Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 16,1-15

Pfarrerin Inka Gente (ev)

in Erzhausen (18.1.09), Worfelden (1.2.09), Weiterstadt (8.2.09)

Predigtreihe: Familie – Himmel oder Hölle?

Hagar, Abrahams Ex, alleinerziehend

Liebe Gemeinde,

Familien, in denen ein Elternteil, meist die Frau, allein erziehend ist, weil die Partnerschaft oder Ehe auseinanderbrach – das ist heute normal. Trotzdem gehören dazu oft Geschichten, die mit Unglück und seelischen Verletzungen verbunden sind. Häufig sind die Kinder diejenigen, die mitleiden, ohne dass sie selbst das alles irgendwie beeinflussen können. Allgemein denken wir: Nein, so soll es nicht sein. Kinder brauchen eine heile, vollständige Familie – das wäre auch in Gottes Sinne.
Familien mit einem Elternteil erscheinen uns meist als unvollständig. Da fehlt etwas. Und meist empfinden die Betroffenen es ähnlich. Sie empfinden vielleicht den Makel des Scheiterns. Zweifel nagen: Hat da von Anfang an kein Segen drauf gelegen - auf unserem gemeinsamen Weg? Welche Schuld trifft mich? Was ist jetzt mit mir, mit uns? Sehen mich jetzt andere nur noch mitleidig an oder vielleicht sogar geringschätzig? Kann ich meinem Kind, meinen Kindern eine Zukunft bieten? Und wer wird mich lieben?

In biblischen Zeiten herrschten völlig andere Umstände als heute. Die Abhängigkeit einer Frau von ihrem Ehemann war so groß, dass eine Trennung nichts Alltägliches sein konnte. Wenn, dann weil die Frau keine Kinder bekam und wieder zurückgeschickt wurde zur Familie. Oder sie blieb, und der Mann nahm eine Zweite. Ganz andere Umstände also. Aber trotz der festen Strukturen: heile Familie war das nicht immer, auch nicht bei den Stammvätern.  Und so gibt es auch in der Bibel die Geschichte einer Frau, die sich schließlich in der Situation einer Alleinerziehenden wieder fand: Es ist Hagar, Magd von Stammmutter Sara und Zweitfrau von Stammvater Abraham.
Wie geht ihre Geschichte und wie konnte es zu so einem Scheitern kommen, obwohl doch gerade Abraham Gott so nahe war, ein Mensch, der Gottes Verheißungen glaubte und den Gott durch sein Leben in besonderer Weise begleitete? Den Anfang von Hagars Geschichte haben wir vorhin in der Lesung gehört. (1. Mose 16, 1-15)

Hagar ist eine arme, ägyptische Magd. Sie dient Sara, der Frau Abrahams – Sara ist eine schöne Frau, aber sie wir einfach nicht schwanger. Abraham liebt seine Frau und steht zu ihr. Aber keine Kinder zu haben – das lastet als großer Druck auf dem Paar. Gott hat versprochen, dass sich das noch ändern wird, dass die beiden viele Nachkommen haben werden. Die Magd Hagar weiß vielleicht gar nichts von diesem Versprechen Gottes, als Sara sie eines Tages zu Abraham schickt. Ob sie will oder nicht, sie muss seine zweite Frau werden. Auf diese Weise will Sara - durch Hagar - doch noch Mutter werden. Ein Skandal ist das nicht – so etwas ist üblich damals, aber seelisch muss das eine belastende Situation für alle drei sein. Abraham allerdings macht alles bereitwillig mit. Er hat nichts zu verlieren. Vielleicht hat Gott sein Versprechen ja selbst so gemeint? Ja, alle tun, was üblich ist und was zum Guten dienen soll.

Als es dann klappt und Hagar schwanger ist, empfindet sie einen neuen Stolz. Sie ist nicht mehr die unbedeutende Magd oder Sklavin, sie bekommt ein Kind vom Hausherrn, und zwar ein erwünschtes Kind – auf das alle warten. Muss sich jetzt nicht ihr Leben ändern? Da ist die ältliche Ehefrau, die keine Kinder bekommen kann, auch wenn sie die älteren Rechte hat. Da bin ich, denkt sie vielleicht, zwar arm, aber jung und fähig, Abraham ein Kind zu schenken. Bei allen Unterschieden mögen ihre Gefühle ähnlich gewesen sein wie die einer heimlichen Geliebten heutzutage, wenn sie schwanger wird, und sie glaubt, nun den Mann ganz für sich gewinnen zu können.
Eine untragbare Situation entsteht unter den dreien, obwohl doch keiner etwas hat falsch machen wollen.
Sara, die erste Frau, sitzt am längeren Hebel. Sie quält die Schwangere, bis die in die Wüste flieht.

In der Wüste kommt Gott durch einen Engel zu Hagar. Gott nimmt ihr Elend wahr, er spricht ihr Mut zu. Aber er verurteilt niemanden, weder Hagar, die mit neuem Stolz durch ihre Schwangerschaft Illusionen gemacht hat,
noch Sara, die alles angezettelt hat und dann nicht damit umgehen kann,
noch Abraham, der alles mitmacht, als ob er nur mit seiner Frau keinen Ärger haben will. Und Gott schickt Hagar sogar wieder zurück in die alte Situation. Denn es gibt ja keine Alternative. Was soll sie sonst machen? Nur eins weiß Hagar jetzt: Gott geht mit mir.
Sie kehrt also zurück und bekommt einen Sohn. Sie nennt ihn Ismael, so hat der Engel es ihr gesagt. Sie lebt weiter als Dienerin mit Sara und Abraham. Sie fügt sich. Sie freut sich an ihrem Sohn, genauso wie Abraham.
Dass die Probleme noch lange nicht gelöst sind, zeigt sich Jahre später. Denn Gott will nämlich Abraham und Sara doch ein gemeinsames Kind schenken: Isaak wird geboren, der Sohn, den Gott sich gedacht hat als Abrahams Nachkommen, der, der gesegnet werden soll. Die Geschichte finden wir im 21. Kapitel des 1. Mose (21,8ff). Isaak wuchs heran und wurde entwöhnt. Abraham veranstaltete ein großes Festmahl an dem Tag, als Isaak entwöhnt wurde. Als Sara sah, wie der Sohn ihrer Dienerin mit dem kleinen Isaak scherzte und lachte, sagt sie zu Abraham: Vertreibe diese Magd mit ihrem Sohn; ihr Sohn soll nicht mit meinem Sohn Isaak erben. Das zu hören, gefällt Abraham gar nicht. Aber Gott rät ihm, zu tun, was seine Frau sagt. Gott verspricht, sich auch um Ismael zu kümmern und für seine Zukunft zu sorgen. So gibt Abraham den beiden noch etwas Proviant und Wasser mit und schickt sie in die Wüste, wenn’s auch schwer fällt.

Nun steht Hagar endgültig vor dem Nichts: Jahrelang hat sie sich eingefügt, hat sich arrangiert, ihren Platz eingenommen, den man ihr ließ, aber nun steht sie allein da mit ihrem Sohn, wieder in der Wüste. Als Wasser und Brot alle sind und Ismael vor Hunger und Durst schreit, gibt sie auf – sie lässt Ismael zurück, denn sie glaubt er muss vor Durst sterben und kann es nicht mit ansehen. Ismael, das Kind, unschuldiges Opfer des ganzen Schlamassels. Da hört sie wieder Gott sprechen:
„Was ist mit dir, Hagar? Fürchte dich nicht. Steh auf, nimm den Jungen und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zu einem großen Volk machen.“ Und Gott öffnet ihr die Augen, so entdeckt sie einen Wasserbrunnen. Sie gibt Ismael zu trinken. Es geht wieder weiter. Gott ist mit ihr und dem Jungen. Er wird erwachsen, wohnt in der Wüste und wird ein guter Schütze. Schließlich findet sie für Ismael auch eine Ehefrau. Sein Leben hat Zukunft. Er kann sich durchsetzen.

Unter heutigen Bedingungen sind die Geschichten anders, die dazu führen, dass ein Elternteil allein mit Kind oder Kindern dasteht – aber kann die Gefühlslage nicht ähnlich sein? Wie Hagar  in der Wüste stehen, sich überfordert fühlen, das bisherige Leben und alle Zukunftsvorstellungen kaputt? Und das, obwohl alle Beteiligten doch immer nur Gutes wollten. Wo fing es an? War da schon von Anfang an der Wurm drin? Habe ich falsche Erwartungen gehabt? An welchem Punkt hat einer von uns den falschen Schritt getan?

Hagar hatte damals als Magd nicht viel Entscheidungsfreiheit gehabt, im Gegensatz zu Abraham und auch Sara. Aber auch die beiden haben sich vielleicht unter Druck gefühlt, weil Entscheidendes gefehlt hat in ihrer Ehe. Sie wollten es gut machen - hätten sie klüger sein müssen? Und Hagar: Hätte sie Saras Leihmutter-Pläne wirklich nicht ablehnen können?
Auch bei heutigen Trennungen ist es manchmal schwer, im Nachhinein zu unterscheiden, wo und wann die Weichen in die falsche Richtung gestellt wurden. Kein Partner kann sich aus der Verantwortung ziehen, aber gegenseitige Schuldzuweisungen bringen ja nichts. Und dann gibt es oft noch die vielen Verurteilungen und Schuldzuweisungen von anderen, von Familienmitgliedern, Freundinnen, Kumpels, Nachbarn…
Ja, ist das nicht ein Schuldthema? Erst recht wegen der Kinder, die so darunter leiden. Und dann wissen allzu oft andere, wer was anders hätte machen müssen.
Aber wenn es doch nun geschehen ist und Mutter und Kind (oder auch Vater und Kind) stehen in der Wüste, ratlos, mit Wut und seelischen Verletzungen im Bauch und dann noch mit der Verantwortung für das Kind - wem nützen dann Schuldzuweisungen und Verurteilungen?

In der Geschichte von Sara, Hagar und Abraham hören wir keinerlei Schuldzuweisungen und Wertungen. Dabei würde mir eine Menge Kritik einfallen zum Verhalten der beteiligten Personen, wie sie miteinander und mit ihren eigenen Gefühlen umgegangen sind.
Gott verurteilt und wertet nichts. Gott reagiert flexibel auf die gescheiterten und fehlerhaften Versuche dieser drei, es gut zu machen. Er erneuert das Versprechen für Abraham und Sara.
Und er segnet Hagar.
Schon beim ersten Mal in der Wüste spricht Gott Hagar Mut zu, er verspricht ihr eine gute Zukunft für ihren Sohn. Er lässt Hagar zurückgehen, denn es gibt für sie als Schwangere und später mit dem Baby zurzeit keinen besseren Platz. Gott weist Sara mit ihrer Eifersucht und Missgunst nicht zurecht. Gott lässt schließlich die Vertreibung von Hagar zu, als das Zusammenleben untragbar wird. Aber er segnet auch alle Beteiligten.

Das Besondere und die Stärke von Hagars Geschichteist, finde ich,  der Segen für Hagar und Ismael. Hagar ist die einzige Frau, die einen Segen zugesprochen bekommt, wie ihn sonst nur die Stammväter in ihren gesellschaftlich anerkannten Ehen zu hören bekommen.
Sie, die Ägypterin, die arme, unfreie Frau, die plötzlich ohne jeden gesellschaftlichen Status und ohne Unterstützung mit ihrem Kind allein und verzweifelt in der Wüste steht, eine verzweifelte Frau nach einer gescheiterten Dreiecksgeschichte, in der sie vielleicht Fehler gemacht hat, aber in der sie vor allem Opfer der Mächtigeren geworden ist:
Sie wird gesegnet. Sie bekommt die Kraft, ihren Sohn großzuziehen und ihm Zukunft zu eröffnen. Sie bekommt die Verheißung, die sonst nur den Stammvätern vorbehalten ist: Gott sagt zu ihr:
„Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, den sollst du Ismael nennen. Ich will ihn zu einem großen Volk machen.“

Es ist sicher für fast niemanden ein Ideal, nach einer gescheiterten Beziehung allein mit den Kinder dazustehen, und wie wir wissen, leiden gerade die Kinder oft sehr unter Streit und Trennung. Aber diese Geschichte zeigt mir, dass Gott auch dann den weiteren Weg segnen kann, dass Gott hinausführt über Wertungen, Schuldzuweisungen und Resignation. Vielleicht ist es schwer, hinzunehmen, dass Gott hier so gar nicht wertet. Aber es geht ihm nicht um Abrechnung, sondern darum, Zukunft zu schenken.

Hagar gibt Gott einen Namen, als er sie das erste Mal in der Wüste anspricht und ermutigt: „Du bist der Gott, der mich sieht“. Hagar erlebt, dass sie wahrgenommen wird in ihrer Situation. Ihr Leid wird anerkannt und sie ist nicht mehr allein.
Beim zweiten Mal ist sie es, die sieht, denn Gott öffnet ihr die Augen. So sieht sie den Wasserbrunnen und kann sich und ihr Kind retten und sich das Leben neu erobern.
Am Ende von gescheiterten gemeinsamen Wegen ist beides wichtig: Wahrgenommen werden in der schwierigen Situation, ohne Verurteilungen. Und dann, im Bewusstsein: „Ich bin nicht allein“, neue Perspektiven entdecken. Denn in jeder Situation gilt: „Du bist der Gott, der mich sieht“. Und dieser Gott zeigt auch neue Wege.
Eine kleine Randbemerkung in der weiteren Geschichte nehme ich als Zeichen dafür, dass diese Familiengeschichte keine Geschichte menschlichen Scheiterns bleibt: Als Abraham viele Jahre später stirbt, begraben die beiden Söhne, Ismael und Isaak gemeinsam ihren Vater. Daraus schließe ich: Die beiden Brüder sind bei alledem nicht zu Feinden geworden.
Gescheiterte Beziehungen bedeuten nicht das Ende von Gottes Segen auf unserem Lebensweg. Amen.