Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 4,1-16

Roland Klose (kath.)

11.09.2008

Kain und Abel im Lichte des 11. Septembers 2001

Caritas-Sonntag

„Liebe Mitglieder der Caritas, hochverehrte Anwesende und Menschen guten Willens,

heute, am 7. Jahrestag des 11. Septembers 2001, möchte ich ihnen eine altbekannte Geschichte aus dem Alten Testament erzählen und diese im Lichte einer rasant sich verändernden, globalisierten Welt neu interpretieren:

Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau,
und sie wurde schwanger und gebar Kain.
Und sie sprach: Mit YHWH habe ich einen Mann erworben.
Und weiter gebar sie Abel, seinen Bruder.
Abel hütet Ziegen und Schafe, Kain bestellte den Ackerboden.

Und nach vielen Jahren geschah es:
Kain brachte von den Früchten des Ackerbodens eine Gabe dar für YHWH.
Und Abel brachte vom ersten Wurf seiner Tiere die Eingeweide dar.
Und es sah YHWH auf Abel und seine Gabe,
auf Kain und seine Gabe aber sah er nicht.
Da geriet Kain in Zorn und schaute unter sich.

Da sprach YHWH zu Kain:
Warum gerätst du in Zorn, und warum schaust du unter dich?
Ist es nicht so: Wenn dein Herz frei von Bosheit ist, kannst du aufschauen.
Wenn aber dein Herz Böses will, steht die Sünde vor der Tür wie einer, der
dir auflauert.
Auf dich hat sie es abgesehen, aber du solltest sie bezwingen.

Und Kain sprach zu Abel, seinem Bruder: Lass uns aufs Feld gehen! Als sie
auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder, und tötete
Ihn.

Da sprach YHWH zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder?
Er entgegnete: Ich weiß es nicht.
Bin ich der Hüter meines Bruders?
Und er sprach: Was hast du getan?
Die Stimme des Bluts deines Bruders, sie schreit zu mir vom Ackerboden.
Von jetzt an gilt: Verflucht bist du, vertrieben vom Ackerboden,
der das Blut deines Bruders trinken musste aus deiner Hand.
Wenn du den Ackerboden bestellst,
soll er dir seine Kraft verweigern.
Ohne Heimat und Ziel sollst du auf Erden umherirren.
Und Kain sprach zu YHWH:
Zu groß meine Schuld, zu schwer meine Strafe,
ich kann sie nicht tragen.
Sieh: du vertreibst mich vom Ackerboden.
Und vor deinem Angesicht muss ich mich verbergen.
Ohne Heimat und Ziel muss ich auf Erden umherirren.
Und jeder, der mich trifft, er kann mich töten.
Und YHWH sprach zu ihm: So nicht:
Wer Kain erschlägt, siebenfache Rache soll er spüren.

Und YHWH versah Kain mit einem Zeichen, damit ihn keiner erschlüge, der
ihn träfe.

Und Kain ging weg aus dem Angesicht YHWHs,
und er ließ sich nieder im Land Nod, östlich von Eden.

Bei Kain und Abel handelt es sich um zwei rivalisierende Brüder, wobei Kain dem Abel nicht wirklich Bruder ist, da seine Beziehung zu ihm durch Konkurrenzdenken geprägt ist. Der Erstgeborene Kain fühlt sich von Gott ungerecht behandelt, weil er das Opfer des Nesthäkchens Abel seinem anscheinend vorzieht. Die Geschichte von Kain und Abel und ihrem Verhältnis zu dem Schöpfer des Himmels und der Erde, mögen wir ihm auch recht unterschiedliche Namen wie z. B. Jahwe, Gott und Allah geben, ist in der Vergangenheit, insbesondere von den abrahamitischen Weltreligionen, recht unterschiedlich und vor allem subjektiv ausgelegt worden. Fakt ist aber, mit Kain und Abel kam die Gewalt, Unfrieden und Krieg auf unsere Erde. Exemplarisch dafür möchte ich aus römisch-katholischer Sicht den Aufruf Papst Urbans II. im Jahre 1095 auf der Synode von Clermont zum Heiligen Krieg u. a. um Jerusalem nennen: den Beginn der sog. Kreuzzüge. Das war ein großer Sündenfall, der noch heute in gewisser Weise besonders das Verhältnis zum Islam betrübt. Denn, es gibt kein menschlich vernünftiges Motiv, das einen Heiligen Krieg oder einen Dschihad rechtfertigt. So ist die Geschichte von Kain und Abel bisher auch immer ein ständiges, neidvolles Buhlen um die Gunst, Liebe und unmittelbare Nähe zu unserem Schöpfergott gewesen. Dabei glauben alle Religionen, im Besitz der einen, einzigartigen Wahrheit des Schöpfergottes zu ein. Diese Grundeinstellung hat auf unserem Planeten tiefe Spuren der Gewalt hinterlassen. In den gewalttätigen Konflikten zwischen den Nationen und Kulturen haben die Religionen dabei oft eine nicht vorbildhafte und keineswegs untergeordnete Hauptrolle gespielt. Auf diesem Wege schlüpften in der Geschichte der Menschheit Schwestern und Brüder des Planeten Erde abwechselnd in die Rollen von Kain oder Abel und beschimpften sich als Ungläubige, um als angeblich gläubige Menschen wieder in den Paradiesgarten Eden zu gelangen. Ein Irrweg, der ein für allemal und endgültig verlassen werden muss.

Am 11. September 2001 begann das Drama unseres noch jungen 3. Jahrtausends, als zwei Passagierflugzeuge in das World Trade Center flogen und so Tausende von unschuldigen Menschen ihr Leben lassen mussten. Religiös motivierter Extremismus, der sich auf dem Fundament des Massenmordes gründet, kann unsere Welt niemals zum Guten hin verändern. Die Attentäter des 11.9.2001 tragen daher allesamt das Kainsmal auf ihrer Stirn, welches sie ein Leben lang begleiten wird, da sie auch wie Kain im Angesicht Gottes gemordet hatten. Für sie gibt es kein durch Gewaltanwendung erzwungenes Anrecht auf einen Märtyrertod und die anschließende Aufnahme in den Paradiesgarten Eden. Die Attentäter des 11.9.2001 sind vielmehr die verlorenen Söhne des Schöpfergottes, weil ihre Herzen nicht frei von Bosheit und Hass auf ihre anderen Brüder und Schwestern sind, denen es wirtschaftlich und gesellschaftlich besser geht als ihnen. Wie Kain werden die Attentäter des 11.9.2001 zu Verbrechern, weil sie sich weigern, der ganzen Menschheit wirklich Bruder zu sein. Insofern ist der 11. September 2001 der Beginn eines Familiendramas und Traumas. Deshalb rufe ich hiermit die Mitglieder von Al Kaida auf, ihre terroristischen Aktionen umgehend zu beenden, damit ein wirklich offener Dialog über die Gründe ihrer verabscheuungswürdigen Taten geführt werden kann.

Alle Ungerechtigkeiten dieser Welt legitimieren nicht den Einsatz massiver Gewalt. Wenn es Ungerechtigkeit in der Welt gibt, so ist es Aufgabe der Völkergemeinschaft, diese durch eine neue gerechtere Weltwirtschaftsordnung zu beseitigen. Dafür ist es allerdings erforderlich, dass die Menschheit sich einig ist und an einem Strang zieht. Denn, nur so können die drängenden Probleme der Menschheit gemeinsam angepackt und gelöst werden. Herr Prof. Dr. Hans Küng (*1928) hat deshalb eine wunderbare Organisation ins Leben gerufen: die „Stiftung Weltethos“. Sein Weltethos lautet: „Kein Friede zwischen den Nationen ohne Frieden zwischen den Religionen! Kein Friede zwischen den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen! Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Standards! Kein Überleben unseres Globus ohne ein globales Ethos, ein Weltethos, gemeinsam getragen von religiösen und nicht-religiösen Menschen!“ Hierzu gibt es keine Alternative. Wenn wir dieses Weltethos verinnerlichen und umsetzen wollen, nur dann können wir dauerhaften Frieden schaffen ohne Waffen. Im Geiste der vorgelebten Gewaltlosigkeit Jesu Christi und z. B. eines Mahatma Ghandis wird es uns so gelingen, den Gewaltkreislauf durchbrechen zu können. Deshalb möchte ich für die ganze Menschheit ein Trommler für Frieden und Gerechtigkeit sein. Wir brauchen nämlich keine Kriegswaffen, um miteinander leben zu können. Diesbezüglich muss sich die Menschheit meines Erachtens ganz ihrer universalen Vertretung und Weltpolizei, den Vereinten Nationen, unterordnen, um überleben zu können. Unter dem Dach der UNO müssen alle wichtigen Entscheidungen dieser Welt gefällt werden. Dazu gehört insbesondere die Verhinderung von Kriegen, der Schutz der verbrieften Menschenrechte und der Klimaschutz auf unserem Planeten. Beachten Sie aber unbedingt, eine noch so „umweltfreundliche“ Produktion und Anwendung von Kriegswaffen schadet letztendlich den Menschen und auch dem Weltklima. Wenn wir endlich einsehen, dass wir unseren natürlichen Lebensraum durch einen gefährlich ansteigenden CO2-Ausstoß bzw. unnötige Kriege und Gewaltakte sinnlos zerstören, dann haben wir noch eine Chance, bei stetig wachsender Weltbevölkerung und immer knapper werdenden Ressourcen einen gemeinsamen Ausweg zu suchen und zu finden, der allen auf der Erde lebenden Menschen gerecht wird.

Aus diesem Grund möchte ich alle Menschen auf unserer Erde heute dazu aufrufen, überall dort, wo gewalttätige Konflikte drohen oder bereits vorhanden sind, wenn es irgendwie möglich ist, als neutrale Vermittler zwischen Kain und Abel aufzutreten und so einen ganz persönlichen Beitrag für eine bessere und friedvollere Welt zu leisten. Denn, ich habe wie der große, gewaltlose Bürgerrechtler und Baptistenprediger Martin Luther King (1929-68) einen Traum, dass eines Tages die Menschen unterschiedlichster Nationen, Religionen, Kulturen, Geschlechter und Hautfarben gleichberechtigt und friedlich vereint ein gemeinsames Fest feiern. Ein Fest der Liebe und Barmherzigkeit, das in Jerusalem - der Stadt des Friedens - stattfinden soll. Mein Traum ist es, dass dieses Fest nahtlos vom irdischen in das himmlische Jerusalem übergehen möge. Dafür will ich mich gerne einsetzen. Deshalb bitte ich hiermit alle Nationen, Religionen und Kulturen, besonders die Vereinigten Staaten von Amerika und die Vereinten Nationen, um ihre tatkräftige Unterstützung. Träumen Sie mit mir gemeinsam diesen Traum, damit er mit Gottes Hilfe endlich Wirklichkeit werden kann. Lassen Sie uns in Gerechtigkeit und Frieden Hüter all unserer Schwestern und Brüder auf dem ganzen Erdball werden, wie Kain Hüter seines Bruders Abel sein sollte. Gebt Ihr allen Menschen das, was sie für ein menschenwürdiges Leben benötigen. Unser Schöpfergott sei mit Ihnen allen und schütze sie. Ich bedanke mich für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit.“