Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Moses 22,1-8 und Markus 9,2-10

Matthias Blaha (rk)

11.03.2006 in Egweil

Nebelstrecken und Gipfelerlebnisse

*    In unseren Breiten ist auf jedem Berggipfel ein Kreuz zu finden. Ein Bergwanderer, der am Gipfelkreuz ankommt, hat den Trubel - vielleicht auch den Nebel - des Tales zurückgelassen, steht nun oben auf dem Berg, hat Überblick und klare Sicht. Das gilt für die Landschaft (wenn das Wetter schön ist) ebenso wie für das eigene Leben: So mancher Bergwanderer nutzt das Innehalten am Gipfelkreuz, um das Gute und das weniger Schöne seines Alltags zu reflektieren und somit einen besseren Überblick über sein Leben zu bekommen. Und nicht wenige haben oben auf dem Gipfel auch einen klareren Blick auf Gott; sie spüren beim Anblick der Landschaft: Gott hat alles wunderbar gemacht! Er liebt auch mich!

*    Bergwanderer haben wir in Lesung und Evangelium kennen gelernt: Abraham wie auch die Apostel erleben so einiges, als sie am Gipfel angekommen sind. Zuvor hatten sie allerdings einige Wegstrecken, teils mit dichtem Nebel, zu bewältigen.

*    Abraham ist im Nebel getappt. Zwar hat er immer wieder erlebt, dass Gott für ihn da ist und ihm hilft: Zum Beispiel hat Gott Abrahams Gebete erhört, als der sich einen Nachkommen wünschte, und hat dafür gesorgt, dass Abrahams Frau Sara noch in hohem Alter ihren Sohn Isaak geboren hat. Doch Abraham war sich nicht sicher: Bleibt Gott auf meiner Seite? Schaut Gott auch in Zukunft drauf, dass es gut weitergeht mit mir und meiner Familie? Fordert Gott Gegenleistungen von mir für seine Gefälligkeiten? Wird Gott zornig auf mich sein, wenn ich mal nicht tue, was er sagt?
Abraham ist sich also unsicher; er denkt sich: So lang ist es mir jetzt gut gegangen im Leben. Gott war mir immer freundlich zugetan. Wird das so weitergehen? Oder „tunkt mich Gott mal wieder g’scheit rein“?
Um sich Gottes Wohlwollen zu sichern, kommt Abraham auf eine Idee, von der er glaubt, sie stamme von Gott. Doch in Wirklichkeit ist sie in Abrahams Kopf entstanden. Abraham beschließt, sich selber zu kasteien, zu schinden, indem er das Liebste, was er hat, töten will - seinen einzigen Sohn, den lang ersehnten. Abraham denkt, wenn Gott sieht, was ich alles für ihn aufgebe, dann mag er mich auch weiterhin.
Gott sei Dank kommt Abraham aus dem Nebel dieser Gedanken heraus. Kurz bevor er seinen Sohn opfern will, sieht er plötzlich klar: Mein Gott ist ein menschenfreundlicher Gott! Er will nicht, dass ich mich kasteie, dass ich mir Leid zufüge, um ihm zu gefallen. Gott will - und braucht! - keine menschlichen Opfer, die seinen Zorn besänftigen und ihn freundlich stimmen. Denn Gott ist nicht zornig, und seine Freundschaft ist mir immer sicher. Was Gott will, ist, dass ich seine Liebe zu mir erwidere, dass ich mir Zeit für ihn nehme, dass ich gern mit ihm in Kontakt bleibe.
Diese Erkenntnis kommt Abraham auf einem Berg. Dieser Berg ist nicht unbedingt als geographischer Ort zu verstehen; dieser Berg ist eine Lebens- und Glaubensphase: Abraham hat den Nebel der Zweifel an Gott hinter sich gelassen. Er sieht nun ganz klar, wie auf einem Berggipfel stehend: Gott liebt mich ohne Wenn und Aber! Nicht aus Angst muss ich daher Gott opfern, um seinen Zorn zu besänftigen, sondern im Wissen um seine Liebe darf ich optimistisch nach vorn schauen. Denn Gott steht auf meiner Seite, er segnet mein Leben, und daran wird sich ewig nichts ändern.

*    Ähnlich wie Abraham sind die Apostel immer wieder im Nebel getappt. Sie waren die besten Freunde Jesu, aber - stimmt das wirklich, was Jesus behauptet? Er soll Gottes Sohn sein? Der ist doch so - bescheiden, so menschlich, so „normal“! Folgen wir wirklich dem richtigen Messias? fragen sich die Apostel.
Auch für die Apostel lichtet sich immer wieder der Nebel dieser Zweifel an Gott. Auch sie haben solche Gipfel-Erlebnisse wie Abraham. Da fühlen sie sich, als ob sie auf einem Berg stünden und ganz klaren Überblick haben über das wahre Wesen Jesu. Sie erleben Jesus immer wieder als den Göttlichen; sie merken: Jesus ist kein Hochstapler, kein Flunkerer - er ist wirklich Gottes Sohn! Das, was er uns sagt, stimmt wirklich - dass Gott jeden Menschen in gleicher Weise liebt und somit jeder Mensch zu Gott kommen kann; dass Gott nicht böse oder zornig oder strafend ist; dass das Leben nach dem Tod nicht vorbei ist, sondern viel schöner weitergeht: All das ist kein Gerede von irgendwem, sondern Versprechen vom Sohn Gottes!
Der Berg - auch für die Apostel nicht unbedingt ein konkreter Ort, sondern die Umschreibung für all die Momente in ihrem Leben, in denen sie sich über Gott und seine Liebe zweifelsfrei klar waren.

*    Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir auf unsere Lebenswege schauen, dann kann es ganz tröstlich sein zu wissen: Auch Abraham als enger Vertrauter Gottes, auch die Apostel als die besten Freunde Jesu haben immer wieder ihre Zweifel an Gott gehabt. Sie sind im Nebel herumgetappt und haben nicht mehr gewusst, was sie glauben und was sie von Gott halten sollen.
Solche Zweifel kommen auch in meinem Leben immer wieder daher - und Ihnen geht es da wahrscheinlich ähnlich: Hat Gott mich wirklich nicht verlassen, wenn ich mich niedergeschlagen und kraftlos fühle? Liebt Gott mich wirklich noch, wenn ein Schicksalsschlag nach dem anderen in mein Leben einbricht? Geht es wirklich weiter mit dem Leben, wenn ich dem Tod ins Gesicht schauen muss beim Sterben eines lieben Menschen?
Solche Nebel-Strecken im Leben sind normal, liebe Schwestern und Brüder; sogar Abraham und die Apostel haben sie durchlebt und sicher auch durchlitten.
Doch es ist wichtig, nicht aufzugeben, sondern weiterzugehen, beharrlich - manchmal hartnäckig - an Gott festzuhalten, so wie es Abraham und die Apostel getan haben.
Dann werden auch die Gipfel-Erlebnisse im Leben nicht ausbleiben; dann sehen wir auf einmal wieder klar: Gott liebt uns! Er will nicht, dass wir leiden müssen oder uns gar selbst Leid zufügen, um ihn auf unsere Seite zu bringen; er ist ja niemals zornig auf uns, sondern er will und tut uns nur Gutes. Er begleitet unser Leben auf ein gutes Ziel hin. Und nach diesem Leben zeigt er uns die volle Schönheit seines Reiches, die wir ewig lang genießen dürfen.
Immer dann, wenn wir dies glauben und auf uns beziehen können, stehen wir sozusagen oben auf einem Berg wie Abraham und die Apostel; wir haben klare Sicht, dass es gut weitergeht mit uns.

*    Das ist eine frohe Botschaft für uns heute, liebe Schwestern und Brüder: Die Nebelstrecken, die Zweifel an Gott gehören zum Leben dazu. Doch ebenso zum Leben gehören die Gipfel-Erlebnisse, die uns Überblick über unser Leben verschaffen und uns erkennen lassen: Unser Leben ist getragen und gesegnet von Gott! Auf dem Gipfel haben wir auch die klare Sicht über dieses Leben hinaus; wir wissen: wenn es einmal zu Ende geht, dann werden wir nicht im Nebel versinken, sondern auf dem höchsten Gipfel unseres Lebens ankommen - und dort wartet kein Kreuz auf uns, sondern die Auferstehung!

Amen.