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Predigt über 1. Mose 1,26-31; 2,21-24; 3,1-7.20; 1. Timotheus 2,9-15

Alexandra Bauer


Predigtreihe: „Gotteskünderinnen – mit biblischen Frauen unterwegs“

Predigtreihe: „Gotteskünderinnen – mit biblischen Frauen unterwegs“

Eva – vergessene Mutter aller Lebendigen.
Eine Ehrenrettung

1. Lesung:
„Die Frau soll in Anpassung und umfassender Unterwerfung lernen. Zu lehren, erlaube ich der Frau nicht und auch nicht, Macht über den Mann auszuüben, sondern in Anpassung soll sie existieren. Denn Adam wurde zuerst geschaffen, dann Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber wurde verführt und geriet in Übertretung. Sie wird erlöst werden durch Kindergebären, wenn sie in Glauben, Liebe und Heiligung mit Sittsamkeit verharren.“
(1 Tim 2,9-15, Übersetzung Luise Schottroff)

Ach, Eva! Ein unbeschriebenes Blatt bist Du schon lange nicht mehr. Eher im Gegenteil: Du wurdest beschrieben, Dir wurden Dinge angedichtet, die das Bild von Frauen über Jahrhunderte geprägt haben. Was hat man Dir und damit auch uns Frauen nur angetan? Oder erkennst Du Dich bei diesen Worten wieder? Würdest Du so sein wollen, wie im 1. Timotheusbrief beschrieben?
Oh, ich kann Dir sagen, so ein Weibchen will ich nicht sein! – Na ja, ich könnte es wahrscheinlich auch gar nicht. ‚Sie soll in Anpassung und umfassender Unterwerfung lernen.’ Anpassen an neue Situationen kann ich mich. Anders könnte ich als Frau und Mutter in Alltag und Beruf gar nicht bestehen! Na ja, ich vermute, der Schreiber hat wahrscheinlich eine andere Auffassung von ‚Anpassung’ als ich. Und seine ‚umfassende Unterwerfung’ kann und will ich mir noch nicht einmal mit viel Phantasie vorstellen.
Der Verfasser des Briefes – es war sicher ein Mann – der Verfasser hat die Stellen der Bibel, in denen Du vorkommst oder das, was er von Dir glaubte zu wissen, mit seiner hellenistischen Welt (erst ab ca. 3 Jh. v. Chr.!) so vermischt, dass er seinen Idealzustand für alle festschrieb. Und da hilft es auch nicht, dass er den Namen Paulus als Autorität unter den Brief gesetzt hat. Klar, sich auf einen Apostel zu berufen, war im frühen Christentum der zweiten und dritten Generation üblich – allerdings wird der Inhalt dadurch weder besser, noch richtiger! Was ich aber aus diesem Brief lesen kann: Es muss selbstbewusste, auffällige und gelehrte Frauen bei den Christen gegeben haben, sonst käme der Verfasser nicht auf die Idee, gegen sie zu schreiben. Und diese Frauen waren in jener Zeit, in jener Gesellschaft etwas besonderes! Der Autor wollte nicht nur, dass sich die Frauen den gesellschaftlichen Normen anpassen, vielmehr sollte das Christentum, um das Überleben der Religion zu sichern, an die griechisch-römische Umwelt angepasst werden. – Aber das ist wohl eine andere Geschichte...
Was mich wirklich ärgert, ist dass damit ein Negativ-Bild von Frauen überliefert wurde, dass über Jahrhunderte – inzwischen kann man ja schon fast von Jahrtausenden sprechen – dieses Bild teilweise bis heute noch gegen Frauen verwendet wird.
Und dann auch noch mit dem Hinweis auf Dich, Eva. – Ja, bis heute haben die meisten Menschen dieses Dich entstellende Bild verinnerlicht. Und ich muss zugeben, dass ich, bevor ich mich mit Dir befasst hatte, auch ‚typische’ Bilder von Dir vor Augen hatte: Eva, eine schöne Frau, höchstens leicht bekleidet, die sich verführen lässt und auch gut verführen kann. Eine Frau, durch die die Sünde in die Welt gekommen ist und wegen der Frauen Schmerzen bei der Geburt erleiden müssen... – Entschuldige, aber ich habe es lange nicht besser gewusst.
Es kann nicht jeder oder jede alles wissen. Das erwarte ich auch nicht. Was mich allerdings wütend macht, ist wenn jemand sein Halbwissen auch noch mit einer Autorität versieht und anderen aufzwängt – wie im 1. Timotheusbrief – und dadurch viel nachhaltig kaputt macht. Im Studium der Theologie wurde mir beigebracht, die Schriften selbst im Original zu lesen und mich nicht allein auf Kommentare oder ‚Hören-Sagen’ zu verlassen. Vielleicht ist es auch einfach gesunder Menschenverstand, nicht gleich alles zu glauben, sondern sich eine eigenen Meinung zu bilden.
Und dafür lohnt sich ein Blick auf den Anfang der Bibel.

2. Lesung:
Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. [...] Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, macht sie euch untertan, und herrscht über [die Tiere] [...]. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. (Gen 1,26-31, Einheitsübersetzung)
Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf über den Menschen kommen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen; denn vom Mann ist sie genommen. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch. (Gen 2,21-24, Einheitsübersetzung)

Eva, es ist ja auch verwirrend, dass Du gleich zwei Mal erschaffen wurdest. Da kann natürlich einiges durcheinandergeraten.
Inzwischen weiß ich ja, dass im zehnten Jahrhundert (v. Chr.), in den Zeiten von David und Salomo, Israel anfing, grundsätzliche Dinge zu bedenken: Wie entstand die Welt? Was kann über die Natur des Menschen gesagt werden? Was ist der Mann? Was ist die Frau? Wie kann man das Verhältnis zwischen Gott und Menschen beschreiben?
Die erste Schöpfungsgeschichte zeigt Gott und die Beziehung Gottes zu dieser großartigen Welt und ihren Bewohnern. Gott erschafft jedes menschliche Wesen, nach dem göttlichen Abbild und ihm ähnlich. Mann und Frau sind von Gott gleichzeitig nach göttlichem Abbild geschaffen. Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. (1,31)
Da geht es Dir doch richtig gut: Von Gott vollkommen als sein Abbild gestaltet und in paradiesischer Harmonie mit Mann und jeder Kreatur lebend.
Mit der zweiten Schöpfungserzählung ist es da schon schwieriger, jedenfalls auf den ersten Blick: Kein Geschöpf ist dem Menschen ein Gegenüber, deshalb lässt Gott den Menschen einschlafen und entnimmt ihm eine Rippe (in einer andere Übersetzung heißt es ‚von der Seite’) und baut daraus die Frau. Damit haben ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. die Probleme begonnen. Ja, einige Jahrhunderte konntest Du gut leben! Doch mit dem hellenistischen Denken kroch nachhaltig in die Köpfe Adam als Synonym für Mann bzw. als Eigenname und das dualistische Denken.
Adam kommt aus dem Hebräischen, und genau im zweiten und dritten Kapitel von Genesis kann man ganz gut erkennen, mit was es zusammen hängt: Die adamā, die Erde (auch Ackerboden), in die man so richtig mit beiden Händen reinfassen kann. Ich stelle mir da feuchten Lehm vor, den man so richtig kneten und formen kann. Ja, adamā, da kann man adam gut heraushören. Eine deutlichere Übersetzung von adam wäre wohl ‚Erdling’, ‚Erdenwesen’ oder ‚Mensch, von der Erde kommend’. D.h. aus Erde wurde der Mensch (und nicht der Mann!) geschaffen und aus diesem Wesen wurdest Du, (iša) Frau, als Gegenüber geschaffen. Du wurdest zum Menschen (!) geführt. Er begrüßt Dich jubelnd und erst von dem Moment an ist von Mann (iš) die Rede. Nur durch Deine Existenz hat Dein Gegenüber seine Identität als Mann erhalten! Oh ja, ohne Dich wäre der Mann nicht Mann, sondern wäre ‚Restmensch’ (Übersetzung in gerechter Sprache) geblieben. Allein dafür sollten Dir Männer und Frauen schon dankbar sein!
Und wenn ich hier weiterdenke, wärst Du die Erste und der Mann der Zweite. Allerdings bin ich damit schon im dualistischen Denken. Und das entspricht nicht der Aussage des Autors/der Autoren von Genesis. Hier ist beschrieben, dass Mann und Frau aufeinander bezogen sind. Sie sind gleichberechtigt, sich gegenseitig ein Gegenüber. Sie leben partnerschaftlich. Und hier wird auch erklärt, warum Mann und Frau sich – im wahrsten Sinne des Wortes – immer wieder verbinden, da sie von einem Fleisch sind! Eine wirklich einfache und sehr schöne Erklärung von Sexualität!
Hätte dieser Zustand so nicht einfach bleiben können? Ich weiß, es ist halt nicht so und war damals nicht so.

3. Lesung:
Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen, und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.
Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.
Da gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren.
Adam nannte seine Frau Eva, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen. (Gen 3,1-7.20, Einheitsübersetzung)

Jetzt kann ich Dich wirklich beim Namen nennen. Du trägst einen großen, verheißungsvollen Namen: Eva (chawwa), ‚Mutter aller Lebendigen’. Wieso habt ihr eigentlich keinen Namen für den Mann gefunden oder war das etwa nicht nötig?
Jedenfalls ist die Idylle im Paradies nicht vollkommen. Sonst könnte Dich die Schlange nicht auf den Mangel aufmerksam machen. Ja, Frau und Schlange (im Hebräischen männlich!) – ein sehr vertrautes Bild in der altorientalischen Bilderwelt – Göttin und Wächter des Heiligen Bezirks oder Baumes. Durch Euch beide, als vertraute Darstellung, konnte somit erklärt werden, dass das Leben, das Gott doch so gut gewollt und geschaffen hat, auch beschwerlich und bedroht ist, dass es sogar den Tod gibt.
Du hast gespürt, dass es noch mehr gibt als ‚einfach so vor sich hin zu leben’. Du hast Dich mit dem Zustand nicht begnügt. Du warst aktiv, nicht passiv und strebtest nach Erkenntnis von Gut und Böse. Und Du hast die Erkenntnis nicht für Dich allein behalten, sondern hast den Mann daran teilhaben lassen. Frau und Mann müssen mit den Konsequenzen leben. Und diese sind:
- Verflucht werden Schlange und Ackerboden (übrigens weder Frau noch Mann!). Und Feindschaft gibt es zwischen Schlange und Frau. Heute würde man wohl einfach von ‚Angst vor’ sprechen.
- Der Mann muss mit Mühsal, im Schweiße seines Angesichts, vom Ackerboden essen, bis er zu ihm zurückkehrt, denn von ihm kommt er ja.
- Die Frau wird ihren Kindern unter Schmerzen das Leben schenken. Und jede Frau, die schon eine oder mehrere Geburten hinter sich hat, weiß, wovon hier die Rede ist! Und die Frau verlangt zwar nach dem Mann, er allerdings wird über sie herrschen.

Diese Konsequenzen hören sich alle sehr negativ an. Sind sie auch – aber nicht alle, denn:
- Die Augen von Frau und Mann sind geöffnet und sie ‚erkennen’ sich. Dieses Erkennen ist eine, wie ich finde, schöne Formulierung, die in der Bibel den Geschlechtsakt von Frau und Mann benennt. 
Übrigens taucht das Wort Sünde im Buch Genesis erst nach der Gartenszene auf und ist somit kein Begriff, der in Deinem Zusammenhang dort gebraucht wird! Diese Erzählung hat sich also zu Unrecht als ‚Sündenfall’ in unseren Köpfen festgesetzt.
Dabei warst Du, Eva, vor einer für die Menschheit ganz entscheidenden Wahl gestanden. Für den zweiten Schöpfungsbericht hat man angenommen, dass Dein Mann und Du, falls Ihr den Garten nicht verlassen hättet, unsterblich geblieben wärt – aber dann auch keine Kinder bekommen hättet. So war der Tod notwendig, um Leben zu schenken. Du standest vor der Wahl zwischen Unfruchtbarkeit und Unsterblichkeit einerseits oder Fruchtbarkeit und Sterblichkeit andererseits. Du hast beschlossen, das Risiko des Todes auf Dich zu nehmen, um Kinder zu haben. Und so seltsam es klingt: Dadurch wirst Du ein Hoffnungszeichen, ein Zeichen des Lebens im Angesicht Gottes. Bei meiner Arbeit im Krankenhaus wird mir in Gesprächen mit Schwerkranken und Sterbenden immer wieder bewusst, was sie tröstet, ihnen Hoffnung schenkt: Sie leben in ihren Nachfahren weiter – auch nach dem eigenen Tod. Ich muss ja nur meinen kleinen Sohn Frederik ansehen, mit seinen gerade ’mal 4,5 Monaten. Bei ihm erkenne ich schon jetzt viel von meinem Mann und mir wieder, obwohl er doch eine ganz eigene Persönlichkeit ist.
Du hast Deinen Namen ‚Mutter aller Lebendigen’ wirklich verdient, Eva! Und ich finde es großartig, dass Dein Namenstag der 24. Dezember ist. Dein Tag geht ja normalerweise etwas unter. Wir Christinnen und Christen feiern an ‚Heilig Abend’ auf der ganzen Welt die Menschwerdung Gottes auf Erden. Ich kann mir aber keinen besseren Tag vorstellen, um an die Menschwerdung überhaupt zu denken – an die Erschaffung der Menschen, als Mann und Frau, als Gottes Abbild!
Und ich, als Deine späte Ahnin, kann dieses Jahr den 24. Dezember zum ersten Mal gemeinsam mit meinem Mann und unserem Sohn als Abbilder Gottes feiern! Ein größeres Geschenk gibt es wohl nicht. Danke für diese Erkenntnis!
Dass Du, Eva, mit Deinem Mann einem Ehrenplatz in unserer Krippe haben wirst, hast Du Dir wirklich verdient!
So bleibt mir nur noch, Dich in einem Atemzug mit der Mutter Jesu, die unsere Tradition die ‚neue Eva’ nennt, zu grüßen:
Ave Eva! (Amen)