Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 4,1-16a

Eberhard Iskraut

10.09.2006 in Berlin-Adlershof

Liebe Gemeinde!

Der 13. Sonntag nach Trin. hat die Nächstenliebe zum Thema. Der Wochenspruch redet davon, das Wochenlied genauso, auch die Epistel und das Evangelium. Aber der Predigttext redet von Mord und Totschlag. Mich ärgert noch etwas am heutigen Predigttext: Von Kindheit an frage ich mich: Was ist das eigentlich für ein Gott, der das Opfer des einen gnädig ansieht, das Opfer des anderen aber nicht! So, jetzt habe ich meinen Ärger abgelassen. Jetzt kann ich beginnen, die Geschichte zusammen mit Ihnen noch einmal zu hören, Schritt für Schritt. Sie beginnt mit Eva, zu deutsch: der Lebensspenderin. Sie erlebt am eigenen Leib, dass Gottes Schöpfung, von der kurz zuvor die Rede war, nicht beendet ist, sondern weitergeht. Sie bringt einen Sohn zur Welt, einen Sohn (!) und sie jubelt und frohlockt darüber wie heute ganz Japan über die Geburt des männlichen Prinzen. Sie gibt ihm den bedeutungsvollen Namen Kain, das kann man übersetzen: Der Gewonnene, der Erworbene. Sie sieht diesen erstgeborenen kleinen Jungen bereits als Erwachsenen und stößt einen Jubelruf aus angesichts dieses kleinen Menschleins: „Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn.“ Dieser Deutung gibt sie selbst den Namen Kain und jubelt. Danach wird sie wieder schwanger und bringt einen weiteren Sohn zur Welt. Abel nennt sie ihn. Aber kein Jubelruf ertönt, es folgt nur der lapidare Satz: „Danach gebar sie Abel, seinen Bruder.“

Wissen Sie, was Abel auf deutsch heißt? Man kann es kaum übersetzen, man kann es nur vormachen, sozusagen „vorpusten“. Pfh. Abel heißt Hauch, Wind, Nichts, sagen wir es doch gleich so: Nichtsnutz, lebensunwertes Leben. Mir hat einmal ein älterer Mann gesagt und dabei auf seinen etwas zurückgebliebenen 4-jährigen Enkel gezeigt: „Der hätte eigentlich gar nicht mehr geboren werden sollen.“ Jetzt wissen Sie, was Abel heißt und wer alles in unseren Familien diesen Namen trägt, den die Lebensspenderin, die Eva so ungeschminkt und kaltblütig ihrem Sohn verpasst.

Kain, ein Man also und neben ihm eine Luftnummer. So wächst Kain auf. Ein herrliches, erhebendes Gefühl, neben sich keinen Konkurrenten zu wissen, sondern ein Nichts. So kann die Welt weitergehen, wenn es nach Eva geht, vor allem nach Kain. Er ist so in diese Welt hineingeboren, da gibt es ein Oben und ein Unten. Auch wir sind so in die Welt hineingeboren mit einem Oben und Unten, mit dem Nord-Südgefälle und scheinen uns dabei ganz wohl zu fühlen. Wie gut, denkt Kain, ich bin oben. Aber wer denkt an Abel?

Dabei könnten beide Brüder Zukunft haben. Kain wird ein Ackermann, Abel wird Hirte. Bodenständige Bauern und Nomaden – warum sollten sie nicht nebeneinander leben können? 2 Kulturen – beide sind etwas, beide haben etwas, haben genug, sich zu ernähren und Gott Dankopfer zu bringen. Kain bringt von den Früchten seines Feldes – logisch – und Abel die Erstgeburten seiner Herde. Beide können leben, könnten leben. Aber der 2. Sohn ist mit seinem Namen gezeichnet. Wer ihn bei seinem Namen nennt, sagt gleichzeitig: Du bist eine Null, Abel, ein Nichts, eigentlich lebensunwert. Wer hält das aus, mit solch einem Makel in seinem Namen zu leben!

Es gibt in unserer Geschichte nur einen, der sich Abels annimmt: „Und der Herr sah auf Abel und seine Gaben, an Kain und seinem Opfer sah er vorbei.“ Gott ergreift also Partei. Gott versucht, die verhängnisvolle Geschichte im Leben des Kain zu beenden und ihm die Menschenwürde zu geben, die ihm bisher von Geburt an versagt war. Gott engagiert sich für den Gedemütigten. Er stellt sich ganz auf die Seite dessen, der um sein Leben betrogen worden ist. Das können Sie so überall in der Bibel lesen – in dem Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus oder bei Paulus im 1. Korintherbrief (1,18 vgl. Jes. 29, 14), dass Gott zunichte macht, was etwas ist und dem Nichtigen ruft, dass es etwas sei (Röm. 4, 17).

Zugegeben: Parteinahme für eine Seite kann gefährlich werden. Sie kann zu einer tödlichen Ideologie werden und das Gegenteil dessen bewirken, was sie erreichen will. Aber Gottes Parteinahme für Abel sieht so aus, dass er Kain nicht aus dem Auge verliert. Gott fängt sofort an, mit Kain zu reden, als die Lage bedrohlich wird: „Warum ergrimmst du, Kain, und senkst deinen Blick?“ Ich weiß, warum. Seine Rechnung war nicht aufgegangen. Was hilft ihm das ganze Opfern, wenn er Gott nicht auf seine Seite ziehen kann, oder so gesagt: Wie kommt Gott eigentlich dazu, die gegebene Ordnung von Oben und Unten dermaßen stören zu wollen! „Ich komme zu kurz bei weg, wenn Gott Abel erhebt.“

Kain ist zwar verbohrt, aber noch kann alles gut gehen. Denn Gott redet ja mit ihm und macht ihn auf Gefahrenstellen aufmerksam. Er fragt: „Warum ergrimmst du und senkst deinen Blick?“ Mit anderen Worten: Kain, pass auf dich auf! – Aber Kain gibt keine Antwort.

Liebe Gemeinde!

Nach der Namensgebung für den 2. Sohn (Abel) ist hier der 2. Bruch in der Geschichte. Gott kriegt keine Antwort, die Antwort „kriegt“ Abel. Kain redet nicht mit Gott. Er klagt nicht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er ist mit Gott fertig. Es ist für ihn unerträglich mitzuerleben, dass ausgerechnet sein Bruder, dieser Abel, bei Gott Geltung haben soll. Darum sprach er jetzt (übrigens erstmalig in unserer Geschichte!) zu Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Eine raffinierte Einladung – als ginge es darum, dass Kain ihm erlauben würde, sich einmal seinen Arbeitsbereich anzuschauen. Und dann geschieht das Entsetzliche.

Kains Brudermord, kein Krimi, auch kein Bericht über ein Ereignis, das sich vor ein paar tausend Jahren so abgespielt hat. Wen interessiert das schon, was sich vor ein paar tausend Jahren abgespielt hat. Z.B.: Ob der „Ötzi“, den man im Gletschereis gefunden hat, eines natürlichen Todes gestorben oder umgebracht worden ist, das berührt doch niemanden mehr. Damit könnte ich leben, dass vor ein paar tausend Jahren ein gewisser Kain seinen Bruder umgelegt hat, vorbei und vergessen. Aber die Urgeschichte der Bibel wird so erzählt, als sei sie Gegenwart und nicht Vergangenheit, und das lässt erschrecken: Der Mensch, der Gottes Anrede ausschlägt, wird immer wieder zum Unmenschen. Der Mörder bleibt in der nun einsetzenden Geschichte der Menschheit. Und heute sieht das so aus: Die besten Köpfe werden in die Militärtechnik eingesetzt und nicht in die Friedensforschung. Kain, du Ackerbauer, wann endlich schmiedest du deine Schwerter in Pflugscharen um?

Abel ist tot. Aber sein Blut schreit zum Himmel und Gott erhört den Schrei. Dennoch, es kann immer noch gut werden mit Kain. Denn Gott redet ja mit ihm, nun zum 2. Male. Er gibt ihn noch immer nicht verloren. Er fragt ihn: „Wo ist dein Bruder Abel?“. Noch hat Kain eine Chance. Er kann seine Schuld bekennen. Aber das ist ja nun erschütternd, wie einfach Kain mit seiner Schuld umgeht. Dieser von seiner Mutter so verhätschelte, bevorzugte Sohn tritt selbstbewusst auf und antwortet mit einem frechen Witz. Ich weiß nicht, sagt er, „soll ich der Hüter eines Hirten sein?“ Das also ist Kain: Mit Gott ist er fertig. Die Frage nach Gott und der Verantwortung für seinen Nächsten hat er hinter sich gelassen, Schuldfragen werden mit Schlagfertigkeit beiseite gefegt. Kain ist mit Gott fertig, aber Gott mit ihm noch lange nicht. Die Leiche ist zwar verscharrt, aber die blutgetränkte Erde spricht eine Sprache, die Gott hört, und das hat Folgen.

Endlich beginnt Kain, mit Gott zu reden. Aber er redet nicht von seiner Schuld und Abel kommt in seinem Reden nicht vor. Er redet von der Strafe, von den Folgen seiner Schuld. Darunter bricht er zusammen. Kain hat seinen Bruder erschlagen und nun ... bedauert er sich selbst. Kain aber sprach zu dem Herrn: „Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker (sc. meinem Arbeitsbereich), und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet“. So sieht Kain seine Zukunft.

Liebe Gemeinde,

ich hätte am liebsten diese Geschichte umgeschrieben. Ich möchte sie anders erzählen dürfen, als sie in der Bibel steht. Ich möchte sie so wie Erich Fried in seinem „Osterlied“ erzählen können, dass Kain sich mit seinem Bruder Abel freut und Abel am Leben bleibt. Ich möchte erzählen können von einer Welt, in der sich die reichen Völker freuen, wenn Hungernde am Leben bleiben. Ich möchte erzählen können von einer Welt, in der es mehr Samariter gibt als Priester und Leviten.

Kain lebt noch. Die Bibel erzählt, dass Gott ihn am Leben gelassen hat, und nicht nur das. „Er machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge“. Wie denn? Stand Gott nicht auf Abels Seite? Doch, schon. Aber er steht auch auf der Seite Kains.

So mündet die Geschichte, die mit Mord begonnen hat, ein in die Geschichte von Gottes Barmherzigkeit gegenüber Kain. Wenn wir das recht verstehen – so schreibt Gott Weltgeschichte.

Amen.

Was unser Gott geschaffen hat, das will er auch erhalten, darüber will er früh und spät mit seiner Güte walten. In seinem ganzen Königreich ist alles recht, ist alles gleich. Gebt unserm Gott die Ehre!

Der Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden, er bleibet ihre Zuversicht, ihr Segen, Heil und Frieden. Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her. Gebt unserem Gott die Ehre!

(EG 326, 3+5)

 

 

Wochenspruch: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Wochenlied: Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (EG 343)

Epistel: Gott ist die Liebe (1. Joh. 4, 7-12)

Evangelium: Der barmherzige Samariter (Lukas 10, 25-37).