Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 28,10-19a

Pfarrer Karl-Peter Nitz

16.09.2001 im Gedenkgottesdienst für die Attentatsopfer in USA, Metjendorf

Liebe Gemeinde,

nur wenige Tage, eine einzige Woche zwischen zwei Sonntagen: aber unsere Welt ist seither eine andere geworden!
Die Welt aller Menschen guten Willens - und das sind, wie doch geglaubt werden darf, nicht wenige sie - trägt Trauer.
Denken wir nur an unseren eigenen kleinen Lebensbereich im Ammerland, in Oldenburg: vor wenigen Tagen noch Vorfreude und Erwartung: auf Veranstaltungen und Zusammenkünfte, wie sie zu uns Menschen schlicht dazugehören, der traditionelle Sockenball des TUS Ofen oder unser 25jähriges Jubiläum hier in Metjendorf, in das alle Energie und Begeisterung hineingegeben wurde...
Aber jetzt; nein, wir können nicht feiern; werden es vielleicht lange nicht können. Warum?

Angesichts des grausamen Todes vieler tausend Menschen durch ein nie da gewesenes Verbrechen wird uns Einhalt geboten!
Keine Frage; sie gehen vor; das Gedenken an sie, das Empfinden für ihr Schicksal, die Besinnung darüber, was es bedeutet, gehen vor.
Das heißt, die Trauer, zu der auch wir uns eingefunden haben hier heute morgen, braucht ihre uneingeschränkte Zeit!
Wir, die wir so Vieles gleichzeitig glauben zu tun können, müssen erkennen, vielleicht lernen: Trauer kann den Toten nur dann gerecht werden und den Lebenden nur dann zur Überwindung des Schrecklichen helfen, wenn ihrem Gefühl in der Seele ein offener, unverstellter Raum gegeben wird.
Feiern kann man immer noch, wenn man es denn möchte. Trauer aber, die die Wunde ausbrennt, damit das Leben gehärtet wird und gestärkt weiter gehen kann, braucht die enge zeitliche Nähe und Verbindung zu dem Ernstfall, der sie ausgelöst hat.
Die Völker, die Regierungen wissen das; deshalb werden Trauertage, - zeiten und - hier klingt das Wort anders - "feiern" angeordnet. Nur einige wenige, die auf eine Geldeinnahme dringend angewiesen sind, wissen es leider nicht (Fußball).
Die Welt aller Menschen guten Willens, die ja nicht eine friedfertige war und nicht jetzt erst eine unfriedliche geworden ist, vergessen wir das bitte nicht!, sie ist auf eine Weise erschüttert, wie seit vielen Jahren nicht mehr; obwohl sie ja an Erschütterungen durch Unmenschlichkeit, durch Kriege und fürchterliche Verbrechen, Katastrophen, Unglücke nie arm war. Diesmal geht alles, was die Seele beschwert, noch tiefer und will ertragen werden.

Aber nun ist es wichtig, liebe Gemeinde, diese Freveltat auch im Zusammenhang unserer Welt zu sehen, in dem sie steht, und sich nicht davor zu verschließen, so schwer das fallen mag, d. h. sie nicht als beziehungslos zu unserer sog. zivilisierten Welt extra, für sich, zu sehen. Dies ist der nötige Schritt mit der Trauer, auf den sich jeder Christ und jeder Bürger vorbereiten muss. Lasst es mich so verdeutlichen: Wir Menschen streben auf allen Gebieten, vor allem in der westlichen Weit, ein "mehr", "höher", "schneller", "weiter" an; ob bewusst oder unbewusst, es ist die Haupttriebkraft. Unser Ziel ist "alles" oder "total".
Bezeichnend die Geisteslage, dass auch der kleinste Verein bemüht ist, irgendwie in das Guinnes-Buch zu kommen. Kirchengemeinden lassen in zwei Tagen und Nächten die gesamte Bibel abschnittsweise auf einmal lesen, das ist Rekord. Keiner kann solange zuhören, aber man macht es.
Dieses "mehr" kennen wir schon aus Alltagsmeldungen- mehr Rohstoffverbrauch, mehr Abgasausstoß, mehr Geschwindigkeit, mehr Genuß, mehr Geschmack, mehr Waschkraft, mehr Verkehr, mehr Geld im Jackpot und mehr Reichtum. Natürlich auch mehr Armut, mehr Sozialhilfe, mehr Defizite, mehr Konkurse, mehr Scheidungen, mehr Enthüllungen, mehr Lachen und Spaß bis der Arzt kommt. Nicht zu vergessen: mehr Entweihung und Zerstörung humaner Werte und humaner Glaubensüberzeugungen.
Nun die Frage: Liegt es nicht auf dieser Linie, wenn auf diesen Steigerungswegen auch die Eskalation des Bösen und der Grausamkeit nur eine weitere Sprosse erklommen hat? Terror wird immer gnadenloser ausgeführt, wo andererseits eine besitzende Welt jegliches "mehr" politisch, wirtschaftlich und sittlich an sich reißt.
Um nicht missverstanden zu werden an diesem heiklen Punkt: Die Attentate mit ihrer entsetzlich menschenverachtenden Zielsetzung mussten nicht sein! Niemand darf so auf ihm missliebige Systeme reagieren. Terror verändert nichts zum Besseren. Im Namen der Menschlichkeit durften sie nicht sein! Aber dass sie geschahen mit kaltblütig verwerteter Intelligenz, hat ihre Ursachen in den sozialen Problemen unserer Weltgesellschaft. So unnachgiebig der Terrorismus politisch und juristisch bekämpft werden muss, so wird er sich ohne Abbau der sozialen Gegensätze zwischen Reich und Arm nicht verringern lassen. Und dafür sind wir mitverantwortlich! D. h. erst wenn die westliche Welt ihre eigenen Prinzipien von Freiheit, Menschenwürde und Chancengleichheit überzeugender lebt und auf die anderen Länder und Kulturen ausdehnt, entzieht sie den Wurzeln des Terrors den Nährboden. Auf lange Sicht.
Die Frage ist, auch ganz persönlich: Wenn das Leben ja nun weitergeht, und es geht weiter; wie soll es weitergehen? Wie geht es mit dem "Klettern" auf unseren "Leitern" weiter?
Da kommt mit unserer Geschichte eine ganz andere Leiter ins Spiel. Erinnert ihr euch noch, was uns vorhin vorgelesen wurde?
Dieser Jakob mit seiner wundersamen Geschichte, in der ja auch Lebenserfahrung steckt, und die ist nicht ohne - Jakob war auch einer von diesen Rücksichtslosen, für die der Zweck die Mittel heiligt. Er hat, um an den Segen seines Vaters zu kommen, diesen betrogen und seinen älteren Bruder übers Ohr gehauen. Die Sache mit dem Linsengericht - auch eine Steigerung, wenn man so will. - Dieser Jakob träumt, dass da noch eine andere Leiter steht und von dieser Welt hinauf reicht in eine andere!
Sie öffnet dieses zwiespältige Leben in die Höhe. An deren Spitze jedoch nicht der Karrierehöhepunkt und nicht die Gewinnsteigerung und auch nicht das eigene menschliche Selbstbildnis stehen: "Ich bin der größte, der reichste, der mächtigste!" An der Spitze dieser Leiter steht ein anderer, gebietend über den Menschen, größer als er. Und der spricht ihn mit Donnerstimme an: "Ich bin der Herr, der Gott deiner Väter. Ich, und nicht du selbst, gebe dir das Land, darauf du liegst."
Engelwesen, Diener des Höchsten, klettern auf und nieder, als wollten sie sagen: "Komm und folge dem Weg des Glaubens!"
So wird ein Mensch daran erinnert, wonach viele, auch wir in diesen schrecklichen Tagen, fragen, ob diese Welt nicht mit sich selbst eingeschlossen ist; ob sie nicht in ihrem Gegeneinander sich selbst überlassen ist; ob sie ohne Lenkung und Bremse dahin treibt?
Nein, sie ist nicht herren- und gottlos, ein verlorenes Gut, das, im Fundbüro abgegeben, von niemanden vermisst, von niemanden abgeholt wird! Das Symbol der Leiter, Verbote Jesu Christi, hält dem entgegen: Gott kommt auf die Erde, diese Erde, diese in Gottes Eigentum und Herrschaft bleibende Erde!
Und dann erwacht dieser Raffinierte, unser Jakob, und es geschieht, ohne dass kein Glauben und keine Lebensänderung möglich sind: er fürchtet sich; er spricht: "Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht." Und als vermutete er, dass er diese Stelle, diese Begegnung, diese Erfahrung vergessen könnte - so wie einer jahrelang vergessen kann, dass er in dieser Kirche konfirmiert wurde; dass er vergessen kann, dass er in wie vielen Momenten der Gefahr bewahrt wurde, dass er vergessen kann, dass ihn seine Frau liebt, oder sie vergessen kann, dass sie ihr Mann liebt; dass das Leben d i e kostbare Gabe an sich ist - da beschließt Jakob: "Es muss ein Zeichen her, ein Denkmal Gottes. Nehm ich am besten diesen Stein, auf dem ich geschlafen habe, und weihe ihn mit Öl diesem Gott in unserer Menschenwelt und nenne ihn Gottes Haus (Beth-EI)"; so wie dieses Gemeindezentrum vor 25 Jahren oder die Kirche in Ofen vor 100 Jahren zu Gottes Haus geweiht wurden.
Denn: wir brauchen in unserer wenig rühmlichen Lebens- und Weltgeschichte solche Stellen, wo daran erinnert wird: Da steht eine Leiter- Gott reißt seine Verbindung zu uns nicht ab.

Liebe Gemeinde,
er reißt die Verbindung auch jetzt nicht zu uns ab, vor allem zu den Opfern festigt er sie mehr denn je! Denn Gott hat ja alles gesehen: die Türme in New York; das Entsetzen der armen Menschen hat er gefühlt, weil er ja selbst in den quälenden Tod hinabgestiegen ist am Kreuz.
Kein Ereignis, nichts was geschieht auf Erden, ob ehrliche Liebe oder verwerflichste Bosheit, ist nicht ohne Beziehung zu diesem Gott.
Und wenn wir gezielt kritisch fragen, was dieses Wort nun für die Stätten des Grauens bedeutet, wo nichts die Freveltat verhindern konnte - Ja, da ist er den Weg ohnmächtig mitgegangen, den wir so bekennen. "Gelitten, gekreuzigt, gestorben!" Aber, und das möge nun in unserem Glauben geschehen: auch "auferstanden von den Toten".
Nun ist Jakob die Leiter sicher auch gezeigt worden, damit er ein paar Sprossen selbst hinaufsteigt. Der Glaube an Gott ist in der Tat eine höhere Warte des Lebens, versteht ihr! Man ist Gott näher, aber auch ein Stück von der Wirklichkeit weg und kann sie übersichtlich von oben betrachten. Und wir müssen die Weit, wir müssen unser Leben, wir müssen auch dieses Geschehen in USA aus der Distanz betrachten.
Und wenn du an Gott glaubst, siehst du einen Film über dieses Leben und traust deinen Augen nicht; da ist manches, das kann doch nicht wahr sein!
Diese Oberflächlichkeit, dieses Sich-in-Szene-Setzen, dieses Renommiergehabe, dieses "Dat is all mien"-Denken. Nun, das kennt ihr alle. Aber nun etwas, was die aktuelle Tagesordnung der Welt angeht; die Krisenherde.
Der Stein des Jakob begründet ja sozusagen seine Religion in der Welt. Gott ist da! Und andere Religionen haben ihre Steine, haben ihre Tempel, ihre Pagoden, ihre Kirchen, ihre Moscheen.

Ihr wisst, was ich sagen will: Da gehen immer wieder weiche heran und wollen ihren Gott für alle verbindlich machen. Sie drehen die Leiter wieder um; Gott wird in dem Stein symbolisiert, ja er wird instrumentalisiert; und der vermeintlich fromme Mensch stellt sich wieder selbst an die Spitze der Leiter. Und dann nimmt er den Stein und schleudert ihn gegen andere: "Glaub oder stirb"!
Das ist die Situation des Fundamentalismus. Da ist, was sogar der moslemische Boxer Mohammed Ali gesagt hat, die Verunwahrheitung des Islam, dessen "Stein" eigentlich auch friedlich an seiner Stätte liegt und Frieden geben will.
Wer werden - alle ahnen es - noch lange nicht aus dieser Geschichte rauskommen, die keiner vergessen wird. Ich bin sicher, auch noch in der Weihnachtspredigt und noch in der Silversteransprache des Bundeskanzlers wird sie behandelt werden müssen. Es ist eine Weiche gestellt. Aber nur Gewalt und Vergeltung wird in die Sackgasse und weiteres Elend führen. Wir müssen, und Christen haben da einen herausragenden Standort, ein Stück auf die Leiter des Glaubens klettern und von dort mit Gottes Geist zusammen umsichtig schauen, in weiche Richtung zu gehen ist.
"Fürwahr, er ist an dieser Stätte:" Wir wissen es!

Amen