Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 39, 1-20

Pfarrer Dr. Reinhard Junghans (ev)

30.03.2014 in der Peterskirche in Leipzig

ökumenische Bibelwoche

Die Predigt wurde im Rahmen der ökumenischen Bibelwoche gehalten. Am Sonntag Lätare (30. März 2014) gab es einen Kanzeltausch in den evangelischen und der katholischen Kirchgemeinde im Leipziger Süden. Im ökumenischen Konvent hatten wir uns für diesen Text der Bibelwoche entschieden, um dem Thema Erotik auch einmal einen Platz im Gottesdienst zu geben.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! (Offb 1, 4)

<Stilles Gebet>

Predigttext: 1. Mose 39, 1-20 = Alttestamentliche Lesung

Der Herr segne an uns sein Wort.

<Der Predigttext ist hier nach der Predigt zu finden.>

Liebe Gemeinde,

wir kennen den Ausgang der Geschichte und sind deshalb sehr schnell geneigt, gut und böse entsprechend zu verteilen. Mit diesem Blickwinkel lesen oder hören wir diese Geschichte und verkennen, sie könnte auch uns betreffen. Deshalb wollen wir uns die Geschichte von Anfang an einmal näher anschauen und den Handlungshorizont der Akteure näher beleuchten.

Die handelnden Personen sind sehr überschaubar. Potifar lebt mit seiner Frau zusammen und ist ein hochrangiger Politiker im alten Ägypten. Josef ist ein Sklave, dem Vieles gelingt und damit das Vertrauen seines Herrn erlangt hat. Das ist erst einmal eine ganz normale Situation, in der jeder seine Rolle wahrnimmt und damit auch soweit so gut. So könnte es auch bleiben. Jedoch zeichnet sich das Leben nicht durch statisches Beharren aus, sondern bietet Herausforderungen an, die den Menschen zu Entscheidungen zwingen.

Die Frau des Potifar entdeckt für sich die erotische Ausstrahlung von Josef. So heißt es im biblischen Bericht „Josef war schön an Gestalt und hübsch von Angesicht.“ Ihr Mann hingegen sieht in Josef einen Sklaven, dem alles glückt. Dieses Geschick von Josef scheint die Frau des Potifar nicht weiter innerlich berührt zu haben, sie nahm an Josef vorzugsweise seine schöne Gestalt wahr.

Ich erlaube mir zu behaupten, jedem und auch verheirateten Menschen kann dasselbe wie Potifars Frau passieren. Uns begegnet ein Mensch, der in uns angenehme erotische Gefühle auslöst. Genauso wie ein schönes Essen einem das Wasser im Munde zusammen laufen lässt, genauso reagiert unser Körper auf ein schönes Äußeres, das uns freundlich begegnet.

Diese erotische Erfahrung hat viele Texte seit Menschengedenken hervorgebracht. Meistens sind diese Texte aus der Männerperspektive geschrieben worden, aber in unserer Geschichte ist es eine Frau, die die erotische Ausstrahlung eines Mannes für sich entdeckt. So nehmen wir für den folgenden Text auch die Perspektive einer Frau auf. Während ich den Text vorlese, versuchen sie einmal zu erraten, wo er stehen könnte.

2 Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. 3 Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mädchen. 4 Zieh mich dir nach, so wollen wir laufen. (Hohelied 1, 2-4)

...

Was hat dein Freund vor andern Freunden voraus, o du Schönste unter den Frauen? Was hat dein Freund vor andern Freunden voraus, dass du uns so beschwörst? 10 Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden. 11 Sein Haupt ist das feinste Gold. Seine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe. 12 Seine Augen sind wie Tauben an den Wasserbächen, sie baden in Milch und sitzen an reichen Wassern. 13 Seine Wangen sind wie Balsambeete, in denen Gewürzkräuter wachsen. Seine Lippen sind wie Lilien, die von fließender Myrrhe triefen. 14 Seine Finger sind wie goldene Stäbe, voller Türkise. Sein Leib ist wie reines Elfenbein, mit Saphiren geschmückt. 15 Seine Beine sind wie Marmorsäulen, gegründet auf goldenen Füßen. ... 16 Sein Mund ist süß, und alles an ihm ist lieblich. — So ist mein Freund; ... (Hohelied 5, 9-16)

Wer jetzt denkt, der literarische Horizont eines protestantischen Pfarrers reicht sowieso nur bis zur Bibel, hat in diesem Fall recht, aber nur in diesem Fall. Der Text ist im Hohenlied Salomos im 1. und 5. Kapitel nachzulesen.

Erotische Texte sind nun in der Bibel keine Massenware, aber sie gehören mit zum biblischen Zeugnis, wie eben die Erotik zu unserem menschlichen Leben elementar dazugehört. Ein Leben ohne Erotik ist genauso wenig vorstellbar wie ein Leben ohne Essen und Trinken. Im Hohenlied Salomos wird diese Erotik in vielfältigen poetischen Bildern positiv beschrieben. Es wird zwar nicht ausdrücklich erwähnt, die Erotik gehöre mit zum Schöpfungswerk Gottes, aber die Einordnung des Hohenliedes Salomos als biblisches Buch lässt diesen Gedanken zu.

Die Erotik kennt ungemein viele Facetten von einem freundlichen Lächeln bis zur intimen Sexualität. Da gibt es viele Entscheidungsspielräume, was Menschen als angemessen oder unangemessen für sich erleben.

Bis zu diesem Punkt erlebt die Frau des Potifar, was Menschen normalerweise erleben. Spannend wird nun der Punkt, wie sich die Frau des Potifar entscheidet. Wie reagiert sie auf ihre erotischen Gefühle für Josef.

In unserer Geschichte wird die Frau des Potifar sehr schnell direkt und spricht: „Lege dich zu mir!“ Es wäre vorschnell, wenn wir jetzt sagen, sie sei ein mannstolles Weib gewesen. Versuchen wir sie einmal aus den biblischen Notizen heraus besser zu verstehen. Es wird nicht berichtet, sie würde es grundsätzlich auf Sklaven absehen oder gar ihre Stellung missbrauchen, um ihre erotischen und sexuellen Bedürfnisse auszuleben. Hingegen steht im Vorfeld eine kleine Notiz über ihren Mann, die tief blicken lässt. Das souveräne Handeln von Josef lässt den Mann nur eine Sorge haben. Es heißt in unserer Geschichte: Er „... kümmerte sich, da er ihn hatte, um nichts außer um das, was er aß und trank.“ Da kommt seine Frau nicht vor.

Was ist, wenn ein Partner erotische und sexuelle Bedürfnisse hat, aber der andere nicht? Das führt über kurz oder lang zu einem elementaren Problem, weil eben erotische und sexuelle Gefühle nicht einfach im Kopf abgestellt werden können. Dann fangen sie an, ihren Weg zu suchen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten damit umzugehen. Natürlich steht das Gespräch mit dem Partner an erster Stelle. Wenn dies aber – warum auch immer – nicht so zustande kommt, wie es nötig wäre, dann ist die Gefahr sehr groß, dass der Partner aus dem Blick gerät und die eigene Sehnsucht das Handeln bestimmt. Da geht es dann nicht mehr um die Liebe, die den anderen in seiner Seele wahrnimmt. Es geht vielmehr um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte. Da wird es dann auch kritisch, weil der andere nur noch als Objekt und nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird.

Wer jetzt einfach sagt, da muss man sich eben beherrschen, unterschätzt die Kräfte dieser Sehnsucht. Sie können eine Kraft annehmen, wie wenn ein Mensch Hunger hat und Dinge tut, die er sonst nie getan hätte. Ich möchte an das Verhalten von Menschen erinnern, denen es durch bestimmte Rahmenbedingungen untersagt ist, ihre Sexualität zu leben, und damit nicht umgehen können und diesen Druck in Gewalt gegen andere ausprägen.

So setzt sich am Ende auch unsere Geschichte fort. Als die Frau des Potifar ihre erotischen Sehnsüchte nicht mit Josef ausleben konnte, kehren sich alle wohlwollenden Sympathien für ihn in einen unendlichen Hass gegen ihn um. Dieses Verhalten prägt bis heute die Menschheit. Verschmähte Liebe wird mit unerbittlichem Hass beantwortet. Dann ist aber auch eines deutlich, es ging nicht um Liebe, sondern um ein Begehren zum eigenen Vorteil. Da spielt der andere als Mensch mit seinen Wünschen und Vorstellungen keine nennenswerte Rolle. Wenn die Frau des Potifar Josef wirklich geliebt hätte - aber das steht auch nicht im Text -, dann hätte sie ihn verstanden und seine Entscheidung akzeptiert. Liebende vermögen den Weg des anderen zu unterstützen, obwohl sie vielleicht selbst dafür Nachteile hinnehmen müssen.

Schauen wir nun auf Josef und fragen uns, wie gehen wir damit um, wenn uns jemand seine erotischen Gefühle für uns offenbart. Wenn beide diese Gefühle teilen und ledig sind, dann ist die Welt schwer in Ordnung und eine wunderbare Zukunft bricht an. Wenn sie nicht geteilt werden, lässt sich die Angelegenheit in der Regel in einem kurzen Gespräch klären. Wenn Dreiecksbeziehungen entstehen wird es kompliziert.

Wie Josef seine Herrin erotisch erlebt hat, wird uns nicht berichtet. Es gibt dazu keine positiven oder negativen Aussagen. Nur die ablehnende Antwort des Josef ist uns bekannt, die eine Beziehung mit ihr als Unrecht gegenüber Gott und seinem Herrn ansieht.

Übrigens ist das eine der wenigen Stellen in der Josefsgeschichte, die einen Gottesbezug entwickelt. Warum gerade hier? Nach biblischem Verständnis bilden Mann und Frau eine Einheit, die nicht einfach wegen unbefriedigter erotischer und sexueller Wünsche aufgelöst werden darf. Wenn wir wirklich einen Partner lieben, der in einer Beziehung lebt, dann sollten wir auch fragen, was die Auflösung dieser Beziehung für ihn bedeutet, ob die Auflösung dieser Beziehung ihm wirklich zum Segen gereicht. Da sind Kinder, die enttäuscht sind und Hass auf das ausziehende Elternteil entwickeln. Kinderseelen brauchen mitunter viele Jahre, bis sie die Scheidung ihrer Eltern überwunden haben, wenn man überhaupt davon sprechen kann. Wer Verantwortung wahrnimmt, richtet seinen Blick auch auf die guten Zeiten der anderen Beziehung und sieht auch, was davon noch da ist. Wenn man dennoch die Auflösung der anderen Beziehung betreibt, dann muss man sich mindestens sagen lassen, dass die neue Beziehung einen hohen Preis gehabt hat. In dieser Situation ist auch die selbstkritische Frage angemessen, inwieweit man hier seinen eigenen Vorteil sucht.

Die Sachlage sieht anders aus, wenn die andere Beziehung durch Gewalt und Machtmissbrauch geprägt ist. Das widerspricht der Ordnung Gottes und folglich ist niemand gezwungen, sich an das Versprechen von einst zu halten.

In den Hollywoodfilmen in der nach 68-er Zeit spielte das Ausleben der erotischen und sexuellen Wünsche die entscheidende Rolle für das Menschsein. Die Filmhelden durchbrachen traditionelle Schranken und machten scheinbar ihr Glück. Die Wirklichkeit ist natürlich komplizierter. Inzwischen gibt es auch Filme, die da differenzierter agieren. Ich erinnere mich an den Film „Herr der Gezeiten“ aus dem Jahre 1991 mit Barbara Streisand. In diesem Film fragt die Liebhaberin den Liebhaber bezüglich dessen Frau „Du liebst sie eben mehr als mich. Gib’s zu.“ Er antwortet „Nein Lowenstein, nur länger!“1

Aktuelle und zurückliegende Gefühle gehören zu unserer unverwechselbaren Geschichte unseres Lebens und fordern uns heraus, damit verantwortungsvoll umzugehen. Sie sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wie auch bei anderen Themen unseres Lebens spielt Verantwortung auch bei unseren erotischen und sexuellen Gefühlen eine wichtige Rolle. Eine moderne Übertragung des sechsten Gebotes macht das Thema Verantwortung zum zentralen Inhalt des uns geläufigen Wortlauts „Du sollst nicht ehebrechen.“ Diese moderne Übertragung richtet ihr Augenmerk vor allem auf den Inhalt einer Beziehung und nicht auf eine äußere Form. Damit nimmt es die Grundintention der Bibel für den Menschen auf, verantwortungsvoll vor Gott und den Menschen zu handeln. In dieser modernen Übertragung heißt das sechste Gebot: „Du sollst deine Verantwortung nicht von dir schieben.“2

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus! (Phil 4, 7)

Predigttext nach der Lutherübersetzung

1Mose 39:1 Josef wurde hinab nach Ägypten geführt, und Potifar, ein ägyptischer Mann, des Pharao Kämmerer und Oberster der Leibwache, kaufte ihn von den Ismaelitern, die ihn hinabgebracht hatten. 2 Und der Herr war mit Josef, sodass er ein Mann wurde, dem alles glückte. Und er war in seines Herrn, des Ägypters, Hause. 3 Und sein Herr sah, dass der Herr mit ihm war; denn alles, was er tat, das ließ der Herr in seiner Hand glücken, 4 sodass er Gnade fand vor seinem Herrn und sein Diener wurde. Der setzte ihn über sein Haus; und alles, was er hatte, tat er unter seine Hände. 5 Und von der Zeit an, da er ihn über sein Haus und alle seine Güter gesetzt hatte, segnete der Herr des Ägypters Haus um Josefs willen, und es war lauter Segen des Herrn in allem, was er hatte, zu Hause und auf dem Felde. 6 Darum ließ er alles unter Josefs Händen, was er hatte, und kümmerte sich, da er ihn hatte, um nichts außer um das, was er aß und trank. Und Josef war schön an Gestalt und hübsch von Angesicht. 7 Und es begab sich danach, dass seines Herrn Frau ihre Augen auf Josef warf und sprach: Lege dich zu mir! 8 Er weigerte sich aber und sprach zu ihr: Siehe, mein Herr kümmert sich, da er mich hat, um nichts, was im Hause ist, und alles, was er hat, das hat er unter meine Hände getan; 9 er ist in diesem Hause nicht größer als ich und er hat mir nichts vorenthalten außer dir, weil du seine Frau bist. Wie sollte ich denn nun ein solch großes Übel tun und gegen Gott sündigen? 10 Und sie bedrängte Josef mit solchen Worten täglich. Aber er gehorchte ihr nicht, dass er sich zu ihr legte und bei ihr wäre. 11 Es begab sich eines Tages, dass Josef in das Haus ging, seine Arbeit zu tun, und kein Mensch vom Gesinde des Hauses war dabei. 12 Und sie erwischte ihn bei seinem Kleid und sprach: Lege dich zu mir! Aber er ließ das Kleid in ihrer Hand und floh und lief zum Hause hinaus. 13 Als sie nun sah, dass er sein Kleid in ihrer Hand ließ und hinaus entfloh, 14 rief sie das Gesinde ihres Hauses und sprach zu ihnen: Seht, er hat uns den hebräischen Mann hergebracht, dass der seinen Mutwillen mit uns treibe. Er kam zu mir herein und wollte sich zu mir legen; aber ich rief mit lauter Stimme. 15 Und als er hörte, dass ich ein Geschrei machte und rief, da ließ er sein Kleid bei mir und floh und lief hinaus. 16 Und sie legte sein Kleid neben sich, bis sein Herr heimkam, 17 und sagte zu ihm ebendieselben Worte und sprach: Der hebräische Knecht, den du uns hergebracht hast, kam zu mir herein und wollte seinen Mutwillen mit mir treiben. 18 Als ich aber ein Geschrei machte und rief, da ließ er sein Kleid bei mir und floh hinaus. 19 Als sein Herr die Worte seiner Frau hörte, die sie ihm sagte und sprach: So hat dein Knecht an mir getan, wurde er sehr zornig. 20 Da nahm ihn sein Herr und legte ihn ins Gefängnis, in dem des Königs Gefangene waren.

1 Herr der Gezeiten. DVD 2009. 118. Minute.

2 stern (19.12.2001) Nr. 52, 49; vgl. 57, Nr. 4 (Caroline Link, Regisseurin)