Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Samuel 14,24-46 und Psalm 124

Dr. Christoph Schröder (ev.-luth.)

07.03.2010 in der Auferstehungskirche Großhansdorf

Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann

anlässlich des Rücktritts der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann

Begrüßung:
Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
Auf der Titelseite des “Spiegel” war in dieser Woche ein Bild von Margot Käßmann zu sehen, darunter die Zeile: Mensch Käßmann. Vom Umgang mit der Schuld. Es ging in der Ausgabe darum, wie vorbildhaft sie mit ihrer Schuld umgegangen ist.
Mich hat in diesen letzten zehn Tagen die Frage beschäftigt: Wie gehen wir mit denen um, die durch einen Fehltritt schuldig werden. Sehen wir unbeteiligt – oder auch bewundernd – zu, wie sie die Konsequenzen tragen? Oder ist es vielleicht unsere Aufgabe, diese Dynamik zu unterbrechen, für sie einzutreten, sie durch unsere Fürsprache aus der Verstrickung zu lösen?
Der Wochenspruch für die dritte Woche der Passionszeit lautet: “Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.”
 
Psalm 124
Wäre der Herr nicht bei uns –  so sage Israel --,
    wäre der Herr nicht bei uns, wenn Menschen wider uns aufstehen,
so verschlängen sie uns lebendig, wenn ihr Zorn über uns entbrennt;
    so ersäufte uns Wasser, Ströme gingen über unsere Seele,
es gingen Wasser hoch über uns hinweg.
    Gelobt sei der Herr, dass er uns nicht gibt zum Raub in ihre Zähne!
Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers;
    das Netz ist zerrissen und wir sind frei.
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
    der Himmel und Erde gemacht hat.

Predigt
Liebe Gemeinde!
Antje Vollmer schreibt in der aktuellen Ausgabe der Zeit über den Rücktritt von Margot Käßmann: “Es war geradezu ein Glück, ihr dabei zuzusehen, wie sie in einem einzigen Moment, in drei kurzen Minuten, mitten im Blitzlichtgewitter heiter und entschlossen all diese Fesseln, Fallstricke, falschen Verbrüderungen und Verschwesterungen abschüttelte, um sich selbst treu zu bleiben und ihrem Amt zu dienen. Sie war frei.”
Ähnlich der Spiegel: “Als Bischöfin konnte sie kein Vorbild mehr sein, als zurückgetretene ist sie eines geworden. Auch deshalb muss man sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen.”
Ich kann dieser Deutung etwas abgewinnen, aber sie befremdet mich auch.

Sie befremdet mich, weil ich bis heute der ganzen Geschichte so gar nichts Tröstliches abgewinnen kann. Mich erfüllt eher ein Gefühl der Trauer und der Leere, wenn ich daran denke, daß es zu diesem Rücktritt gekommen ist und welche Zerstörung von Beziehungen diese ganze Geschichte hinterlassen hat. Da ist nichts Befreiendes. Ich empfinde nur die Sinnlosigkeit dieses ganzen Geschehens. Mich beschleicht die vage Frage: Wie kann es eigentlich passieren, dass ein Mensch, der in unserer Gesellschaft für so viele Orientierung und Hoffnung verkörperte, so Knall auf Fall alle seine öffentlichen Ämter verliert? Niemand hat das gewollt. Und trotzdem ist es so gekommen. Das war wie eine Naturgewalt, die da wie aus heiterem Himmel sich ihr Opfer geholt und dabei eine Schneise der Verwüstung zurückgelassen hat. Sind wir völlig machtlos gegen eine Dynamik, in deren Strudel wir zuweilen alle gerissen werden? Da hat doch irgendetwas völlig versagt.

Glauben Sie mir, ich will hier die Schuld von Margot Käßmann nicht kleinreden. Sie selbst hat ihren Fehler ja sofort öffentlich eingestanden. Aber dass damit unaufhaltsam ein destruktiver Prozess ins Rollen kam, dem viele sogar noch etwas Positives abgewinnen können, das macht mich ratlos.
Ich glaube, dass sich an dieser Geschichte exemplarisch zeigt, wie ein Mensch in einen Strudel gerät, aus dem er sich selbst nicht mehr befreien kann. Wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich durch Flügelschlagen nur noch weiter verheddern würde.

Die Bibel hat ein sehr waches Gespür für solche Verstrickungen. Vor allem aber dafür, wie man ihnen Einhalt gebieten, wie man den Vogel aus dem Netz befreien kann. Lassen Sie mich das an einer Geschichte zeigen:

Als Israel unter König Saul im Kampf mit den Philistern liegt und die Israeliten in Bedrängnis geraten, belegt Saul sie, um ihre Kampfkraft zu stärken, mit einem Fluch: “Verflucht sei jedermann, der etwas isst bis zum Abend, bis ich mich an meinen Feinden räche!” Alle halten sich daran. Nur Sauls Sohn Jonatan nicht. Tragischerweise hatte er den Befehl seines Vaters nicht gehört. Als er auf dem Feld an Honigwaben vorbeikommt, streckt er seinen Stab aus und holt sich etwas von der köstlichen Speise. Ausgerechnet Jonatan verhilft dann durch seinen Mut und seine Tatkraft den Israeliten zum Sieg. Als Saul nun am nächsten Tag Gott befragt, wie er den Feldzug weiter führen soll, erhält er keine Antwort. Die Komunikation ist gestört. Da weiß Saul, dass jemand die Verfluchung, unter die er das Volk gestellt hatte, verletzt haben muss. Die Konsequenz ist für ihn klar: “So wahr der Herr lebt, der Heiland Israels: auch wenn die Schuld bei meinem Sohn Jonatan wäre, so soll er sterben.” Jonatans Fehltritt kommt ans Licht. Nach eingehender Untersuchung stellt sich heraus: Er hatte den Eid verletzt.
“Und Saul sprach zu Jonatan: Sage mir, was hast du getan? Jonatan sagte es ihm und sprach: Ich habe ein wenig Honig gekostet mit der Spitze des Stabes, den ich in meiner Hand hatte; siehe ich bin bereit zu sterben. Da sprach Saul: Gott tue mir dies und das; Jonatan, du musst des Todes sterben.”
Scheinbar unerbittlich muss das Verhängnis seinen Lauf nehmen. Der Schuldige muss die Konsequenzen seines Handelns tragen, damit die Ordnung und die Kommunikation zwischen Gott und Mensch wiederhergestellt sind, damit der gesellschaftliche Friede wieder einkehrt. Kein Weg scheint daran vorbeizuführen, so bedauerlich das auch sein mag. Der Fall Käßmann belegt, dass das auch heute noch so ist. Wer einen Fehler begeht und sich damit exponiert, zieht die Pfeile auf sich und muss die Konsequenzen tragen. Retten kann er sich nicht. Es sei denn: durch Rücktritt – mag er auch noch so viel Gutes geleistet haben. Da ist dann Konsequenz gefragt. Aber was für eine Konsequenz ist das eigentlich? Wieso lassen wir das zu?!

Die Geschichte von Jonatan geht nämlich anders aus. Und deshalb erzähle ich sie Ihnen ja. Es gibt nämlich eine Möglichkeit, den Bann zu lösen, unter dem Jonatan steht. Ehrlich gesagt, ich glaube, es gibt immer eine Möglichkeit, die scheinbare Zwangsläufigkeit, die ein schuldhaftes Vergehen lostritt, zu unterbrechen und aufzulösen. Alles, was dazu gehört, ist Mut. Den hat hier das Volk.
“Aber das Volk sprach zu Saul: Sollte Jonatan sterben, der dies große Heil in Israel vollbracht hat? Das sei ferne! So wahr der Herr lebt: Es soll kein Haar von seinem Haupt auf die Erde fallen, denn Gott hat heute durch ihn geholfen. Und so löste das Volk Jonatan aus, so dass er nicht sterben musste.”
Jonatan selber konnte nichts mehr tun, um das, was er in Gang gesetzt hatte, aufzuhalten. Er hatte Schuld auf sich geladen, und war bereit, sie zu tragen. “Siehe, ich bin bereit zu sterben”, sagt er zu Saul. Mehr konnte er nicht tun. Aber die anderen haben etwas getan. Sie sind für ihn in die Bresche getreten und haben ihn so “ausgelöst.” Sie haben den Vogel aus dem Netz befreit. “Das Netz ist zerrissen und wir sind frei”.
Es ist also nicht egal, wie die anderen sich zu dem verhalten, der sich in Schuld verstrickt hat. Überlassen sie ihn seinem Schicksal? Im Fall von Jonatan wäre das verrückt gewesen. Es hätte nur Verlierer gegeben. Ich glaube, wir haben die Möglichkeit, uns für das Leben einzusetzen. Das Volk hat diese Möglichkeit entschieden genutzt und damit einen völlig sinnlosen Tod verhindert. Ich bin davon überzeugt, dass Gott das will, dass wir dem Bösen, der Macht der sinnlosen Zerstörung und der Zerrüttung aller sozialen Beziehungen die Stirn bieten und den auslösen, der in den Strudel der Schuld geraten ist und sich nicht mehr selber helfen kann. Darum geht es im christlichen Glauben. Dafür ein weiteres Beispiel.

Ein langjähriger Weggefährte von Richard von Weizsäcker, des Altbundespräsidenten, berichtet, wie geistesgegenwärtig sich der junge von Weizsäcker in einer Situation verhalten habe, in der es um Leben und Tod ging. Im Zweiten Weltkrieg. Weizsäcker ist diensthabender Offizier und hat eine Gruppe von Soldaten zu einer Lagebesprechung um sich versammelt. Da zieht einer der Soldaten unvermittelt seine Waffe und feuert eine Salve auf das Hitlerbild, das an der Wand hängt. Betretenes und entsetztes Schweigen. Wenn das nach außen dringt, dann ist der erledigt. Und es wird nach außen dringen. Wie kommt der dazu, unseren Oberbefehlshaber zu entehren? Damit habe ich nichts zu tun. Der soll man schön selbst dafür die Verantwortung übernehmen. Was bringt der uns hier alle in Gefahr durch seine impulsive Art?! Solche Gedanken werden den Zeugen dieses Vorfalls durch den Kopf gegangen sein. Er hat einen Fehler gemacht; für den wird er büßen müssen. Ein Filmriss, ja. So was darf man sich eben nicht leisten. Eine ausweglose Situation. Allen ist klar: Die Tage des Schützen sind gezählt. Die Logik des Todes wird ihn unbarmherzig einholen. Es scheint keinen Ausweg zu geben.
Doch, es gibt immer eine Möglichkeit, das Netz zu zerreissen, den schuldig Verstrickten zu befreien.

Was tut von Weizsäcker? “Keiner verlässt den Raum”, befiehlt er. “Jeder nimmt seine Waffe, und wir schießen jetzt alle gemeinsam auf das Bild.” Damit ist der schuldig Gewordene ausgelöst. Jetzt tragen, gezwungenermaßen, alle alles mit. Jetzt kann sich keiner mehr ausklinken und den anderen belasten. “Unsere Seele ist dem Netz des Vogelstellers entronnen; das Netz ist zerrissen und wir sind frei.”

Verstehen Sie, was ich meine? Es gehören Mut und Geistesgegenwart dazu und die Bereitschaft, sich für den anderen einzusetzen. Aber vor allem ein tiefes Wissen um die zerstörische Macht des Bösen, der der schuldig Gewordene dann hilflos ausgeliefert ist. Nur durch den mutigen Einsatz der anderen kann dieses Netz noch zerrissen werden. Dafür gibt es ein altes Wort: Fürsprache, im Gottesdienst die Fürbitte. Für den anderen sprechen, sich mutig für ihn einsetzen, für ihn in die Bresche treten und dabei die Pfeile auf sich ziehen – das allein kann das Netz, das das Böse gesponnen hat, auflösen.  Letztlich ist es die Liebe, die das Böse auflöst. Dann fällt es in sich zusammen wie ein böser Spuk. Das ist nicht nur schönes Gerede. Ich glaube, hier geht es um soziale Dynamiken, um zerstörerische Prozesse, die sich um uns herum abspielen und denen wir hilflos gegenüberstehen, weil wir sie nicht durchschauen und nicht mehr wissen, wie man ihren bösen Spuk auflösen kann.
Einer wie Weizsäcker konnte nur deshalb so geistesgegenwärtig und blitzschnell reagieren, weil er diese Zusammenhänge bereits vorher zu durchschauen gelernt hatte.

Hätte die Geschichte mit Margot Käßmann anders ausgehen können? Ich glaube – ja. Die Heroisierung ihres Rücktritts hat in meinen Augen etwas durchaus Zynisches. Sie lenkt von der Verantwortung und von den Möglichkeiten ab, die wir haben bzw. die im Verlauf des Geschehens die haben, die zum nächsten Umkreis des Betroffenen gehören. Das ist für mich das eigentlich Erschreckende an dieser ganzen Sache. Bei Jonatan und dem Soldaten führen die anderen die Wende zum Guten herbei. Wenn wir die Frage, wie wir, die anderen, uns zur Schuld des einen verhalten, von vornherein ausblenden –  dann begeben wir uns aller Möglichkeiten, den Vogel aus dem Netz zu befreien.

Ich will hier nicht nach Schuldigen suchen. Mir geht es eher um die Zukunft. Aber dafür ist es wichtig, sich diese Geschichte genau anzusehen. Ich glaube, das Hauptproblem war, dass Margot Käßmann ganz auf sich gestellt war. Der Rat der EKD hatte ihr zwar demonstrativ das Vertrauen ausgesprochen und ihr damit den Rücken gestärkt, aber sie dann im Entscheidenden doch allein gelassen, wahrscheinlich ohne sich dessen bewußt zu sein. Der entscheidende Satz lautete: “Wir überlassen es Margot Käßmann, welchen Weg sie einschlägt, den wir dann gemeinsam gehen werden.” Das Amt fortzusetzen wäre so ihre Entscheidung gewesen. Sie hätte damit die Rückendeckung des Rates gehabt – aber aus dem Strudel der öffentlichen Meinung wäre sie damit nicht herausgekommen. Sie hätte als die dagestanden, die an ihrem Sessel klebt, die nicht die Größe hat, die Konsequenzen für ihren Fehler zu tragen, die deshalb ihre Glaubwürdigkeit verliert. Das hätte ihr immer angehaftet. Im Grunde konnte sie, wie Jonatan, wie der Soldat, für sich selbst nichts tun. Aus diesem Netz konnte sie sich deshalb nur durch ihren Rücktritt retten, durch den Sprung in Gottes Hand – wie sie sich ausdrückte. Insofern war ihr Rücktritt eine Befreiung. Aber zu welchem Preis? Natürlich ist ihr Glaube bewundernswert und mutig. Aber hat solch ein Glaube, zu dem sie sich gezwungen sah, nicht unglaublich harte und geradezu übermenschliche Züge? Wer kann sich anmaßen, diese Haltung als vorbildhaft hinzustellen? “Das Netz ist zerrissen und wir sind frei?” Mir bleibt die Erleichterung bei dieser Lösung jedenfalls im Halse stecken. Der Verlust eines solchen Amtes, das sie mit Leib und Seele ausgefüllt hat, ist wie eine Amputation. Wo ist da das Befreiende? Wenn der Psalmbeter sagt: “Das Netz ist zerrissen und wir sind frei!”, dann ist damit eine andere Freiheit gemeint.

Es hätte auch eine andere Lösung geben können. Vielleicht hätte der Rat der EKD die Entscheidung nicht ihr selbst überlassen dürfen. Er hätte sich demonstrativ vor sie stellen müssen. “Wir überlassen es Margot Käßmann, welchen Weg sie einschlägt...” Damit hatte der Rat ihr die ganze Verantwortung aufgebürdet. Vielleicht hätte er das nicht tun dürfen. Damit blieb ihr nur der Rücktritt, wenn sie sich selbst und ihrer Geradlinigkeit treu bleiben wollte. Auch Jonatan und der Soldat konnten von sich aus nichts tun, um sich zu retten.
Vielleicht hätte der Rat ihr in dieser Situation die Verantwortung abnehmen müssen. Er hätte deutlich machen und das auch nach außen kommunizieren müssen: “Wir treten für dich ein. Wir übernehmen die Verantwortung für dein Bleiben. Nicht du bist es, die an ihrem Stuhl klebt, sondern wir lassen dich nicht gehen.” Wie hatte das Volk zu Saul gesagt: “Sollte Jonatan sterben, der dies große Heil in Israel vollbracht hat? Das sei ferne!” Damit wäre der Bann gelöst gewesen. Die Wucht der öffentlichen Meinungsmache wäre von ihr abgelenkt worden auf den Rat. Sie wäre unbeschädigt daraus hervorgegangen. “Unsere Seele ist dem Netz des Vogelstellers entronnen; das Netz ist zerrissen und wir sind frei.” Das wäre eine wirkliche und wunderbare Befreiung gewesen. Dann hätte sie frei aufatmen können.
Das wäre ein starkes Signal gewesen – dafür, dass Christen den Mut haben, die zerstörerische Eigendynamik, die ein Fehltritt auslöst, aufzuhalten. Damit hätte man die Würde des Amtes gestärkt. Die Würde des Amtes beschütze ich doch nicht dadurch, dass ich den, der es mit Leben füllt, widerstandslos den Kräften, die es zerstören wollen, anheimgebe.  
Aber tatsächlich ging alles viel zu schnell. Keiner der Beteiligten ist ja zur Besinnung gekommen –  da war schon alles vorbei. Insofern kann man auch niemandem wirklich einen Vorwurf machen.  

Ich glaube, was wir nach dieser Geschichte lernen müssen: Es ist möglich, den Vogel aus dem Netz zu befreien. Alle Verantwortung auf den abzuwälzen, der eine Schwäche gezeigt und einen Fehler gemacht hat, ist nicht nur naiv. Es ist unchristlich, weil unsolidarisch. Und es ist gefährlich, weil es den Mächten der Zerstörung in die Hände arbeitet.
Für mich ist das ein ganz entscheidender Punkt. Für den anderen eintreten, gerade dann, wenn er einen Fehler gemacht hat, ist für mich ein zentraler Punkt des christlichen Glaubens. Gerade da dürfen wir den anderen nicht allein lassen. Und wir sollen ihn nicht einfach nur begleiten; wir sollen ihn retten, den Vogel aus dem Netz befreien. Wir Menschen sind fehlbar und bleibend angewiesen auf die Fürsprache und den mutigen Einsatz der anderen.

Genau darum geht es übrigens, wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern. Wenn wir Brot und Wein teilen, dann werden, so Martin Luther, “alle geistlichen Güter Christi und seiner Heiligen dem mitgeteilt und zu Miteigentum gegeben, der dieses Sakrament empfängt. Umgekehrt werden auch alle Leiden und Sünden allen gemeinsam, und so wird Liebe gegen Liebe entzündet und vereinigt”.

Ich glaube, das ist es, was wir aus diesem sinnlosen Geschehen lernen müssen: Wir müssen es üben, uns für den einzusetzen, für den in die Bresche zu treten, der einen Fehler gemacht hat und der deshalb auf die Fürsprache der anderen angewiesen ist. Nur so kann der Vogel aus dem Netz freikommen.