Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 2,2a und Psalm 92

Pfarrerin Beatrix Jessberger (ev.-ref.)

27.04.2014 in Rehetobel (CH)

Sonntag, Quasimodogeniti = 1. Sonntag nach Ostern.

© privat

Begrüßung:

Der heutige Gottesdienst trägt den Namen: Quasimodogeniti. Bei diesem Namen denken vielleicht manche von euch an den Glöckner von Notre Dame, aber der Sonntag trägt seinen Namen nicht in Erinnerung an den Film, sondern er will ausdrücken: Wie neugeborene Kinder sollt ihr diesen Sonntag feiern. Im 2. Petr. Brief steht der gesamte Vers: „wie neugeborene Kinder verlangt nach der vernünftigen, unverfälschten Milch“. Wir kennen diesen Sonntag noch unter einem anderen Namen, nämlich: Weisser Sonntag.

Und dies wünsche ich mir vom heutigen Gottesdienst, dass wir ihn als Kraftquelle und Teil unserer Kultur neu entdecken.

In unserem Kulturkreis verbinden die meisten Menschen negative Bilder mit Kirche und Christentum. Ich höre häufig: „Mit der Bibel kann ich nichts anfangen“, „Gottesdienste sind langweilig, meinen Gott finde ich in der Natur“, „ich hab` schon meinen Glauben, aber dafür brauche ich nicht die Kirche“ usf.

Von mir möchte ich behaupten, dass ich die Institution Kirche und das Christentum als Jugendliche auch durchlitten habe. Heute kann ich sagen: mein Theologiestudium war die beste Therapie meines Lebens. Dank meiner MitstudentInnen musste ich lernen, im Austausch mit ihnen biblische Texte eigenständig zu deuten, musste mir selbst Gedanken machen, ich konnte nicht in der Abwehr stehen bleiben. Ich habe damals gelernt, wie der Prophet Elia mit Gott und Mensch zu kämpfen. Der Name Israel heisst, der mit Gott kämpft. Von Israel lernte ich, dass das Ringen ein religiöser Weg ist, der sowohl meine Seele stärkt als auch eine neue Kultur aufbaut.

Und das ist seither mein grösster Wunsch, dass wir auch in der Kirche miteinander eine neue Kultur schaffen.

In diesem Sinne verstehe ich den heutigen weissen Sonntag!

Lesung: Psalm 92 - Ein Lied zum Shabbat-Tag.

Schön ist es, Gott zu danken,

deinem Namen, Höchster, zu singen,

deine Zuneigung am Morgen kundzutun

und deine Treue in den Nächten

zur Zehnsaitigen und zur Harfe,

zum Erklingen der Leier.

Du erfreust mich durch dein Walten,

ich bejuble die Taten deiner Hände.

Wie gross sind deine Taten, Ewiger!

Wie tief sind deine Gedanken!

Ein dumpfer Mensch erkennt`s nicht

Und ein Tor nimmt`s nicht auf.

Wenn die Frevler auch sprossten wie Gras

Und alle Übeltäter blühten –

Ist`s nicht, damit sie vertilgt werden für immer?

Du aber bleibst ewig erhaben!

Denn fürwahr, deine Feinde, Herr,

fürwahr, deine Feinde verlieren sich,

alle Übeltäter werden zerstreut.

Mir aber erhebst du das Horn wie einem Wisent,

überschüttest mich mit frischem Öl.

Mein Auge blickt auf meine Verleumder,

meine Ohren hören vom Geschick meiner Widersacher.

Der Bewährte aber sprosst wie eine Palme,

wächst hoch wie eine Zeder auf dem Libanon.

Die gepflanzt sind im Hause des Ewigen,

spriessen in den Vorhöfen unseres Gottes.

Noch im Alter tragen sie Frucht,

bleiben saftvoll und frisch,

um kundzutun, dass der Ewige gerecht ist,

mein Fels, an dem kein Falsch ist.

Predigt:

Wir denken, Religion sei Privatsache, aber stimmt diese Aussage denn? Machen die Blüten, die mein Glauben treibt, Halt an meinem Gartenzaun, meinem Haag? Wächst das Gras nicht auch bei meinen Nachbarn?

Und wie einigen wir uns darauf, welche Pflanzen in unserer Region wachsen sollen und welche besser nicht?

Das innere Universum unseres Bewusstseins ist ein kollektives Bewusstsein.

Diese innere Dimension unseres Bewusstseins ist unsere Kultur.

Wie kommen wir darauf, dass Kirche ein Ort ausserhalb des kollektiven Bewusstseins ist?

Glauben wir wirklich, wir können das Christentum einfach so abschaffen, indem wir sagen, ich kann damit nichts mehr anfange?

Mich erinnert diese Haltung an meinen Bruder, der von sich aus entschieden hat, er wolle mit seiner Herkunftsfamilie nichts mehr zu tun haben. Familie sei ein Zufallsprodukt und hätte mit ihm nichts zu tun.

Das hört sich lustig an, aber so verhalten wir uns gegenüber unserer eigenen Kultur und Religion.

Kennzeichen der sog. Aufklärung, in der wir leben ist, dass wir gelernt haben, alles abzuspalten, zu sezieren, zu hinterfragen, unzählige Gruppierungen und Untergruppierungen und Spezialeinheiten zu bilden. Wir, für die Religion Privatsache ist, haben verlernt, das Ganze zu sehen, das kollektive Bewusstsein wahrzunehmen. Wir glauben, nur wir würden so denken, dabei bildet doch das Heer der Kritiker von Christentum und Kirchen die absolute Mehrheit. Ich sage nicht, dass die Kritiker nicht Recht haben. Aber Kritik allein reicht nicht. Der Familie den eigenen Rücken zu kehren reicht nicht; denn die Familie ist in uns, Kirche, das Christentum ist in uns – und sei es auch in seiner ganzen Gebrochenheit. Zum Glück sind auch die fragmentarischen Aufbrüche und die Liebe derer in uns, die mit ihrem Engagement gescheitert sind. Denken wir z.B. an Martin Luther King.

In den Psalmen schreien die Menschen vor den Trümmern der eigenen Geschichte zu Gott. Der Psalm 92 wurde gesungen, nachdem Israel 587 v. Chr. unter dem Verlust des zerstörten Tempels leidet.

Du erfreust mich durch dein Walten, ich bejuble die Taten deiner Hände. Wie gross sind deine Taten, Ewiger!

Wie tief sind deine Gedanken! Ein dumpfer Mensch erkennt`s nicht

Und ein Tor nimmt`s nicht auf.

Was in unseren Ohren so dualistisch klingt, hat seine Wurzel darin, dass die Menschen den Ort verloren haben, der ihre Kultur, ihr gemeinsames Bewusstsein geprägt hat, den Tempel. Wenn wir den Psalm unter dieser Voraussetzung lesen würden, dass es keine Kirchen mehr gibt, dann würde er sich uns vielleicht anders erschliessen. Die Menschen feiern den Shabbat, den 7. Tag der Woche als einen Tag der Selbstbesinnung, um den Verlust des Tempels aufzufangen.

Wie fangen wir den Verlust unserer Kirchen auf?

Ich hatte das grosse Glück in meinem Leben, dass ich einen Zugang zu anderen Religionen geschenkt bekommen habe. Im Gegensatz zu meinem Bruder habe ich meiner Familie nicht den Rücken gekehrt, sondern ich habe meine Familie vergrössert.

Vor Jahren hatte ich u.a. das Glück, der buddhistischen Nonne, Ayya Khema, zu begegnen. Sie sagt: „Alle Religionen funktionieren nicht, wirklich alle.“

Das Leben hat sie als Jüdin gezwungen, in jungen Jahren Berlin zu verlassen. Exil fand sie in Shanghai. Sie lebte in zig Ländern dieser Welt, bis sie gegen Ende ihres Lebens als buddhistische Nonne nach Deutschland zurückkehrte, ins Allgäu.

Sie war eine grossartige spirituelle Lehrerin.

Sie sagte, eine Zukunft haben wir nur, wenn wir Mystiker und Mystikerinnen werden. Damit unsere Kultur, damit unsere Welt eine Zukunft hat, muss der Mensch Mystiker werden.

Was ist ein Mystiker, eine Mystikerin? Es ist ein Mensch, der mit beiden Beinen auf der Erde steht und gleichzeitig im eigenen Bewusstsein eine andere Wirklichkeit berührt. Mystik ist der Weg in jeder Religion. Es geht darum, sich selbst an die letzte Wirklichkeit hinzugeben, die wir Gott nennen.

Wer allein im Alltagsbewusstsein zuhause ist, bewertet ununterbrochen alles: das ist gut, das ist schlecht. Buddhismus ist gut, Kirche ist schlecht. Gelassenheit ist gut, Leidenschaft ist schlecht. Dies schmeckt mir, dies nicht. Im Alltagsbewusstsein bestimmen unsere Sinnesorgane unsere Wahrnehmung.

Ayya Khema lädt uns ein, uns zu fragen: wie lange hält das an, was gut schmeckt, wie lange hält Schönheit an, wie lange währt ein beglückender Gedanke oder die Freude am Lottogewinn?
Rasch wird klar: auf der Alltagsebene suchen wir ständig nach neuer Befriedigung. Wir sind wie Getriebene, die neue Erfolgsmomente suchen. Schnell noch ein Buch, ein Film, ein Gespräch, eine SMS, eine Spritztour, ein Familientreffen. Nur keine Langeweile darf aufkommen! Wir werden Süchtige, die die anderen, die Geld-, Sex-, Alkohol-, Drogensüchtigen in unserer Gesellschaft ablehnen. Unsere Kultur ist eine Kultur des Habenwollens.

Ayya Khema sagt, unser Alltag mit seinen Verführungen und Problemen ist zum Lernen da. Das Leben ist unser Lehrmeister.

Und was lernen wir?

Dass wir auf der Bewusstseinsebene des Alltags keine bleibende Befriedigung erfahren. Im Hebräischen ist das Wort für Alltag gleichbedeutend mit krank.

Deshalb erlebe ich das als das grosse Geschenk des Buddhismus an uns, dass wir in der Meditation lernen, das Getriebensein loszulassen und uns der absoluten Wirklichkeit hinzugeben, der Leere oder Gott.

Als ich mit dieser neuen Erfahrung in meine Familie zurückkehrte, freute sie sich über meine Veränderung, aber niemand wollte jetzt auch Zen-Meditation praktizieren.

Zum Glück bin ich nicht missionarisch veranlagt und so lernte ich innerhalb meiner Familie auch Menschen kennen, die als Christen im Dialog mit dem Judentum ein neues Bewusstsein entwickelt haben. Klara Butting, ist z.B. eine Freundin und Lehrerin von mir, sie ist Professorin für biblische Theologie und ethische Verantwortung. Sie hat mir u.a. die Psalmen der Bibel auf neue Weise erschlossen.

Mithilfe der buddhistischen Meditationspraxis und Klara`s Buch „Erbärmliche Zeiten- Zeiten des Erbarmens“ habe ich etwas Neues gelernt. Und das ist ja das grosse Lebensgeschenk: Lernen zu dürfen.

Durch das innere Gespräch mit ihr und mit Ayya Khema habe ich z.B. begriffen, warum das Christentum von der göttlichen Trinität spricht:

  1. Gott ist das Absolute, der Schöpfer

  2. Gott ist das Relative, ist Schöpfung, ist Jesus Christus

  3. Gott ist die Verbindung vom Absoluten und Relativen, Gott ist Geist, Atem.

Konkret heisst das für mich und meine spirituelle Praxis:

Wenn ich meditiere, gebe ich mich dem Absoluten hin, ich bin in Gott eins mit allem.

Wenn ich bete, dann bin ich in meinem Alltagsbewusstsein, aber ich bin nicht allein, getrieben, sondern auch im Alltag verbunden mit Gott in Jesus Christus. Ich bete mit all meinen Sinnen und meinen Emotionen, ich rufe, ich klage, ich lobe, ich danke, ich suche, ich erbitte, ich räuchere, ich schmecke Brot und Wein, ich pilgere, ich faste und vieles mehr. Gott hilft mir auf dieser Bewusstseinsebene, weil ich Fehler machen darf, weil mir vergeben wird, weil ich mich als Suchende erleben kann.

Der dritte Aspekt Gottes hilft mir, meine persönliche Erfahrung ins Gespräch zu bringen mit der Erfahrung der anderen. Im Geist formt sich das kollektive Bewusstsein. Wir wissen, allein verändere ich die Welt nicht. Ich bin auch nicht im Besitz der ganzen Wahrheit. Wer eine Utopie durchsetzen will, zerstört sie. Der Weg der Veränderung muss im Gespräch mit unterschiedlichen Menschen je neu gesucht werden. Auch MystikerInnen streiten sich. Und das ist gut so.

Ich glaube, der Buddhismus hilft uns, mithilfe der Meditation uns der absoluten Wirklichkeit hinzugeben. Im Judentum, Christentum und im Islam bauen wir eher auf der relativen Ebene eine Beziehung zu Gott auf. Denn, wer tröstet mich, wenn ich krank bin? Zu wem rufe ich, wenn ich einsam bin? Im Absoluten gibt es kein Ich und kein Du.

Worin meine buddhistischen, jüdischen und christlichen Familienmitglieder und LehrerInnen sich einig sind, ist die Erkenntnis:

Meditation allein macht aus uns noch keine besseren Menschen.

Wo wir auch leben und unter welchen Umständen wir auch immer leben, wir müssen lernen auf der relativen Ebene miteinander zu leben, miteinander Lösungen für unsere Probleme zu finden.
Ich würde ergänzen: Miteinander müssen wir unsere Kultur, unsere Kirchen, unsere Religion erneuern. Das innere Universum unseres Bewusstseins ist ein kollektives Bewusstsein. Das innere Universum unseres Bewusstseins ist ein kollektives Bewusstsein.

Wie neu geborene Kinder, Quasimodogeniti, lernen wir im Miteinander, unsere Kultur und Tradition zu erneuern. Mögen wir nie aufhören, anzufangen.