Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 1. Mose 11,1–9

Frank Bendler (ev)

12.06.2011 in der Jakobuskirche Kuchen

Pfingstsonntag

>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.  Amen<

 

Liebe Gemeinde,

das Bild ist bekannt: Feuerflämmchen tanzen vom Himmel. Menschen reden vom Geist erfüllt. Die große Einigkeit ist eingetreten. Männer und Frauen verstehen sich, die sich nie zuvor gesehen haben. Eine schrankenlose Welt scheint sich aufzutun. Das alles verheißt Pfingsten. Ein Fest wird gefeiert, das als Erntedank begann und nun in ein Fest der Freude und Versöhnung umschlägt. Gottes Geist ist nicht dazwischen gefahren, sondern er hat sie alle ergriffen. Neu erkennt ein jeder sich selbst und den andern. Ein wunderbarer Moment.

Und doch ist die Frage: hat es alle ergriffen, sind alle beteiligt? Stehen da nicht irgendwelche abseits und wundern sich, dass so etwas möglich ist. Ein Rausch hat offenbar die Menge ergriffen. Eine Ausgelassenheit, aber auch ein Lallen, wie man es von Betrunkenen kennt, bezeichnet die Szene. Neckisch oder auch abstoßend vielleicht, jedenfalls nicht ganz normal.

So ist es also doch nichts mit der großen Einheit, die fraglos und unzweifelhaft ist an Pfingsten. Was sich da abspielt ist mehr diffus als klar. Da mögen wohl welche feiern und was sie dabei sagen und ausrufen, das halten sie für verständlich. Aber das ist es nicht! Jedenfalls sind nicht alle überzeugt. Vielleicht sind es die ewigen Skeptiker; die erreicht ohnehin niemand. Die lassen es sich auch nicht genügen, dass Euphorie einfach gut tut. Pfingsten erleben eben nur die Aufgeschlossenen. Diejenigen, die sich schon zuvor frei gemacht haben von dem ewigen „Weiter – so“. Der frische Wind kommt ihnen recht. Verunsicherung bei den anderen.

Liebe Gemeinde, wenn das doch ginge, dass alle wirklich einmal alles verstünden. Wenn alle einmütig, mit einer Gesinnung eines wollten. Wenn es einmal die Frage „Was heißt denn das?“ nicht mehr gibt. Dann könnten wir von einem wahren Pfingsten sprechen.

Es ist ein Traum, den uns die Bibel schnell am Anfang nimmt. Schnell genug, bevor ein Albtraum daraus wird. Obwohl es die Menschen nie einsehen werden, dass dies ein Schaden ist, wenn alles vereinheitlicht wird. Die alttestamentliche Geschichte erzählt davon im 1. Buch Mose, Kapitel 11:

(1)  Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

(2)  Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.

(3)  Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel

(4)  Und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

(5)  Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

(6)  Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

(7)  Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!

(8)  So verstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

(9)  Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR selbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

 

Liebe Gemeinde,

Türme haben zu jeder Zeit etwas Imposantes. In meiner Kindheit gab es zwei Türme in der Gegend, wo ich aufwuchs. Beides waren Wassertürme. Der eine lief an seinem oberen Ende in einen kugeligen Aufsatz aus und erschien silbrig. An seinem Fuß erlernte ich das Fahrradfahren. Der andere stand in entgegen gesetzter Richtung und war aus rotem Backstein. Er gehörte schon zum nächsten Ort und galt am Horizont als Ziel meiner Ausfahrten. Dass ich etwas konnte und dass ich etwas durfte, verbindet mich so mit ihnen. Symbole meiner sich erweiternden Möglichkeiten sind sie damit.

Und so war der Turm von Babel auch. Denn wer ihn nicht nur zum Ziel hat, sondern wer einen solchen Turm bauen kann, der ist jemand. Achtung und Respekt kündet ein solcher Turm. Denn wo ein solches Hochmonument steht, da sagt es schlichtweg: Hier stehe ich. Und ich wanke nicht.

Wer darüber nachdenkt, der wird Türme die Menge finden, nicht nur im unmittelbaren Umkreis. Der berühmteste Turm ist der erste seiner Größe gewesen: Der Pariser Eifelturm, mit seinen 300 Metern Höhe, eingeweiht auf der Weltausstellung 1889. Wer nicht auf ihm war, war nie wahrhaft in Paris. Es folgten die Wolkenkratzer New Yorks, das Empire State Building, das Sinnbild modernen Wohnens schlechthin in –zig Stockwerken übereinander. Das kanadische Toronto durfte sich dann seines welthöchsten Fernsehturmes rühmen. Seit dem 4. Januar des letzten Jahres ist der Burij Kalifah in Dubai der höchste Turm der Welt. Er ragt 828 Meter in die Höhe. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, dass bald ein Turm von 1000 Meter Höhe eingeweiht wird. Und vielleicht wird auch das nicht das Ende sein.

Der Turm zu Babel durfte nicht an Höhe gewinnen. Sein Bau musste eingestellt werden. Und wo immer in der Welt Höchstes, Größtes, Monumentales und Imposantes gepriesen wird, ist der Verweis auf den Turm in Babel nicht weit. Wehe, ihr baut solch einen Turm, sollte die Geschichte sagen. Und die Menschen taten es doch. Wer sollte sie stoppen? Eine lustige Geschichte aus der Frühzeit der Menschheit ist die vom Babelturm. Einer Zeit, als das Bauen noch umständlich war. Und doch standen die Pyramiden schon. Nicht so hoch. Aber mächtig.

Eine alte Geschichte ist die Turmbaugeschichte schon -  aber nicht zu belächeln.

Denn es gibt nicht nur die Rekorde, sondern auch die Einbrüche. Vor zehn Jahren wurde das World – Trade – Center, die Twin-tower Ziel eines menschenverachtenden Angriffs und stürzten in sich zusammen. Sie begruben 3000 oder noch mehr Menschen.

Gespenstisch wirken die turmartigen Blöcke der Atommeiler von Fukushima, nachdem Wasserstoffgas die Decken weggesprengt haben. Sie werden ein Mahnmal für die Menschheit bleiben, wie der Sarkophag von Tschernobyl. Die Türme der Neuzeit haben eine rot weiße Bemalung und sarkastisch wäre der, der sie Leuchttürme nennen wollte.

So hatten sie also recht, die, die gewarnt haben. Die, die mit ihrem Verweis auf Babels Turm von Sünde sprachen. Die, die Gottes Urteil voraus sahen und es nun also als eingetreten ansehen.

Das ist die eine Deutung, die eine Anti – Pfingst – Erklärung. Wer ohne Gott lebt, macht sich selbst zum Gott und baut sich hohe Türme. Er wird größenwahnsinnig und unsere Welt ist größenwahnsinnig. Sie kann den Rachen nicht voll genug bekommen und muss auch das letzte noch auf die Spitze treiben. Der Mensch ist kein Gott. Also braucht er auch nicht weiter von seiner Allmacht und Unendlichkeit zu träumen.

Herunter vom Ross – ist das die richtige Botschaft zu Pfingsten? Backt kleinere Brötchen, dann wird euch nichts passieren? Demütigt euch – ist das der neue Geist?

Dass Gott zornig wurde über das Tun der Menschen und unwillig über ihre Torheit. Dass Gott nicht wollte, dass ein Turm seinen Himmel berührte und er mit Eifer darüber wachte? Dass Gott die Menschen unter seine Hand zwingen wollte und daher ihren Sinn verwirrte? Soll das wahr sein? Die Geschichte vom großen Turm ist alt. Aber die Geschichte vom Turm ist auch gut. Nur die Angst, die man mit ihr zu machen versucht, ist es nicht.

Denn der Turm selbst ist ja ein Turm aus Angst gebaut. Die Menschen hatten alles. Die Menschen waren in Sprache und Kultur eines. Sie konnten sich an allen erdenklichen Enden ihrer Ausdehnung verstehen. Sie waren zu einem klugen Volk von Technikern geworden, die Ziegel brennen und mit Pech verbinden konnten. Sie waren dabei, sich neue Möglichkeiten zu erschließen. Sollte das verwerflich und schlecht sein? Und war etwas verwerflich und schlecht an meinen neu entwickelten Möglichkeiten der Bewegungsfreiheit zwischen zwei Wassertürmen. Nein.

Aber sie wollten den Turm als ein Werk gegen ihre Angst. Ihre Angst, etwas könne sie vertreiben und zerstreuen in alle Lande. Wer aber einen Turm und eine Stadt hat, der hat einen Namen. Und wer einen Namen hat und wer ist, der bleibt bestehen. Nicht Größenwahn, sondern ein Sicherheitskomplex motiviert die Bauwütigen. Nicht Gott spielen wollen sie, sondern sie wissen, dass sie nicht Gott sind und suchen sich einen Schutz, eine Burg zu bauen. Einen Burgfried. Einen Wehrkirchenturm. Einen Garanten. Ein Symbol nach Außen: so steht es mit unserer Stärke.

So standen auch die Doppeltürme in New York. Wir sind doch die Größten. Aber zwischen den Türmen stand das unsichtbare Fragezeichen – und das hat sie zu Fall gebracht. Darum wurde der empfindliche Nerv getroffen. Weil er genau dieses Fragezeichen hinter diesem Satz „Wir sind die Größten“ offenbarte. Die Angst hatte mitgebaut. Angst vor Bedeutungslosigkeit. Angst nicht bestehen zu können.

Warum baut ein Staat die gefahrenträchtigste Technologie von allen auf schwankendem Boden. Weil darin der Traum von Unabhängigkeit zementiert wurde. Japan braucht keine Hilfe. Es kann sich aus eigener Kraft erhalten. Es braucht nur geringe Rohstoffe, es braucht kein Know-how von außen. Es hat fünf Reaktorblöcke – und es schmilzt seitdem vor sich hin, man weiß nicht was. Nur Selbstvertrauen ist eines vom ersten, was sich in diesen Türmen auflöste.

Also: Gott hat es doch gesagt. Verlasst euch nicht auf euch selbst. Aber Gott fuhr nicht zur Erde und stieß den Babelturm um. Und er war es auch nicht, der die Türme in Amerika und Japan zunichte machte. Die Menschen selbst hatten daran Schuld. Und ihre Angst ist gewachsen. Ihre Angst vor sich selbst. Und das erleben wir jeden Tag, wo wir fragen „Was produzieren wir als nächstes, was uns umbringt?“ Gerade eben dürfen wir wieder Gurken, Tomaten und Salat essen. Bauen wir einen Turm der medizinischen Macht. Er wird uns nicht helfen.

Gott stoppte den Turmbau – indem er eintreten ließ, was die Menschen befürchteten: Auflösung der Sprache. Auflösung des Ortes. Zuletzt die Auflösung der Schutzburg. Gott hat bestraft – mitnichten. Es ist an keiner Stelle gesagt, dass Menschen zu Schaden kamen. Sie konnten einfach nicht weiter bauen. Der eine wusste nicht mehr, was der andere wollte. Die Vorstellungen überschlugen sich und liefen sich zu Tode. Das Projekt blieb stecken. Die Menschen verstreuten sich  - und lebten, leben bis heute. Der fertige Turm wäre kein Paradies geworden, sondern ein Gefängnis. Das wollte Gott für seine Menschen nicht.

Liebe Gemeinde, wenn wir es so lesen können, dann kann Pfingsten werden. Nicht ein Pfingsten der Demut unter einen eifersüchtig- zornigen Gott, dem der Mensch zu groß wird. Sondern ein Pfingsten, das keine Türme mehr gegen Ängste baut und dem es vor Pluralität, Vielsprachigkeit und dem Aufgeteiltsein über alle Welt nicht graut.

Was ist da passiert? Als erstes haben sich Menschen ergreifen lassen, erfassen lassen und nicht selbst etwas gemacht. In Babel da begannen die Menschen mit der Selbstaufforderung: Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und brennen. In Jerusalem sagte niemand: Lasst uns eine große, weltumspannende Gemeinschaft bilden, damit wir Christen uns nicht mehr zerstreuen. Eine kleine Gruppe betete und sang Lieder. Sie taten es so, wie sie es immer taten. Es war kein Gründungskomitee einer großen Sache zusammengetreten. Es waren schlichtweg Gottesdienst Feiernde. Sie waren nicht voll Sendungsbewusstsein. Sie waren nicht voll Missionseifer. Sie waren nur voll Glauben.

Und da ereignet sich etwas, was sie nicht wollen und was sie nicht machen: Pfingsten. Geist. Freude. Tanzen. Sprachen.

Nicht die Überzeugtheit der einen hat die anderen überzeugt. Das, was in der Luft lag, ist einfach übergesprungen.

Das zweite war, dass hier keine Einheit entstand. Verschiedene Menschen sprachen verschiedene Sprachen, hatten sogar verschiedene Religionen – und verstanden sich. Sie mussten ihre Art nicht aufgeben. Sie mussten sich nicht einer allgemeinen und verfassten Kirche unterwerfen. Sie mussten nicht  erst dem einen abschwören und sich zum anderen bekennen. Sie brachten nur ihre Erfahrungen, ihr Wissen von einem göttlichen Wirken mit und erzählten es sich. Und sie fanden es nur ungeheuer interessant und spannend, was der andere berichtete. Wie es die anderen feiern. Welche Liebe zu diesem ihrem Gott sie haben.

So brauchen wir keinen Turm mehr, der alle einmauert. Wir sind Verstreute und unsere Leben sind auch mehr oder weniger Bruchstücke. Und unser Glaube ist nur eine Art zu glauben. Aber an Pfingsten wird erlebbar, dass alles zusammengehört, dass es doch ein Bild ergibt.

Schaffen wir es, den Bau der Türme in unserer Welt ruhe zu lassen? Schaffen wir es, nicht mehr im Taumel von vorgespiegelter Größe zu leben, die doch nur hochgezogene Furcht ist?

Nein, wir schaffen es nicht! Der Geist von Pfingsten schafft es. Diesen Geist wollen wir empfangen.

                                                                                              Amen       


 


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