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Predigt über 1. Mose 4,1-16

Jörg Beyer


Der zweite Sündenfall: Leben in einer gespaltenen Welt.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

Der Predigttext, der nach der Predigt-Ordnung unserer Landeskirche für den heutigen Sonntag vorgesehen ist, steht im 1. Mose 4, 1 - 16.

Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Laß uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als daß ich sie tragen könnte.
Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen und muß unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, daß mich totschlägt, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, daß ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Herr,
Dein Wort
macht das unmögliche möglich.
Darauf vertrauen wir.
So segne Dein Wort an uns,
auch wenn es nur
durch meine schwache Stimme
weitergeben wird.
AMEN

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus.

Willkommen in der Wirklichkeit. So ruft, ja schreit es uns unser heutiger Predigttext mitten ins Gesicht. Wir reden von Freude, Gemeinschaft, Liebe, Zeugnis und Hoffnung. Und doch: Die Bibel redet schon gleich am Anfang von Mord. Sie redet davon, dass der Mensch für den anderen Menschen ein Wolf ist, ihm alles nehmen möchte - sogar das Leben. Und wir? Wo leben wir?

Wenn ich es mir vorstelle: Die Wände unser Gallus-Kirche werden durchsichtig. Was sähen wir in einer solchen Kirche aus Glas? Da: Wir sähen die Kämpfe auf der philippinischen Insel Jolo, wir sähen die Opfer im früheren Jugoslawien, wir sähen die 31 Millionen Toten seit Beginn des Völkermords im Südsudan. Und dort: Wir sehen die Millionen Menschen, die jedes Jahr verhungern, Menschen in Ländern mit einer Lebenserwartung unter 40 Jahren. Alleine in Afrika sind derzeit 30 Millionen Menschen lebensbedrohlich unterernährt. Und dort: die Opfer der Todesstrafe, darunter so erschreckend viele, die Opfer eines Justizirrtums sind und als Jugendliche oder als Ausländer ohne Konsulatskontakt sogar menschen- und völkerrechtswidrig umgebracht werden, der letzte in Texas am Donnerstag. Und hier: Hunderttausende Opfer von Abtreibungen, alleine im Jahr 1999 in Deutschland waren es laut Statistik 130.471. Und: Die 95 Opfer brauner Unmenschlichkeit in Deutschland seit der Wiedervereinigung, die auch in der letzten Zeit die Schlagzeilen füllen.

Alles nahezu willkürlich Zahlen, die nicht gegeneinander verrechnet werden können: Und doch - unser Predigttext ist bedrückende Realität. Der Bericht über Kain und Abel ist weit mehr, als nur der Kriminalfall, bei dem ein Familienzwist tödlich endet. Ein Vorgang übrigens, der bis heute für die Mordkommissionen der Kripo Alltag ist.

Denn unser heutiger Predigttext steht als grundsätzliche Aussage an vierter Stelle in der ganzen Bibel:
-> Erstens - Gott ist Schöpfer und Anfang von allem.
-> Zweitens - Gott hat alles gut gemacht.
-> Drittens - der Mensch missbraucht die Freiheit, die ihm Gott gegeben hat und wendet sich gegen Gott.
-> Viertens - der Mensch missbraucht die Freiheit, die ihm Gott gegeben hat und wendet sich gegen andere Menschen.

Und wenn wir das im Licht des Doppelgebots der Liebe sehen: "Du sollst Gott lieben über alles" und "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst", Gebote, die für Jesus untrennbar waren, dann ist der erste Sündenfall der Bruch des ersten Teils von diesem Gebot. Der Bericht über Kain und Abel ist dann aber der zweite, grundsätzliche Sündenfall: Der gegen die Nächstenliebe.

Die Folgen sind bis heute Wirklichkeit, denn unter uns Menschen gibt es Täter und Opfer, die meisten sind beides zugleich: Eine Welt, in der es gilt zu fressen oder gefressen zu werden, auch wenn dies etwa beim Mobbing am Arbeitsplatz sehr subtil ablaufen kann: Wer von seinen Kolleginnen und Kollegen jeden Tag gezielt mit dem Satz begrüßt wird: 'Sehen Sie aber heute schlecht und überfordert aus', der wird irgendwann das Handtuch werfen, weil er es selbst glaubt. Oder wenn unter Schülern immer einer verhöhnt und verachtet wird, weil die Mitschüler auf das Geschwätz eines besonders einflussreichen Schülers hören, kann das einen jungen Menschen in den Selbstmord treiben. Oder auch in einer Kirchengemeinde, wenn dann so getuschelt wird: "Ha, was der macht, das ist aber auch nicht ganz recht", obwohl niemand etwas genaues weiß. Besonders schockiert hat mich ein Bericht der dpa vom Dienstag 25. Juli 2000, 14:25 Uhr aus New York - 'Mit einem neuen Spielzeug können Amerikaner jetzt in die Rolle eines Scharfrichters schlüpfen. Für umgerechnet 44 Mark liefert es einen elektrischen Stuhl und eine aus Comic-Heften bekannte Figur, den zum Tode verurteilten «Death Row Marv». Ein Hebel aktiviert den Batterie betriebenen Stuhl und versetzt «Marv» in einen wilden Todeskrampf. Seine Augen glühen rot, während er geröstet wird.' Ja die Erbsünde Kains ist gegenwärtig.

Und diese Welt ist ebenso Wirklichkeit wie die Gemeinschaft, die wir in Gottesdienst und Gemeinde zu Recht fröhlich miteinander feiern. Diese Wirklichkeit besteht, ob wir nun Gottesdienst in einer Kirche mit gläsernen Wänden halten oder als Christen den peinlichen Versuch unternehmen, vor dieser Welt zu fliehen, in dem wir uns in unser christliches Biedermeier-Stübchen zurückziehen. Denn wenn wir die Wände der Kirche undurchdringlich halten, dann hängt immer noch Jesus Christus - der Anfang unseres Christ-Seins - als Opfer mitten im Raum. Aber ebenso ist seine Auferstehung die grundlegende Wirklichkeit und Anlass zur Freude.

Doch was geschieht eigentlich? Am Anfang des eigentlichen Dramas steht für Kain die bittere Erkenntnis, dass Gott nur das Opfer von Abel annimmt. Und es ist an dieser Stelle erst einmal sehr wohl angebracht, Gott nach dem Warum zu fragen, auch wenn wir keine Antwort bekommen. Trotzdem hat Kain die Freiheit, die Situation anzunehmen oder nicht. ‚Wenn du fromm bist', also wenn du eine Gottesbeziehung hast, so heißt es, kannst du auch mit einer solchen Situation leben. Doch Kain sieht sich nur noch als den Zurückgestellten und er bleibt im wahrsten Sinne im Teufelskreis der Enttäuschungen. Er wird aus Neid zum Mörder am eigenen Bruder, statt sich mit Gott auseinander zu setzen. Gott verhindert die Tat nicht - und doch stellt er sich eindeutig auf die Seite des Opfers. Er vergilt nicht Mord mit Tötung und doch straft er durch das Leben, in dem Kain ziellos und gottlos durch die Lande irrt, in dem das Leben zur Strafe wird. Denn mit der Schuld leben, kann schlimmer sein als der Tod. So müssen wir, wenn wir den Bericht ernstnehmen, Fragen stellen:

-> Warum bewertet Gott das eine Opfer besser als das andere?
-> Warum überwindet Kain seine Enttäuschung nicht?
-> Warum tötet er den Bruder, statt mit Gott zu streiten?
-> Warum greift Gott nicht ein und rettet Abel?
-> Warum tötet Gott Kain nicht?
-> Und: Haben wir nicht alle von Gott zuviel Freiheit erhalten, wenn solche Taten möglich sind?

Ja: Muss das eine Freiheit sein, liebe Schwestern und Brüder im Herrn. Muss das eine Freiheit sein, die es Kain erlaubt, seinen Bruder Abel aus Neid zu ermorden. Es ist eine Freiheit, die in ihrer Unermesslichkeit fasziniert und in ihren Folgen blankes Entsetzten auslösen kann. Und doch: Ich möchte diesen zentralen Bericht des ersten Testaments unter die Überschrift Freiheit stellen. Denn alle genannten Fragen sind Fragen an die Freiheit: An die Freiheit Gottes und an die Freiheit des Menschen. Die eigene Freiheit nehmen wir ja gerne in Anspruch, solange sie nicht mit Verbindlichkeiten verknüpft ist. Doch die Freiheit Gottes? Welche Wirklichkeit begegnet uns in seiner Freiheit?

Gott erscheint unverständlich, weil er den einen annimmt, den anderen nicht. Gott erscheint unverständlich, wenn ein Kind durch einen so tragischen Unfall, wie den am Weilheimer Bahnübergang letzte Woche, ums Leben kommt. Zugleich vegetiert ein anderer Mensch mit 99 nur noch vor sich hin und würde so gerne sterben. Und es bleibt das Unverständnis, wenn wir in der Kirche der gläsernen Wände einen Blick auf die Opfer werfen. Wir tun gut daran, diese Ratlosigkeit zu benennen, auch zu vor Gott zu beklagen.

Und doch - um es mit einem Satz aus dem Predigtvorbereitungsgespräch zusammenzufassen: Warum gestehen wir Gott nicht die selbe Freiheit zu, die wir für uns so gerne beanspruchen? Warum erkennen wir nicht die Wirklichkeit, die Jeremia in seinem Töpfergleichnis beschreibt? Warum gestehen wir IHM diese Freiheit nicht zu, in dem Vertrauen, dass er als Schöpfer und als Herr von Raum und Zeit eine andere Sicht, eine andere Wirklichkeit und eine andere Zukunft für uns hat eine, die wir noch nicht einmal erahnen.

Dies hat nichts mit einem fatalistischen Vorherbestimmungs-Denken zu tun, das beispielsweise weite Bereiche des Islam charakterisiert. Wir sind nicht Gottes Roboter, die auf einer gigantischen Bühne wie Marionetten an Fäden geführt werden. Gott schuf den Menschen als sein Abbild, das heißt vielmehr: Gott hat sich die Freiheit genommen, mit dem Menschen ein freies Gegenüber zu schaffen und keine Marionette. Das schließt ein, dass er Morde geschehen lässt, weil er keine Marionetten will. Und trotzdem steht dieser Gott immer auf der Seite der Opfer. Denn er will keine Marionetten, wohl aber will er Menschen, die ihre Freiheit in Verantwortung gebrauchen - auch Kain hatte diese Chance.

Diese Verantwortung ist immer meine ganz persönliche Verantwortung. Denn wir sind seit Adam und Eva, seit Kain und Abel gemeinsam zur Schuld fähig. Und wir werden seit Adam und Eva, seit Kain und Abel immer wieder schuldig, weil keiner von uns seiner Verantwortung immer gerecht wird. Aber diese Verantwortung ist immer meine ganz persönliche Verantwortung vor Gott, nach der Gott mich bewertet. Wer aber - wie es heute vielfach wieder geschieht - Verantwortung an die Gruppe, an Nationen und an andere Menschengruppen oder Menschenmassen vergibt, der betreibt völkische Theologie. Der betreibt eine Theologie, die es dem einzelnen erlaubt, sich vor seine Verantwortung zu drücken und sich dahinter zu verstecken, dass ich ja als einzelner doch nichts ändern kann. Doch Gott fragt uns immer wieder: "Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie." Das ist die Freiheit, die Gott für uns will, denn wir sind nicht an seinen Marionetten-Fäden aufgehängt. Oder um es mit Dietrich Bonhoeffer auszudrücken: "Frei sein heißt nichts anderes, als in der Liebe sein." Um es fortzuführen: In der Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst. Das heißt dann aber auch: Tun und lassen was ich will und wann ich will ist keine Freiheit, die meiner Verantwortung vor Gott und den Menschen gerecht wird.

Und es heißt - und das mag bitter sein: Seine Maßstäbe annehmen, auch da, wo ich meine, zu kurz zu kommen. Seine Maßstäbe annehmen, auch wenn ich das Gefühl habe, gerade auch vor Gott zu kurz zu kommen.

Was ist, wenn mir ein neuer Vorgesetzter vor die Nase gesetzt wird, wenn ich doch meine, ich könnte die Stelle viel besser ausfüllen? Helfe ich mit beim Mobbing?

Was ist, wenn in der Schule mein Nachbar die besseren Noten hat, obwohl ich meine, dass ich klüger bin? Schwärze ich ihn bei Mitschülern und Lehrern an? Was ist, wenn mein Nachbar, mein Bruder, meine Schwester, mein... und ich den Eindruck habe, Gott und das Leben sind ungerecht? Bekommen solche Ereignisse Macht über mich? Oder lasse ich mir von Gott zurufen: "Sünde ist vor der Tür: Herrsche über sie." Du hast die Freiheit das abzuwenden. Du hast die Freiheit, Gott auch deine zornigen Fragen entgegenzustrecken.

Oder lassen wir uns vormachen, menschliches Leben sei Manövrier-Masse, wenn es um Hunger, Krieg, Menschenrechte, Todesstrafe, Abtreibung, Rassismus oder andere Formen der Gewalt geht? Jedes Opfer von Hunger, Krieg, Menschenrechtsverletzungen, To-desstrafe, Abtreibung, Rassismus oder anderen Formen der Gewalt ist ein Abel. Und Gott fragt uns: "wo ist dein Bruder", wo ist Deine Schwester? Welche Antwort haben wir? So bleibt letztlich die Frage an jeden von uns: "Wo bin ich zu Kain geworden?"

Die Antworten auf den Gebrauch unserer Freiheit ist vielschichtig. Denn wer von uns, die wir den Zweiten Weltkrieg nicht als Soldaten erleiden mussten, hat schon einmal vor der Situation gestanden, einen Menschen zu töten? Doch wir sind verstrickt in das allzumenschliche, dass den Mitmenschen zum Abel macht.

Wir sind als Teil unserer Gesellschaft ebenso in Kriege verstrickt, insbesondere im früheren Jugoslawien. Wir sind verstrickt in eine globale Wirtschaft, in der sehr viele Menschen auf der Strecke bleiben und manche sogar mit dem Hungertod zahlen. Wir sind verstrickt und stehen nie mit weißer Weste vor Gott.

Hier dürfen wir als Christen eines mitnehmen: Nicht unser Scheitern, nicht die Grenzen unserer Kraft, nicht die Zwänge aller Verstrickungen des Lebens und der Gesellschaft haben das letzte Wort. Das letzte Wort hat der Gott, der uns in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi endgültig Leben gegeben hat. Und damit kann sich auch die Sicht auf Kain und Abel ändern. Denn ohne die Auferstehung ist Jesus der zweite oder der abermillionste Abel. Die Auferstehung stellt aber alles in ein neues Licht - nur nicht ins Biedermeier-Stübchen.

Deshalb ist es auch eine kaum überbietbare Tragik, dass in unserer evangelischen Konfession als ganzer der Glaube an die Bedeutung von Kreuz und Auferstehung in der Praxis kein verbindlicher Glaubensbestandteil mehr ist. Ich verweise hier nur auf das Ergebnis der württembergischen Synodentagung zum Thema: "Das Ärgernis des Kreuzes". Im Vergleich dazu ist die jüngste Erklärung der römischen Konfession erfreulich eindeutig. Ansonsten ist sie ein schlimmer Rückschritt zu einer gottlosen Heim-ins-Reich-Öku-me-ne, die menschliche Allmachts-Ansprüche mit biblisch fundiertem Glauben verwechselt. Gott sei Dank gibt es in der römischen Konfession viele Christen, deren oberster Maßstab nicht Rom sonder Jesus Christus ist - so wie es in unserer Konfession viele gibt, für die Kreuz und Auferstehung unverzichtbar sind.

Denn nur durch Leben, Kreuz und Auferstehung Jesu Christi können wir Hoffnung haben, dass Gott über all die Unverständlichkeiten hinaus seine und unsere Freiheit in einen viel größeren Zusammenhang stellt und Leben gibt, ewiges Leben gibt. Diese Hoffnung stellt Gottes und unsere Freiheit in ein anderes Licht. Diese Hoffnung macht uns zu einem Handeln fähig, dass die Liebe Gottes zu den Opfern ernst nimmt. Und wir leben - Gott sei Dank - in einem Staat, der diese Liebe zumindest im Grundgesetz zum Maßstab gemacht hat: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Diese Liebe Gottes, die er uns in Jesus Christus gezeigt hat, können wir annehmen. Diese Liebe macht uns zur Freiheit fähig. Und sie trägt uns, wo wir versagen. Jeder von uns kann diese Liebe heute annehmen - ein erstes Mal in seinem Leben ebenso wie zum unzähligsten Mal. Wer aus dieser Liebe lebt, hat ein Biedermeier-Stübchen gar nicht mehr nötig. Wir leben und erleben - um den Leitgedanken der Predigt vom letzten Sonntag aufzunehmen - immer in zwei Welten und müssen das aushalten.

Deshalb reicht es nicht, in unseren Gottesdiensten nur Happy-Clappy-Church zu sein, wie es die Engländer sagen: Jene Form von Gemeinde, in der jeder allezeit fröhlich zu sein hat. Wo mit fröhlichen Liedchen und glatten Predigten eine heile Welt vorgegaukelt wird. Nein, wir leben in einer gespaltenen Welt, in der die Sünde Kains lebendig ist. Das muss auch in Gottesdienst und Hauskreis zur Sprache kommen. Und es reicht auch nicht, wenn wir uns in ein klerikales Disneyland zurückziehen, in dem wir nur unsere Familie und diejenigen Christen wahrnehmen, die uns möglichst ähnlich sind. Verschwenden wir nicht zuviel Lebenszeit darauf uns und unser Häuschen füreinander und für unsere Kinderlein hübsch zu machen. Verschwenden wir nicht zuviel Energie auf die Pflege einer Kuschel-Muschel-Wohlfühlkirche.

Denn wer Gottes Liebe annimmt, der hält es aus, in einer gespaltenen Welt zu leben - so wie Jesus und die Propheten es taten. Er hält es aus, aber er wird immer daran leiden. Wer nicht an der Zerissenheit der in unsrer Freiheit misshandelten Welt leidet, ist seelisch tot. Wer aber Gottes Liebe annimmt, der hält eine Kirche mit gläsernen Wänden aus und hat trotzdem allen Grund in ihr Lobpreis-Lieder zu singen. Er kann sich im privaten und in der Gesellschaft für die Opfer engagieren, weil er weiß, dass er nicht alles erreichen kann und nicht alles erreichen muss. Das macht uns zu lebendigen Brücken in einer gespalten Welt. Denn wir kennen den Segen und den Jubel einer heilen Welt. Denn Gott hat uns sein Heil verkündet. Deshalb können wir eine Brücke dahin bauen, wo Menschen an Menschen leiden, weil Freiheit missbraucht wurde und dort Zeichen der Hoffnung setzen.

Denn Gott hat uns durch Jesus Christus eine Wirklichkeit verheißen, die Adam und Eva, Kain und Abel ein für allemal hinter uns lässt. Daraus dürfen wir leben.

Das wollen wir feiern. In unserem Leben und in diesem Gottesdienst.

AMEN