Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 50,15-21

Gerhard Beck

16.08.2006 in der Martin-Luther-Kirche, Erlangen

Das Leben der Anderen

"Das Leben der Anderen"

Titel: Von anderen Abhängig

Liebe Gemeinde....

Meine Predigt heute dreht sich um zwei Personen, die sich Gedanken um Vergebung machen mussten: Eine der Personen ist uns aus der Bibel, genauer gesagt dem Buch Genesis, bekannt: Es ist Joseph, Sohn Jakobs, jüngster von 12 Geschwistern: Er hat durch seine Brüder einiges erlitten: Er wurde in eine Grube geworfen, dort gefangen gehalten. Wurde wieder herausgezerrt, wahrscheinlich recht unsanft. Dann nach Ägypten verkauft und zum Diener versklavt. Dort ist er im Gefängnis gelandet, hat Jahre dort verbracht und Träume gedeutet. Richtig, wie sich später herausstellte. Erst durch eine Traumdeutung an höchster Stelle ist er frei gekommen. Aufgestiegen mit schwerer Verantwortung. Hat auf wunderbare Weise seine Familie wieder getroffen. Den Vater hat er nach Ägypten nachgeholt: Alt war er schon geworden. Lange hatte er ihn nicht gesehen, viel zu lange. Und nun ist er auch noch gestorben.

Titel: Joseph vor der Entscheidung

Und nun kommen sie und bitten um Vergebung, die Brüder. Erst durch einen Boten, dann persönlich. Der Predigttext, Genesis 50, berichtet eindrücklich davon:
15 Die Brüder Josephs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Joseph könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Joseph sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.
Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Joseph weinte, als sie solches zu ihm sagten. 18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

Titel: Ärger mit einer Anfrage:

Sie bieten sich als Knechte an. Recht so. Bosheiten, das ist genau das richtige Wort für ihre Taten. Und dann kommen sie mit so etwas wie Verzeihung.
Der Bibeltext sagt dazu„Stehe ich denn an Gottes statt?“ Stehe ich denn an Gottes statt, das bedeutet soviel wie: Bin ich Gott, dass ich einfach so verzeihen kann? Kann Joseph das? Einfach so verzeihen? Einfach darüber stehen? Über die Angst im Brunnen? Über das Dienen bei fremden Herren? Über das Gefängnis? Über all das Erlebte?
„Stehe ich denn an Gottes statt?“ Die Bibel erzählt uns, dass Joseph sich diese Frage gestellt hat.
„Stehe ich denn an Gottes statt?“

Titel: Der betrogene Autor

Vor der gleichen Frage steht die Hauptperson des Filmes „Das Leben der Anderen“ Der Film beginnt mit Standing Ovations in einem Theater. Standing Ovations für Georg Dreymans neues Theaterstück. Wie immer hat es dem Volk gefallen, aber was noch wichtiger ist: Es passt auch der Staatsführung der DDR. Denn Georg Dreyman ist Erfolgsautor der DDR, vom Regime gefördert, denn er schreibt Pro nicht Kontra. Aber der Kulturminister traut ihm nicht. Er nimmt einen Stasi-Abteilungsleiter bei Seite. Beide sind sich sicher: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Und deshalb wird Georg Dreyman ab sofort überwacht. Vom Dachboden des gleichen Hauses, ein etwas grauer Raum. Ein Kopfhörer, ein Fernseher für den Eingangsbereich, ein Tonbandgerät für Telefongespräche. Und eine Schreibmaschine auf der alles protokolliert wird. Einer der Protokollanten: Hauptmann Gerd Wiesler. Hochschullehrer an der Stasi-eigenen Hochschule. Sein Spezialgebiet: Verhörmethoden. Sein internes Kürzel: HGW XX/7.

Wiesler kriegt alles mit, was Dreyman tut und lässt: Parties, die oppositionellen Freunde, die Freundin, die selber Schauspielerin ist. Mit seinen Mikrofonen hört er mit, wie Dreyman langsam selber zum Oppositionellen wird. Mit seinen Kameras sieht er, wie Dreymans Freundin verhaftet wird. Und diesen verrät.
Dieses Leben Dreymans, das ist ganz anderes als das Wieslers. Wieslers Leben ist trist: ein Stasi-Plattenbau, kaum Freunde, keine Frau. Irgendwie fasziniert ihn das bunte Leben Dreymans, ihn, dessen Leben so Leben triste ist.

Später, nach der Wende, erfährt Dreyman zufällig von seiner Überwachung. Und durch das Anschauen seiner Akten von Wiesler, HGW XX/7.

Titel: Gut und Böse zu gleich

Man sieht Dreymans Nachdenken im Film, man kann es förmlich spüren. Sein Gesicht zeigt die innerliche Spannung: Was tun? Einfach so dasitzen? Und es achselzuckend akzeptieren, dass das eigene Leben bespitzelt wurde? Offen gelegt, protokolliert, beeinflusst? Einfach so vergessen, verzeihen? „Stehe ich denn an Gottes statt?“ Aber während Dreymann die Akten liest wird etwas klar: HGW XX/7 war nicht nur böse. Sondern auch helfend. Hat Akten verfälscht, Belastungsmaterial versteckt. Ohne dass es Dreyman merkte. Wie ein unsichtbarer Schutzengel. Einer, der sogar deswegen bestraft wurde: Strafversetzung in den Keller: Innendienst. Briefmarken lecken und Briefe öffnen.
Was tun? „Stehe ich denn an Gottes Statt“?

Titel: Ungeliebt, unbezahlt

Aber der Film hört nicht auf, er geht weiter, seine wichtigsten Szenen kommen am Ende und auf die Schnelle. Dreyman sitzt in einem Auto, wahrscheinlich einem Taxi. Er wirft einen nachdenklichen Blick aus dem Fenster: Eine Person fällt auf. Sie gehört zur Vergangenheit: Wiesler. HGW XX/7. Er trägt Prospekte aus. Langsam, mühsam. Ein armer Mensch, verarmt.
Und Dreyman? Gefeiert. Bejubelt.
Eine gerechte Strafe? Jeder bekommt was er verdient?
Und Dreyman? Wird er handeln? Wie?
„Stehe ich denn an Gottes statt?“

Titel: Joseph - Der Verzeiher

„Stehe ich denn an Gottes statt?“ Das ist nicht das einzige, was Joseph sagt. Und das, was er dazu sagt, ist entscheidend für den Sinn:
19 Joseph aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Ein schönes Ende. Ein Happy End. Aber beim genauen Hinsehen entdeckt man: Ein offenes Ende. Es wird nicht berichtet, wie die Geschichte zwischen Joseph und den Brüdern weitergeht. Ob die Versorgung immer geklappt hat, ob die Brüder nochmal über die Ereignisse geredet haben, das alles bleibt offen.

Titel: Die Sonate vom guten Menschen

Ähnlich offen bleibt das Ende des Filmes:
Zwei Jahre nach dem Dreyman Wiesler sah, hat sich für Wiesler alias HGWXX/7 nichts geändert. Vor einer Buchhandlung sieht er Dreymans neues Buch: Die Sonate vom guten Menschen. Und er liest die Widmung: „HGW XX/7 gewidmet in großer Dankbarkeit.“

Ein Lob. Ein Dank für Getanes. Aber auch: Eine Erinnerung an Angetanes. Positives und Negatives nebeneinander.

Amen.