Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Petrus 5,7-11

Pfarrer Stephan Müller-Kracht

02.09.2007 in der Evang. Friedenskirche Mainz-Mombach

Weinfest in Mainz

Weinfest in Mainz

I Weinfeste

An diesem Wochenende, liebe Gemeinde, werden in Rheinhessen, auch hier in Mainz, Weinfeste gefeiert.

Auf vielen Tischen liegen dabei Plastiktischtücher aus, denen sich im Laufe eines Abends zahlreiche Spruchweisheiten entnehmen lassen, z.B. diese:
In Rhoihesse beim Woi, da lässte Soie Soie soi.

Wie finden Sie den?
Ich finde ihn einigermaßen witzig, er reimt sich – und verständlich ist er auch.
Schließlich benennt er eine Erfahrung, die wir kennen:
Sorgen haben.
Und dass ein Gläschen Wein oder auch zwei oder drei die Lage aufhellen können, uns entkrampfen – das haben die meisten von Ihnen – ich selbst eingeschlossen - durchaus schon erlebt.

In Rhoihesse beim Woi, da lässte Soie Soie soi.

II Sorgen

Sorgen, Soje, hat jeder und jede, fast jederzeit.

Vor knapp 2000 Jahren, als Petrus seinen Brief schreibt, Sorgen, so heftig, dass er sie mit einem brüllenden Löwen vergleicht, der umherschleicht und die Menschen zu verschlingen droht.

Im Mittelalter, im dreißigjährigen Krieg, als das Lied, das wir eben vor der Predigt gesungen haben, entstanden ist, „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach “, als Pest und Terror wüteten und die Hälfte der Bevölkerung dahinrafften, Sorgen, in kaum vorstellbarem Ausmaß.

Sorgen, bei uns gibt es sie auch – reichlich mitunter, wo sich viele um Rente und Harz-Zuweisung sorgen, manche auf einem Schuldenberg sitzen, wo Kinderarmut zum Thema geworden ist, wir hier in Mainz mit Schrecken verfolgen, dass auch bei Schott und IBM die Arbeitsplätze wanken, Probleme in der Schule vielleicht, die nächste Hausaufgabenüberprüfung kommt bestimmt, .. bis hin zu Krankheit und Leiden, vielleicht der Sorge, wie es mit mir persönlich im Alter weitergehen soll.

Kurzum: Was Sorgen sind, muss ich Ihnen nicht erklären.
Doch, was tun? Was greift? Welche Gegenmittel, welche Gefahrenabwehr steht zur Verfügung?

III Gegengift: Wein

Erstens: Eine gute Flasche Wein:
In Rhoihesse beim Woi, da lässte Soie Soie soi.


Hört sich witzig an, eben ein Werbeslogan, hat aber einen – wie ich finde - ernst zu nehmenden Hintergrund. Wenn ich die 80-, 90-, 100-Jährigen besuche, frage: Was ist das Geheimnis ihrer Vitalität bis ins hohe Alter?, höre ich nicht selten: Jeden Tag mein gute Schoppe, Herr Pfarrer, und ich glaube, da ist durchaus was Wahres dran.
Dass - wie bei vielen schönen Sachen - auch hier die Gefahr des Missbrauchs und der Sucht lauert, brauche ich Ihnen nicht zu erläutern.
Mir ist wichtig: Wein, eine wirklich gute Schöpfungsgabe
Gottes. Ihn zu genießen, gerade an diesem schönen Wochenende, in geselliger Runde, in einem der zahlreichen gastlichen Weinhöfe, nicht die schlechteste Idee.
Gar nicht selten übrigens, dass auch die Bibel den Wein lobt und wertschätzt. Wein steht nach biblischer Erfahrung für Lebenskunst und Lebensgenuss.
Eine Gottesgabe. Und manchmal kann er uns helfen, die Dinge lockerer anzugehen, Soie Soie sein zu lassen.

IV Gegengift: Beratung

Gott hat aber noch mehr und anderes gegen überhandnehmende Sorgen erfunden. Da gibt es Strategien, wir können lernen, mit Sorgen vernünftig umzugehen, da gibt es die unterschiedlichsten Therapieformen, Ärzte, Kliniken, Therapeuten, unterstützende Medikamentierung, wo dies nötig ist und Sinn macht, es gibt Beratungsstellen, z.B. jetzt auch neu in unserer Stadt bei drohender Überschuldung. Eine Menge bietet auch die Kirche an, gerade hier in Mainz, schauen Sie mal ins Telefonbuch und machen sich ein Bild. Sie werden erstaunt sein, was es da alles gibt, um mit seinen Sorgen besser klar zu kommen, raus zu kommen aus den besorgniserregenden, quälenden Lebensumständen.

V Gegengift: Glaube

Schließlich darf ich Sie aufmerksam machen auf ein drittes Geschenk Gottes in sorgenvollen Tagen:
den Glauben, unseren Glauben an Gott selbst, an seine Gegenwart, an seine Hilfe in verfahrener Situation.
All Eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch, so fasst das der Petrusbrief in seinen Worten zusammen.

Ja, höre ich da manchen einwenden, weiß ich, ich lese sogar mitunter in der Bibel, ich glaube, will glauben, hab sogar schon Hilfe erfahren von Gott, aber wenn es so ist, dass mich die Sorgen verschlingen, auffressen, Land unter, alle Strategien am Ende, wie kann ich denn dann die Wahrheit des Glaubens spüren, wie hilft Er mir dann heraus, wie komme ich dann wieder in ruhigeres Fahrwasser? Was kann ich, muss ich da tun?

Den Königsweg in Sachen Glauben, Erfolgsgarantie in Sachen Hilfe von Gott her, in 7 Schritten raus aus den Sorgen, das gibt es – leider - nicht, wäre mir jedenfalls nicht bekannt.

In der Bibel, mit all den unterschiedlichen Menschen, die es dort mit Gott versucht haben, lassen sich jedoch durchaus einige bewährte Hinweise finden, so auch in unserem heutigen Bibelabschnitt:

nüchtern bleiben
diesen Hinweis dürfen wir ganz direkt verstehen, also nicht zu viel Alkohol in kritischen Zeiten, oder sogar gar keinen, nüchtern bleiben aber auch in einem noch anderen Sinne: nicht herumspinnen, sich zergrübeln, in Selbstmitleid versinken, die Sorgen noch verstärken und aufblasen, nein realistisch bleiben, so gut es geht, nüchtern auf sich, die eigene Situation schauen.

wachsam bleiben:
sich keinen Sand in die Augen streuen (lassen), nichts beschönigen, nichts verharmlosen, sich nichts vormachen, wach, aufmerksam, ehrlich sein in solchen Zeiten, statt sich selbst und anderen was vorzuspielen.

feststehen im Glauben:
daran festhalten: Es gibt auch wieder andere Zeiten, ich traue Gott zu, dass er mich auch wieder in bessere, unbeschwertere Tage hineinführt, dass er mich nach einer Zeit des Leidens, so wie das in unserem Bibeltext heißt, „aufrichtet, stärkt, kräftigt, auf festen Grund stellt.“

Oft ist es wenig genug, was zu tun wir in der Lage sind, wenn uns Not und Sorgen unfähig machen zu handeln. Warten, durchhalten, nüchtern sein, wachsam, feststehen im Glauben, dass Gott uns Trost und Kräftigung schicken wird.

VI Aktiv werden?

Gibt es nicht doch noch was, was wir in Sachen glauben tun könnten?

Vielleicht eine Kerze entzünden, und – damit habe ich selbst gute Erfahrung gemacht – ein gutes, kraftvolles Bibelwort gegen die Angst aussuchen, es mitnehmen in den Tag mit seinen Sorgen, es ranlassen an mich, reinlassen in mich. Die Worte auswendig lernen, sie aufsagen, laut oder leise, am Morgen, mittags, abends , dazwischen, als Heilmittel gegen Angst und Sorgen.
In anderen Kulturen nennt man so ein Wort Mandra, ein Wort das mich durchformt, beruhigt, heilt, das Kraft gewinnt in mir, stärker als die Sorgenlast, die mich nach unten zieht. „All Eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für Euch“. Der Spitzensatz des heutigen Bibeltextes hat das Zeug, zu einem solchen Satz zu werden.

VII. Fazit

Was tun, wenn Angst und Sorgen unser bestimmendes Lebensgefühl werden, unsere Lebensfreude ersticken, so habe ich gefragt.
Ausmerzen, am besten ein für alle mal, können wir sie leider nicht, die Sorgen.
Manchmal hilft ein guter Schluck.
In Rhoihesse beim Woi, da lässte Soie Soie soi.
Manchmal brauchen wir professionelle Hilfe, Beratung, Unterstützung.
Schließlich der Glaube, das Vertrauen, dass Gott da ist, dass er uns kennt, auf uns zu kommt, uns nicht verkommen lässt.
Ein solcher Glaube, mit das Beste, in unserer Welt mit ihren Sorgen und Problemen.
All Eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für Euch.

Amen.