aber auch beim Spiel, oder wenn wir ins Wasser eintauchen, wenn wir spüren wie das Wasser uns ein Stück Gewicht abnimmt, uns umstreichelt und erfrischt. Ist das nicht ein Grund zum Seufzen, zum glücklich sein?
An diesem Wochenende feiern wir hier in Rehetobel das Glück, dass wir eine so schöne Badeanstalt haben und sammeln Geld dafür, damit sie noch viel schöner wird. Das Freibad ist ein wichtiger Ort. Ein Ort für jung und alt, ein Begegnungsort.
Hier kommen wir auch am besten in Kontakt mir unserem Körper, können wahrnehmen wie schön er ist, aber auch wo unsere Verspannungen sitzen und unsere Problemzonen. Dort, wo wir also seufzen, wo wir unser Glück feiern und vielleicht ganz im Stillen unsere Niederlagen beweinen, das ist im Sommer die Badeanstalt, und dort ist Gott.
Paulus sagt im 1. Brief an die Korinther (6,19): Wisst Ihr nicht, dass Euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt...?
Unser Körper ist also unsere Kirche bzw. er kann zu einer Kirche werden, wenn wir uns bewusst werden, dass der Geist Gottes in uns wohnt.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass wir uns in den letzten Jahren wieder vermehrt unserem Körper zuwenden. Gestern Abend kamen wir in den Genuss, all die sportlichen Begabungen der Rehetobler Frauen und Männer vorgeführt zu bekommen. Die Träume der Männerriege, die jungen Air Tracks, die fliegend die Schwerkraft überwinden, die Frauen, die Fit sind und Fun verbreiten. Wir wissen, der Körper hat Hochkonjunktur. Seine Grenzen werden ausgelotet und ausgeweitet. Sportereignisse füllen Stadien und interessieren Millionen von Zuschauern vor dem Fernseher, die Wellnesskultur boomt. Daneben lernen Menschen dank Yoga und anderen Körpertherapien sich bis in die seelische Tiefe hinein wahrzunehmen, sich zu entspannen und bewusst zu ernähren.
Wir wissen aber auch, je gesünder wir leben, umso mehr leiden Menschen an Übergewicht und seinen Folgen. Es ist wie ein paralleler Prozess.
Und dann ist es gewiss ein Grund zum Stöhnen, wenn man in die Badeanastalt geht, sich der überschüssigen Pfunde bewusst wird, den alternden Körper und die körperlichen Schwachstellen wahrnimmt , die man dem kritischen Blick der anderen aussetzt. Das ist gar nicht so einfach. Nacktheit hat etwas schonungsloses an sich. Unser Körper ist ja nicht nur fit for fun, sondern auch ein Spiegelbild unserer Lebensgeschichte. An ihm offenbaren sich die guten und die schweren Tage unseres Lebens. Und das in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist gar nicht so einfach. Da haben diejenigen Glück, die in die Norm passen, die einfach einen schönen Körper haben.
Paulus der oft als Leibfeindlich angesehen wird, spricht im 1. Kor. Brief (15, 39-41 und Sir. 42, 15-43 )von der Schönheit unserer Körper. Er sagt, sie sind schön, weil sie so verschieden sind. Nicht die Norm, sondern die Verschiedenheit macht unsere Körper schön. Auch der Prophet Ezechiel beschreibt die vollendete Schönheit des Menschen als abgeschlossenes Siegel, kunstvoll und von vollendeter Schönheit. (vgl. Ez. 16 und 28,12) Unser Körper ist eigentlich schön, unabhängig davon, ob formvollendet, behindert oder krank. Aber unser kritischer Blick steht uns im Weg, ihn schön zu sehen. Vor allem wir Frauen haben da ein Manko uns einfach so anzunehmen, wie wir sind.
Aber der physische Körper allein ist für Paulus noch nicht der ganze Körper. Der physische Körper ist nur ein Aspekt unseres Körpers. Wir besitzen noch einen geistigen Körper. Erde und Himmel kommen in uns zusammen. Wir haben im Christentum eine Wahrheit vollkommen verdrängt, nämlich, dass das Diesseits und das Jenseits in uns sind. Wir haben den Himmel aus unserem Leben verbannt und damit einschneidend an Lebensqualität verloren. Solange wir nur im Diesseits leben, sind wir arme Menschen. Denn wir erleben, wie im Laufe unseres Lebens unser Körper sich verändert, wie er abbaut, wie er seine Spannkraft und Schönheit verliert. Wenn wir wüssten, wie schön wir im tiefsten unseres Wesens sind und dass wir diese Schönheit im Leben entfalten und zum Ausdruck bringen können, dann wären wir glückliche Menschen.
Wenn die geistige Dimension in unserem Leben fehlt, dann sind wir darauf angewiesen, dass äußerlich alles stimmt. Doch immer wieder bricht etwas Unvorhergesehenes in unser Leben ein, z.B. eine Krankheit, der Tod eines nahestehenden Menschen, eine Sinnkrise oder sonst etwas. Und dann können wir uns nicht mehr in der Badeanstalt zeigen; denn das Leid zeichnet uns.
Unsere Schönheit wächst in dem Masse, in dem unser geistiger Körper sich entfaltet. Und diese Schönheit kennt keine Altersgrenze. Im Gegenteil. Wir wissen, dass Menschen, die im Leben viel erlebt haben und dabei geistig gereift sind, dass das schöne Menschen sind.
Und von diesen gibt es hier in Rehetobel eine ganze Menge.
Wir brauchen den geistigen Körper, weil wir das Licht brauchen, das uns erhellt, weil wir die Liebe brauchen, die uns von innen füllt und die wir weitergeben.
Paulus sagt, Christus wohnt in uns, erfüllt uns und durch ihn werden wir in das Bild Gottes verwandelt. Wir haben Anteil an seinem Auferstehungsleib, hier, jetzt, in diesem Körper.
Auch ein erniedrigter Körper, auch ein durch Krankheit und Gewalt beschädigter Körper, auch ein behinderter Körper enthält die Fülle göttlichen Lebens.
Paulus fordert uns auf: zieht den geistigen Leib Gottes an, zieht das Lichtkleid Gottes an! Er sagt; die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne und Töchter Gottes.

Wenn wir also der Badeanstalt liegen, dann haben wir Zeit über all das nachzudenken. Dann können wir Einkehr halten in uns selbst und uns mit unserem Atem, dem Odem Gottes verbinden und uns hineintragen lassen in unseren innersten Grund. Dort finden wir alles, was wir im Leben brauchen: den Himmel und die Erde.
Ja, über all das können wir in der Badeanstalt nachdenken, wenn wir in das Wasser eintauchen, wenn wir unsere Verspannungen spüren, wenn wir einander sehen. Wir können über die Worte des Paulus meditieren: Wisst Ihr nicht, dass Euer Leib, Tempel Gottes ist und der Hl. Geist in euch wohnt?
Und wenn ihr noch ein paar Anregungen sucht, worüber ihr im Schwimmbad meditieren könnt, dann lade ich Euch ein, ab und an Sonntags in die Kirche zu gehen.

Danke schön.

Amen.