Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 18,1-15

Pfarrer Christhard Ebert

19.12.2007 in der Neustädter Marienkirche Bielefeld

Weihnachtsgottesdienst des Ceciliengymnasiums (Klassen 8-13)

Weihnachtsgottesdienst des Ceciliengymnasiums (Klassen 8-13)

Liebe Gemeinde,

vorgestern habe ich bei Wikipedia zum Stichwort Überraschung einen hervorragenden Satz gefunden, den ich hier unbedingt weitergeben muss. Da heißt es nämlich: „Der potenzielle Überraschungswert eines Ereignisses oder einer Nachricht kann kontextfrei mithilfe des Informationsgehaltes ausgedrückt werden, der umgekehrt proportional der Eintreffenswahrscheinlichkeit ist.“ Auf deutsch: Je weniger du etwas erwartest, desto stärker haut´s dich aus den Puschen.
Ich meinerseits war schon überrascht, als ich gefragt wurde, ob ich nicht heute den Gottesdienst mitgestalten wolle. Und noch überraschter, als ich den Predigttext erfuhr. Weil – da ist ja nun gar nichts Weihnachtliches dran, an dieser Geschichte von den beiden alten Leutchen in Mamre. Zumindest dann nicht, wenn wir an all das denken, was für uns Weihnachten ausmacht, was es besonders macht, was es schön macht und was es leider manchmal auch schrecklich macht. Aber wenn wir uns das alles mal wegdenken, die Lichter und den Glühwein, die Musik und die Tannenbäume, die Geschenke und das Essen, die Sehnsucht nach Harmonie und Liebe und die Erfahrung von Einsamkeit und Verlorenheit – wenn wir uns das mal alles wegdenken, ob dann wohl etwas zum Vorschein kommt, was wirklich zu Weihnachten gehört, was uns mehr von Weihnachten erzählt als all das, was wir drum herum gebaut haben?
So hab ich also bei mir selbst das mal alles weggedacht, um einen neuen Blick auf diese Geschichte zu werfen von Abraham und Sara in dem Eichenwäldchen Mamre in der Nähe von Hebron in Palästina. Ich will diese Geschichte jetzt nicht noch mal erzählen, sondern nur auf ein paar Sachen hinweisen. Vielleicht findet sie ja noch jemand außer mir überraschend.

Die erste Überraschung: Gott kommt immer unangemeldet.
Die Männer in der Geschichte kommen einfach vorbei. Sie rufen nicht vorher an, fragen nicht, ob´s denn auch passt. Keine Vorwarnung. Plötzlich sind sie einfach da. Überraschend. Und manchmal nervig. Abraham hat keine Chance, sein Zelt aufzuräumen, den Boden zu fegen, den Tisch zu decken. So ist das, wenn Gott kommt. Dann kommt er mitten im Alltag. Du hast keine Chance, dich vorzubereiten. Er kommt während der Schularbeiten, in den Stress mit deiner Freundin, manchmal auch in die Langeweile. Und ist da. Und sieht dich, wie du gerade bist. Und – auch überraschend – das ist ok. So unangemeldet aufzutauchen – das ist wie bei ganz guten Freunden und Freundinnen.

Aber dann die zweite Überraschung: Gott kommt verkleidet.
Sind es nun drei Männer in der Geschichte oder nur einer, sind es Boten, ist es Gott selbst? Es bleibt undeutlich. Der Regenbogen bei Noah, der brennende Dornbusch bei Mose, der Engel bei Maria, der Traum bei Josef, der Stern bei den Magiern – alles Verkleidungen Gottes. Wäre ja schön, wenn er ein Schildchen „Gott“ auf der Stirn tragen würde, so wie der Engel vorhin im Anspiel „Engel“ auf dem Rücken trug. Dann könnten wir es erkennen, könnten es einordnen, ihm Zensuren geben. Aber genau deshalb erfindet Gott immer neue Verkleidungen. Er lässt sich nicht festlegen auf unsere Ideen und Denkmuster. Er hält sich offen und er hält damit auch dich und mich offen.

Und das, denke ich, hat mit der dritten Überraschung zu tun. Wenn Gott kommt, unangemeldet und auch noch verkleidet, dann hat es etwas mit der Zukunft zu tun. Verheißungen über Verheißungen, bei Abraham genauso wie bei Maria. Zukunftsorientierung halt. Ich glaube, das ist auch heute nicht anders, wenn er denn dir begegnet oder mir; dann heißt das auch: Du bist noch nicht fertig mit dir – auch wenn du dich manchmal sicher so fühlst. Da ist noch mehr, Besseres, Schöneres, Sinnvolleres, da ist noch viel mehr Leben im Leben. Du bist im Werden. Der Vater eines großen Volkes. Die Mutter eines der wichtigsten Menschen der Welt. Oder was anderes Gutes. Gott traut es dir zu; Gott mutet es dir manchmal auch zu. Und weil du es meist selbst nicht entdecken kannst, taucht Gott irgendwann, irgendwo und irgendwie in deinem Leben auf. Manchmal fühlst du es, dass da etwas Größeres als du selbst um dich oder in dir ist; manchmal erschließt es sich auch erst im Rückblick.

Ja und das vierte ist vielleicht gar keine so große Überraschung: Wenn Gott kommt, hat das was mit Liebe zu tun. Immerhin steht einer der wichtigsten und schönsten Sätze in der Bibel: Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Sara wusste das wahrscheinlich nicht und deshalb war es für sie wohl doch eine ziemliche Überraschung. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie da hinter dem Zelteingang hockt, dem Gespräch der Männer lauscht und vor sich hinkichert: Ich alte Frau sollte mich noch mal auf Liebeslust einlassen können? Und Abraham ist inzwischen ja auch nicht nur im Gesicht faltig geworden. Nein, nein, die Zeit der Liebe ist vorbei.
Wie wir wissen, hat Sara sich gründlich geirrt – nicht nur, was die körperliche Liebe anging. Denn aus ihren Kindern wuchs das Volk, in dem viel später Jesus von Nazareth geboren wurde – den Juden und Muslimen ein wichtiger Prophet, den Christen der Messias. Aber völlig unabhängig von dieser Bedeutung war Jesus ein Mensch, der seinen Weg in radikaler Liebe, unbedingtem Vertrauen auf Gott und entschiedener Zuwendung zu den Menschen ging - so sehr erfüllt mit Liebe, dass es über das Verstehen der Menschen damals hinausging und es das vielleicht bis heute tut. Die Zeit der Liebe ist noch lange nicht vorbei.

Und dazu gehört die fünfte Überraschung. Ich nenne sie: Die geklaute Werbung – nichts ist unmöglich! Hier allerdings nicht für einen japanischen Autobauer, sondern für Gott. Wenn Gott kommt, unangemeldet und verkleidet, mit guten Absichten für die Zukunft und voller Liebe, dann kann fast alles passieren, mehr auf jeden Fall, als wir uns in der Regel vorzustellen wagen. Sara konnte es sich nicht vorstellen, in ihrem Alter noch zu gebären; Maria konnte es sich nicht vorstellen, in ihrer Jugend schon zu gebären. Jesus hat seine Jünger immer wieder auf die Kraft des Glaubens hinweisen müssen, der Wunder wirken könnte. Ja, genau, Wunder! Ein Wunder ist etwas, das jenseits unserer gewohnten Erfahrungs- und Handlungsräume liegt, das wir aus uns selbst heraus nicht schlüssig erklären können. Eine Frau wird schwanger, ein Kind wird geheilt, ein Mann wandelt auf dem See Genezareth – das Letzte ist aus Sicht eines Wasserläufers übrigens ein ganz normaler Vorgang. Ich mache mir da keinen Stress, ob es richtig ist, an Wunder zu glauben oder nicht. Es ist für mich die falsche Frage. Es geht darum, Gott zu vertrauen und ihm seine Liebe zu glauben, sein Kommen zu mir und in mir zuzulassen, mich von ihm öffnen zu lassen für seine Gegenwart, für mein Leben, für deine Zukunft – und dann mag passieren, was will und es wird richtig sein und es ist völlig egal, was andere davon halten.

Und damit bin ich bei der letzten Überraschung und die heißt: Überraschungen können enttäuschen. Sara wurde enttäuscht. Die glaubte felsenfest kichernd an das Ende der Liebe und die Überlegenheit der Runzeln. Gottes Überraschung für Sara hat ihr diese Täuschung genommen, hat sie ent-täuscht. Vielleicht war das der Grund, dass sie offen werden konnte für das, was ihr eben noch unmöglich schien. Die Evangelien sind voll mit solchen Ent-Täuschungen. Die Magier aus dem Morgenland wurden enttäuscht, weil sie keinen Palast fanden, sondern nur eine Futterkrippe. Herodes wurde enttäuscht, weil der Kindermord zu Bethlehem völlig überflüssig war. Seine Macht war überhaupt nicht infrage gestellt. Viele Gesunde wurden enttäuscht, weil sie meinten, dass Krankheit eine unveränderliche Strafe Gottes sei. Viele Gelehrte wurden enttäuscht, weil sie meinten, dass Klugheit und moralisch einwandfreies Verhalten wichtiger seien als das schlichte Vertrauen eines Kindes.
Ich liebe diese ganzen Enttäuschungsgeschichten, denn es sind eigentlich Befreiungsgeschichten, wenn mitunter auch schmerzliche. Wenn eine Täuschung erst einmal aufgedeckt ist, dann schaust du der Freiheit ins Gesicht.

Ja, liebe Gemeinde, sechs Überraschungen in dieser alten Geschichte und ich finde, sie haben eine Menge mit Weihnachten zu tun; vielleicht etwas weniger mit der gekünstelten Überfülle um uns herum und mehr damit, wie Gott kommt. Aber kann es sein, dass wir uns gerade da auch enttäuschen lassen müssen? Dass Gott gar nicht mehr zu kommen braucht, weil doch immer schon da? Weil das, was einmal geschah, sich in Zeit und Raum ausdehnt, bis zu uns hin und über uns hinaus. Und dann mag die Menschwerdung Gottes in jeder und jedem von uns geschehen, damit wir frei werden zu jener liebevollen Menschlichkeit Jesu, die auch Göttlichkeit genannt werden kann.
Also: haltet die Augen auf, lasst euch überraschen, überrascht andere – dann gibt’s auch spannende Weihnachten. Das wünsche ich Ihnen und Euch.

Amen.