Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 4,1-16

Pfarrer Martin Franke

10.09.2006 in Blofeld und Dauernheim

Gnade sei mit euch – und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
(oder: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.)

Liebe Gemeinde!

Ich bin nicht schuld, dass es so gekommen ist. Ich bin nicht schuld. Aber ich wusste ja schon immer, dass aus meinem ältesten Sohn Kain nichts werden würde. Er war einfach verwöhnt von seiner Mutter.
Nein, ich mache ihr keine Vorwürfe, wirklich nicht. Sie war halt stolz auf ihren ersten Sohn. Die erste Geburt ist immer etwas Besonderes. Und wie viel mehr war es diese. Wir hatten das alles ja noch nie mitgemacht. Wir konnten uns ja gar nicht vorstellen, wie das ist, dass ein Mensch auf die Welt kommt – schließlich war es die allererste Geburt eines Menschen auf Erden.
Natürlich wussten meine Frau Eva und ich, wie Tiere sich fortpflanzen und dass ihre Jungen auch ein wenig kleiner und schutzbedürftig auf die Welt kommen. Darauf waren wir eingerichtet. Aber nach ein paar Monaten sind sie dann alle doch flügge, stehen auf eigenen Beinen und verlassen das Nest.
Bei Kain war das völlig anders. Ein so unselbstständiges Wesen hatte ich noch nie gesehen. Nach seiner Geburt lag er nicht still im Gras, wie das die Lämmer tun, nachdem sie zweimal genießt haben und von ihrer Mutter sauber geleckt wurden. Nein, er schrie wie am Spieß! Es war Ohren betäubend.
Später machte er hingegen wenig Anstalten, aufzustehen und sich selbstständig zu bewegen. Strampelte nur wild herum und schrie, wenn er Hunger hatte oder manchmal auch ganz unmotiviert. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Schließlich brauchte ich dringend Hilfe auf dem Feld. Die Arbeit ist hart und ich bin alt geworden. Ich konnte unsere kleine Familie gar nicht mehr von meiner Hände Arbeit ernähren. Das Kind, das Gott uns vorhergesagt hatte, sollte mir eine Hilfe sein – nachdem ich schon mühsam unseren Lebensunterhalt verdienen musste, seit wir aus dem Garten vertrieben worden waren.

Nach einiger Zeit krabbelte Kain immerhin durch die Gegend. Erst langsam, dann etwas schneller, aber nie konnte er etwas helfen, weil er immer die Hände voll hatte oder sich abstützen musste.
Überhaupt war Kain völlig unfähig. Als er Gehen lernte stolperte er schon nach dem ersten Schritt, setzte sich auf den Hosenboden und schrie. Auch meine Versuche, ihn zu fördern scheiterten: An der Sense, die ich ihm hinlegte, damit er üben könnte, hat er sich nur geschnitten. Und für den Pflug interessierte er sich gar nicht erst. Statt dessen spielte er noch mit drei Jahren mit wertlosen Kieselsteinen!

Seine Mutter ihn immer in Schutz genommen und getröstet. Dabei war doch längst abzusehen, dass er nie allein etwas hinbekommen würde.
Sein erstes Wort war nicht etwa „Essen“ oder „Schaf“ oder „Pflug“ oder „Gott“ oder irgendetwas Sinnvolles. Sein erstes Wort war „Mama“. Später kam noch „Eva“ hinzu: Mutter der Lebenden.
Ich gebe zu, dass ich zum ersten Mal etwas eifersüchtig wurde – Kain war völlig mutterfixiert. Für seinen Vater, der schließlich jeden Abend das Essen nach Hause brachte, interessierte er sich kaum: Morgens schlief er noch und abends gähnte er schon.

Als er fünf Jahre alt wurde schenkte meine Frau Eva ihrem Sohn eine kleine Lyra. Sie hatte sie selbst aus Weidenzweigen und Hammelsehnen gebaut. Mit unterschiedlich langen Saiten – so ein Zeitvertreib halt, wie Frauen ihn zu tun pflegen, wenn sie nicht gerade kochen oder Mehl mahlen: völlig überflüssig, aber manchmal ganz nett.
Kain war begeistert. Stundenlang konnte er unterschiedliche Töne anzupfen. Es klang ziemlich schräg. Er wiederholte einige Tonfolgen, nur dass sie immer kürzer wurden. An der mittleren Saite hatte Eva einen kleinen blauen Stein befestigt. Sie hatte ihn auf irgendeiner unserer Reisen gefunden und aus unerfindlichen Gründen lange aufbewahrt. Nachdem Kain alle Saiten in unterschiedlicher Reihenfolge gezupft hatte, schlug er schließlich nur noch diese eine Saite mit einem tiefen, vollen Klang an. Stunden-, nein!, tagelang. Immer nur einen Ton! Können Sie sich das vorstellen?!

Da ist mir der Geduldsfaden gerissen: Ich packte Kain und schleppte ihn auf das Feld. Er sollte endlich mit anpacken. Von nichts kommt schließlich nichts. Ich gab ihm den kleineren Pflug, Aber schon nach einer Furche brach er zusammen – und war auch durch Fußtritte nicht mehr zum Aufstehen zu bewegen.
Seitdem wurde er noch schweigsamer als er eh schon war.
 
Mir kann man nun wirklich keine Vorwürfe machen: Ich habe meine Frau und meine Kinder immer gefördert, gerecht behandelt und sie auch kaum geschlagen: Nur wenn es wirklich nötig war – höchstens einmal die Woche. Das hat dann wieder ausgereicht für eine Weile. Am besten ist es am Freitagabend – dann wird der Sabbat wirklich ein Ruhetag, so wie es Gott uns aufgetragen hatte.

Inzwischen war Eva wieder schwanger geworden, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte. Noch so einen Taugenichts wollte ich nicht in der Familie haben.
Aber Abel wurde völlig anders. Zwar brauchte auch er lange, bis er laufen und sprechen konnte, aber das war ich ja schon gewohnt. Hatte Kain sich kaum von der Seite seiner Mutter entfernt, so trieb es Abel, sobald er krabbeln konnte, aus dem Zelt: Alles schien ihn zu faszinieren. Er versuchte Schmetterlinge zu fangen und Fliegen. Mehrmals musste ich ihn vor einer Schlange retten, auf die er allzu furchtlos zulief.

Als Abel dreieinhalb Jahre alt war, lief ein Ziegenbock von der kleinen Herde weg, die Kain nur sehr nachlässig eingepfercht hatte.
Er lief direkt auf das Zelt zu, vor dem Abel spielte. Ich war zu weit weg, um etwas zu unternehmen. Abel hätte ja aufstehen und weglaufen können – oder den Ziegenbock erschrecken. Aber er tat nichts davon. Er blieb einfach sitzen und sah den Bock an. Der Bock  senkte seinen Kopf und stürmte auf ihn zu. Aber er blieb sitzen, als würde er überhaupt nicht begreifen, dass der Zusammenprall schmerzhaft sein könnte. Ich malte mir schon die lebensgefährlichen Verletzungen aus, die Abel davontragen würde, wenn der Bock ihn auf die Hörner nähme. Doch Abel blickte den Ziegenbock nur fasziniert an.
Dann geschah etwas Unerwartetes. Ich habe niemanden gesehen, aber es war, als hätte Gott selbst eingegriffen, um Abel zu schützen: Kurz bevor der Bock direkt in Abels Seite geprallt wäre – er war nur noch ein oder zwei Meter entfernt, blieb er plötzlich stehen: Er hob den Kopf, sah Abel an – und ging davon.

Seit diesem Tag liebte Abel die Ziegen. Wann immer er konnte, wollte er hinaus zu den Herden. Seiner Mutter ließ er keine Ruhe. Sofort nach dem Aufwachen, musste er raus zu den Ziegen und Schafen.
Kein Wunder das er Hirte wurde – und was für einer! Er kennt jedes seiner Tiere einzeln. Er hört jeden Schakal, der sich nachts anschleicht – und ist meist schneller als die Hunde wach. Vor allem aber vermehren sich die Tiere bei ihm gut. Mit zehn Ziegen und sieben Schafen haben wir angefangen. Jetzt sind es schon acht dutzend!

Nach und nach habe ich Abel die Aufsicht über alle Schafe und Ziegen übertragen. Er ist der beste Schäfer, den ich kenne. Während Kain aus seinem Acker kaum etwas herauskriegt als erdig schmeckende Rüben und die Feldfrüchte verdorren lässt, bringt uns Abel außer Schafsbraten und Milch auch noch die Wolle mit heim.
Ist es ein Wunder, dass er mein Lieblingssohn ist?

Der Sommer war nicht gut: Erst war es zu heiß und dann haben Gewitter die Kornernte verhagelt. Trotzdem muss man Gott danken – und so haben wir neulich das Erntefest gefeiert.
Ich trug Kain und Abel auf, zwei Festopfer zu unserem Steinaltar zu bringen. Nach althergebrachten Regeln dürfen wir alles essen, was nach zwei Stunden nicht verbrannt ist. Gott schenkt uns sozusagen die Reste von seinem Mahl.

Als Ältester war Kain natürlich zuerst dran: Er legte einen Ballen Stroh, eine Handvoll mickriger Emmer-Körner und drei Rüben auf den Altar. Sie verbrannten im Handumdrehen. Die Asche wurde sofort vom Wind verweht.
Dann kam Abel: Er hatte seinen schönsten Hammel geschlachtet und noch eine stattliche Ziege. Es roch so herrlich, als er das Feuer anzündete. Das Fett tropfte ins Feuer und das Fleisch wurde dunkler. Nach zwei Stunden blieben ein saftiger Hammelbraten und geröstetes Ziegenfleisch übrig. Gott hatte es gut mit uns gemeint: Ihm schien das Opfer gefallen zu haben – wir speisten köstlich und wurden alle satt.

Natürlich lobte ich Abel, der das Feuer so geschickt gelegt hatte und uns ein solches Festessen zubereitet hatte. Von Kains Früchten war ja nichts übrig geblieben.
Immerhin war noch ein Rest Gersten-Bier vom Frühjahr übrig, so dass der Abend noch lustig wurde. Nur Kain trank nicht mit. Auch vom Fleisch nahm er kaum etwas. Seit Jahren hatte er sich angewöhnt, draußen auf dem Feld zu essen und nicht heimzukommen. Er ist schon fast ein Vegetarier geworden – dabei hat Gott uns doch erlaubt, Fleisch zu essen. Er ist einfach nicht ganz richtig im Kopf.

Hätte ich denn ahnen können, was dieser Geisteskranke tun würde? Hätte ich Kain einsperren sollen? Nein, ich bin nicht schuld, ich habe meine Söhne immer gleich behandelt. Was kann ich denn dafür, dass der eine ein guter Hirte wurde, der andere aber ein miserabler Landwirt? Was kann ich denn dafür, dass Gott Abels Opfer offensichtlich gern und segensreich annahm, aber Kains Opfer zu Staub verbrannte?

Am nächsten Tag kam Abel nicht zum Abendbrot. Seine verlassenen Schafe blökten und die Hunde sprangen verwirrt umher.
Ich konnte ja nicht wissen, dass Kain so völlig durchdrehen würde. Ich wollte ihn fragen, ob er seinen Bruder gesehen habe. Aber als ich auf dem Feld nach ihm suchte, war er nicht da. Dafür fand ich meinen Zweitgeborenen: erschlagen in seinem Blut liegend. Daneben Kains Pflug, das Instrument, das er immer gehasst hatte.

Gestern haben wir Abel begraben. Von Kain haben wir nichts mehr gehört. Eva, meine Frau, will nichts mehr essen. Sie spricht nicht mehr mit mir. Auf ihrem Kopfkissen hat sie die Lyra mit dem blauen Stein gefunden. Ich weiß nicht, was das bedeutet.
Vermutlich lebt Kain noch – aber wer wollte noch mit einem Mörder zutun haben? Er soll sich ja nicht wieder hier blicken lassen!
 
Jetzt muss ich sowieso wieder allein raus aufs Feld – nur weil ich einen Geisteskranken als Sohn hatte. Jetzt habe ich keinen mehr.
Die Schafe blöken.

Ich bin nicht schuld. Ich habe beide immer gerecht behandelt.
Ach so, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Ich bin Adam – das heißt „der Mensch“.


So schrecklich und so brutal ist die Geschichte von Kain, dem ersten Sohn eines Menschen. Gott aber unterbricht die Ketten der Gewalttätigkeit. Niemanden bestraft er auf ewig. Keinem gibt er eine untragbare Strafe und keine Strafe wird vererbt – damit niemand die Gewalt, die er erlitten hat, noch weitergeben muss.
Darum hat Gott auch Kain, den Brudermörder, ein neues Leben beginnen lassen. Er hat ihn durch ein Zeichen geschützt, ja, man kann sagen, „gesegnet“.
Hört die alte Geschichte, wie sie uns im ersten Buch der Bibel im vierten Kapitel überliefert ist:

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN.
2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.
3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den [a] Früchten des Feldes.
4 Und auch Abel brachte von den [a] Erstlingen seiner Herde und von ihrem [b] Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,
5 aber Kain und sein Opfer [a] sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.
6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?
7 Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so [a] lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber [b] herrsche über sie.
8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Laß uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. [a]
9 Da sprach der HERR zu Kain: [a] Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?
10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die [a] Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. [a]
12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.
13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als daß ich sie tragen könnte.[A]
14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und [a] ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen und muß unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, daß mich totschlägt, wer mich findet.
15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein [a] Zeichen an Kain, daß ihn niemand erschlüge, der ihn fände.
16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.