Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 3,1-7

Pfarrerin Beatrix Jessberger

09.03.2008 in der evangelisch-reformierten Kirche in Rehetobel

Anlässlich eines geplanten Seminars zum Thema Ehe und Partnerschaft

Wenn wir von der Ehe oder der Partnerschaft von Mann und Frau sprechen, dann fangen wir am besten bei Adam und Eva an.
Alles Leid, alle Not des Menschen, so sagen uns die Kirchenväter, hat mit Adam und Eva seinen Anfang genommen. Die Rede ist von der sog. Sündenfallgeschichte. Weil die Frau sich von der Schlange „verführen“ liess, herrscht nun der Mann über sie. Und damit haben die Probleme im Miteinander von Mann und Frau begonnen.
Martin Luther hat bei der Eheschliessung die Frau vor dem Kirchentor vermahnt und ihr die Geschichte von Adam und Eva vorgelesen und ihr gesagt, dass sie dem Mann untertan sein muss. Der Mann sei ihr Haupt, wie Christus das Haupt der Kirche sei. So kam die Frau unter die Haube.
Damit erfüllte sich das Wort der Bibel für Millionen von Frauen: „Auf deinen Mann richtet sich dein Verlangen. Doch er wird dich beherrschen.“
Das Patriarchat ist eine Wirklichkeit in unsere Welt und es scheint von Gott selbst sanktioniert zu sein.
Mein Anliegen ist aber nicht, das Patriarchat zu verteufeln, sondern mit Euch einen biblischen Text genauer anzusehen.
Schon beim Lesen von Genesis, Kapitel 3, fällt mir auf, dass der Mann als eine arme Seele und nicht als Patriarch beschrieben wird; denn Gott sagte zu ihm, dass er sich nur mit Mühe vom Ackerboden wird ernähren können. Im Schweisse seines Angesichtes wird er sein Brot essen.
So sieht kein Patriarch aus, so müde, so verschwitzt, so machtlos.
Und wenn wir noch genauer in den biblischen Text schauen, dann erkennen wir, dass dort kein Wort steht von einer Sünde.
Das Wort Sünde taucht zum ersten Mal in der Bibel auf, als Kain seinen Bruder Abel ermordet. Dort heisst es: „Wenn dir Gutes gelingt, dann schaust Du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lauert die Sünde an der Tür. Auf dich richtet sich ihr Verlangen, doch du – du musst sie beherrschen.“
Wir sehen, wie sehr die Wortwahl sich gleicht:
Das Verlangen der Frau nach Ihrem Mann – und er wird sie beherrschen.
Und die Sünde, die an der Tür lauert, doch Du – musst sie beherrschen.
Aus dem Verlangen der Frau und dem Verlangen der Sünde haben die Kirchenväter eine Verbindung geschaffen, die eine furchtbare Wirkungsgeschichte hatte. Dass diese zwei verschiedenen Formen von Verlangen sich vermischt haben, das ist der Sündenfall des Christentums. Denn dadurch wurden die Sexualität und die Frau bis in ihre Fruchtbarkeit hinein abgewertet. Und daran leiden Frauen bis heute, wenn auch oft unbewusst.
Welche Frau unter uns hat schon ein gesundes Selbstvertrauen, ein Bewusstsein dafür, welche Würde sie besitzt - gerade auch als „Mutter des Lebens“?
Die Abwertung der Frau im Laufe der Jahrtausende hat auch die Männer nicht glücklich und lebensfroh gemacht. Im Gegenteil. Sie waren und sind verunsichert in ihren Rollen. Das Gefälle zwischen Mann und Frau hat die Seele von beiden Geschlechtern beschädigt.

Schauen wir noch einmal in den biblischen Text:
Das Verlangen der Frau richtet sich auf die Liebe des Mannes. Er aber versucht, die Frau zu beherrschen. In diesem Satz kommt die Angst des Mannes zum Ausdruck vor der verschlingenden Liebe der Frau.
Das Verlangen des Kains dagegen richtet sich darauf eine Sünde zu begehen und seinen Bruder zu morden. Gott fordert ihn auf, er soll die Sünde beherrschen.
Wir sehen, da besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen diesen beiden Formen von Begehren: dem Begehren nach Liebe und dem Begehren zu Morden.
Aber die Kirchenväter haben diese beiden Verlangen miteinander verknüpft und daraus eine Geschichte vom Sündenfall konstruiert, die bis heute die Partnerschaft von Mann und Frau überschattet.

Die Geschichte von Adam und Eva will heute neu gelesen werden.
In ihrem Mittelpunkt steht die Geschichte der Erkenntnis von gut und böse.
Eva möchte zu Erkenntnis zu gelangen.
Sie will klug sein und erfolgreich.
Sie will das, was sich auch heute viele Frauen und Männer wünschen.
Die Sehnsucht nach Erkenntnis ist in uns Menschen angelegt. Es gäbe keine Wissenschaft, keine Erkundung des Weltraums, wenn wir nicht diese unendliche Sehnsucht nach Erkenntnis in uns tragen würden.
In uns, so sagen Mystiker und Mystikerinnen, erkennt Gott die Welt.
Die Schöpfung entfaltet sich in dem Masse, in dem wir lernen, uns und unsere Welt zu erkennen.
Die Sehnsucht nach Erkenntnis bewegte die Väter und Mütter Reformation wie auch die Väter und Mütter der Aufklärung.
Eva, so könnte man sagen, ist die Mutter der Aufklärung, sie wollte sehen, wie Gott die Welt erschaffen hat.
Erkenntnis und Aufklärung gehen aber, wie wir wissen, immer einher mit dem Verlust von Beheimatung.
Und das ist es, was wir heute erleben. Die Erkenntnis, die Aufklärung macht uns Menschen heimatlos. Wir verlernen, wie wir zusammen leben können.
Rabbi Nachman von Brazlav erzählte, zur Zeit der jüdischen Aufklärung, die Geschichte vom Weizen, den alle essen, obwohl sie wissen, dass er vergiftet ist. Man muss ihn essen, weil man sonst verhungert, aber gleichzeitig muss man wissen, dass er verrückt macht.
Und so haben Eva und Adam von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen. Die Frucht hat ihnen die Augen geöffnet, aber sie mussten erkennen, dass sie nackt sind.
Sie begriffen, dass all unser Wissen Stückwerk ist, dass letztlich der Satz gilt: Ich weiss, dass ich nichts weiss.

Die Erkenntnis von gut und böse macht uns in gewisser Weise verrückt. Und die Erkenntnis von gut und böse bringt grosse Verwirrung in eine Partnerschaft. Jedes Paar fällt im Laufe einer Ehe aus dem Paradies.
Im Zusammenleben sind viele von uns damit beschäftigt, sich selbst und den Partner, die Partnerin zu bewerten, auf- und abzuwerten. Wir glauben, den anderen zu kennen und sehen den anderen dann oft nur noch in seiner oder ihrer Nacktheit.
Ich habe Paare getraut, die vor der Hochzeit die verschiedenen Seiten ihres Partners und ihrer Partnerin rundum positiv beschrieben haben. Kurz nach der Trauung haben sie dieselben Eigenschaften vollkommen abgewertet. Sie waren so enttäuscht und wollten sich gleich wieder scheiden lassen, obwohl sich der Partner, die Partnerin in so kurzer Zeit gar nicht verändern konnte. Der Blick auf den Partner, die Partnerin hatte sich verändert.
Mit der Erkenntnis von gut und böse kommt also die Wertung in unsere Welt und damit die Auf- und die Abwertung. Und wie in der Politik stellen wir in einer Beziehung den anderen Menschen zuerst auf einen Sockel, um ihn dann vom dort herunter zu stossen.

Wir behaupten: diese Eigenschaft des anderen ist gut, diese Eigenschaft ist schlecht. Doch wer sagt uns, dass unser Werturteil stimmt?
Es ist doch erstaunlich, dass dasselbe Verhaltensmuster einen anderen Menschen überhaupt nicht stört.
Unsere Bewertungen sind wie Furchen, die wir mit dem Pflug in einen Acker graben und häufig können wir den Pflug nicht mehr aus der Ackerfurche herausziehen. Und dann stärken wir durch unser Urteil dasjenige Verhalten des anderen, das wir bei ihm bekämpfen.
Unser Beurteilungs- und Verurteilungssystem hat in erster Linie mit uns selbst zu tun, mehr als mit dem anderen. Es hat sich aus unserer Familiengeschichte heraus entwickelt. Auch die eigenen Minderwertigkeitsgefühle liegen in uns und in unserer Geschichte begründet. Von aussen kann uns kein Mensch davon befreien, das ist unsere Aufgabe, sie umzuformen, uns in erster Linie an uns selbst zu messen und nicht an anderen.
Wir können die zärtlichen Seiten in uns selbst und im anderen wecken. Doch, das heisst, wir müssen unsere Blickrichtung ändern: Wir dürfen uns, so sagt uns die Bibel, als Ebenbild Gottes erkennen.
Wir stehen im Zusammenleben in der Spannung, dass wir bestimmte Verhaltensmuster beim anderen erkennen und gleichzeitig wissen, dass das nicht das Ganze ist, was den anderen ausmacht. Erkenntnis heisst, mein Standpunkt, mein Blick auf den anderen ist total subjektiv und relativ. Im Grunde genommen weiss ich nichts über den anderen und darf ihn, wie die Welt, jeden Tag beim Aufwachen neu entdecken.
Es gibt eine Dimension in jedem Menschen, die grösser ist als all unser Erkennen, die grösser ist als wir selbst. Es ist unsere Ebenbildlichkeit. Und diese übersteigt unsere Erkenntnis.

Ich weiss, wie gesagt, kein Rezept dafür, wie eine Beziehung gelingen kann. Das können die einzelnen Paare nur selbst miteinander herausfinden.
Auch die biblischen Geschichten geben uns keine Anweisungen, wie wir eine Partnerschaft führen können. Die biblischen Geschichten können uns nur miteinander in ein Gespräch führen und uns dazu ermutigen, genauer hinzuschauen, auf die Texte selbst und auf unseren Partner unsere Partnerin.

Eva und Adam haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und blieben, soviel wir wissen, trotzdem beieinander.
Vielleicht erlebten sie die Umkehr ihrer Beziehung: „Meinem Geliebten gehöre ich. Er ist`s, der mich begehrt! (Hld.7,12)

Amen.