Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther 9,16-23

Klaudia Berg

01.06.2008 in der Matthäikirche in Düsseldorf (EKiR)

Vor Jahren bin ich mal in einen Vortrag über Verkaufsstrategien geraten. Das war damals, als überall zu hören war, Deutschland sei eine Servicewüste. In Oberhausen wurde gerade das Centro gebaut und wir staunten nicht schlecht über all die kleinen Tricks, die angewandt werden, um Menschen zum Kaufen zu bewegen. Beeindruckt war ich z.B. von dem Gerücht, zu den Ausgängen hin seien die Wege leicht ansteigend, so dass der Weg hinein viel angenehmer erscheint als der Weg hinaus.

Der Vortragende, ein japanischer Marketingexperte, berichtete von den Trends vergangener Jahrzehnte, die Menschen auszutricksen mit vermeintlichen Billigangeboten in den 70ern, auf Qualität zu setzen in den 80ern und nun schließlich die Dienstleistung um das Produkt herum in den 90ern. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen, sagte er, stehe nun im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Große Ketten schulten ihre MitarbeiterInnen und es wurde einem nicht mehr um jeden Preis erzählt, dass einem etwas steht, was in Wirklichkeit unmöglich aussah.

Ich weiß nicht, ob es inzwischen neue Trends gibt, aber dieses „Der Mensch mit seinen Bedürfnissen“ scheint geblieben zu sein. Mein Bruder berichtete kürzlich belustigt vom Einkaufen bei IKEA. Im Werbekonzept ist man da ja jung und dynamisch und wird entsprechend als Kunde auch geduzt. Als mein Bruder, wie im Alltag auch; beim Sie blieb, schaltete auch der Verkäufer sofort um. Der Mensch oder besser der Kunde im Mittelpunkt eben.

Erschreckend ist, das ist mir alles wieder eingefallen, als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag las. Der Apostel Paulus reiste durch die Welt und verbreitete das Evangelium. Mit den Gemeinden, die er gegründet hatte, blieb er im brieflichen Kontakt. Und so kommt es, dass es diese Briefe in der Bibel gibt.

Die Gemeinde in Korinth z.B. hatte immer mal wieder auch Zweifel an ihrem Apostel, weil da andere kamen, die anders waren und andere Dinge sagten und taten. Im Textabschnitt heute geht es zunächst noch darum, dass Paulus kein Geld für seine Tätigkeit nahm. Dann aber geht er noch weiter und scheint seine Marketingstrategie offenzulegen. Doch hören sie selbst.

Denn, dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige! Täte ich’s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich’s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut. Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache. Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin – damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne. Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.

Dem japanischen Marketingexperten hätte das sicher gefallen. Da gibt es ein Produkt, das Evangelium, das an den Mann und die Frau gebracht werden muss. Und da gibt es ganz unterschiedliche Menschen von ganz unterschiedlicher Herkunft, die gewonnen werden sollen. Und die Aufgabe des Verkäufers ist es nun, zu denen jeweils den richtigen Zugang zu finden. Und Paulus sagt: Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. Man könnte fast meinen, der Dienstleistungstrend ist biblisch inspiriert, nur das eben nicht das Evangelium, sondern Küchen oder Schuhe oder Kleider verkauft werden.

Und anders herum hat Kirche in den vergangenen Jahrzehnten eben das durchaus auch gelernt und sich neu beraten lassen bei Marketingexperten. Sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen, Dienstleister sein bei Familienfeiern, die Angebotsstruktur auf die Menschen, die kommen sollen abstimmen, moderner wirken und offener. Mission ist in den vergangenen Jahren ganz neu Thema geworden. Und mancher vermutet wohl nicht zu unrecht, dass das was mit zurückgehenden Kirchensteuereinnahmen zu tun hat…

 Wenn das Paulus wüsste… Ging es ihm doch nicht um Küchen, oder Kirchensteuereinnahmen oder überhaupt um Verkaufsstrategien, sondern ums Evangelium. Mission war auch sein Thema. Das Evangelium zu den Heiden bringen, in die Welt hinaus, dafür hat er in der Tat einiges auf sich genommen. Und was er tat, das musste er immer wieder rechtfertigen.

Aber seine Rechtfertigung war eben nicht der Erfolg! Dabei hätte er das gut machen können. Aus heutiger Sicht hätte er das den Korinthern nun wirklich guten Gewissens schreiben können. Die andern mögen andere Dinge sagen und tun aber seht doch her, meine Verkaufsstrategie ist die erfolgreichste. Ich habe das Evangelium am Weitesten verbreitet, bis nach Europa. Doch Erfolg ist nicht sein Argument.

Nicht von Strategie, sondern von Inhalt redet er. Evangelium bedeutet Befreiung. Das ist das Erste. Ich bin frei von jedermann, schreibt er. Von keinem Zeitgeist und keinem Geld, nicht einmal vom Erfolg muss er sich abhängig machen. Und wenn das stimmt, dann ist er doch weiter, als wir alle hier. Das wäre was, nicht abhängig zu sein von der Meinung anderer, vom Ansehen und Aussehen, vom Erfolg, ja und auch vom Geld. Wir neigen doch eher dazu, zu glauben, dass Freiheit wächst, wo das alles da ist. Täten wir das nicht, würde sich kein Mensch Sendungen wie Germanys next Topmodell und Reportagen über die Reichen und Schönen dieser Welt ansehen, z.B.

Ein Befreiter also ist er geworden mit diesem Evangelium. Und nun hätte er ja ein lustiges unabhängiges Leben haben können mit so viel innerer Freiheit.
Doch gerade diese Freiheit hat für ihn ganz andere Folgen. Obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich mich doch selbst jedermann zum Knecht gemacht, schreibt er. Da tritt hervor, was Evangelium dann auch ist. Eine Botschaft von Befreiung, die so kostbar ist, dass sie geteilt sein will, ja geteilt sein muss! Dass so das Christentum erfolgreich verbreitet worden ist bis hin zum politischen Sieg im römischen Reich verdeckt leider beinah, worum es eigentlich ging. Nicht Zahlen und Macht. Davon hat sich die Christenheit erst später berauschen lassen und wahrscheinlich so ein Stück Befreiung wieder verloren. Wovon Paulus hier spricht, das ist ein großes Glück, dass geteilt sein will. So, wie glückliche Menschen eben rumlaufen und um sich herum von ihrem Glück weitergeben.

Mission bei Paulus ist nicht: Menschen zu ihrem Glück zwingen, was ja bekanntlich sowieso nicht geht, oder sie mit allen Mitteln überreden und austricksen. Mission bei Paulus ist, Menschen teilhaben lassen an Befreiung. Er hat gemerkt, Evangelium will geteilt sein, ja ist alleine gar nicht zu haben.

Und nun kommt er zu dem, wie er Evangelium teilt. Er wird allen alles. Da kam meine Marketingassoziation ursprünglich her. Doch der dienstleistende Verkäufer ist ja nicht frei. Im Gegenteil. Paulus kann allen alles werden, weil es einerseits darauf nicht ankommt und weil das andererseits eben deswegen notwendig ist. Also: Es kommt eben nicht darauf an, ob einer stark oder schwach ist, es kommt nicht einmal darauf an, ob er Regeln und Gesetze einhält oder nicht, ob er Jude ist oder Heide. Das lässt einem den Atem stocken, immer wieder, obwohl das doch die Botschaft der Rechtfertigungslehre, der wiedergewonnenen biblischen Erkenntnis Martin Luthers ist: Allein der Glaube, ganz egal, was einer sonst noch ist.

Darum kann Paulus allen alles werden. Weil Befreiung tatsächlich aus verschiedenen Lebensperspektiven verschieden aussieht, ja verschieden aussehen muss. Und wenn ich nicht mit ganz verschiedenen auf diese Botschaft von der Befreiung blicke, dann wird sie sich eben auch nicht in ihrer Fülle erschließen. Evangelium kann man nicht alleine haben.

Und das kann ich dann jetzt nach soviel Theorie auch ganz praktisch sagen. Für manche unter uns wäre schon ein sicheres Dach über dem Kopf  ein großes Stück Befreiung. Für andere geht es ums Loslassen des immer mehr haben Müssens. Für so manche Schöne und so manche Hässliche wäre Befreiung von Schönheitsidealen ein ungeheurer Schritt. Befreiung von Druck und Stress für die Erfolgreichen und frei sein können von den schiefen Blicken der anderen, für die die versagen. Den Gefangenen Befreiung und den Nichtsnutzen, denen mit den guten Noten und denen, die keinen Schulabschluss bekommen. Diese Reihe ließe sich immer weiter fortsetzen. Und in all diesen Perspektiven, wie in einem Prisma leuchtet der kostbare Kern des Evangeliums. Was für ein Verlust, wenn es nur eine Perspektive gäbe. Deshalb wird Paulus allen alles. Und deshalb sind wir bis heute aufeinander angewiesen mit dieser Botschaft von der Befreiung: Um das vielfältige Leuchten sehen zu können.

Es ist kein geschicktes Marketing, was Paulus da betreibt. Er macht keinem was vor, er wechselt nur die Perspektive, weil die Botschaft, mit der er unterwegs ist, das verlangt. Den Verkäufern aber und den Experten fürs Verkaufen möchte ich doch am Schluss noch mal nahe legen, vielleicht einfach das zu verkaufen, was sie haben. Wenn ich in ein Geschäft gehe, suche ich nämlich nicht Befreiung und Gemeinschaft, sondern vielleicht einfach nur ein paar gute Schuhe.

Amen