Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 2,4b-15

Pfarrerin Iris Carina Kettinger

28.08.2005

Ökumenischer Gottesdienst auf der Baden-Württembergischen Landesgartenschau

Ökumenischer Gottesdienst auf der Baden-Württembergischen Landesgartenschau

Thema: AUGENBLICKE – „Schau an der schönen Gärten Zier...“

Liebe Gemeinde,

in dieser beeindruckenden Erzählung ist zum ersten Mal in der Bibel von einem Garten die Rede. Damit wird zum ersten Mal von einer geordneten Natur im Gegensatz zum wüsten, lebensfeindlichen Chaos gesprochen. Die Ursprungssituation ist trostlos: eine staubtrockene Wüstenei wird uns in dürren Strichen vor Augen geführt. Kein Baum, kein Strauch, kein Kraut und kein Tropfen Wasser. Stattdessen Einsamkeit, so weit das Auge reicht. Ringsumher nur menschenleere, weil menschenfeindliche Einöde. Das war vor allem. Indem der Erzähler Gott ins Spiel bringt als ungemein kreativen Schöpfer der Welt, der nach und nach Voraussetzungen für das Leben schafft, wird uns einsichtig, Kultur wächst nicht aus sich selbst oder aus dem Nichts. Es gibt nicht das unbekannte Dunkel, aus dem einst die Kultur ans Licht der menschlichen Erkenntnis drang. So wenig der Mensch ein in die Welt geworfenes, seiner Existenz überlassenes Individuum ist, so wenig ist die Kultur eine Eigenbewegung der Natur. Nein, am Anfang steht ein Leben spendender, lebensbejahender Gott, am Anfang der Natur, am Anfang des Menschen und am Anfang jeglicher Kultur. Es ist ein Gott, der auf Beziehung aus ist, der ein Du, den Menschen, will und ihm die Voraussetzungen schenkt, damit er leben kann. Wie anders käme dies besser zum Ausdruck als in der Erzählung vom Paradiesesgarten als der ersten Heimat des Menschen. Gottes Tätigkeit ist eine durch und durch praktische, indem er plant und pflanzt wie ein menschlicher Gärtner. Er setzt dem Chaos Grenzen und gibt der formlosen Wüste eine Struktur, damit ein wunderschöner Garten entsteht, in dem es gut und heilsam ist zu weilen.

Hören wir diese alten Worte von der ersten Gartengestaltung, so bleibt es nicht aus, dass Bilder in unserem Inneren aufsteigen von Gärten, die uns vertraut sind. Der Garten der Kindheit, den unsere Eltern angelegt haben und in dem wir mit den Geschwistern gespielt haben. Der Park, in dem wir zum ersten Mal an der Hand eines lieben Menschen gegangen sind und nur die Bäume Zeugen unserer vertrauten Worte waren. Der Garten, der uns Mühe macht und Schweiß kostet, weil es unser eigener Garten ist. Gleich welcher Garten uns in den Sinn kommt, wenn wir vom Garten Eden hören, ein kleines, aber bemerkenswertes Detail wird allen Vorstellungen von einem Garten innewohnen. Schön soll er sein, wobei dann wieder die Vorstellungen eines schönen Gartens sich gründlich unterscheiden mögen.

In der Erzählung selbst kommt dieses Detail von einem schönen Garten zum Tragen. Wir lesen meist darüber hinweg, weil wir schon das Ziel vom Bebauen und Bewahren im Sinn haben. Aber es lohnt sich, inne zu halten und genau hinzuhören. Es heißt: „Gott, der Herr, ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen.“ In der alten Lutherbibel wird der hebräische Wortlaut noch plastischer übersetzt: „...allerlei Bäume, lustig anzusehen.“ Der jüdische Gelehrte Martin Buber fand die Worte: „Gott ließ aus dem Acker allerlei Bäume schießen, reizend zu sehen...“ Und eine Übersetzung aus heutiger Zeit heißt: „Gott ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise.“

Gott gestaltet also aus einer unwirtlichen Wüste einen reizenden, verlockenden Garten, eine Augenweide. Das zeichnet das Paradies aus, dass es nicht in erster Linie ein Nutzgarten ist, in dem alles zweckmäßig angeordnet wird, um eine hohe Wirtschaftlichkeit zu garantieren. Vielmehr schenkt Gott uns mit dem Garten Eden eine Heimat, in der sich unsere Augen wohl fühlen sollen. Es ist kein Zufall, dass die Augen vor dem Geschmackssinn erwähnt sind. Das Sehen vor dem Essen. Die Bäume im Garten sind verlockend, reizend, lieblich anzusehen – das zuerst; erst danach wird gesagt, die Früchte seien gut zur Speise. Der Mensch kommt, wenn es sein muss, mit sehr wenig Nahrung aus. Aber seine Augen können nicht verzichten auf Schönheit. Ein Garten ist der Inbegriff von Schönheit, denn er spricht, nach welchen Gesichtspunkten er auch angelegt ist, immer unser ästhetisches Empfinden an. Gott schenkt unseren Augen Freude durch den unerschöpflichen Reichtum an Farb- und Formspielen in der Natur. Nicht alles, was wir vorfinden, hat einen Zweck; es gibt eine Schönheit nur um unserer Augen willen. Die Pracht der Lilien auf dem Feld, von der wir in der Lesung aus der Bergpredigt gehört haben, ist eine Anleihe bei der verlockenden Schönheit des Paradieses.

Doch seit unsere Augen gelernt haben, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, müssen sie neben dem Schönen auch das Hässliche aushalten, neben dem Lieblichen auch das Schreckliche, neben dem Heiteren auch das Dunkle. Fast jeden Tag sehen wir Bilder, die uns belasten. Auch Bilder, in denen die Natur nicht heiter und freundlich erfahren wird, sondern bedrohlich für alle Grundlagen menschlichen Lebens. Wir spüren dann die Gebrochenheit des Garten Eden. Wir spüren die Verantwortung für unsere Welt. In unseren Ohren hallt der Auftrag vom Bebauen und Bewahren. Doch wir sind schuldig geworden und haben die Erde nicht nur urbar gemacht und kultiviert, sondern ausgebeutet und verschmutzt. Wir ordnen der Wirtschaftlichkeit die Gesundheit der Luft, die Fruchtbarkeit der Erde und die Schönheit unserer Landschaft unter und tun uns dabei nichts Gutes. Die alte Erzählung vom Paradies ist eine Geschichte, die uns nachdenklich stimmt. Ihr besonderer Wert liegt darin, dass sie unsere Augen schult. Sie hilft uns, einen Blick zu bekommen, für unsere Welt und ihren Zustand. Sie öffnet uns die Augen für die vielen Kleinigkeiten, deren Schönheit unser Herz erfreut, die Blumen, die Sträucher, die Bäume, dass wir eine Lust bekommen, sie anzusehen. Denn ohne die Weide unserer Augen würde unsere Seele verdursten. Und im Grunde wissen wir, dass uns Gott nicht einen Ort der Schönheit anvertraut hat, damit wir ihn gegen die Unwirtlichkeit und Menschenfeindlichkeit mancher Städte eintauschen. Wenn uns Bewahren, Martin Buber übersetzt ‚Behüten’, aufgetragen ist, dann ist das auch ein Bewahren der Schönheit. Bei moderner planerischer Gestaltung ist zu Recht immer auch die Ästhetik ein Kriterium. Wie wird das Geplante hinterher aussehen? Wie wird unsere Erde aussehen in 20, 50 oder 100 Jahren? Ist das, was nachfolgende Generationen zu sehen bekommen, auch noch verlockend oder reizend? Ist das, was sie zu essen bekommen, auch noch wohlschmeckend und gut?

Jede Blume und jeder Baum ist ein Überbleibsel aus dem Paradies. Jeder Garten – auch der auf der Landesgartenschau – ist ein Lehrmeister unserer Augen. Und in jedem Garten werden wir an Gottes Wort erinnert. Der Theologe Christoph Blumhardt hat diesen Gedanken folgendermaßen verdeutlicht:
„Es gibt verschiedene Worte Gottes. Ich habe mir gedacht, es gibt Worte Gottes, die sind stumm, die müssen wir sehen. Und es gibt Worte Gottes, die sind nicht stumm, die müssen wir hören. Beides gehört zur Erkenntnis, die die Menschen erwerben dürfen. In der Schöpfung um uns herum liegen Worte Gottes, und je nachdem, wie wir diese Worte finden, leben wir auf; denn alle Worte Gottes haben das eine miteinander gemein, ob sie stumm sind oder ob sie reden, sie beleben die Menschheit. Wer Augen hat, der sieht die Worte Gottes, die um uns her sind und die uns zum Leben und zur Freude dienen. Auf jedem Spaziergang können wir stumme Worte Gottes schauen. Wir hören sie nicht, aber zum Schauen sind sie da. Und dann reden sie doch durch unsere Augen. So sind wir mitten in einer Welt von verborgenen Worten Gottes. Wer weiß, was da noch alles uns vor Augen kommen soll.“

Blumhardt begreift die Natur voll von Worten Gottes. Jede Blüte, jeder Baum, jede Frucht ein sichtbares Wort Gottes. Das ist ein faszinierender wie provozierender Gedanke. Manchem mag dieses Verständnis der Schöpfung zu weit gehen. Manchem mag bis jetzt auch der Hinweis auf das hörbare Wort Gottes, auf Jesus Christus, gefehlt haben. Doch der Hinweis auf die stummen Worte Gottes hat seine Berechtigung. Unsere Augen sehen Gottes Wort in der kulturellen Leistung eines gestalteten Gartens ebenso wie im hässlichen Gesicht unserer Welt. Wir sehen Gottes Wort vom Bebauen und Behüten. Wir sehen Gottes Wort von der Achtsamkeit und der Ehrfurcht gegenüber allem Geschaffenen. Wir sehen Gottes Wort im Respekt vor jeglicher kulturellen Leistung der Menschen.

An entscheidender Stelle wird nun allerdings auch im Neuen Testament von einem Garten erzählt. Von diesem Motiv wird ein Band geknüpft zum alten Schöpfungsbericht. Der Gekreuzigte findet sein Grab in einem Garten. Ein Toter in der lebendigen Umgebung eines Gartens. Wo menschliche Schuld am handgreiflichsten wird und sich die menschliche Existenz verdunkelt, wird von einem Garten gesprochen. Wo menschliche Kultur an ihrem Tiefpunkt angelangt ist, weil ein Unschuldiger stirbt, wird an den Beginn aller menschlicher Kultur erinnert: an den Garten Eden. Der Garten symbolisiert die Umkehrbewegung vom Tod zum Leben. Das Motiv wird weitergeführt am Ostermorgen, als Maria Magdalena Jesus nicht erkennt und ihn für den Gärtner hält. Der Gottessohn als Gärtner.
Im Urlaub habe ich im Schloss Fantaisie, in der Nähe von Bayreuth, ein Gemälde gesehen, das diese Szene zeigt. Jesus erscheint der Maria Magdalena in einem Garten. Er trägt die Wundmale an Händen und Füßen und um die Hüfte ein weißes Tuch. In seinen Händen aber hält er unverkennbar das Attribut des Gärtners, einen Spaten, mit dem er beginnt, die Erde umzugraben. Mit der Auferstehung beginnt eine neue Kultur. Der Boden menschlichen Leides und menschlicher Grausamkeit muss umgegraben werden, vom Auferstandenen umgegraben werden, damit Hoffnung und Schönheit wachsen können. Eine seltene Darstellung in der Kunst. Aber ein einprägsames Bild; denn unverkennbar wird hier der Ostermorgen mit dem Schöpfungsmorgen zusammengedacht. Und unverkennbar wird uns zugetraut, dass unsere Augen sehen können, was ihnen zu sehen bestimmt ist.

Amen.