Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 3,15

Pfarrer Udo Hahn (ev)

25.11.2011 in der Ev. Akademie Tutzing

zur Einführung einer neuen Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Tutzing

Liebe festlich versammelte Gemeinde!

"Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht." Diese Aufforderung aus dem ersten Petrusbrief ist unmissverständlich. Mit anderen Worten: Seid stets bereit, jedem Menschen Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.

Wer zur Verantwortung gezogen wird, muss sagen, was Sache ist. Er sollte es jedenfalls tun, wenn er beispielsweise vor Gericht steht, ob als Angeklagter oder als Zeuge. Oder wenn er als Direktor Rechenschaft über den Haushalt der Akademie abzulegen hat.

Was aber wird von den Adressaten des ersten Petrusbriefes erwartet? Auch sie sollen sich äußern. Sie werden um Auskunft gebeten über die Hoffnung, aus der heraus sie ihr Leben gestalten. Es ist eine bohrende Frage. Denn hier geht es nicht darum, diese oder jene Einstellung zu haben, dies oder das zu meinen, sondern konkret zu sagen: was ich hoffe, was ich glaube.

Diese Aufforderung aus dem ersten Petrusbrief richtet sich nicht nur an Theologen, sondern an alle Christinnen und Christen. Dass Christen danach gefragt werden, was sie glauben, ist eine neue Situation: Wie werde ich Christ, und wie bleibe ich es? Was unterscheidet uns von Muslimen, Buddhisten, Hindus? Und was verbindet uns? Das Verbindende wird sich vor allem auf ethischem gebiet zeigen lassen. Ratschläge, wie man sich verhalten sollte, dass andere keinen Anstoß an einem nehmen. Wie man anständig lebt, dazu findet man nicht nur im christlichen Glauben eine Anleitung, sondern auch in anderen Religionen.

Und was ist das Besondere am Christentum? Zunächst - wie es schon der Name sagt - die Bindung an Jesus Christus. Das klingt vielen Zeitgenossen noch einleuchtend, wenn sie an den irdischen Jesus denken, der mit der Bergpredigt ethische Maßstäbe gesetzt hat, die auch unter Nichtchristen Zustimmung finden. Aber damit ist eben noch nicht alles gesagt.

Die Hoffnung, nach der Christen gefragt werden, gründet letztlich nicht auf dem Jesus der Bergpredigt, gleichwohl diese Leitlinien wichtig bleiben, sondern christliche Hoffnung gründet in dem am Kreuz gestorbenen und von Gott auferweckten Christus. Christen tragen eine "lebendige Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten" in sich, heißt es im ersten Petrusbrief gleich zu Beginn. Dies ist das unterscheidende Kriterium.

Aber: Auferstehung von den Toten – kann man das wirklich glauben? Die christliche Hoffnung ruht auf einem vernünftig verantwortbarem Grund. Dies lässt sich aus dem griechischen Urtext dieses Verses aus dem ersten Petrusbrief klar herauslesen.

Aber vernünftige Ratschläge werden nicht zwangsläufig befolgt. Was bringt es, Christ zu sein, was bringt der christliche Glaube für mich ganz persönlich? Meine Antwort: Er hilft, die Lebenslügen unserer Zeit zu durchschauen. Und die lauten: Du musst dich selbst verwirklichen, du musst etwas leisten, du musst etwas darstellen unter den Leuten. Zu meinen, man bekäme dadurch Gewissheit für sein Leben, dass das Leben einen Sinn hat, diese Gewissheit stellt sich nicht ein, auch wenn man Spaß am Erfolg hat und ihn haben sollte. Aber das Leben beschert einem ja nicht immer nur Erfolge und Glücksgefühle. In der Regel widerfährt einem eine Mischung aus Erfolg und Misserfolg, Freude und Leid. In diesem Lebensphasen Halt zu haben, das habe ich nur, wenn ich auf diesen Jesus sehe. Er ist der einzige Halt.

Und dieser Halt gibt mir Freiheit, innere Freiheit. Der Freiheit bescherende christliche Glaube meint freilich keine Freiheit von den Gefängnissen unserer Zeit, die viele Namen haben Können: Angst, Unzufriedenheit, Unsicherheit.

Es ist eine weitere Lebenslüge zu meinen, man könne nur glücklich und zufrieden sein, wenn man alle Einschränkungen der Lebensqualität überwunden habe. Aber meist verlässt man nur das eine Gefängnis und findet sich gleich im nächsten wieder. Worum es geht? Um Freiheit in fesselnden Lebenssituationen. Damit sollen ungerechte Verhältnisse nicht gerechtfertigt beziehungsweise stabilisiert werden. Stabilisiert werden muss hingegen der Mensch, er muss zu innerer Freiheit gelangen, um mit den Widrigkeiten des Lebens umgehen zu Können - sie abzuschaffen oder wenigstens zu verändern, oder schlimmstenfalls darin zu bleiben und nicht zu verzweifeln.

Und an wen richtet sich diese Botschaft? An jeden und jede – er und sie ist der Adressat, doch wird nicht jedem mit derselben Antwort gedient sein. Ich sehe drei Gruppen von Menschen: Zum einen sind es getaufte Christen unter uns, die es für eine Tradition halten, Kirchenmitglied zu sein. Aber auch traditionelle Halteseile können brüchig werden und reißen. Sie fragen dann: Was bringt mir der christliche Glaube? - und wissen keine plausible Antwort mehr. Zum anderen sind es Menschen, die nie mit dem christlichen Glauben in Berührung gekommen sind, die aber durchaus aufgeschlossen sind, neugierig, was es denn mit "den" Christen und der Kirche auf sich hat. Schließlich gibt es noch die Zyniker, die vom Glauben, auch von der Kirche, vor allem aber vom Leben Enttäuschten. Die mit allem abgeschlossen haben, die alles besser wissen, nicht mehr zuhören können. Die umgeben sind von einem Betonmantel, den sie selbst von innen und andere von außen mit aufgebaut haben. Mit Zynikern will kaum jemand etwas zu tun haben, gleichwohl diese doch - wenigstens gelegentlich - kaum zu hörende Klopfzeichen aussenden. Den Einsamen und Enttäuschten gilt auch das Zeugnis der Glaubenshoffnung.

Gut und schön, mag mancher denken, aber in der Praxis? In dieser Disziplin, so lautet ein oft zu hörender Einwand, versagen Christen meist. "Ich frage mich vor allem dies eine", hat Heinrich Böll einmal notiert: "Wie ist es möglich, daß 800 Millionen Christen diese Welt so wenig zu verändern vermögen - eine Welt des Terrors, der Unterdrückung, der Angst? In der Welt habt ihr Angst - hat Christus gesagt -, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden! Ich merke so wenig davon, daß die Christen die Welt überwunden, von der Angst befreit hätten; von der Angst im Wirtschaftsdschungel, wo die Bestien lauern; von der Angst der Juden, der Neger, der Kinder, der Kranken. Eine christliche Welt müßte eine Welt ohne Angst sein. Und unsere Welt ist nicht christlich, solange die Angst nicht geringer wird, sondern wächst; nicht die Angst vor dem Tode, sondern die Angst vor dem Leben und den Menschen, vor den Mächten und Umständen, Angst vor dem Hunger und der Folter, Angst vor dem Krieg ... Aber hin und wieder gibt es einen Christen, und wo er auftritt, gerät die Welt in Erstaunen, 800 Millionen Christen haben die Möglichkeit, die Welt in Erstaunen zu versetzen."

Sie, liebe Frau Stumptner, haben in Ihrer Bewerbung geschrieben: „Mein Ziel ist es, meine Erfahrungen und meine Begeisterung für aktuelle und relevante Inhalte in die Arbeit der Evangelischen Akademie Tutzing einzubringen, und so an einer Institution zu wirken, die es durch ihre Geschichte und ihren Anspruch ermöglicht, Themen umfassend zu betrachten, Diskussionen anzustoßen und einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung zu leisten.“

Ich lese und verstehe diese Aussage im Lichte des Verses aus dem 1. Petrusbrief. Möge Ihr Wirken in diesem Haus im Sinne Heinrich Bölls die Welt in Erstaunen versetzen.

Amen.