Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 2,4-8

Vikar Tim Fink (ev)

27.07.2014 in der Evangelischen Kirchengemeinde in Kirchberg II

Sonntagsgottesdienst

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei mit uns allen. Amen!

[4] Zu ihm kommt als lebendiger Stein, derjenige der von den Menschen verworfen wurde, aber bei Gott auserwählt und kostbar ist. [5] und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Haus, als eine heilige Priesterschaft, die geistliche Opfer bringt, die Gott annimmt durch Jesus Christus. [6] Darum steht beim Propheten Jesaja: „Siehe ich platziere in Zion einen Eckstein, der ausgewählt und wertvoll ist; und wer an ihn glaubt, dem soll es nicht schaden.“ (Jes 28,16) [7] Für euch, die ihr glaubt, ist er wertvoll; für die ohne Glauben aber ist es „ein Stein, welchen die Bauleute verworfen haben. Dieser ist zum Eckstein geworden [8] und ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses.“ Sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben in dem auch sie ihren Platz haben. [1 Petr 2,4-8 Übersetzung TF]

 

Liebe Geschwister,

langsam ging die Arbeit auf dem Bauplatz voran. Die Bauleute hatten das Grundstück begradigt und nun konnten der Grundriss des Hauses abgesteckt werden. Schnüre wurden gespannt und nach kurzer Zeit konnte man auf dem Boden die Ausmaße erkennen. Groß sollte das Haus werden. Ein Haus, das für eine große Familie Platz bietet. Als die Bauleute die abgesteckte Fläche sahen, freuten sie sich auf den Bau dieses Hauses. Sie waren fasziniert von der Lage. Auf einer Felsklippe gelegen würde das Haus später in drei Richtungen einen wunderbaren Blick auf das Meer bieten. Da die Auffahrt zum Haus im Norden lag, würde auf der geplanten Terrasse vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang die Sonne scheinen. Die Bauleute waren sich sicher. Wer später in einem solchen Haus wohnen würde, der bräuchte im Urlaub nicht mehr verreisen. Das Haus würde der tägliche Urlaub nach der Arbeit für die Besitzer sein.

Mit Freude machten sich die Bauleute ans Werk. Die Rohrleitungen wurden gelegt und das Fundament wurde ausgegossen. Als das Fundament ausgehärtet war, ging es an das Hochmauern. Doch das stellte sich als Problem heraus. Der Polier wusste nicht so recht, was er sagen sollte, als die Steine geliefert wurden. Bisher war er es gewohnt mit Steinen zu arbeiten, die alle gleich waren. Die man hinstellen konnte wo man wollte. Steine die dafür sorgten, dass binnen kürzester Zeit die Wände hochgezogen sind. Eine Wand wie die andere. Aber diese Steine sahen aus, als wären sie vom Bauschutt. Kein Stein war wie der andere. Manche Steine sahen aus, als wären sie gerade aus dem Felsen geschlagen worden. Andere Steine sahen aus, als wären sie ganz gerade erst geboren worden. Wieder andere Steine erinnerten den Polier an seine pubertierende Tochter. Auf der einen Seite liebevoll und glatt und auf der anderen Seite rau und widerspenstig, geradezu, als wenn der Stein sein wirkliches selbst erst entdeckt.

Was sollte er nur mit dem Haufen bunt durcheinandergewürfelter Steine anfangen? Nach kurzem Überlegen, fiel ihm eine Idee ein. Er beauftragte seine Bauleute die Steine zu sortieren. Zerbrochene Klinkersteine zu zerbrochenen Klinkersteinen. Rohe unbehauene Granitsteine zu rohen unbehauenen Granitsteinen und so weiter. Erst einmal Ordnung in das Chaos bringen! Und dann schauen, ob man einzelne Wände mit gleichen Steinen erstellen kann ohne dass die Grundrisse verändert werden müssen.

Als die Bauleute die Steine sortiert hatten und die ersten Mauern hochzogen, hielten die Steine zunächst. Am nächsten Morgen jedoch waren die Mauern eingestürzt. „Gut!“ sagte der Polier zu seinen Bauleuten. „Dann bleibt uns nichts anderes übrig als die Mauern noch einmal hochzuziehen. Diesmal benutzen wir stärkeren Mörtel!“ Gesagt, getan. Die Bauleute rührten stärkeren Mörtel an und fingen an die Mauern wieder hochzuziehen. Als am Abend die Mauern fertig waren, gingen die Bauleute, geschafft aber glücklich, nach Hause. Morgen würden sie die Decke zum ersten Geschoss einziehen und weiter machen.

Der darauffolgende Tag brachte aber eine bittere Enttäuschung mit sich. Wieder waren die Mauern eingestürzt. Der Polier schlug nun vor, dass man die Mauern nach der Fertigstellung verschalt. Aber auch das half nichts. In den nächsten Tagen überlegten die Bauleute und der Polier, wie sie das Haus voran bringen könnten. Doch die Steine schienen sich gegen jede ihrer Ideen zu wehren. Es schien fast so, als wenn die Steine ein eigenes Leben führen würden. Jetzt blieb dem Polier nur noch eine Möglichkeit. Sie würde viel Zeit brauchen, aber sie war die einzige Möglichkeit für ihn. Das behauen der Steine, bis alle gleich sind. Irgendwie gefiel ihm der Gedanke nicht recht. Aber es blieb ihm keine Wahl. So gab er seinen Bauleuten den Auftrag die Steine zu behauen.

Gerade als die Bauleute mit ihrem Werk anfangen wollte schallte ein: „Halt! Nein! Was macht ihr da! Ihr macht alles kaputt!“ die Zufahrtstraße herauf. Als der Polier hinschaute, erkannte er an der grauen Kluft, dass es sich um einen Maurer oder Steinmetz handeln musste. So ein Geselle auf der Walz kam ihn gerade recht. Vielleicht hatte er ja eine gute Idee. Was machte es da auf ein paar Minuten zu warten. So ließ er die arbeiten einstellen, bis der Wandergeselle angekommen war und sich das Problem mal anschauen konnte.

Als der Wandergeselle angekommen war, schaute er sich den bunten Steinhaufen an. Nachdem er sich das Spektakel anschaute meinte der Polier: „Was würdest du vorschlagen?“ Der Geselle schaute ihn an: „Gib mir mal den Brief, den der Auftraggeber den Blaupausen beigelegt hat!“ Der Polier war überrascht. Es war zu den Blaupausen wirklich ein Brief des Auftraggebers beigelegt worden. Er hatte den Brief nicht gelesen. Auf den Blaupausen stand doch alles Wichtige. So gab der Polier den noch versiegelten Brief dem Gesellen. Dieser las ihn aufmerksam und meinte: „Hier steht doch alles drinnen. Genau hier steht, wie du das machen sollst. Pass auf hier steht: Mein Leben war nicht immer leicht, aber mein Ziel war es alle Menschen, so wie sie sind, zusammen zu bringen. Ich wollte immer, dass sie erkennen, dass Gott sie liebt, wie sie sind. Als Menschen mit Ecken und Kanten, die vollkommen in ihrer Unvollkommenheit sind. Als Sinnbild für mein Lebenswerk, will ich ein Haus bauen lassen, dass genauso individuell wie die Menschen ist und zeitgleich zeigt, dass das scheinbar nicht zusammenpassende zusammenpasst. Mit freundlichen Grüßen, Ihr J.C.“

Der Polier war überrascht. Das was der Auftraggeber schrieb, gefiel ihm sehr. Aber wie sollte man das Haus bauen. Ratlos schaute er den Wandergesellen an. Der Wandergeselle schaute ihn an und sagte: „Verstehst du es nicht? Dieses Gebäude kann, alleine aus dem glauben daran, dass die Steine zusammenpassen, gebaut werden. Das einzige was wichtig ist, ist den richtigen Eckstein zu finden, mit dem angefangen wird. Lass mich mal suchen.“ Der Polier schaute verdutzt. Aber der Wandergeselle machte sich zwischen den tausenden Steinen auf die Suche. Irgendwas hatte der Wandergeselle. Diese, von Glauben an das Projekt, erfüllten Augen hatte der Polier noch bei keinem anderen Menschen gesehen. Aber dieser Wandergeselle schien in seinem innersten überzeugt zu sein, von dem was er tat.

Nach einer Weile kam der Wandergeselle mit einem Stein wieder. Aber was hatte er da bloß für einen Stein mitgebracht. Es war einer der Steine, den die Bauleute und er als erstes zum Bauschutt geworfen hatten. Ein Stein der klein und unscheinbar wirkte. Der aussah, als wenn er nichts halten könnte. „Diesen Stein verwenden wir als Eckstein!“ verkündete der Geselle stolz. „Aber dieser Stein ist doch als Eckstein total ungeeignet!“ Wendete der Polier ein. „Du verstehst es noch immer nicht“, sagte der Wandergeselle, „Es kommt nicht darauf an den Stein zu verwenden, den wir für die Aufgabe für richtig erachten. Es kommt darauf an den Stein zu finden, der für die Aufgabe berufen ist.“ „Aber wie finden wir dann den nächsten Stein der dazu passt!“ fragte der Polier. „Indem wir unser Bestes geben, den richtigen Stein zu finden. Das kann dauern. Denn diese Steine sind wie wir Menschen. Jeder Stein ist eine eigene Persönlichkeit mit Zielen Wünschen und Hoffnungen. Er weiß in seinem tiefsten Inneren die Aufgabe die Gott ihm aufgegeben hat. Deswegen kann man ihn nur eine kurze Zeit auf die falsche Stelle legen. Wenn er merkt, dass die Stelle nicht seine Stelle ist, dann wird er dort weg springen. Falls das passiert, wissen wir, dass wir einen anderen Stein suchen müssen.“ Der Polier war erschüttert: „Das dauert ja Ewigkeiten!“ „Jetzt fängst du an es zu begreifen!“ Entgegnete ihm der Wandergeselle. „Dieses Haus wird Ewigkeiten brauchen. Wahrscheinlich wird es nie fertiggestellt. Aber das ist auch gar nicht das Ziel dieses Bauauftrages. Das Ziel ist es, dass jeder Stein, genau wie jeder Mensch seine ihm bestimmte Aufgabe in der von Gott geschaffenen Welt findet. Schau dir diesen Platz an, an dem das Haus stehen wird. Du kannst in drei Richtungen in die Ferne fast ewig weit blicken. Du kannst nicht wissen, was sich am Ende des Horizonts abspielt. Nur wenn du zurück blickst auf die Zufahrtsstraße kannst du sehen, wo ein Weg hinführt und diesen bist du schon gegangen. Er wird dich aber nicht voran, sondern zurück bringen. Ich denke, dass der Auftraggeber genau deswegen diese Stelle gewählt hat. Als einen Aussichtspunkt auf die ungewisse Zukunft. Ein Haus, welches ein Sammelpunkt für alle Menschen sein soll, die zusammen überlegen wollen, wie die Zukunft aussehen kann. Ein Haus, das mit den Menschen die es besuchen wächst. Es wächst, weil jeder Mensch der hierherkommen wird einen, seinen Stein finden wird und ihn an die richtige Stelle einsetzen wird.“ „Und was dann?“ Fragte der Polier. Der Wandergeselle schaute ihn schmunzelnd an und sagte: „Dann wenn du deinen Stein gefunden hast, gehst du runter zu den Menschen in die Stadt und sagst ihnen: Dort oben wird ein Haus für alle Menschen gebaut. Geht dorthin sucht euren Stein, setzt ihn ein, genießt den Ausblick und erzählt anderen davon. Denn nur so wird das Haus wachsen und so unvollkommen schön werden, wie es sich der Auftraggeber wünscht.“

Da schaute ihn der Polier traurig an und meinte: „Aber was ist, wenn ich hier noch einmal herkommen will. Darf ich das oder darf ich das nicht?“ Eindringlich schaute ihn der Wandergeselle daraufhin an und meinte: „Zu diesem Haus darf jeder kommen, so oft er will. Es lohnt sich sogar zu gucken, ob der Stein den man gesetzt hat noch an der richtigen Stelle steht. Es kann ja sein, dass er vielleicht doch nicht so ganz passt und an eine neue Stelle hingestellt werden muss. Denn dieses Haus ist ein Haus voller lebendiger Steine. Dieses Haus soll mit Leben gefüllt sein. Mit den Jahren werden Räume entstehen für Gespräche mit anderen, die auf der Suche nach dem Morgen sind. Es wird aber auch eine schöne Terrasse geben, auf der man gemeinsam in die Ewigkeit blickend verweilen kann und sich Gedanken machen kann, wie man das was man in diesem Haus erlebt unten in der Stadt den Menschen erzählen kann. Dieses Haus hier soll ein Ort sein, wo alle Menschen Gott nahe sein können und erkennen, dass man nicht vollkommen sein muss. Sondern so wie man ist, in seiner ganzen Unvollkommenheit vollkommen ist.“ Als der Wandergeselle das gesagt hatte, nahm er einen Stein, setzte ihn neben den Eckstein und ging runter in die Stadt. Auch die Bauleute fingen an ihren Stein zu suchen, setzten ihn und gingen in die Stadt. Sie erzählten von diesem Haus und mit den Jahren wuchs das Haus immer mehr. Es wurde ein lebendiger Ort, wo viele Menschen ein und ausgingen und jeder Mensch der einen passenden Stein finden wollte, fand auch einen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!