Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Philipper 2, 12-13

Pfarrerin Birgitt Johanning (ev.-luth.)

01.02.2015 in der Ebbergkirche in Hemer

auf dem Jahresempfang 2015 der Evangelisch - Lutherischen Kirchengemeinde Hemer

Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen, Amen!

Liebe Gemeinde!

Ich möchte die heutige Predigt einem Tier widmen, welches mich schon mein gesamtes Leben lang begleitet.

Manchmal fühlt es sich sehr stark und macht sich lautstark bemerkbar,

manchmal scheint es zu schwächeln und sich zurückzuziehen.

Ich bevorzuge letzteres.

Trotzdem schafft es dieses Tier immer wieder, mich zu manipulieren.

Sie alle kennen solche Momente. Denn auch Sie kennen dieses Tier nur zu gut. Ich glaube ja, dass jeder von uns ein solches Tier in seiner Nähe hat.

Also: Diesem Tier sind meine Überlegungen zum heutigen Predigttext gewidmet.

 

Schaffet, dass ihr selig werdet, tuts mit Furcht und Zittern.

Ist es das, was Paulus will, muß man doch verbittern.

Ich hör Werkgerechtigkeit zwischen diesen Zeilen.

Schaffe, schaffe Seelenheil, dann wird Gott urteilen,

wie du dich verhalten hast während deines Lebens,

welches Ziel hast du erreicht und was war vergebens?

Wo tat ich dem Nächsten weh, mußte jemand leiden,

wollte ich das wirklich tun, konnt ich das vermeiden?

Paulus, hast du das gemeint, als du aufgeschrieben

diesen Brief, den jeder kennt, damals deinen Lieben?

Sein Inhalt wurde oft erzählt, wurde schnell bekannt.

Was wohl die Menschen damals dachten, dort in Griechenland?

Ach, wir könnten so viel tun: Einkehr, Klosterleben,

Fasten, Pilgerwanderung und den 10ten geben.

 

Tier: Ja, du könntest. Aber dann mußt du dich auch kümmern, mußt planen und organisieren und deine schützenden vier Wände verlassen. Bleib doch einfach zuhause, ist doch viel bequemer!

 

Upps, ich wußte gar nicht, dass du auch hier bist. Aber hätte ich mir eigentlich denken können.

Ja, du hast ja Recht. Außerdem bin ich mir gar nicht so sicher, dass es das ist, was Paulus gemeint hat, in diesen Zeilen aus seinem Brief an die Gemeinde in Philippi, ich lese einfach mal weiter.

 

Schaffet, dass ihr selig werdet, tuts mit Furcht und Zittern,

denn Gott ists, der in euch wirkt, mit Gedankensplittern.

Gott selbst ist es, der bewirkt euer Tun und Lassen.

Diese große Wundertat müßt ihr nur erfassen.

Gott wirkt ständig tief in euch nach seinem Wohlgefallen

Und hat dies schon stets getan bei den Menschen allen.

 

Tier: Eben, sag ich doch, meine Rede, lehn dich zurück, genieß dein Leben, und lass den lieben Gott mal machen.

 

Nun warte doch erst mal ab, was noch kommt, denn jetzt wird es komplizierter:

 

Es gibt da dieses eine Wort und manchmal ist es schade,

dass es so schwer verstanden wird: Es geht um Gottes Gnade!

Paulus hat dies oft erzählt, hat es aufgeschrieben:

nicht alles man sofort versteht, was er dort beschrieben.

Doch es gibt so manches Wort, oder auch Geschichten,

wenn man über Jesus liest, was er will berichten:

Seht euch diese Kinder an, ihr müßt danach streben,

vor Gott so wie sie zu sein, nur dann könnt ihr leben.

Nehmt die Gnade Gottes an. Er will sie euch schenken.

Sie ists, die euch selig macht. Das müßt ihr bedenken!

Wollt ihr in den Himmel rein, geht unter der Gnade.

Und nehmt Gottes Liebe an, anders wärs doch schade!

Eine Frage aber noch gilt es hier zu klären:

Worauf das Gewissen hört? Welch Gedanken gären

tief in unserm Innern drin, wollen nichts verändern,

 

Tier: Jetzt muß ich mich doch noch mal melden, auch wenn es mich sehr interessiert hätte, welchen Reim du auf „ändern“ gefunden hast. Also: ich fühl mich jetzt ja noch direkter angesprochen als schon die ganze Zeit über:

Hab ich doch richtig verstanden: Gott schafft das Wollen und Vollbringen der Menschen. Richtig?

 

Richtig

 

Tier: Überleg doch mal, wie bequem das ist: Dann ist Gott doch auch verantwortlich, wenn etwas schief läuft in der Welt.

 

Ja Tier. - Warum hab ich dir eigentlich nie einen Namen gegeben? Na egal, also: Gott hat uns Menschen einen freien Willen gegeben. Gott begleitet uns auf unserem Weg, aber gehen müssen wir alleine, selbstständig. Wir entscheiden, in welche Richtung wir uns bewegen. Wir entscheiden, was wir tun, was wir lassen, an was wir glauben.

Wir müssen uns selbst darum kümmern, dass es uns, unseren Mitmenschen und der Welt gut geht. Das kann uns keiner abnehmen.

Und wir tun dies in Betroffenheit. Wir sind betroffen, hautnah, innerlich, angesichts der Nähe Gottes. Deshalb spricht Paulus ja von „Furcht und Zittern“. Wir können, dürfen, sollen handeln, weil Gott uns vollständig mit seiner Energie  erfüllt. Das wird besonders deutlich, wenn man unseren Predigttext im griechischen Original liest. Da ist wirklich von „Energie“ die Rede. Gott wirkt, wie es so schön heißt, in uns und durch uns.

Und er tut dies aus Liebe.

Wenn wir uns gehalten wissen in Gottes Liebe, wenn wir an diesen in der Bibel beschriebenen barmherzigen Vater glauben, zu dem wir immer zurückkommen dürfen, auch wenn wir uns mal verirrt haben und vom Weg abgekommen sind, dann können wir gar nicht anders als zu versuchen, gegen all das Schlechte, gegen alle Ungerechtigkeiten der Welt anzugehen, uns dagegen aufzulehnen und laut herauszuschreien, dass dies nicht Gottes Wille ist.

Ich will dir dafür noch ein anderes  Beispiel aus der Bibel geben. Die so genannten 10 Gebote sind von Martin Luther eigentlich falsch übersetzt worden. Der ursprüngliche hebräische Text hat einen anderen Schwerpunkt: Wenn Du Gott liebst, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft, dann kannst du gar nicht mehr anders als respektvoll mit deinen Nächsten umzugehen, dann wirst du nicht morden, stehlen oder lügen – mit Gottes Hilfe.

Und ich denke, das ist auch gemeint, wenn Paulus schreibt: „Schafft, das ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“

Weißt du, manchmal kann ein Mensch schon mal eine Gänsehaut bekommen, wenn er die Liebe spürt, die Gott uns gibt. Und dieses große Geschenk kann Menschen unsicher machen.

 

Tier: Das kenn ich, das kann für unsereins eine gute Gelegenheit sein, tätig zu werden.

Wir müssen nur so laut brüllen, dass die Stimme eures Gewissens nicht gehört werden kann.

 

Genau:  Deshalb sollten wir Menschen uns immer klar sein, wessen Stimme wir da gerade hören:

die von dir und allen anderen deiner Art,

die von Menschen, die uns negativ manipulieren wollen,  

oder die von Gott.

Das ist übrigens einer meiner Vorsätze für dieses Jahr: weniger auf dich zu hören und mehr Gott zu vertrauen!

So wie es in dem Lied heißt: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist. Weil Leben heißt, sich regen, weil Leben Wandern heißt!

Wußtest du eigentlich, dass dieser Text ursprünglich für eine Trauung geschrieben wurde?

 

Tier: Was willst du mir damit jetzt sagen?

 

Nun, wir gehen Beziehungen ein, jeder von uns. Sogar wir beide haben eine Beziehung. Wichtig ist aber, was man daraus macht.  Ob man bereit ist, Beziehungen zwischen Menschen zu vertiefen, bereit ist, die Macken des anderen anzunehmen, wozu uns die Jahreslosung ja auch auffordert.

 

Tier: Du meinst: „Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

 

Wow, woher weißt du das denn?

 

Tier: Na als Tier einer Pfarrerin bleibt es nicht aus, dass ich schon mal was aufschnappe.

 

Du beeindruckst mich immer wieder!

Aber über unsere Beziehung sollten wir wirklich noch mal in Ruhe reden.

 

Tier: Weißt du eigentlich, dass ich auch dichten kann?

 

Ne, wußte ich nicht. Mach doch mal was:

 

Tier: Du hast jetzt wirklich viel erzählt. Die Leute werden müde.

Wär gut, wenn du zum Ende kommst! Das sag ich als dein Rüde.

 

Du hast ja Recht.

Aber ich möchte zum Schluss gerne noch Johannes Calvin zitieren. Der hat gesagt:

„Gott handelt so in uns, dass er uns nicht träge werden lässt, sondern uns mit einem geheimnisvollen Antrieb in Bewegung bringt und die von ihm Getriebenen entschlossen in Übung hält.“

 

Tier: Eigentlich hätte doch dieser Satz als Predigt völlig ausgereicht.

 

Na, nicht so ganz. Aber es stimmt schon: Dieser Satz drückt ganz viel von dem aus, worum es geht. Und deshalb sag ich ihn noch einmal, weil er mir so wichtig erscheint und weil er erklärt, warum unsere Beziehung sich ändern muss:

„Gott handelt so in uns, dass er uns nicht träge werden lässt, sondern uns mit einem geheimnisvollen Antrieb in Bewegung bringt und die von ihm Getriebenen entschlossen in Übung hält.“

Und deshalb fürchte ich, wir beide werden uns auch in Zukunft noch oft miteinander auseinandersetzen müssen.  Vielleicht verstehst du aber jetzt, warum ich dir bei mir nicht so viel Raum geben kann, wie du gerne hättest.

 

Tier: Ist ja schon gut. Aber melden darf ich mich doch noch, wenigstens ab und zu?

 

Kommt drauf an, was du dann von mir willst.

 

Tier: Du?? Eine Frage hab ich aber zum Schluss.

 

Ja?

 

Tier: Welchen Namen würdest du mir denn geben?

 

Das sage ich dir nachher unter vier Augen, sonst wird es peinlich für alle Beteiligten!

 

Tier: Jaul!

 

Amen

 

Birgitt Johanning

 

 

Bemerkung:

Diese Predigt wurde gehalten auf dem Jahresempfang 2015 der Evangelisch - Lutherischen Kirchengemeinde Hemer.

Predigttext war der nach der Perikopenrevision vorgeschlagene Episteltext zum Sonntag Septuagesimae.

„Das Tier“ hat der Küster „aus dem Off“ gelesen.


 


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