Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 1,13-22

Stud. theol. Rainer Janssen

26.03.2000 in Aurich-Holtrop

Jeden Sonntag kamen sie zum Gottesdienst zusammen, unter der Woche gab es ein mehr oder weniger aktives Gemeindeleben. Sie waren nur eine kleine Gemeinde. Die anderen Ortsbewohner machten sich manchmal sogar lustig über sie und ihren Glauben. Die anderen fanden es sonntags viel schöner, bis zum Mittag zu schlafen und überhaupt fragten sie, was dieser "Kinderglaube" und dieses "fromme Getue" eigentlich soll. Als dann die Passionszeit angefangen war, fragten sich die Gemeindeglieder selbst, was dies eigentlich für sie bedeutet: "Warum ist Jesus eigentlich gestorben? Wieso glauben wir an die Auferstehung? Und was folgt daraus für uns?" Sie schrieben ihre Fragen auf eine Postkarte und erhielten eine Antwort vom Apostel Petrus persönlich. Der heutige Predigttext steht im 1. Petrusbrief im 1. Kapitel.

"Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet, sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben: "Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig." Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht; denn ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt. Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe, so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen. Amen."

Die Menschen damals suchten nach einer Richtschnur im Leben. Sie kannten das Problem, Schuld aufgeladen zu haben, und suchten Vergebung. Sie fragten, ob es eine höhere Macht gibt, und wer das ist. Eine Antwort gab ihnen Petrus, indem er zu ihnen vom Kreuz sprach und von dem Gott erzählte, der uns Menschen lieb hat und uns darum durch Christus von unserer Schuld erlöst hat. Darum hat Petrus sie ermutigt, sich auch untereinander lieb zu haben und auf die Hilfe Gottes zu hoffen. Und dieser Gott will auch uns ansprechen.

Aber wie das? Vor kurzem unterhielt ich mich darüber mit einem Freund. Auch er hatte mich gefragt, was es mit der Passion Jesu auf sich hat.
"Sag mal", fragte er, "wie ist das eigentlich: Warum mußte dieser große Jesus, der Sohn von Gott, der keinem was zu Leide getan hatte, sterben?"
Ich überlegte und sagte: "Laß mich mal so anfangen: Warum glauben die Menschen an den Gott der Bibel?"
Er meinte: "Letzte Woche hat eine Holtroperin darauf etwa so geantwortet: "Der christliche Glaube bedeutet mir persönlich Orientierung, Hilfestellung und Trost, im Alltag und bei großen Entscheidungen; allgemein ist er eine Richtschnur für mein Handeln und die Grundlage meines Denkens über Leben und Tod." "
"Ja", sagte ich, "als Richtschnur für mein Handeln sehe ich zum Beispiel die 10 Gebote. Oder im Konfirmandenunterricht haben wir dieses Doppelgebot der Liebe gelernt: Du sollst Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben."
Er meinte: "Das Ärgerliche ist ja nur, daß das mit dem Einhalten der Gebote nicht immer so klappt. Also, "du sollst nicht töten", das ist ziemlich wichtig. "Du sollst nicht stehlen", schon schwieriger, als Kind hab ich mir vom Apfelbaum unserer Nachbarn immer die dicksten Äpfel, naja, "geliehen". Im großen und ganzen klappt das ja mit den Geboten. Aber mit der Nächstenliebe, also meine kleine Schwester, manchmal ist die echt nicht auszuhalten, so nervt die, dann könnte ich..."
"Ist ja gut", unterbrach ich, "die letzte Konsequenz ist manchmal gar nicht so einfach, dann kommt der innere Schweinehund in mir wieder hoch. Das gehört aber zu uns Menschen dazu, so sind wir, und darum gehört das Problem auch zum Glauben dazu. Martin Luther hat deswegen mal gesagt: "Wir Menschen sind Sünder und Gerechte zugleich." "
Mein Gesprächspartner dachte nach und blickte mich schlau an: "Sag mal, wenn Gott perfekt ist und uns geschaffen hat, so wie wir sind, warum dann mit dieser Fehlermöglichkeit?"
Das hatte unser Professor mal erklärt, wußte ich: "Wegen der Freiheit. Wir sollen selbst entscheiden können, wie wir leben und was wir tun und ob wir an Gott glauben oder nicht. Der Glaube ist Richtschnur, aber kein Diktat."
Pause. "Eigentlich nicht schlecht", meinte er, "aber wie kommt Gott aus dem Dilemma wieder raus? Ich meine: Der läßt zu, wenn ich auf meine Schwester wütend werde, und anschließend hält er mir vor, daß ich das getan habe."
"Du meinst wie in dem Bibeltext: Gott richtet jeden nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht." Er will nicht, daß wir Böses tun, trotzdem läßt er das zu."
Mein Freund nickte heftig.
Ich sagte: "Du hast recht, wenn du fragst: "Wie kommt Gott aus dem Dilemma wieder raus?" Gott selbst muß nämlich für dieses Dilemma eine Lösung bieten, weil es so grundsätzlich ist, daß wir das nicht können. Und damit wären wir wieder bei deiner Eingangsfrage, warum Jesus am Kreuz gestorben ist. Genau darum! Hier sagt Petrus, daß Jesus für alle menschliche Schuld am Kreuz gebüßt hat. Er hat unsere Schuld auf sich genommen, indem er am Kreuz die schlimmste Strafe, die es gibt, für uns erlitten hat, die Todesstrafe. Oder wie es der Text sagt: "Denn ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes."
"Da war´s: Unschuldig war er. Warum der? Ach ja, sagtest du ja schon, Jesus selbst ist Gott, nur der kann uns erlösen; und weil er Gott ist, kann er nicht schuldig sein. Aber Jesus war doch auch ein Mensch!"
Ich antwortete: "Ja, denn nur ein Mensch kann sterben, Gott nicht. Darum ist Jesus Mensch und Gott zugleich.
Er ergänzte: "Das heißt aber auch, daß er weiß, wie es uns Menschen geht, wenn wir leiden, wenn wir Todesangst haben, wenn es uns schlecht geht. Dann können wir uns an ihn wenden. Weil Gott Mensch wurde, kann er uns verstehen."
Ich sagte: "Das ist also eine zweite Antwort auf die Frage vom Kreuz: Dadurch, daß Jesus gestorben ist, hat Gott selbst gelitten und Gott hat etwas Menschliches erlebt, er kommt uns näher."
Mein Freund fragte: "Aber was ist denn jetzt, wenn ich Unrecht tue?"
"Also: Wenn du an Gott glaubst, bist du von ihm so angenommen, wie du bist, auch mit deinen Fehlern und Schwächen. Weil Gott dich liebt, sollst du auch ihn und deinen Nächsten lieben. Oder wie es der Text sagt: "Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungefärbter Bruderliebe, so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen." Wenn du aber Unrecht tust, dann vertraue darauf, daß Jesus für dich einsteht, daß seine Buße dir angerechnet wird."
Plötzlich kuckte er mich schräg von der Seite an: "Und was ist mit einem, der dauernd gegen diese Gebote da verstößt und dabei immer sagt: "Der Jesus wird´s schon machen!?"
Da wurde ich doch ein bißchen böse: "Der das tut, hat überhaupt nichts von allem verstanden. Denn es heißt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" "
"Sind diese guten Werke denn eine Bedingung?"
"Auf keinen Fall, mit Gott kannst du nicht darüber verhandeln, ob du ein guter, gerechter Mensch bist oder nicht. "Nur der Glaube macht gerecht." das ist der wichtigste Satz, den Luther wiederentdeckt hat. Also, deine guten Werke sind keine Bedingung des Glaubens, sondern eine Konsequenz aus dem Glauben.
Mein Freund zitierte: "Wie heißt es so schön: An ihren Werken werdet ihr sie erkennen". Und er sagte: "Das finde ich wichtig, daß das Handeln aus einer Überzeugung heraus geschieht. Diese Überzeugung ist eine Richtschnur, an der ich meine Handeln messen kann und an der ich mich orientieren kann. Was sagt dein Text?"
"Ihr sollt heilig sein in eurem ganzen Wandel", antwortete ich und fuhr fort: "Das ist das eine, was es ausmacht, Christ zu sein, das andere ist das Hoffen auf Gottes Liebe zu uns. Diese Liebe zeigt sich im Ereignis vom Kreuz und: im Ereignis von der Auferstehung. Denn mit dem Tod Jesu ist nicht alles aus, sondern die Geschichte geht noch weiter. Nämlich mit Ostern, das feiern wir in vier Wochen. Da hat Gott Jesus vom Tod auferweckt. Jesus ist auferstanden. Das sagte der Engel zu Maria Magdalena und der anderen Maria, als sie Jesu Leichnam in seinem Grab suchten."
"Die Geschichte habe ich letztens bei einer Beerdigung gehört", fiel meinem Freund ein. "Mir gibt die Auferstehung Jesu die Hoffnung im Glauben, daß auch wir Menschen nach dem Tod auferstehen werden, daß nach unserem Tod nicht alles aus ist, sondern daß wir das ewige Leben haben werden."
Ich sagte, daß davon auch der Predigttext erzählt: "Die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt. Also: Sowohl das Ereignis am Kreuz als auch das der Auferstehung sind aus dieser Liebe Gottes heraus geschehen. Und ich hoffe, daß wir von seiner Gegenwart schon hier und jetzt und in Zukunft was merken."
"Weißt du", meinte mein Freund, "wenn ich an die Zukunft denke, dann kriege ich manchmal Angst: Wie wird das weitergehen: wo werde ich mit wem leben, werde ich Arbeit haben, was passiert mit unserer umweltverschmutzten Erde?"
"Ja", gab ich zu, "dann klingen diese Worte vom Vertrauen auf Gottes Zusage wie Wunschträume. Wie machst du das dann?"
"Nun", meinte er nachdenklich, "ich versuche dann immer, mich wieder an Erfahrungen zu erinnern, die ich mit Gott gemacht habe. Oder ich suche im Nachhinein solche Situationen, von denen ich das Gefühl habe, daß Gott oder ein Schutzengel mich da bewahrt oder geführt haben. Und das gibt mir die Hoffnung, daß das in Zukunft auch so sein wird."
Ich nickte gerührt und meinte: "Und diese Erfahrung, die kann dir keiner nehmen, die ist ganz tief in dir drin und ist stark. Das kann auch der nicht, der dich auslacht, wenn du zur Kirche gehst und dich fragt, ob du da deinen Kinderglauben an den lieben Gott und so pflegst.
Und weil du erfahren kannst, daß du von Gott geliebt und erlöst bist von deiner Schuld, darfst du jetzt und auch über den Tod hinaus auf seinen Schutz vertrauen, und du sollst auch deine Mitmenschen lieben. Darum ist der Glaube eine Richtschnur und Hoffnung für unser Leben."